Altöttinger Liebfrauenbote

Deutschlands schönste Landschafts-Bilderbibel steht in Koblenz

Gottes Botschaft in der Natur

Jüdische Hohepriester, Adam und Eva mit ihrem Sohn Kain, Maria und Josef, Apostel wie Judas, Jakobus oder Johannes und die Eltern der Gottesmutter – alles "Personal" aus der Bibel. Im Koblenzer Vorort Arenberg bereichern sie einen Landschaftspark. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ihn Johann Baptist Kraus geschaffen. Ein katholische Pfarrer, der den Menschen damals mitten in der Natur die Botschaft Gottes näher zu bringen suchte. Mehr als ein halbes Hundert kleiner Kapellen, Grotten, Bildstöcke, Marien- und Heiligenfiguren zeugen so bis heute vom Glaubenseifer eines Geistlichen, der in Kaiserin Augusta, der Gattin des Preußen-Herrschers Wilhelm I., eine große Förderin seiner Mission gefunden hatte.

Franziskus predigt den Tieren und seinen Brüdern.
Franziskus predigt den Tieren und seinen Brüdern.

Rund zwanzig Minuten braucht der Stadtbus vom Koblenzer Hauptbahnhof ins rechtsrheinische Arenberg. Zur Wallfahrtskirche Sankt Nikolaus, wo der Weg durch den Landschaftsgarten startet. Viel Grün erwartet den Besucher, haushohe Bäume und dichte Büsche. Hin und wieder ragt eine Blume aus dem Gras, grüßt die Natur auf ihre Art. Vögel zwitschern, vor allem im Sommer geht ihr Gesang ins Ohr, übertönt den Motorenlärm der Straße, die den Landschaftspark durchschneidet. Es sind meist nur ein paar Einzelgänger, die sich an Werktagen hier einfinden; Gäste des benachbarten Dominikanerklosters oder Menschen, die ein bisschen Stille suchen. In letzter Zeit kommen aber auch immer mehr Wanderer, führt doch der neu angelegte Rheinsteig – ein Fernwanderweg von Wiesbaden nach Bonn – durch die sogenannte Landschafts-Bilderbibel.

Freundlich grüßt der Mann mit dem Werkzeugkasten den Besucher. Rainer Weber ist der gute Geist im Park, repariert mal einen Zaun, mal ein Fenster. Ein Förderkreis hält die seit 1987 unter Denkmalschutz stehende Anlage in Schuss. An vielen der Statuen und Denkmäler hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen, ist die Farbe abgeblättert, haben Rabauken den Figuren Hände oder Füße abgeschlagen. In mancher Grotte hat sich Feuchtigkeit eingenistet, brökelt der Putz. Nach mehr als eineinhalb Jahrhunderten sind die Zeichen der Vergänglichkeit nicht zu übersehen.

Ein roter Pfeil führt den Besucher durch die Anlage zwischen Arenberg, das erst seit 1970 zu Koblenz gehört, und dem Nachbarort Immendorf. 1834 wurde Johann Baptist Kraus hier Pfarrer. Ein gutes Jahrzehnt später begann er mit seinem Lebenswerk, der Gestaltung des Bibelparks. Große Kunst sollte das von ihm konzipierte Sammelsurium kleiner Kapellen und Denkmäler nicht sein, eher ein Bollwerk gegen den Liberalismus und zunehmende Kirchenfeindlichkeit, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts überall breit gemacht hatte. Viele Hundert Pfarrer brachte der Kulturkampf damals ins Gefängnis, die sich mit ihren Äußerungen gegen die wachsende staatliche Bevormundung im protestantisch geprägten preußischen Reich mißliebig machten.

Christlich geprägte Wohlfühl-Oase

Christus am Ölberg.
Christus am Ölberg.

