Altöttinger Liebfrauenbote

Die Mädchen in einem Slum von Kampala leiden besonders unter katastrophalen Hygienebedingungen

"Eigentlich haben wir gar nichts"

Ja, es gibt ihn tatsächlich: den Welttoilettentag am 19. November, erstmals ausgerufen im Jahr 2001. Was zunächst merkwürdig anmutet, hat einen ernsten Hintergrund: eine Milliarde Menschen weltweit haben keine Toilette. Bis heute ist das Fehlen angemessener hygienischer Sanitäranlagen für mehr als vierzig Prozent der Weltbevölkerung ein gravierendes Problem. Der Welttoilettentag der Vereinten Nationen soll die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wachrütteln und Tabus beseitigen. Das angestrebte Ziel: Die Regierungen sollen mindestens drei Prozent ihrer Ausgaben für Sanitär- und Wasserversorgung aufwenden.

Florence, 15, ist als Waisenkind nach Namuwongo gekommen.
Florence, 15, ist als Waisenkind nach Namuwongo gekommen.

Flink hüpft Florence über die vielen Pfützen in den Gassen des Armenviertels Namuwongo, im Zentrum von Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Sie schlängelt ihren dürren Körper vorbei an schwitzenden Marktfrauen, rostigen Fahrrädern und spielenden Kindern. "Die Leute verdienen ihr Einkommen auf der Straße", sagt Florence. "Einige verkaufen Bananen, andere haben was zu essen gekocht. Sie brauchen Geld, um ihren Familien zu helfen."

Florence trägt ein weißes Hemd mit blauer Blümchenstickerei, das sie aus einem riesigen Altkleiderhaufen gezogen hat. Dort kaufen fast alle Jugendlichen aus Namuwongo ihre Kleidung.

Uganda gehört zu den Ländern mit dem höchsten Bevölkerungswachstum der Welt. Im Schnitt sind die Menschen so alt wie Florence: fünfzehn. Sie ist in einem Dorf im Norden des Landes zur Welt gekommen, nahe der Grenze zum Südsudan. Mit sieben Jahren wurde sie Waisenkind. Beide Eltern sind an Aids gestorben. Daraufhin ist Florence mit ihren Geschwistern nach Kampala gezogen, zu einer Tante. "Das hier ist unsere Hütte. Wir haben kein Licht. Eigentlich haben wir gar nichts. Wir haben kein Wasser, wir haben keine Toiletten. Man kann ja sehen, dass dieses Haus nicht OK ist."

Die Hütte besteht aus zwei Räumen, jeweils etwa sechs Quadratmeter groß. Hier wohnt Florence mit ihrer Tante, Alice Ndagire, und 24 anderen Minderjährigen. Alice erklärt in ihrer Muttersprache Luganda, dass nur drei der Kinder ihre eigenen sind: "Meine Geschwister sind gestorben. Ich bin die einzige, die übrig geblieben ist. Deshalb sind alle meine Nichten und Neffen zu mir gekommen. Aber einmal hat es so stark geregnet, dass die Hütte davongeschwemmt wurde. Dabei ist eines der Babys gestorben."

"Wir haben keine Toiletten. Deshalb gibt es so viele Probleme mit Typhus, Cholera und Malaria"

Viele Kinder verrichten ihre Notdurft am Ufer des verschmutzten Kanals, der an Namuwongo vorbeifließt.
Viele Kinder verrichten ihre Notdurft am Ufer des verschmutzten Kanals, der an Namuwongo vorbeifließt.

Auch jetzt beginnt es zu regnen. Erst fällt nur leichter Nieselregen auf das Wellblechdach, dann stürzen große Wassermengen vom Himmel. Alices älteste Tochter Brenda schaut scheu auf den Boden, während sie erklärt, weshalb sie Regen nicht mag. Er überschwemmt die Gassen und Hütten. Aber kein Regen sei auch nicht gut, sagt sie, weil die staubigen Wege dann monatelang trocken bleiben und die Fäkalien der Einwohner des Viertels nicht weggespült werden. "Wir haben keine Toiletten. Deshalb gibt es so viele Probleme mit Typhus, Cholera und Malaria. Diese Krankheiten breiten sich aus, weil es keine Latrinen gibt, keine Klos und nicht einmal Duschen."

