Altöttinger Liebfrauenbote

Die Welt rückt nach den Terrorattacken in Paris zusammen

#PrayforParis – Beten für Paris

Nicht nur Frankreich, ganz Europa steht unter Schock: Mehr als 120 Menschenleben forderte eine grausame Attacke islamistischer Terroristen am 13. November in Paris. Die Ziele – das Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland ausgetragen wurde, Cafés und Bars in der Pariser Innenstadt und vor allem ein Konzert der US-amerikanischen Garage Rock-Band "Eagles of Death Metal" im Konzertsaal Bataclan – zeigt: Der Anschlag galt der gesamten westlichen Welt, ihren Menschen, ihrer Kultur, ihrer Lebensart. Überall auf der Welt trauerten Menschen mit den Opfern in Paris, über den Internet-Dienst Twitter teilten unter dem Hashtag "#PrayforParis – Bete für Paris" Menschen aus der ganzen Welt ihr Mitgefühl mit.

Auch Papst Franziskus teilte über Twitter sein Mitgefühl mit.
Auch Papst Franziskus teilte über Twitter sein Mitgefühl mit.

Auch die katholische Kirche reagierte erschüttert auf die Anschläge. Laut Radio Vatican verurteilte Papst Franziskus mit scharfen Worten die Terrorakte in Frankreich als "blasphemisch" und "nicht tolerabel". Über Twitter teilte Papst Franziskus mit: "Ich bin ganz erschüttert über die terroristischen Anschläge in Paris. Betet mit mir für die Opfer und ihre Familien."

"Wir beten für die Opfer!"

Über Twitter mehrfach geteilt wurde – wie hier von der Zeitung "Le Figaro" – das Foto-Posting "Pray for Paris".
Über Twitter mehrfach geteilt wurde – wie hier von der Zeitung "Le Figaro" – das Foto-Posting "Pray for Paris".
"Die Zeit" zwitschert ein Bild vom in den französischen Landesfarben gehüllten Brandenburger Tor.
"Die Zeit" zwitschert ein Bild vom in den französischen Landesfarben gehüllten Brandenburger Tor.

In Deutschland verfassten der Vorsitzende der Deutschen Bischofkonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strohm, eine gemeinsame Erklärung: "Wir sind tief erschüttert über die hasserfüllte Welle der Gewalt in Paris. In diesen Stunden gilt unsere Anteilnahme den Opfern und Angehörigen. Wo die Worte über die unfassbaren Taten versagen, ist für uns Christen Zeit zu beten. Wir beten für die Opfer! Die Anschläge von Paris sind letztlich ein Anschlag auf alle Menschen und auf Europa. Als Christen und über Religionen und Weltanschauungen hinweg werden wir trotz des Terrors zusammenstehen." Der Berliner Erzbischof Dr. Heiner Koch übersandte dem Erzbischof von Paris, Kardinal André Vingt-Trois, ein Kondolenzschreiben: "Mit Entsetzen und großer Bestürzung habe auch ich die Nachrichten über die terroristischen Angriffe auf die Menschen in Paris zur Kenntnis nehmen müssen. Gemeinsam mit den Katholiken der Erzdiözese Berlin trauere ich um die Opfer dieser Anschläge und übermittle Ihnen auf diesem Wege unsere aufrichtige Anteilnahme und unser zutiefst empfundenes Beileid. Wir fühlen uns Ihrem Erzbistum, der Stadt Paris und allen Franzosen in diesen schweren Stunden ganz besonders nahe. In österlicher Zuversicht bete ich zu Gott, daß er die Opfer dieses Anschlags zu sich in sein himmlisches Reich aufnehmen und ihnen das ewige Leben schenken möge."

