Altöttinger Liebfrauenbote

"Deutschkurs" der besonderen Art: Br. Jeremias OFMCap engagiert sich für Flüchtlinge

"Man merkt, die wollen lernen"

Viel wird derzeit geredet über die zahlreichen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen – auch in der Kirche. Doch was kann man tun? Sehr viel der Arbeit in der Flüchtlingshilfe wird von Ehrenamtlichen geschultert. Grund genug, um mal bei jemandem vorbeizuschauen, der mit anpackt. Der Altöttinger Kapuzinerbruder Jeremias Borgards gibt Deutschkurse, organisiert Musik- und Kinoabende für Flüchtlinge im St. Konradkloster und hilft auch schon mal bei der Essensausteilung in der Notunterkunft in einer Turnhalle in Altötting. Dort sind im Moment auch die vier jungen Afghanen untergebracht, die bei Br. Jeremias gerade Deutsch lernen.

Br. Jeremias OFMCap.
Br. Jeremias OFMCap.

Irgendwo muss man ja anfangen, und eines ist schnell klar: Die lateinischen Schriftzeichen, das deutsche Alphabet in Druck- und Schreibschrift, Klein- und Großschreibung, die korrekte Aussprache – all das ist gar nicht so einfach. Insbesondere die deutschen Umlaute sind in etwa so beliebt wie das englische "th" bei den Deutschen; der 18-jährige Kamran, zum ersten Mal im Deutschkurs bei Br. Jeremias, müht sich gerade am "ü" ab. "Ihr müsst den Klang der Buchstaben spüren", erklärt Br. Jeremias. Es sorgt für allgemeine Heiterkeit, als er das "ü" mimik- und gestenreich immer wieder vorsagt und Kamran nachsprechen lässt. Der 15-jährige Navid lacht am lautesten und darf gleich mal zeigen, wie gut er inzwischen die drei deutschen Umlaute "ä", "ö" und "ü" gelernt hat.

Br. Jeremias gibt mit seinen Deutschkursen eine Art Einstiegshilfe für Flüchtlinge, die noch in einer Notunterkunft untergebracht sind. Drei- bis viermal in der Woche stellt er dafür Räume im St. Konradkloster zur Verfügung. Br. Jeremias ist Teil eines rund 50-köpfigen Helferkreises, der sich im Landkreis für die Flüchtlinge in der Notunterkunft engagiert. Erst nach einigen Wochen können z.B. jugendliche Flüchtlinge eine Schule besuchen; Anspruch auf einen offiziellen Deutschkurs haben Flüchtlinge i.d.R. erst dann, wenn ihr Asylantrag anerkannt ist. Die Ämter und Hilfsorganisationen arbeiten gerade auf Hochtouren, um den vielen Menschen, die kommen, eine feste Bleibe zu organisieren. Für die Zeit dazwischen ist kreative Hilfe von Ehrenamtlichen herzlich willkommen – auch bei den Flüchtlingen: Für Navid (Schüler, 15), dessen älteren Bruder Faissal (Installateur, 18), Kamran (Schreiner, 18) und Shams (Mechaniker, 30), alle aus Kabul in Afghanistan nach Deutschland geflohen, ist der Deutschkurs eine ebenso nützliche wie willkommene Ablenkung.

"Ich bin ja eigentlich kein Pädagoge", räumt Br. Jeremias ein, doch man merkt schnell, dass der 47-Jährige, in der Deutschen Kapuzinerprovinz zuständig für die Berufungspastoral, Erfahrung im Umgang mit jungen Menschen hat. Es wird viel gelacht, aber auch viel gearbeitet. Br. Jeremias stellt fest: "Man merkt, die wollen lernen." Keiner der vier jungen Afghanen kann Deutsch, ihre Muttersprache ist Farsi bzw. Dari (persische Sprache, Dari ist Amtssprache in Afghanistan) – nur Navid beherrscht ein wenig Englisch und fungiert daher oft als Dolmetscher zwischen Br. Jeremias und den Kursteilnehmern; zum Beispiel als alle der Reihe nach ihre "Hausaufgaben" vorlesen und Br. Jeremias korrigiert und Tipps gibt. Unterricht zu halten ist unter diesen Umständen alles andere als einfach. Im Zweifel hilft übrigens auch die moderne Kommunikationstechnik. Navid zieht sein Smartphone heraus: Drei Lernprogramme für Deutsch und drei Wörterbücher hat er sich auf seinem Mobiltelefon installiert; nützliche Anwendungen, die ihm nicht nur hier im Deutschkurs dienen.

