Altöttinger Liebfrauenbote

Die ergreifende Geschichte des Franz Stocker – Ein Gelübde zur Altöttinger Gnadenmutter rettete sein Leben

"Mein Gott, sie werden mich doch nicht lebendig begraben"

Unübersehbar lehnt es seit jeher im nördlichen Umgang der Altöttinger Gnadenkapelle: das "Stockerkreuz". Das Leben seines Namengebers aus Prien liest sich spannender als ein Roman. Doch trotz zahlreicher Tiefschläge hatte Franz Stocker eine Quelle der Kraft, bei der er zeitlebens Zuflucht suchte: eine tiefe Gläubigkeit.

Im nördlichen Umgang der Gnadenkapelle lehnt das riesige "Stockerkreuz" in der Nähe des Anliegenbuches.
Im nördlichen Umgang der Gnadenkapelle lehnt das riesige "Stockerkreuz" in der Nähe des Anliegenbuches.

Das schwere Eichenkreuz fällt sofort auf: Es ist mannshoch, wiegt über einen Zentner und trägt die Aufschrift: "Franz Stocker, Prien, 30. Mai 1887". An diesem Tag trug es der damals 25-jährige Stocker zu Fuß von seiner Geburtsstadt Prien am Chiemsee in den Wallfahrtsort, um ein Gelübde einzulösen, das er in höchster Todesgefahr abgelegt hatte.

Franz Stocker hatte zu dieser Zeit bereits ein bewegtes Leben hinter sich, das ihm mehr als einmal ein schweres Kreuz auferlegt hatte: Er wurde am 13. April 1862 als Sohn eines Zimmerermeisters geboren. Als er sieben Jahre alt war, starb seine Mutter, zwei Jahre später auch sein Vater, der zwischenzeitlich wieder geheiratet hatte. Die Stiefmutter schickte den Buben und seine Geschwister kurzerhand völlig herzlos aus dem Haus.

"Da half kein Bitten und kein Weinen. Ich und mein jüngerer Bruder kamen zu des Vaters Bruder nach Urschalling. Bei dem hat es mir zunächst recht gut geraten", berichtet Franz Stocker in seinen Lebenserinnerungen über diese Zeit. Doch die Ehefrau des Onkels mochte ihn nicht leiden, schließlich hatte sie selbst vier Kinder, die versorgt sein wollten. Der Bub wurde zu seiner Stiefmutter zurückgeschickt, die ihn mit einer schallenden Ohrfeige wieder davonjagte. So begann eine Zeit der rastlosen Wanderschaft für den kleinen Franzl.

Wanderjahre

Die Altöttinger Gnadenkapelle von Nordosten gesehen.
Die Altöttinger Gnadenkapelle von Nordosten gesehen.

Er kann keine Schule mehr besuchen, eine Heimat hat er ebenfalls nicht mehr. Statt dessen verdingt er sich als Bauernknecht, Bauhilfsarbeiter oder Köhlergehilfe, um wenigstens sein täglich Brot zu erhalten. Franz packt mit an, wo er eine Arbeit sieht, und erobert sich regelmäßig aufgrund seines Fleißes einen Platz in den Herzen seiner Dienstherren. Fast ebenso häufig zieht er sich aber auch den Neid von Familienangehörigen zu, die den eifrigen Fremdling als unliebsame Konkurrenz betrachten. So kann er nirgends lange bleiben.

Stark geprägt hat ihn der Aufenthalt bei einem Tiroler Köhler, einem sehr religiösen Mann, der täglich mit dem Buben betete. Der Stockerbub wächst unter härtesten Entbehrungen heran: Oft genug besteht seine Kleidung aus schäbigen Lumpen, bisweilen muss er nach tagelangem Hungern Federvieh stehlen und töten, um überleben zu können, in Heustadeln und Schweineställen schläft er wesentlich häufiger als in Häusern. Außerdem landet er zweimal in einer Arrestzelle, weil er keine Papiere hat, die belegen könnten, wer er ist.

Mit 18 Jahren - Franz ist mittlerweile zu einem Mann von 1,90 Metern herangewachsen - beschließt er, wieder in die Heimat zurückzukehren. In der Zwischenzeit war er in Bayern, Tirol und der Schweiz unterwegs, rheinabwärts kam er sogar bis nach Luxemburg, immer auf der Suche nach noch lebenden Geschwistern und nach Arbeit. Eine in Davos vermutete Schwester war gerade zwei Wochen vor Ankunft des Burschen gestorben. Und bei einer in München ausfindig gemachten Schwester kann er nicht bleiben, weil es für ihn in der Landeshauptstadt keine Arbeit gibt. So gelangt Stocker wieder nach Prien.