Pfarrer Kraus (1805-1893) wollte eine christlich geprägte Wohlfühl-Oase einrichten. Einen Ort der Besinnung mitten in der Natur, aber auch einen Platz zur Belehrung, der den Gläubigen im Zeitalter wachsender Industrialisierung Gottes Botschaft buchstäblich vor Augen führen sollte. 1845 legte er einen Park mit acht Kapellen an, in denen lebensgroße Statuen bis heute vom Leiden Jesu erzählen. In einer Grotte finden sich drei schlafende Jünger. "Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet", mahnt eine Schrift im Stein. In der benachbarten "Todesangstgrotte" trifft man Christus betend am Ölberg. Die Statue stiftete die spätere Kaiserin Augusta, damals eine der größten Fürsprecherinnen des Projektes. Auch zur Gestaltung der Gartenanlagen trug sie bei, indem sie den einen oder anderen Baum nach Arenberg schaffen ließ. So sind dort heute ein haushoher Mammutbaum, spanische Fichten und andere Exoten zu finden, die der königlich-preußische Generalgartendirektor Peter Joseph Lenné auf Geheiß der Kaiserin pflanzen ließ. Augusta war es auch, die Europas Hochadel nach Arenberg schleppte. Unter anderem den russischen Zaren Alexander II. und Österreichs Kaiser Franz-Josef, die damals im benachbarten Bad-Ems zur Kur weilten.

Ein Mariengarten zum Dank

Eingang zum Mariengarten.
Eingang zum Mariengarten.

Figurengruppen wie der Verrat des Judas, Jesus vor den Richtern oder im weißen Kleid von Herodes verspottet, führen über eine kleine Birken-Allee zum Tempel mit dem gegeißelten Heiland, einem der schönsten Denkmäler in Arenberg. Ein Torbogen öffnet schließlich den Weg zum sogenannten Mariengarten. Er zeigt unter anderem, wie die Eltern Marias ihre Tochter dem Hohepriester Zacharias anvertrauen und wie sich Maria mit Josef vermählt. "Eine wilde Ehe zwischen Josef und der Gottesmutter", sagt Rainer Weber, "gibt es bei uns nicht". Lebensgroß steht der Zimmermann in seiner Werkstatt, daneben verkündet der Erzengel Maria die Botschaft von der Menschwerdung Christi. Mehr als ein Dutzend Bildstöcke, viele davon inzwischen sorgfältig restauriert, zeigen die Geheimnisse des freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Rosenkranzes. Sieben weitere Stationen beschreiben schließlich den Leidensweg der Gottesmutter – von der Flucht nach Ägypten bis zur Grablegung Jesu. Der 1867 angelegte Mariengarten war der Dank des Pfarrers Kraus an die von ihm 1864 nach Arenberg geholten Dominikanerinnen. Mit ihrer Arbeit tragen sie bis heute entscheidend zum Wohl des Wallfahrtsortes bei.

Fast parallel zum Mariengarten entstand damals auch ein neuer Kreuzweg aus mit Schlacke und Muscheln verzierten, tonnenschweren Sandsteinstelen. Sie ließ sich Pfarrer Kraus mit dem Schiff nach Ehrenbreitstein bringen. Von dort, so erzählt man sich noch heute gern im Bibelpark, schafften sie junge Burschen dann mit Hilfe von Ochsenkarren nach Arenberg – ganz so, wie es ihnen der Pfarrer im Beichtgespräch als Buße auferlegt haben soll.

Ein gelber Wegpfeil führt den Besucher zurück zur  Wallfahrtskirche, vorbei am sogenannten Antoniusgarten. 1884 schuf man hier – wie auch an vielen anderen Marienorten – in Anlehnung an das Wunder von Lourdes, wo 1858 der Müllerstochter Bernadette die Muttergottes erschienen war, eine Nachbildung der Grotte. Ganz oben thront die Gottesmutter im weißblauen Mantel. Ein paar Schritte weiter predigt der heilige Franziskus Hühnern, Hunden und Hasen. Und am Teich in der Mitte hält der hl. Antonius von Padua mit den Fischen Zwiesprache.

Erlösergarten als Herzstück

Adam vor Bäumen der Erkenntnis und des Lebens.
Adam vor Bäumen der Erkenntnis und des Lebens.

