Altöttinger Liebfrauenbote

Serie Mariendogmen – II.: Verweis auf den innergöttlichen Ursprung Jesu

Maria Immerjungfrau

Anna Roth.
Anna Roth.

Liebe Leserinnen und Leser, in unserer Serie stellt Ihnen die katholische Theologin und Mariologin Anna Roth exklusiv den theologischen Hintergrund der vier Marien-Dogmen vor: Maria Theotókos / Gottesgebärerin, Maria Aeiparthenos / Immer-Jungfrau, Maria Immaculata Conceptio /Unbefleckte Empfängnis und Maria Assumpta/Aufnahme in den Himmel.

Christi Geburt, St. Wolfgang bei Dorfen.
Christi Geburt, St. Wolfgang bei Dorfen.

In der theologischen Diskussion wird die Jungfräulichkeit Mariens in drei Perioden debattiert: ante partum, d.h. vor der Geburt Christi; in partu, d.h. während der Entbindung Christi und post partum, d.h. nach der Geburt Christi : Maria – virginitas ante partum, Maria – virginitas in partu und Maria – virginitas post partum. Darunter ist zu verstehen, dass Maria vor der Geburt, während und nach der Geburt Jesu Jungfrau war und blieb.

So können wir konkret auch von einem dreifachen Wunder sprechen, dass Gott hier an Maria gewirkt hat. Das große Wunder der Menschwerdung Jesu Christi aus Maria übersteigt die innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten von Zeugung und Geburt, und wir verdanken dieses Wunder dem Wirken des Heiligen Geistes. Auch die Kirche hat in ihren ersten Aussagen des Glaubens fest bekräftigt, "dass Jesus einzig durch die Kraft des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde" (KKK). Der genaue Text im Katechismus lautet wie folgt:

"Wer nicht gemäß den heiligen Vätern im eigentlichen Sinne und der Wahrheit entsprechend die heilige, allzeit jungfräuliche und unbefleckte Maria als Gottesgebärerin bekennt, da sie ja eigentlich und wahrhaftig Gott, das Wort, selbst, der vor allen Zeiten von Gott, dem Vater, geboren wurde, am Ende der Zeiten ohne Samen aus Heiligem Geist empfangen und unverletzlich geboren hat, wobei ihre Jungfrauschaft auch nach seiner Geburt unzerstörbar blieb, der sei verurteilt" (Heinrich Denzinger).

Konkret wird diese Glaubensaussage, wenn die Gemeinde am Sonntag in der heiligen Messe das große Credo betet. Zunächst bekennen wir dann, "dass unser Herr Jesus Christus Gottes eingeborener Sohn ist, dass er ist Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt – nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, und dass er um unseres Heiles willen vom Himmel herabgekommen ist. Es folgt eine wichtige Bezeugung der geistgewirkten Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria. Dieses Zeugnis ist zu Grund gelegt in dem dann folgenden Bekenntnis der Gemeinde, dass er Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist, aus der Jungfrau Maria und Mensch geworden ist" (Franz Courth).

Immerjungfrau und Christozentrik

Christi Geburt, Postlingberg bei Linz.
Christi Geburt, Postlingberg bei Linz.

Hier bekennen sich also ganz ohne Zweifel die im Gottesdienst anwesenden Gläubigen zur geistgewirkten Empfängnis Marias. Und eine weitere wichtige Aussage ist die, dass Jesus Christus Fleisch angenommen hat, d.h. er ist Mensch geworden, er ist einer geworden von uns, in allem uns gleich, außer der Sünde. Speziell bei dieser Thematik wird offenkundig, dass in den lehramtlichen Aussagen über Maria auch immer Aussagen implizit über Jesus Christus enthalten sind.

Anders ausgedrückt kann man das Dogma der Immer-Jungfrau Maria wie folgt deuten: "Maria ist ihrem Sohn bleibend vorbehalten; die Geburt des Erlösers ist der Anfang der neuen Schöpfung, die die menschliche Natur heiligt und erhebt" (Courth).