"Wie fremd kam mir da alles nach jahrelanger Abwesenheit vor! Und erst gar mein Vaterhaus! Als ich vor neun Jahren in die Fremde zog, war es so sauber herausgeputzt, neue und nett gestrichene Fensterläden dran, kurz, ein ganz hübsches Häuschen. Und wie sah es jetzt aus: Der Mauerputz an vielen Stellen heruntergefallen, manche Fensterläden hingen nur mehr defekt an einem Kögel, die Dachrinnen fehlten ganz", beschreibt er seine Beklemmung bei der Rückkehr in die Heimat.

Kein Wunder, dass ihn die Stiefmutter mittlerweile sehr herzlich aufnimmt: Schließlich hat er 15 Mark Erspartes bei sich, und als großer, starker Kerl kann er zum Lebensunterhalt ganz anders beitragen als früher.

Franz besitzt mittlerweile viele Fertigkeiten, so dass er meist in einer Zimmerei arbeiten kann. Im Winter muss er jedoch auch mit hinaus in die Gebirgswälder zum Bäume fällen. Mitte Dezember 1884 passiert der Unfall, der sein Leben drastisch verändern sollte: Stocker gerät unter einen schwer beladenen Transportschlitten, so dass beide Beine und Arme gebrochen werden. Außerdem werden ihm vier Rippen und die Schädeldecke eingedrückt. Der 22-jährige wird nach München in die Klinik gebracht, wo der bereits damals berühmte Professor Nußbaum Chefarzt ist.

Mit verzweifelten Bemühungen versuchen die Mediziner, sein Leben zu retten. Als ihm am 5. Februar 1885 vier versilberte Stahlrippen in den Brustkasten eingesetzt werden, fällt er innerhalb weniger Stunden in den Wundstarrkrampf, so dass man ihn für tot hält.

In seinen Lebenserinne­rungen führt Stocker die beklemmende Situation und seine Todesangst vor Augen: "Kalt und steif lag ich im Bett, unfähig auch nur einen Finger zu rühren. Ich aber sah und hörte alles; auch wie die Schwestern sprachen: 'Gottlob, jetzt hat er ausgelitten, der arme Mensch!' Als ich die Schwestern so reden hörte und ich erkannte, dass sie mich für tot hielten und auch schließlich ein Arzt kam und den Eintritt des Todes bestätigte, überkam mich eine entsetzliche Angst: 'Mein Gott, sie werden mich doch nicht lebendig begraben!'"

Das Gelübde

"Stockerkreuz".
"Stockerkreuz".

Um 7 Uhr abends wurde Franz Stocker in einen Sarg gebettet und in die Leichenkammer gebracht, wo bereits zwei Tote lagen. Die panische Angst des Prieners, tatsächlich bei lebendigem Leib beerdigt zu werden, wuchs von Stunde zu Stunde: "Es war mir, als müsste ich wahnsinnig werden. Fieberhaft arbeiteten meine Gedanken. Ich fing an zu beten und zwar so innig, wie ich noch nie gebetet hatte. Plötzlich kam mir der Gedanke: Mach ein Gelübde zur Muttergottes von Altötting: Ich habe keine Hoffnung mehr. Du allein kannst mir durch deine Fürbitte noch helfen! Wenn du mir hilfst, dass ich nicht lebendig begraben werde, dann will ich zu Fuß ein zentnerschweres Kreuz von Prien nach Altötting schleppen und dort am Gnadenaltar niederlegen", beschreibt Stocker seine verzweifelte Lage eindrucksvoll. Und das Wunder geschieht.

Um 2 Uhr nachts holen ihn zwei Wärter aus der Totenkammer heraus, mehrere Ärzte bürsten und massieren seine Haut. Als sie ihn schließlich auf den Kopf stellen, muss sich Stocker übergeben – erstes Lebenszeichen. Er ist gerettet!

