Altöttinger Liebfrauenbote
Pilger unter dem Schutz einer Marienstatue am Moro Pass.
Pilger unter dem Schutz einer Marienstatue am Moro Pass.

EU fördert einen in Vergessenheit geratenen Pilgerweg

Über die Alpen zum "Neuen Jerusalem"

Auf den Jakobsweg, die bekannteste aller Pilgerrouten, begeben sich mittlerweile Hunderttausende. Doch es gibt auch Alternativen. Gefördert von der EU, erlebt ein in Vergessenheit geratener Pilgerweg über die Alpen ein Comeback. Er führt über 220 Kilometer vom Thunersee übers Wallis ins Piemont nach Varallo, dem "Neuen Jerusalem", das 2003 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.

Pilgergemeinschaft: Aufstieg im Saaser Tal.
Pilgergemeinschaft: Aufstieg im Saaser Tal.

Stellen wir uns einen Walliser Bauern im Spätmittelalter vor. Der Kampf ums Überleben ist hart. Die Bibel kennt er nur vom Hörensagen. Lesen und schreiben kann nur der Pfarrer, der den Bewohnern täglich aus der Bibel vorliest und von Jesus erzählt. Aber einmal im Leben, jeweils an Maria Himmelfahrt im August, gibt es für das einfache Volk die Möglichkeit aus seiner kleinen Welt auszubrechen und das "Neue Jerusalem" auf dem Sacro Monte in Varallo zu sehen. Der Lohn der beschwerlichen und gefährlichen Reise durch die Alpen ist ein biblisches Spektakel, das – neben dem Ablass der Sünden – dem Pilger dort vor Augen geführt wird und das er sein ganzes Leben nie vergessen wird.

Die Zeiten haben sich geändert. Ablass und Buße stehen bei Pilgern heute nicht mehr im Vordergrund. Jeder hat ein anderes Motiv, den Pilgerweg, der vom Jakobsweg bei Spiez abzweigt und übers Wallis nach Varallo führt, anzutreten. "Das Pilgern lässt einen den Körper auf eine neue Weise spüren und befreit den Geist", sagt Peter Salzmann, der die Reise organisiert hat. So wie die alten Propheten, die sich fastend in die Wüste zurückzogen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, suchen die modernen Pilger nach Impulsen für ihr Seelenleben. Da sind der Software-Entwickler, der Abstand vom Alltag sucht, der Telekom-Ingenieur und ehemalige Schweizer Gardist beim Papst, der seine Pilgerreise dem verstorbenen Vater widmet, und die Frau, die mitwandert, in der Hoffnung, über einen Schicksalsschlag hinwegzukommen. Einige haben bereits Pilgererfahrungen auf dem Jakobsweg gesammelt. Allen ist gemeinsam: Man wandert gerne, mag die Gemeinschaft und schätzt die Geborgenheit in einer Gruppe unterwegs zu sein und eine Möglichkeit zu haben, das Erlebte mit jemandem zu teilen. Und inzwischen ist mir klar: Pilgern heißt auch: in einer Gruppe gehend meditieren. Nicht erstaunlich also, dass Wanderer deshalb auch schon mal als "alpine Buddhisten" bezeichnet werden.

Insgesamt 10.000 Höhenmeter

Aufstieg zum Moro Pass.
Aufstieg zum Moro Pass.

Ausgerechnet im Bernbiet, dem Kanton mit dem geringsten Anteil an Katholiken in der Schweiz, starten die elf Pilger, einer davon ist ein Berner Protestant. Die Religion ist allgegenwärtig auf der Reise. Im Simmental ist es der heilige Christophorus, Schutzpatron der Pilger, dessen vorreformatorische Bildnisse in den letzten Jahren freigelegt wurden. Im Wallis sind es die Kapellenwege zwischen Saas-Grund und Saas-Fee, die uns vor Augen führen, welche Kraft religiöse Kunst entfalten kann.

Die Pilgerreise, auf der im Wallis mit dem Meid-, dem Augustbord- und dem Moro-Pass, der nach Italien führt, drei Pässe zwischen 2.600 und 2.900 Metern überschritten werden, ist eine körperliche und geistige Herausforderung. Insgesamt sind auf der Strecke 10.000 Höhenmeter zu überwinden. Eine gewisse Leidensbereitschaft ist deshalb Voraussetzung für die Tour. Keiner der Teilnehmer ließ sich davon abschrecken. Die Selbsterfahrung steht im Vordergrund. Und auf dem Weg laden zahlreiche Kapellen zur Rast und auch zur Besinnung ein.

Unterwegs ist man nie alleine

Der Rosenkranzring ist Kennzeichen der Pilger.
Der Rosenkranzring ist Kennzeichen der Pilger.

Unterwegs ist man nie alleine: Man wandert gemeinsam und man leidet gemeinsam. "Und wenn ich mal nicht mehr mag, dann bete ich zum heiligen Christophorus, er möge mir helfen, den Rucksack zu tragen", sagt Raphaela Lötscher-Seiler aus Brig-Glis, die die Last auf dem Rücken bald nicht mehr als solche empfindet. Ausgerechnet sie, die sportlichste und fitteste von allen. Die gläubige Katholikin hat auch eine Ansprechperson, wenn sie etwas verliert. Der heilige Antonius, Schutzheiliger der Fundsachen, lässt schon bald die verlorene Uhr wieder auftauchen. Irgendwann wird mir klar: Man muss nicht katholisch sein, um zu pilgern, aber manchmal hilft es, wenn man einen Heiligen auf seiner Seite weiß.