Wir können also sagen, dass "Gott selbst mit der Inkarnation Jesu in Maria einen Anfang gesetzt hat, der eben direkt auf den unbewegten Beweger (so Thomas von Aquin in seinen Gottesbeweisen), nämlich Gott abzielt. Diese Inkarnation selbst fällt aus den irdischen, weltlichen Gesetzen heraus. Sie fällt aus dem "Ewig" in das "Jetzt". Hier setzt Gott einen "Neuanfang", eine "Neu-Schöpfung". So kann denn auch Courth in seiner Mariologie ausführen, "dass Gott selbst mit der Geburt Jesu Christi einen aus den Gesetzen der Welt und ihrer Geschichte nicht ableitbaren Anfang der neuen Schöpfung gesetzt hat. (...) Zwischen der jungfräulichen Mutterschaft und der Gottessohnschaft besteht eine unablösbare Zuordnung; sie verweist auf den innergöttlichen Ursprung Jesu."

Der Titel "Immerjungfrau" bedeutet für Maria konkret, dem Herrn ihr ganzes Leben zu schenken, für ihn bereit zu sein. Anders ausgedrückt heißt das, dass ihr Glaubens-Ja nicht nur ein Ja des Willens und des Herzens, sondern auch des Leibes und damit der ganzen Person ist. Sie ist also ganz in die Sache des Herrn verwoben. Ihr Leben ist nicht mehr ihr Leben, ihr Wollen ist nicht mehr ihr Wollen, sondern alles in ihrem Leben, ihr ganzes Sein zielt ab auf ihn, ihren göttlichen Sohn.

Immerjungfrau in der Theologie

Krippendarstellung in Altötting, Antoniusbuchhandlung Wieser.
Krippendarstellung in Altötting, Antoniusbuchhandlung Wieser.

Das Bekenntnis zur "jungfräulichen Mutterschaft" wurde immer gläubig angenommen, während es um den Begriff "Immerjungfrau" auch kontroverse Ansichten gab. Besonders bei der Lehre von der "virginitas in partu" d.h. dass Maria auch während der Geburt Jungfrau geblieben ist, gab es differenzierte Meinungen. Dagegen bezeichnet das 2. Konzil von Konstantinopel (553) Maria als die "heilige glorreiche (...) Gottesgebärerin und immerwährende (...) Jungfrau Maria." Auch die Lateransynode des Jahres 649 unter Papst Martin I. hebt die drei Momente der Jungfräulichkeit Mariens hervor, wenn sie von der "heiligen, immer jungfräulichen und makellosen Maria" lehrt, "sie habe ohne Samen vom Hl. Geist empfangen, ohne Verletzung (ihrer Jungfräulichkeit) geboren, und ihre Jungfräulichkeit habe auch nach der Geburt unversehrt fortbestanden.

Nach Kardinal Leo Scheffczyk sahen die Väter die "Gottesmutterschaft" und die "Jungfrauschaft" Marias als eine Einheit an. Dabei steht die Gottesmutterschaft dafür, dass der Erlöser wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Und die Jungfrauschaft deutet auf die göttliche Herkunft und Gottheit des Erlösers hin. Athanasius (†373) bekräftigt, dass die Geburt aus der Jungfrau der sichtbarste Beweis für die Gottheit des Sohnes ist. Diese Aussage erweitert Anton Ziegenaus noch einmal, indem er darauf hinweist, dass die Jungfrauschaft Mariens nicht nur auf die Gottheit des Erlösers, sondern auch auf seine Sohnschaft verweist.

In seiner Betrachtung über den Sinn der Jungfräulichkeit betont Michael Schmaus, dass Christus durch seine Abstammung von einer irdischen Mutter in der Abfolge der Geschlechter steht. Allerdings sei Christus nicht wie die Menschheit an sich voll und ganz in die menschliche Geschichte hinein verwoben, sondern er ist zugleich über diese erhaben. Diese Aussage werde zweifach begründet, einmal durch seine Gottheit und andererseits durch die Art und Weise der geistgewirkten Empfängnis und seine Geburt. Hier zeige sich ganz deutlich die enge Verknüpfung zwischen der Mariologie und der Christologie.

So werden wir hineingenommen in diese Verwobenheit zwischen Mutter und Sohn. Das Dogma von der "Immerjungfrau" zeigt uns einmal mehr die Größe, Erhabenheit  und die besondere Auserwählung Marias von Gott her auf.

Text: Anna Roth, Fotos: Roswitha Dorfner 3, privat 1