"In Deutschland ist es sicher"

Br. Jeremias gibt Tipps zur Aussprache. Auf dem Tisch liegen kleine Tafeln mit Buchstaben, denn spielerisch lernt es sich am leichtesten: Br. Jeremias spricht deutsche Buchstaben vor, "seine" Schüler suchen nach den entsprechenden Blättern und sprechen
Br. Jeremias gibt Tipps zur Aussprache. Auf dem Tisch liegen kleine Tafeln mit Buchstaben, denn spielerisch lernt es sich am leichtesten: Br. Jeremias spricht deutsche Buchstaben vor, "seine" Schüler suchen nach den entsprechenden Blättern und sprechen sie nach.

Br. Jeremias' Motivation für sein Engagement ist sein christliches Menschenbild. "Alle Menschen sind gleich", sagt er, und angesichts der derzeitigen Herausforderungen will er nicht tatenlos zusehen, sondern mithelfen, damit die Leute hier schnell Fuß fassen. Die jungen Kursteilnehmer sind schließlich nicht grundlos hier: "In Deutschland ist es sicher", sagen sie unisono. Ganz im Gegenteil zu Kabul: Navid und Faissal erzählen, sie seien zu Fuß von Afghanistan über den Iran und die Türkei nach Deutschland geflohen, ihre Eltern und sechs weitere Geschwister mussten sie zurücklassen. "Ich telefoniere jeden Tag mit ihnen, weil ich Angst habe, dass ihnen etwas passiert", sagt Navid. Shams ist gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter geflohen. Kamran äußert Bedenken wegen der Veröffentlichung von Fotos im Internet*: "Die Taliban suchen das Internet systematisch ab", erzählt er. Wer zurück nach Afghanistan muss und das Pech hat, auf Fotos in westlichen Online-Medien entdeckt worden zu sein, der müsse um sein Leben fürchten.

Natürlich ist Br. Jeremias klar, dass der Deutschkurs sowie die Musik- und Filmabende nur ein kleiner Beitrag sind, doch für eine erfolgreiche Integration sei auch der erste Eindruck und das erste Kennenlernen wichtig, und hier kann jeder Bürger einen Beitrag leisten, ist er überzeugt. So lange sie in Notunterkünften untergebracht sind, haben Flüchtlinge – außer durch ehrenamtliche Helfer – kaum Kontakt zur Außenwelt. Hier versucht der Verein "Von Mensch zu Mensch Alt-Neuötting", mit dem auch Br. Jeremias verbunden ist, über seine Angebote Kontakte zu schaffen.

Einziger Wermutstropfen für Br. Jeremias: Im "Idealfall" bleiben seine "Schüler" nicht lange. "Mit der einen Gruppe hatte ich gerade mit der Grammatik angefangen, da war sie schon wieder weg", erzählt er. Was Behörden und Hilfsorganisationen als Erfolg verbuchen können, weil sie für diese Menschen eine feste Bleibe gefunden haben, ist für Br. Jeremias eine zusätzliche Herausforderung, da er sich immer wieder auf neue Leute einstellen muss. Andererseits haben die Kapuziner im St. Konradkloster angeboten, vier Räume für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Vielleicht kommen also noch Leute für längere Zeit.

Text und Fotos: Michael Glaß

* Das an dieser Stelle veröffentlichte Foto wurde bewusst so gewählt, dass die Gesichter nicht erkennbar sind (Das in der Printausgabe veröffentlichte Foto wurde gemeinsam ausgewählt).