Altöttinger Liebfrauenbote

Die Seelen-Kapelle im niederbayerischen Straubing

Der Tanz mit dem Tod

Der alte Friedhof St. Peter im niederbayerischen Straubing zählt mit gleich vier Sakralbauten zu den kunstgeschichtlich bedeutendsten Kirchhöfen Süddeutschlands. Einer davon ist die Totentanz- oder Seelenkapelle. Sie überrascht und beeindruckt mit drastischen Darstellungen und mahnenden Texten.

Blick in die Totentanz- oder Seelenkapelle.
Blick in die Totentanz- oder Seelenkapelle.

Gespannt schaut der As-tronom durch sein Teleskop. Er steht auf dem Balkon seines Hauses und schaut hinauf zu einem Kometen, der mit langem Schweif am Himmel entlang saust. Hinter ihn ist leise und unauffällig der Tod getreten. Geradezu zärtlich berührt das Skelett ihn an der Schulter und scheint den Sterngucker vom Balkon zu führen.

Die genannte Szene ist, es könnte passender nicht sein, auf einem Friedhof dargestellt. Ein Friedhof der altehrwürdigen Art: Lautes Vogelgezwitscher in den dichten Büschen, dick vermooste Grabsteine und ein mit Flechten überwuchertes Kruzifix prägen den Eindruck von den mehr als tausend Gräbern aus acht Jahrhunderten.

Die Rede ist von St. Peter nahe der niederbayerischen Donaustadt Straubing. Auf seinem Gelände erhebt sich die St. Pantaleon und St. Oswald geweihte Toten- und Seelenkapelle. 1486 erbaut, erstreckt sich die zweischiffige Hallenanlage entlang der Friedhofsmauer. Neben Altar, Grabdenkmälern und Gruft stellen zweifellos die Totentanzbilder den Blickpunkt des Innenraumes dar. Das oben beschriebene Fresko ist Teil eines Totentanzzyklus mit insgesamt 37 Motiven. Geschaffen hat sie 1763 der Straubinger Künstler Felix Hölzl. Alle verdeutlichen sie die Gleichheit der Menschen vor dem Tod. Ob kleiner Pfarrer, Kardinal oder Papst, ob Bauer oder Wissenschaftler, ob Kind, Jüngling oder Greis - der Tod macht keine Unterschiede und holt jeden.

Zu einem tugendhaften Leben ermahnt

Der Tod holt sanft den Pfarrer hinüber ins Jenseits.
Der Tod holt sanft den Pfarrer hinüber ins Jenseits.

Als Knochenmann dargestellt, handelt der Tod wie ein Mensch. Dabei sind die künstlerische Art der Darstellung keineswegs auf Schrecken und Grauen, die zugehörigen Texte nicht auf Verdammnis und Untergang ausgelegt. Stattdessen führt der Tod Vergänglichkeit und Nichtigkeit des irdischen Lebens vor Augen, mahnen Bilder und Texte zu einem frommen, tugendhaften Leben.

Gekleidet sind die Menschen auf den Fresken wie Personen ihrer Zeit. Mit weißer Allonge-Perücke, langem Rock und weiten Schößen, Bundhose und Kniestrümpfen sind sie allesamt Figuren aus dem Rokoko. Meist tritt der Tod dem ihm Geweihten gegenüber, wenn dieser allein ist. Der Sterbende ist aus der menschlichen Gemeinschaft herausgenommen. Sich der unmittelbaren Todesgefahr nicht bewusst, versucht kaum einer von ihnen noch, sein Schicksal abzuwenden. Den Bauer erwischt der Tod beim Mähen des Getreidefeldes und fährt seine "Ernte" ebenfalls mit einer Sense ein, so wie der Bauer mit der Sense die reifen Ähren erntet.

Der Pfarrer steht dem Tod gemeinsam mit einer Gruppe betender Kinder gegenüber. Alle stehen sie vor einem Altarbild mit einer Kreuzigungsszene. Der Tod, die Sense in der Hand haltend, schaut dem Gottesmann, während dieser die Kinder das Rosenkranzgebet zu lehren scheint, über die Schulter. Im Hintergrund hütet ein Hirte, ein Lamm auf den Schultern tragend, eine Herde auf einer Wiese. In dem im dazu gehörigen Text heißt es:

"Ich war ein treuer Hirt und weidete mit Fleiß die liebe Herd, so mir mein Gott und Herr gegeben. Jetzt werd ich endlich selbst dem Tod zu preiß doch hoffe ich mit Dir o mein guter Hirte zu leben."

Der Tod steht über den Gräbern.
Der Tod steht über den Gräbern.

Auch in dieser Szene tritt der Tod nicht gewalttätig, sondern unbemerkt von hinten an seinen Ausgewählten heran.

Anders beim Wucherer. Dieser ist in seine Arbeit vertieft, sitzt tief gebeugt über einem Tisch und zählt Geld, sodass er den Tod gar nicht kommen sieht, obwohl dieser von vorn an ihn herantritt. Sanft berührt ihn das Skelett an der Schulter und weist mit dem knochigen Finger zur Tür. Dem Tod direkt ins Auge blickt der Ratsherr, noch während ihm ein Diener von hinten den Mantel über die Schulter legt.

Nur auf einem Fresko steht selbst der Tod allein: Auf den Gräbern steht er mit Bogen und vollem Pfeilköcher auf dem St. Peter Friedhof in Straubing und weist mit einer Hand auf die noch offenen Gräber.

Text: Ruth Bourgeois (storymacher) / Fotos: storymacher

Ein Totentanz ist eine mittelalterliche Darstellung von Ständepersonen, die in Tanz- oder Reigenhaltung mit der Gestalt des Todes gepaart sind. Seinen Ursprung hat er vermutlich in den Tänzen während der verheerenden Seuchen des Spätmittelalters. Dabei überrascht der personifizierte Tod als mumifizierte Gestalt oder Gerippe Menschen aller Stände mitten im Leben.
(zitiert nach: Kunstführer Schnell+Steiner, Regensburg)

Impressionen

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St. Peter Friedhof in Straubing. Eingangstor.
St. Peter Friedhof in Straubing. Eingangstor.
Blick auf den Friedhof und die Kapelle von außen.
Blick auf den Friedhof und die Kapelle von außen.
Blick in die Kapelle.
Blick in die Kapelle.
Tod und Sterndeuter.
Tod und Sterndeuter.
Der Wucherer zählt sein Vermögen, ehe der Tod ihn erwischt – der, wie allseits bekannt, mit Geld nicht zu bestechen ist ...
Der Wucherer zählt sein Vermögen, ehe der Tod ihn erwischt – der, wie allseits bekannt, mit Geld nicht zu bestechen ist ...
Tod und Bauer.
Tod und Bauer.