Altöttinger Liebfrauenbote
Auf Augenhöhe, die von den Bürgern erbaute Martinkirche und Burg Trausnitz, die Residenz der bayerischen Herzöge.
Auf Augenhöhe, die von den Bürgern erbaute Martinkirche und Burg Trausnitz, die Residenz der bayerischen Herzöge.

Die Stadtpfarr- und Kollegiatstiftskirche St. Martin und Kastulus zu Landshut

Mit dem Herzog auf Augenhöhe

Die sogenannte Dreihelmestadt Landshut kann einen Kirchenbau ihr eigen nennen, der gleich zwei Rekorde bricht. Die Stadtpfarr- und Kollegiatstiftskirche St. Martin und Kastulus zu Landshut hat mit ihrem gut 130 Meter hohen Turm nicht nur den höchsten Kirchturm Bayerns, sondern auch der Welt höchsten Backsteinkirchturm.

Innenansicht der lichtdurchfluteten Hallenkirche, deren Blickfang der Hochaltar aus Sandstein ist.
Innenansicht der lichtdurchfluteten Hallenkirche, deren Blickfang der Hochaltar aus Sandstein ist.

Die ehemals herzogliche Residenzstadt und heute Sitz der Regierung von Niederbayern gehört nördlich der Isar noch zum Bistum Regensburg, der südliche Teil bereits zum Erzbistum München-Freising. Dort ist auch die Stadtpfarr- und Kollegiatstiftskirche St. Martin und Kastulus gelegen, die nicht nur auf eine bewegte Baugeschichte zurückblicken kann.

Der Vorgängerbau war beim großen Brand 1342 ein Opfer der Flammen geworden. Im Stile der Backsteingotik wurde die Pfarrkirche St. Martin von etwa 1389 bis 1500 errichtet. Einer der Baumeister war Hans von Burghausen († 1432), dessen Grabmal sich an der Südseite der Kirche zwischen Bauernportal und Taufportal befindet. Im Zeitalter des Barocks wurde die Martinskirche ganz in diesem Stil eingerichtet und ab 1832 wieder in ihren ursprünglichen gotischen Zustand zurückversetzt.

Mit ihrem Bauprojekt des 14. und 15. Jahrhunderts waren die Landshuter Bürger auf Augenhöhe mit der hoch über der Stadt gelegenen Burg Trausnitz und den Herzögen aus dem Hause Wittelsbach. Der Volksmund witzelte in diesem Zusammenhang immer gerne, "so können die Bürger dem auf der Burg residierenden Herzog in die Suppenschüssel schauen". Wenn es auch nicht wirklich darum ging, so doch um eine in Stein gemauerte Machtdemonstration.

Besonderer Blickfang

Schrein des hl. Kastulus auf dem Altar, darüber die Legende des Märtyrers auf einem Glasfenster von Max Lacher (1946).
Schrein des hl. Kastulus auf dem Altar, darüber die Legende des Märtyrers auf einem Glasfenster von Max Lacher (1946).

Als Herzog Wilhelm V. der Fromme (1548-1626) im Jahre 1579 seine Residenz von Landshut nach München verlegte, übertrug er sozusagen als Entschädigung das Kollegiatstift St. Kastulus von Moosburg nach Landshut und mit ihm 1604 auch einen Teil der Reliquien des hl. Kastulus, eines römischen Märtyrers des 3. Jahrhunderts. Mit der Säkularisation wurde auch dieses Kollegiatstift aufgehoben und im Jahre 1937 auf Bitte des Münchner Erzbischofs Michael Kardinal Faulhaber mit päpstlichem Dekret wiedererrichtet. Heute zählt es mit St. Rupert in Altötting und St. Johann und U.L.F. von der Alten Kapelle in Regensburg zu den letzten Kollegiatstiften im deutschsprachigen Raum. Dem Stiftskapitel mit zur Zeit vier Kanonikern (Stiftsherren) steht der Stiftspropst vor, der gleichzeitig auch Pfarrer von St. Martin ist.

Besonderer Blickfang neben dem ganz aus Sandstein gearbeiteten Hochaltar, der noch zur Urausstattung der Kirche zählt und u.a. den ersten Pfarrpatron, den hl. Martin von Tours zeigt, ist der neugotische Reliquienschrein des hl. Kastulus. Dem zweiten Kirchenpatron ist eine eigene Kapelle gewidmet, die auf einem fünfteiligen Glasfenster die Legende des Heiligen darstellt. Der Künstler Max Lacher hat in seinem 1946 geschaffenen Werk den Folterknechten des hl. Kastulus die Gesichtszüge dreier nationalsozialistischer Machthaber gegeben.

"Kleine Basilika" mit großer Geschichte

Barocke Schmerzensmutter mit Ornat, das in den Farben des Kirchenjahres wechselt.
Barocke Schmerzensmutter mit Ornat, das in den Farben des Kirchenjahres wechselt.

Bemerkenswert sind auch die zahlreichen Grabmäler in und außerhalb der Martinskirche, die an Persönlichkeiten und Familien erinnern, die in besonderer Weise die Geschichte und Geschicke der Stadt Landshut geprägt haben. Neben dem Baumeister Hans von Burghausen ist der Mitbegründer der Universität Ingolstadt, Humanist und deren Kanzler Dr. Martin Mair († 1481), in St. Martin beigesetzt.

Im Volksaltar und dem Ambo aus dem Jahre 1983, geschaffen vom Münchner Bildhauer Professor Hans Wimmer, wird durch die verwandte Schlichtheit das steinerne Werk in die Gegenwart fortgesetzt. Nicht zu Unrecht wird die Stadtpfarr- und Kollegiatstiftskirche St. Martin und Kastulus zu Landshut, die 2001 in den Rang einer "Basilica minor", einer päpstlichen Kirche, erhoben wurde, "einer der bedeutendsten Sakralbauten des süddeutschen Kulturraumes" genannt.

Text und Fotos: Carl Prämaßing