"Rettung gibt es nur durch die Kraft der Liebe"

Solidarität weltweit: Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) retweetet Solidaritätsbekundungen aus Mainz...
Solidarität weltweit: Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) retweetet Solidaritätsbekundungen aus Mainz...
... und der KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel einen Tweet der Bischöfe aus den USA.
... und der KNA-Chefredakteur Ludwig Ring-Eifel einen Tweet der Bischöfe aus den USA.

Wie das Erzbistum München-Freising mitteilte, warnte Kardinal Marx darüber hinaus vor einer Gewaltspirale: "Gewalt wird nicht durch Gewalt überwunden", mahnte der Erzbischof von München und Freising in seiner Predigt zur Jugendkorbinianswallfahrt im Freisinger Mariendom. "Das heißt nicht, dass man sich nicht verteidigen darf, aber auch die Gewalt der Verteidigung wird nie die Erlösung sein. Rettung gibt es nur durch die Kraft der Liebe." Marx erinnerte an ein historisches Beispiel: So hätten die polnischen Bischöfe vor 50 Jahren zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils in einem Schreiben an die deutschen Bischöfe den ersten Schritt zur Aussöhnung nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs gemacht. "Die, die am meisten glitten haben, haben die Hand zur Versöhnung gereicht", unterstrich er. Darin sei ein "Auftrag für heute" zu sehen: "Es gibt keine Möglichkeit zur Heilung der Welt, wenn wir die Kräfte der Liebe und Versöhnung nicht mobilisieren."

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn hat die Terrorattentate von Paris gar als "Kriegserklärung" bezeichnet, wie die Erzdiözese Wien bekanntgab. Gerichtet sei diese "nicht nur gegen das Christentum, sondern auch gegen den Westen, gegen die Zivilisation, die Menschenwürde und auch gegen den Islam, der nicht den IS-Vorstellungen entspricht", erklärte der Wiener Erzbischof in einem Interview der "Kronen Zeitung", Ausgabe von Montag, 16. November 2015. Den Opfern, ihren Familien sowie auch den vielen Verletzten drückte Schönborn sein Mitgefühl und seine Anteilnahme aus. Sorgen der Menschen über die derzeitige Flüchtlingskrise auch in Österreich teile er, erklärte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz. Zugleich hob er mit Nachdruck die Bedeutung der Syrien-Konferenz in Wien hervor. Frieden in Syrien und im Nahen Osten zu schaffen müsse nun Priorität haben, "sonst werden die Flüchtlingsströme nicht versiegen", betonte Kardinal Schönborn. Erst sobald vor Ort wieder "lebbare Verhältnisse" einkehrten, könnten die aus diesen Regionen geflohenen Menschen wieder zurückkehren.

Text und Screenshots: Michael Glaß

Kommentar

"Beten für Paris" heißt das Gebot der Stunde, und doch wirken all die Solidaritätsbekundungen mit den Opfern der Terrorattacken in Paris, all die Trauer und die Innigkeit ein wenig beklemmend. Es ist noch nicht so lange her, da hat schon einmal jemand zum gemeinsamen Gebet aufgerufen – ein Muslim, der um das Gebet für einen katholischen Pater in Syrien bat; für einen Priester, der den Islam liebt, von islamistischen Terroristen entführt und schließlich von Muslimen wieder befreit worden war. Navid Kermanis Friedenspreis-Rede in der Frankfurter Paulskirche heuer im Oktober hat ein breites Echo hervorgerufen, das aber bald wieder verhallte. Kermanis Kritik am "Desinteresse unserer Öffentlichkeit" – "aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen" – ist aktueller denn je.

