Altöttinger Liebfrauenbote

Seit Mai gibt es ein Anliegenbuch bei der Gnadenkapelle – Viele Gläubige haben darin schon die Fürsprache Mariens erbeten

Post für die Mutter Gottes

Eine goldene Fünf prangt auf dem dunkelblauen Buchrücken. Bereits das fünfte Anliegenbuch liegt seit Mai an der Nordseite der Gnadenkapelle. 2.000 Seiten haben Gläubige mit ihren Bitten beschrieben. An manch gut besuchtem Nachmittag bilden sich kleine Schlangen an dieser breiteren Stelle des Umgangs.

Diakon Thomas Zauner präsentiert das Anliegenbuch der Gnadenkapelle, das in deren Umgang beim "Stockerkreuz" ausgelegt ist.
Diakon Thomas Zauner präsentiert das Anliegenbuch der Gnadenkapelle, das in deren Umgang beim "Stockerkreuz" ausgelegt ist.

Diakon Thomas Zauner sowie Stadtpfarrer und Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl hatten im Frühjahr die Idee, ein Anliegenbuch bei der Heiligen Kapelle zu platzieren. "Ich war eigentlich überrascht, dass es dort noch keines gegeben hat", sagt Diakon Zauner. Zuvor konnten Gläubige in der Stiftskirche und der Anbetungskapelle ihre Wünsche an die Gottesmutter richten. Jedoch erstrecken sich viel weniger Zeilen in diesen Büchern. Bei der Gnadenkapelle waren nach zwei Wochen alle 500 Seiten des letzten Exemplars vollgeschrieben. Für Thomas Zauner ist dafür der Feiertag Maria Himmelfahrt verantwortlich. Doch auch sonst füllen vier Tage schnell ein Drittel der Blätter.

"Viele Menschen haben das Bedürfnis, etwas dazulassen – gerade an dieser Stelle bei dem Stockerkreuz", vermutet Diakon Zauner. Das Holzkreuz steht für die Rettung des Franz Stocker durch die Muttergottes. An diesem Ort, etwas geschützt abseits des Rundgangs um die Kapelle, hatten Gläubige zuvor schon Zettelchen mit ihren Bitten hinterlassen. Jetzt finden sie für ihre Sorgen und Hoffnungen ein offenes Buch. Tag und Nacht liegt es dort, an einem dünnen Kettchen befestigt. Auch in ruhigen Abendstunden können Menschen hier Trost suchen.

Eine ältere Frau bleibt in der Nische hinter dem Stockerkreuz stehen, beugt sich über das dicke Buch und blättert versonnen darin herum. Sie beginnt zu schreiben, bedächtig und sorgfältig. Immer wieder blickt sie auf andere Einträge zurück – als suche sie einen Anhaltspunkt für ihre Worte. Die blau beschriebenen Seiten scheinen ihr zu sagen: Du bist nicht allein mit deinem Bangen und deiner Not. Zwar stehen nicht unter allen Einträgen Namen, teilweise nur Vornamen, doch lassen sie wissen: Auch andere Menschen empfinden wie du.

An allen Wallfahrtsorten und in manchen Kirchen finden sich seit mehreren Jahrzehnten solche Bücher. Diakon Zauner findet das wichtig: "Manche Leute können mit einem Seelsorger reden, andere können das nicht und schreiben ihre Bitten lieber auf." Auch Dank für bereits empfangene Hilfe und erfüllte Sehnsüchte finden sich auf den quadratischen Seiten des blauen Büchleins. Die Sprachen reichen dabei so weit, wie die Wallfahrt. Ob Griechisch, Arabisch oder Russisch: Die Mutter Gottes versteht sie alle.

"Interessanterweise betreffen die meisten Anliegen den Frieden in der Familie"

Anliegenbuch und "Stockerkreuz".
Anliegenbuch und "Stockerkreuz".

Genauso wie die Wallfahrt ist der Weg über das Buch "recht niedrigschwellig", findet Zauner. "Es schreiben auch Leute rein, die nicht so kirchennah und gar nicht großartig gläubig sind, viele kennen das gar nicht, eine hl. Messe aufschreiben zu lassen, aber so ein Buch sagt ihnen etwas. Das ist ihre Form von Annäherung." Sie wenden sich an die Gottesmutter Maria, als Fürsprecherin bei Gott. "Die Leute brauchen etwas Bildhaftes", erklärt der Diakon diesen Weg. "Es passiert etwas ganz Komplexes bei so einer Bitte: Man spricht aus, wofür man konkret Hilfe braucht und das andere, die Hilfe, die kommt dann von oben." Durch das Aufschreiben manifestiere sich der Glaube daran, dass der Herrgott helfen werde.

Wenn ein Buch voll ist, legt es Zauner oder der Mesner noch für eine Weile in die Gnadenkapelle. Dort wird jeden Abend im Rosenkranz zu Beginn für alle Anliegen gebetet, die an diesem Tag in das Buch geschrieben wurden. Sobald Zauner ein altes Buch schließlich in einem Raum der Schatzkammer verwahrt, nimmt er sich oft Zeit, um darin zu lesen. "Interessanterweise betreffen die meisten Anliegen den Frieden in der Familie."

Auf ein paar Seiten prangen Kugelschreiber-Herzen, die Schrift schlägt krakelige Haken. Auch Kinder vertrauen sich der Heiligen Maria als Fürsprecherin bei Gott an. Bitten um gute Noten und ein glückliches Familienleben. Doch es finden sich auch sehr individuelle Hilfsgesuche.

Als der Diakon beim Durchstöbern auf einen unkonventionellen Text stößt, prustet er kurz und schlägt sich die Hand vor den Mund. "Liebe Mutter Gottes", heißt es da, "mach, dass ich keinen Ärger mit den Nachbarn bekomme, wenn ich meinen Hans heirate. Und bitte hilf mir, dass ich eine gute Rente von ihm bekomme, wenn er stirbt." Das sei der Frau zu diesem Zeitpunkt wohl besonders wichtig gewesen, kommentiert Zauner knapp. Die Menschen kämen eben mit vielerlei Anliegen zur Gottesmutter.

Text: Astrid Ehrenhauser, Foto: Astrid Ehrenhauser (o.), Roswitha Dorfner (u.)

Diakon Thomas Zauner ist seit Anfang des Jahres Wallfahrtsseelsorger in Altötting. Für die Pfarrei Altötting arbeitet der 46-Jährige seit September 2014 als Seelsorger. Zuvor war er dort zehn Jahre nebenberuflich tätig. Der verheiratete Vater zweier Söhne kam 1999 als Vorstand der Stiftung Seraphisches Liebeswerk nach Altötting. Er hatte Betriebswirtschaftslehre studiert und beim SLW in einer seiner Ausbildung entsprechenden Funktion gearbeitet. Mit 30 Jahren entschloss sich der gebürtige Pfarrkirchener zu einem berufsbegleitenden Theologiestudium in Passau. 2004 wurde er zum Diakon geweiht. Für einen kirchlichen Beruf entschied sich Zauner, "weil ich gemerkt habe, dass BWL alleine nicht alles ist. Mein Interesse hat sich verschoben. Es hat mich in diese Richtung gezogen."