In dem hoffnungslos überbevölkerten Slum mit seinen engen Gassen gibt es nur eine einzige Stelle, an der die Menschen ihre Plastikeimer mit Leitungswasser füllen können. Meist sind es Kinder, die sich in die lange Warteschlange einreihen. Die Weltgesundheitsorganisation konstatiert, dass sauberes Wasser und Sanitäranlagen unerlässlich sind für die Gesundheit von Kindern. Doch eine Milliarde Menschen weltweit haben nicht einmal ein funktionierendes Klo. Das Wasserproblem in Kampala wird von Tag zu Tag schlimmer, weil immer mehr Menschen aus den Dörfern in die Elendsviertel ziehen.

Direkt hinter der Hütte von Brenda und Florence liegt eine Brache, eine Art Müllhalde, durch die ein breiter Kanal führt. An diesem Ort werden viele Kinder ihren Unrat los: in Plastiktüten. Die kann man luftdicht verknoten. "Danach werfen wir sie in den Kanal," sagt Brenda. "Der spült die Tüten weg. Aber manche Kinder gehen auch einfach um die Ecke und machen es dort."

Eltern lassen ihre Kinder hungern, damit sie seltener die Toilette nutzen

Viele Kinder leben im Slum. Uganda gehört zu den Ländern mit dem hochsten Bevölkerungswachstum der Welt.
Viele Kinder leben im Slum. Uganda gehört zu den Ländern mit dem hochsten Bevölkerungswachstum der Welt.

Wenn das Wasser des Kanals über die Ufer tritt, werden die Exkremente in die Hütten geschwemmt. "Dem Wasser ist es egal, ob es über deine Pfannen und Teller fließt," meint Brenda. "Das ist schlimm, auch weil es so stinkt. Und es macht Probleme mit Krankheiten."

Viele Kleinkinder in Namuwongo sterben an Magendarminfektionen. Doch meist wird die Todesursache gar nicht erst festgestellt. Realistische Statistiken über die Verbreitung von Krankheiten gibt es nicht – und auch keine effektive Seuchenprävention.

Slumbewohner, die keine eigene Toilette haben, müssen bezahlen, wenn sie ein Klo nutzen wollen. In einer Studie der ugandischen Menschenrechtskommission "Johannes Paul II." steht, dass diese Kosten eine der entscheidenden Ursachen für die Unterernährung vieler Kinder in den Slums der Hauptstadt sind. Eltern lassen ihre Kinder hungern, damit sie seltener die Toilette nutzen. Das bestätigt einer der Autoren des Berichts, der Ökonom Alfred Avuni: "Über sechzig Prozent der Einwohner Kampalas leben in Slums. Die meisten Hütten haben keine Toiletten. Wenn es eine gibt, dann wird die von durchschnittlich 25 Personen genutzt."

Nicht weit von Brendas Hütte entfernt steht ein gammeliger Toilettenbau, der einem privaten Geschäftsmann gehört: zwölf kleine Kabinen aus schimmelbefallenen Steinen, morschen Brettern und rostigem Wellblech. Vor dem wackeligen Bau sitzt ein älterer Mann auf einem verdreckten Plastikstuhl. Die Toiletten gehören nicht ihm, er passt nur auf, dass auch alle bezahlen.

Geschäft mit der Notdurft

In den Armenvierteln Kampalas herrschen chaotische sanitäre Verhältnisse.
In den Armenvierteln Kampalas herrschen chaotische sanitäre Verhältnisse.

Schon taucht ein Kunde auf, ein muskulöser Mann in einem roten Sportanzug. Er gibt dem Toilettenmann eine hundert-Schilling-Münze. Der Kunde wohnt in einer Hütte in der Nähe. Auch er hat keine eigene Toilette: "Das ist völlig unmöglich. Hier in Namuwongo sind die Grundstücke viel zu klein. Wir haben nur vier mal zwei Meter für unsere Hütte bekommen." Der Platz reicht nicht für eine Toilette. Aber es gibt einen weiteren Grund: Die Grundbesitzverhältnisse in Namuwongo sind umstritten. Die Hütten stehen auf besetztem Land, sodass die Menschen immer damit rechnen müssen, demnächst vertrieben zu werden. Für sie lohnt es sich nicht, Geld in eine eigene Fäkaliengrube zu investieren.