Kermanis Kritik galt freilich in erster Linie seiner eigenen Religion, eines Islams, der volksnah, spirituell, lebendig und – auch gegenüber Christen – sehr tolerant sein kann, aber nicht erst seit kurzem seine eigene jahrhundertealte Tradition auszulöschen droht und einen "Krieg gegen sich selbst führt"; Kermani spricht von einem "religiösen Faschismus", der nun die gesamte zivilisierte Welt bedroht. In Kermanis Worten: "Es gibt keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang. Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen geistigen Implosion." Die Urheber dieser Verdummung sucht er weniger im Westen, als vielmehr im islamischen Kulturkreis. Und doch betrifft seine Analyse auch Europa und die westliche Welt: die Ideologie der Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) sei der "Wahhabismus, der heute bis in die hintersten Winkel der islamischen Welt wirkt und als Salafismus gerade auch für Jugendliche in Europa attraktiv geworden ist"; dabei seien die Lehrpläne und Schulbücher des IS zu 95% dieselben wie in Saudi-Arabien – zur Erinnerung: Saudi-Arabien ist ein enger Verbündeter des Westens!

Ein Mensch, der lieber Freiheit und Sicherheit in Europa sucht als im Namen Allahs zur Waffe zu greifen, ist eine Niederlage für den IS und ein Gewinn für uns alle

Wie "Die Zeit" zwitscherte, distanzierten sich auch viele Muslime von den Terroranschlägen in Paris.
Wie "Die Zeit" zwitscherte, distanzierten sich auch viele Muslime von den Terroranschlägen in Paris.

Was können wir tun? Wir können leider nicht die Ideologisierung des Islams rückgängig machen, das können die Muslime nur selbst. Aber wir können dem grenzenlosen Hass auf alles Leben – und nichts anderes ist es, was diese Terroristen antreibt – ein menschliches Gesicht entgegensetzen: verständnisvoll, klug, hart, wenn es sein muss, aber vor allem nicht gleichgültig!

Ein Gesicht, das Verständnis zeigt für die Ängste der Bevölkerung: die Arbeit von Geheimdiensten und der Polizei muss verstärkt werden, auch wenn sie – zumindest zeitweise – die eigene Freiheit beschneidet. Ein Gesicht, das aber auch Anteil nimmt am Schicksal der Flüchtlinge und diese willkommen heißt so gut es eben möglich ist. Ein Mensch, der lieber Freiheit und Sicherheit in Europa sucht als im Namen Allahs zur Waffe zu greifen, ist eine Niederlage für den IS und ein Gewinn für uns alle. Umgekehrt wäre nichts besser für die Propaganda der Islamisten als eine rigorose Abschottungspolitik gegenüber hilfesuchenden Menschen. Und dennoch muss dieses Gesicht auch hart sein: Hart gegen islamistische Ideologen, die auch hierzulande gegen unsere Kultur und unsere Werte hetzen. Hart aber auch gegen Islamhasser von AfD, Pegida & Co. – deren Angst-, Wut- und Hassgeschrei klingt vor allem in den Ohren der islamistischen Terroristen wie Musik. Nichts wäre diesen lieber als ein Krieg des Westens gegen den Islam. Hart muss dieses Gesicht auch nach außen gerichtet sein: Die Wurzel des Übels liegt im Nahen und Mittleren Ostens, derzeit vor allem in Syrien, wo ein Präsident Assad sein eigenes Volk abschlachtet, und wo ein IS wütet, der am liebsten die gesamte menschliche Zivilisation vernichten würde. Auch Deutschland wird sich dort mehr einsetzen müssen als allen lieb sein kann.

Dies zeigt: es gibt sehr viele Gründe für ein gemeinsames Gebet, nicht nur für Paris, sondern auch für uns selbst. Kermani hat in seiner Friedenspreis-Rede alle Zuhörer zum Gebet aufgerufen, auch die Nicht-Religiösen. Warum? Kermani: "Was sind denn Gebete anderes als Wünsche, die an Gott gerichtet sind? Ich glaube an Wünsche und dass sie mit oder ohne Gott in unserer Welt wirken. Ohne Wünsche hätte die Menschheit keinen der Steine auf den anderen gelegt, die sie in Kriegen so leichtfertig zertrümmert." Es bleibt zu wünschen, dass diese Worte im Gedächtnis bleiben.

Kommentar: Michael Glaß