Krönung des Rundgangs ist für die meisten Besucher der Erlösergarten, das in den Jahren 1850-1852 entstandene Herzstück der Anlage. In ihrem Mittelpunkt steht die auch als Gnadenkapelle bekannte Erlöser-Kapelle. Sie beherbergt eine barocke Pieta, das älteste Kunstwerk im Park. Beachtung verdient die Fensterfront der Kapelle mit zwei Bäumen auf der Fassade. Sie zeigen den "Baum des Lebens", den Engelsköpfe zieren – und den "Baum der Erkenntnis", der kleine Totenköpfe trägt. Nach biblischer Tradition standen die beiden Bäume einst mitten im Paradies. Als Adam und Eva schließlich trotz Gottes Verbot vom Baum der Erkennnis naschten, kam nach theologischem Verständnis die Erbsünde in die Welt, wurden die beiden aus dem Paradies gejagt. Kein Wunder, dass die beiden ersten Menschen mit ihrem Sohn Kain jetzt vor der Kapelle sitzen. Maria aber, die als erste und einzige Frau ohne Erbsünde auf die Welt kam, thront auf dem Dachfirst der Kapelle auf einer Mondsichel – zu ihren Füßen ein siebenköpfiger Drache, der ihr, wie in der Offenbarung des Johannes verheißen, nach dem Leben trachtet.

Ein paar Schritte weiter findet sich eine Kapelle mit dem todkranken Josef, an seinem Sterbebett Maria und der segnende Christus. "Jesus Maria Joseph steht mir bei in letzter Stunde", mahnt eine Inschrift. Besonders eindrucksvoll ist die mit grünen und blauen Schlacken verkleidete Herz-Jesu-Grotte, deren Lichtspiel fasziniert. Im Inneren nämlich mischen sich die fahlblauen Töne eines Außenfensters mit dem tiefroten Licht des Chorraumes, das die Herzensgüte des Heilands symbolisieren soll. Bei sonnigem Wetter der Höhepunkt des Rundgangs!

"Wer Kunst sehen will, muss ins Museum. Hier sollen die Leute beten!"

Christusfigur.
Christusfigur.

Der christlichen Mission des Pfarrers Kraus diente auch die 1860 erbaute Wallfahrtskirche Sankt Nikolaus. Fast ein halbes Hundert verschiedenster Materialen kamen bei ihrem Bau zum Einsatz: Quarz und Hochofenschlacke, Lavagestein in allen Schattierungen, Perlmutt und Muscheln aus allen Weltmeeren wie etwa im Weihwasserkessel. Prunkstück ist die Taufkapelle, die auf den Fundamenten einer Kirche aus dem 15. Jahrhundert steht. Das Fenster der Rückwand, das einzig alte in der Kirche, zeigt die Geburt Jesu. Darunter steht eine mit Murmeln verzierte Weihnachtskrippe, in die früher die Täuflinge gelegt wurden.

"Wer Kunst sehen will", soll Pfarrer Kraus den Kritikern seiner Projekte immer wieder gesagt haben, "muss ins Museum. Hier sollen die Leute beten!". Mit seinem Tod anno 1893 war der Ausbau des Wallfahrtsortes Arenberg abgeschlossen, der zeitweise bis zu 100.000 Pilger jährlich zählte. Nach dem Krieg freilich geriet die Landschafts-Bilderbibel in Vergessenheit, verwilderte die Anlage mehr und mehr.  Inzwischen aber kommen wieder mehr Besucher – heute freilich oft nicht mehr nur aus religiösem Interesse, sondern aus Neugier.

Text und Fotos: Günter Schenk

Information: Die Landschafts-Bilderbibel ist von Karfreitag bis Allerheiligen öffentlich zugänglich. Zur Wallfahrtsstätte nach Arenberg verkehren aus der Koblenzer Innenstadt regelmäßig Busse. Führungen  durch das Gelände offeriert der Förderverein. Auskunft: Rainer Weber, Falkenweg 15, 56077 Koblenz, Tel. 0261 68937.