Für die meisten Familien in Namuwongo bedeuten die Kosten für grundlegende Hygieneartikel wie Seife und Toilettenpapier eine große finanzielle Belastung. Da bleibt kein Geld übrig, um für die Nutzung eines Klos zu bezahlen. Einige Mütter lassen ihre Kinder deshalb sogar hungern, meint Florence: "Viele Eltern hier sagen zu ihren Kindern: 'Ich habe kein Geld, um für deinen Toilettengang zu zahlen. Deshalb bekommst du heute nur abends was zu essen.' Mittags gibt es nichts, damit die Kinder nicht so oft auf die Toilette müssen."

Florence hatte noch nie einen Fuß in eine Toilettenanlage gesetzt. Dafür hat sie kein Geld. Neugierig schaut sie sich die Kabinen aus der Nähe an. Kloschüsseln gibt es nicht, nur Öffnungen in zementgegossenen Deckeln. Darunter sind große Löcher, die alle paar Monate geleert werden. Ein Abwassersystem gibt es in Namuwongo nicht, dafür umso mehr Fliegen. "Diese Toiletten sind schmutzig," schimpft Florence. "Sie werden nicht richtig gesäubert."

"Ich hasse es, dass diese Männer Frauen vergewaltigen und sie dann einfach schwanger und allein zurücklassen."

Keine Hygiene, wenig Privatspäre – Kinder spielen am Kanal, der an Namuwongo vorbeifließt.
Keine Hygiene, wenig Privatspäre – Kinder spielen am Kanal, der an Namuwongo vorbeifließt.

Den Zustand der Toilettenanlage findet Florence furchtbar. "Ich verstehe auch nicht, wo die Mädchen hingehen sollen. Manche kommen in diese Kabine, andere gehen dort drüben hin. Jeder kann rein, ob Junge oder Mädchen. Das ist wohl egal."

Für die Frauen ist es ein großes Problem, dass die Toiletten nicht getrennt werden. Einige Männer kommen nur an diesen Ort, um auf eine Frau zu warten, die sie in eine Kabine schubsen können. Dort sind sie dann allein mit ihr. "Ich fühle mich nicht wohl hier, weil die Männer immer die Mädchen anhalten. Ich hasse es, dass diese Männer Frauen vergewaltigen und sie dann einfach schwanger und allein zurücklassen."

Nicht einmal in ihren eigenen Hütten haben Mädchen wie Florence ein wenig Privatsphäre. "Wenn du in einem kleinen Raum mit vielen Leuten wohnst, dann kannst Du dich nirgendwo umziehen", sagt sie. "Du musst warten, bis es Nacht wird. Ich mag mich nicht umziehen, wenn meine Cousins da sind. Zum einen, weil ich mich schäme, und zum anderen, weil es mir Angst macht."

In Uganda werden die Rechte von Mädchen und Frauen in vielen Bereichen eingeschränkt. Zum Beispiel verbietet es die Tradition, dass Frauen Grund und Boden besitzen. Wenn ihre Männer sie verlassen oder sterben, verlieren sie jegliches Recht auf das zuvor gemeinsam bewohnte Land. Für Witwen oder Geschiedene, die vor Krieg und Gewalt fliehen mussten, gibt es kein Zurück. Als Besitzlose haben sie keine Alternative zum Leben im Slum. Auch deshalb sind die Gassen in Namuwongo voller Frauen und Kinder. Aber es gibt auch Orte, an denen sich vor allem Männer aufhalten: Die Kneipen.

