Altöttinger Liebfrauenbote

Impuls zum 27. Sonntag im Jahreskreis B

Heiliger für unsere Zeit

Am 4. Oktober ist der Tag des heiligen Franz von Assisi. Viele Gestalten hat dieser Heilige. Im "Impuls" der aktuellen "Boten"-Ausgabe blickt Kapuzinerpater Br. Bernd Kober aus Salzburg auf den Heiligen – und auf Fragen unserer Zeit, die sich mit einem Blick auf Franziskus vielleicht beantworten lassen.

Die Sonnenuhr an der St. Konradkirche in Altötting zeigt den hl. Franziskus, wie er den Tieren predigt.
Die Sonnenuhr an der St. Konradkirche in Altötting zeigt den hl. Franziskus, wie er den Tieren predigt.

Je nach dem, wer vom heiligen Franz von Assisi spricht und von welcher Warte aus man ihn betrachtet, erscheint er als der Freund der Tiere und der Schöpfung, als allgemeiner Friedensstifter oder auch als einer, der friedlich mit dem muslimischen Sultan Kontakt sucht; er kann gesehen werden als Mystiker oder Sozial-Revolutionär, als Kirchenkritiker oder auch als gehorsamer Sohn der selben Römischen Kirche. Viele Schattierungen hat diese Gestalt. Und jeder Betrachter spiegelt sich auch selbst in dem Bild, das er von Franziskus entwirft. Versuchen wir, liebe Leserinnen und Leser, eine Betrachtung vom Evangelientext des heutigen Sonntags (Mk 10, 2-16) aus.

Einige Schriften hat uns Franziskus hinterlassen. Darunter eine Reihe von 28 längeren und kürzeren Ermahnungen. Sie bilden keine zufällige und lose Aneinanderreihung von Ratschlägen. Mit ihnen will uns Franziskus vielmehr an die Hand nehmen auf unserem Weg, lebendige, gottvertrauende Menschen zu werden. Unser innerer Mensch soll aufblühen und sich entfalten – und so schaut Franziskus auf den sensiblen, innersten Kern – auf den Ort unseres tiefsten Verlangens und unserer Willenskraft: auf unser Herz.

Franziskus schaut auf unser Herz

Darstellung des hl. Franziskus im Papstzimmer des St. Konradklosters.
Darstellung des hl. Franziskus im Papstzimmer des St. Konradklosters.

"Darum, ihr Menschenkinder, wie lange noch wollt ihr harten Herzens bleiben?", so fragt er in der ersten der Ermahnungen – und in der letzten 28. Ermahnung sieht er den gewandelten Menschen vor sich, "der die Geheimnisse des Herrn in seinem Herzen bewahrt". Das einsam verschlossene Herz stellt er dem Herzen gegenüber, das sich geöffnet hat, das empfänglich geworden ist und gastfreundlich für "die Geheimnisse des Herrn", für den Herrn selbst. Das harte Herz sondert sich ab – das geöffnete Herz lebt in Beziehung, in Freundschaft mit Christus. Hier lebendiger Austausch zwischen Ich und Du – dort einsame Verhärtung.

Wenn wir auf Franziskus blicken, dann hat er selbst eine solche Verwandlung in seinem Leben durchgemacht und immer neu zugelassen: in der Begegnung mit dem armen Aussätzigen, im innigen Gebet vor dem Kreuz, im Kontakt mit den Brüdern, in der Auseinandersetzung mit dem Papst und der Kirche. Im Staunen und in der Begegnung mit der Schöpfung hat er immer wieder sein Herz geöffnet und "empfangen". In allen Erfahrungen war er sensibel und wachsam – und stets hat er damit gerechnet: Durch alles und jedes kann mich Gott berühren, ansprechen, rufen und senden. Einen Menschen sehen wir hier vor uns mit einem Höchstmaß an Flexibilität und Beweglichkeit: er wusste, dass Nachfolge Christi kein inneres und äußeres Stehenbleiben erlaubt.

Von der Hartherzigkeit spricht auch das heutige Evangelium. Die Pharisäer nähern sich Jesus mit einer juristischen Frage. "Was ist erlaubt?" ... Und diese Rechtsfrage betrifft eine der tiefsten, wertvollsten und innigsten Wirklichkeiten im Zusammenleben der Menschen: die Ehe, die Verbindung von Mann und Frau, in deren liebendem Miteinander etwas aufstrahlt von der liebevollen Zuwendung des Schöpfers selbst. Im Katholischen sagen wir: die Ehe ist Sakrament, irdisch-erfahrbares Zeichen des lebendigen Gottes.

Wie steht es mit der Ehe – wie steht es auch mit ihrem möglichen Scheitern?

Kapuzinerpater Br. Bernd Kober, Salzburg.
Kapuzinerpater Br. Bernd Kober, Salzburg.

Die Frage, die die Pharisäer stellen, klingt modern. Sie trifft einen aktuellen und zugleich wunden Punkt unserer Zeit und unseres kirchlichen Fragens: Wie steht es mit der Ehe – wie steht es auch mit ihrem möglichen Scheitern? Das Evangelium nimmt uns mit in diesen wenigen Versen aus der Welt des Gesetzes und der Rechtsprechung in eine ganz andere Welt. Von "Rechts wegen" sollten die Kinder ferngehalten werden von Jesus. Das Kind in der antiken Welt hatte keineswegs eine Rechtsstellung, die mit der heutigen auch nur ansatzweise vergleichbar wäre.

Jesus steht da mit offenen Armen: er geht über das Recht hin zur Beziehung. Das Reich Gottes lebt von diesen offenen Armen Jesu. Was die Rechtsprechung überfordert, zieht er an sein offenes, für alle menschliche Schwäche und Not empfängliches Herz. Das ist Geschenk für einen jeden von uns – ohne Ausnahme. Wir alle haben das zutiefst nötig, egal in welcher Lebensform, in welcher Krise, in welchem Scheitern, in welcher Schwäche wir selbst auch stehen.

Franziskus hat sich bis zum Empfang der Wundmale von Jesu offenem Herzen prägen lassen. Schauen wir mit ihm auf Christus. Lassen wir uns von ihm beschenken und von seiner Liebe prägen. Nur von ihm her finden wir dann auch Antworten auf die Fragen, die die gegenwärtige Zeit an uns als Christen richtet.

Text: Br. Bernd Kober, Fotos: Roswitha Dorfner 2, privat 1