Die Menschen, denen wir auf dem Weg begegnen, zollen uns für unsere Wanderleistung Respekt. Jeder weiß: Die Kirche ist im Wallis, wo 94 Prozent der Einwohner katholisch sind, eine soziale Kraft. Alle sind getauft, niemand könnte sich ein Begräbnis ohne den Segen des Pfarrers vorstellen. Die Bibel ist hier im Wallis als Pfeiler der Kultur spürbar. Der Pilgerweg spannt Brücken: Deshalb ist er heute Teil des EU-Projektes Interreg, das den grenzüberschreitenden Dialog in Europa fördert.

Sorgen und Nöte geteilt

Eindrücklich sind die Kapellen, die die Jesusgeschichte auferstehen lassen.
Eindrücklich sind die Kapellen, die die Jesusgeschichte auferstehen lassen.

Nachdem wir den Moro-Pass überwunden und Italien erreicht haben, kommt nach zwei Tagen Varallo in Sicht. Wir sind alle fitter als zuvor. Zwischen Start und Ziel der Reise liegen inzwischen auch einige Kilos an Gewicht. Über 514 letzte Stufen, die ins Paradies zu führen scheinen, kommen wir auf den Gipfel des Sacro Monte, wo wir uns in der Casa Del Pellegrino einrichten. Eindrücklich sind die Kapellen, die die Jesusgeschichte auferstehen lassen – eine Art Madame Tussauds aus der Vergangenheit. Dann widmen wir uns Speis und Trank, bevor es am nächsten Tag als Abschluss der Pilgerreise in die hl. Messe geht.

Nach zehn Tagen geht man wieder auseinander – nicht ohne Tränen. Die gemeinsame Reise hat uns zusammengeschweißt, wir sind uns näher gekommen. In den letzten zehn Tagen haben wir zuweilen auch unsere Sorgen und Nöte geteilt. Auch im 21. Jahrhundert hat der Sacro Monte nichts von seiner Bildkraft verloren. Jedenfalls kehrt keiner von uns als Buddhist zurück in den Alltag.

Text und Fotos: Philippe Welti (storymacher)

Für die Wanderung von Spiez nach Varallo benötigt man 10 bis 14 Tage. Dank dem Reiseführer, "Pilgerweg 'Neues Jerusalem'" (Rotten Verlag, Visp), der mit detaillierten Beschreibungen, Streckenprofilen und nützlichen Tipps ausgestattet ist, lässt sich die Wanderung auch in einzelnen Etappen durchführen. Alles, was es dazu braucht, sind eine gute Kondition und eine gewisse Leidensbereitschaft. Peter Salzmann (47), diplomierter Walliser Wanderleiter, führt die Pilgerwanderung jedes Jahr durch. Mehr dazu im Internet auf www.alpevents.ch.

"Reality-TV" des Mittelalters

Darstellung der Heilung Gelähmter in Varallo.
Darstellung der Heilung Gelähmter in Varallo.

Im Mittelalter erlebte das Pilgerwesen in Europa seinen Höhepunkt. Das große Pilgerziel neben Santiago de Compostela und Rom war damals Jerusalem. Das Problem: Mit der Blockierung des Balkans durch die Osmanen war auch für die Pilger der Weg ins Heilige Land mühsam und gefährlich geworden. Die Vergebung ihrer Sünden durch eine Pilgerfahrt rückte für die meisten Menschen in weite Ferne. Dies brachte den Mailänder Franziskanermönch Bernardo Caini auf die Idee, eine Pilgerstätte zu erbauen, die ohne Gefahr für Leib und Leben erreichbar war. In einer Zeit, in der die Korruption grassierte und das mit Ablasshandel und Aberglaube verbundene Pilgerwesen zunehmend kritisiert wurde, begann im Jahr 1491 Bernardo Caini das Werk auf dem Sacro Monte über Varallo im Piemont, das an die Höhepunkte des irdischen Lebens Jesu erinnern sollte. Entstanden ist ein Monumentalkomplex mit 43 Kapellen, in denen das Leben und Sterben Christi mit über 600 lebensgroßen Statuen dargestellt wurde - ein Reality-TV des Mittelalters, dessen Besuch ein einmaliges Ereignis war. Später erfüllte der Sacro Monte einen weiteren Zweck: Er diente als Bollwerk gegen die von Norden her drohende Reformation und war für die einfache Bevölkerung ein erreichbares Pilgerziel. Als im Jahr 1578 der Mailänder Erzbischof Karl Borromäus den Sacro Monte besuchte, war er so begeistert, dass er den Ort "Nova Jerusalem" taufte. Der neue Pilgerort, der 2003 ins UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, war geboren.

Text und Foto: Philippe Welti (storymacher)

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Der Rawil-Pass beim Übergang in den Kanton Wallis bietet einen herrlichen Blick auf den Lac Tseuziers.
Der Rawil-Pass beim Übergang in den Kanton Wallis bietet einen herrlichen Blick auf den Lac Tseuziers.
Weinberge bei Siders.
Weinberge bei Siders.
Erschöpfte Pilger rasten in der Rundkirche Saas Balen.
Erschöpfte Pilger rasten in der Rundkirche Saas Balen.