Was war geschehen? Ein Assistenzarzt, der die Ablösung des diensthabenden Doktors übernommen hatte, wollte nicht glauben, dass Stocker bereits gestorben sein sollte. Als er erfuhr, dass auch Chefarzt Nußbaum noch nicht verständigt war, ging er zu dessen Wohnung. Um halb zwei Uhr in der Nacht begab sich der damals, bereits greise Professor in die Klinik und ordnete Wiederbelebungsversuche bei Stocker an.

Der junge Mann musste noch monatelang in der Klinik versorgt werden und hatte anschließend noch große Probleme, weil er wegen seiner Kopfverletzung Morphiumspritzen verabreicht bekam. Nach einem Rauschzustand verfügte seine Stiefmutter, dass Franz in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde. 87 Tage verbrachte er im "Irrenhaus" in Giesing, anschließend musste er wegen "Schüttelanfällen" noch im Priener Krankenhaus versorgt werden. Als er endlich wieder nach Hause kann, weigert sich die Stiefmutter, ihn zu verköstigen, weil er nun kein Geld mehr heimbringt.

Hungrig und frierend rennt er in einer Februarnacht davon und kommt schließlich bis zur Achenbrücke nach Marquartstein, von wo er sich in den Tod stürzen will. Doch das Schicksal eilt ihm in Form eines alten Mütterchens zu Hilfe, das ihn von seinen trübsinnigen Gedanken loseisen kann und ihn trotz eigener bitterster Armut bei sich aufnimmt. Stocker fängt sich wieder und gewinnt neuen Lebensmut.

Weitere Schicksalsschläge

Der Chiemsee – hier ein Blick auf die Fraueninsel mit ihrem Kloster – war Franz Stockers Heimat.
Der Chiemsee – hier ein Blick auf die Fraueninsel mit ihrem Kloster – war Franz Stockers Heimat.

Richtig gut fühlt er sich jedoch erst wieder, als er nach etlichen Pilgerfahrten und -märschen nach Altötting tatsächlich sein Gelübde einlöst und das eingangs beschriebene Eichenkreuz von Prien aus zur Gnadenkapelle trägt. "Eine unbeschreibliche Andacht und Seligkeit war über mich gekommen, dass ich gar nicht mehr aufhören konnte mit Beten und Danken. Ich wollte gar nicht mehr aus der Kapelle gehen, so wohl war mir bei der lieben Himmelsmutter, die mich, ihr verirrtes Kind, nicht verlassen hatte", berichtet Stocker von diesem Wendepunkt zum Guten in seinem Leben.

Auf dieser Fußwallfahrt lernt er seine spätere Frau Anna kennen, und er beginnt mit neuer Kraft, Zimmermannsarbeiten zu leisten. Schon bald geht es der Familie Stocker - Franz und Anna haben mittlerweile fünf Kinder - finanziell gut. Mit dem Bau von Bahnhöfen, aber auch von Villen, die damals gerade "in Mode" waren, verdient Stocker ein Vermögen.

Dann folgen erneut schwere Schicksalsschläge: Seine Frau stirbt, und Franz muss für seine noch lebenden vier Kinder schnell wieder eine Mutter suchen. Er heiratet seine zweite Frau Kreszentia, die aber zeit ihres Lebens kränkelte. Schließlich geht einer der Auftraggeber Stockers in Konkurs, und der Priener verliert sein gesamtes Vermögen bei dessen Bauprojekt. Nun heißt es, wieder ganz von vorne zu beginnen und die Familie mit kleinen Zimmererarbeiten durchbringen.

Doch Franz Stocker lässt sich nicht entmutigen und führt mit den Seinigen fortan ein ruhiges und bescheidenes, letztlich aber mit den nötigen Dingen stets gesegnetes Leben. Einen zentralen Platz nimmt bei ihm die Wallfahrt zur Muttergottes ein. In seinen insgesamt 66 Lebensjahren pilgerte er über zweihundertmal nach Altötting. Außerdem besuchte er das Heilige Land und auch Lourdes.

Franz Stocker starb am 30. Juli 1929. Ein zeitgenössischer Chronist schrieb über ihn: "Wie ganz anders hätte sich Stockers Leben gestaltet, wenn ihm anstatt des Kreuzwegs meist die Sonne des Glücks auf seinen Lebensweg geschienen hätte. Aber durch Kreuz zum Heil, über Kalvaria an der Hand der gütigen Himmelsmutter von Altötting sicherlich hinein ins himmlische Jerusalem."

Text: Gabriele Riffert, Fotos: Roswitha Dorfner