Lokales Bier

Sauberes Wasser ist laut Weltgesundheitsorganisation unersätzlich für ein gesundes Leben. Im Slum müssen die Menschen Schlange stehen, um an Trinkwasser zu kommen (Bild). Viele Männer hingegen betrinken sich mit billigem Alkohol in Kneipen.
Sauberes Wasser ist laut Weltgesundheitsorganisation unersätzlich für ein gesundes Leben. Im Slum müssen die Menschen Schlange stehen, um an Trinkwasser zu kommen (Bild). Viele Männer hingegen betrinken sich mit billigem Alkohol in Kneipen.

Acht Männer und drei Frauen hocken unter einem rostigen Dach um einen breiten Plastikbottich, aus dem sie mit langen Schilfrohren eine Brühe fermentierter und gebrauter Hirse saugen. Das gelbliche Gesöff nennt sich "lokales Bier". Die Männer sind schon deutlich angetrunken. Einer sagt: "Wir trinken vor allem, um Spaß zu haben, und um unsere Probleme zu vergessen."

An dieser Kneipe kommt Florence jeden Tag mehrfach vorbei. Sie findet es furchtbar, dass oft noch nach vielen Stunden dieselben Männer vor dem Bottich hocken und spricht einen von ihnen an: "Es ist schlecht, wenn du viel Alkohol trinkst. Du bist doch Vater. Weißt Du nicht, dass zu Hause deine Frau auf dich wartet?"

Der Mann schaut Florence verärgert an. "Es stimmt", räumt er ein, "meine Familie ist zu Hause. Aber hier bin ich glücklich mit meinen Freunden. Meine Frau schimpft immer, dass ich schlecht rieche. Aber ich behandele sie gut. Es gibt auch Leute, die trinken und mit Drogen dealen. Oder sie trinken und stehlen. Oder sie trinken und vergewaltigen."

Florence kennt den Mann seit Langem. Sein Dorf liegt in der Nähe ihrer Heimat. Sie weiß, dass er dort ein Mädchen geschwängert hat und wenig später nach Kampala gezogen ist, mit dem Versprechen, regelmäßig Geld zu schicken. Doch der gute Vorsatz hat sich schnell in Luft aufgelöst. "Solche Männer haben nichts zu tun," klagt sie. "Sie haben keine Arbeit. Und ich sehe, wie sie ständig Alkohol trinken."

Hygienenotstand

Dusawe Miriam, die Koordinatorin des Hygienekommitees von Namuwongo, weiß, dass Florence aus gutem Grund Angst vor Belästigung und sexueller Gewalt hat.
Dusawe Miriam, die Koordinatorin des Hygienekommitees von Namuwongo, weiß, dass Florence aus gutem Grund Angst vor Belästigung und sexueller Gewalt hat.

Eine ältere Frau in einem weiten, bunten Kleid kommt näher. Es ist Dusawe Miriam, die Koordinatorin des Hygienekomitees der Siedlung. Ehrfürchtig knien sich die Mädchen auf den Boden und beugen ihre Köpfe zum Gruß. Miriam Dusawe macht sich Sorgen um den Hygienenotstand in Namuwongo unter dem vor allem die Mädchen leiden: "Niemand spricht mit ihnen über Infektionsgefahren. Die meisten wissen gar nicht, wie wichtig es gerade für uns Frauen ist, sich regelmäßig zu waschen. Und selbst wenn sie es wissen, ändert das nicht viel an ihrer Situation. Hier gibt es ja keine Orte, an denen sie sich ungestört um ihre Hygiene kümmern können. Überall müssen sie damit rechnen, von Männern beobachtet zu werden. Und wenn ein Mann erstmal die nackte Haut eines Mädchens gesehen hat, verliert er oft alle Hemmungen."

Florence und Brenda wünschen sich, eines Tages in einem Haus mit eigenem Badezimmer zu wohnen. Manchmal, wenn Brenda ihre Mutter ins Stadtzentrum auf Behördengänge begleitet, sieht sie solche Häuser, in denen es richtige WCs gibt, mit Plastiksitz und Spülkasten. "Wenn du so eine gute Toilette siehst, so eine, auf die du dich setzen kannst, dann denkst du dir: Das ist wie ein Wunder."

Text und Fotos: Andreas Boueke