Altöttinger Liebfrauenbote

Die Batwa, ein vergessenes Volk in Uganda

Im Wald geboren

Seit 1963 wird der Tag der Freiheit Afrikas gefeiert. In diesem Jahr fällt er auf den Pfingstmontag. Damals versammelten sich Vertreter von 30 unabhängigen Staaten Afrikas in Addis Abeba und gründeten die Organisation Afrikanischer Einheit. Ihr Ziel war es, die endgültige Entkolonialisierung Afrikas zu erreichen. Heute sind alle afrikanischen Staaten unabhängig, aber auf dem Kontinent gibt es noch immer Völker, die ausgegrenzt und diskriminiert werden – etwa die Batwa, ein vergessenes Volk in Uganda.

Alice Nyamihanda in den Bergen Ugandas.
Alice Nyamihanda in den Bergen Ugandas.

Es gibt Nachrichten, die von der Weltpresse ignoriert werden. Die Vertreibung der ugandischen Waldmenschen ist so eine ignorierte Nachricht. Es gibt Völker, die von der Menschheit vergessen werden. Die Batwa sind so ein vergessenes Volk. "Meine Mama hat mir erzählt, wo ich zur Welt gekommen bin", sagt die siebenundzwanzigjährige Alice Nyamihanda. "Das war auf dem Weg. Deshalb heiße ich Nyamihanda. Übersetzt bedeutet das: Eine, die auf dem Weg geboren wurde."

Alice Nyamihanda stammt aus dem Volk der Batwa. Ihre Vorfahren haben jahrtausende lang im heutigen Grenzgebiet von Uganda, Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo als Sammler und Jäger im Wald gelebt. Auch Alice wurde noch im Wald geboren, wenige Jahre bevor die ugandische Regierung die Batwa vertrieben hat, um einen Nationalpark einzurichten. Auf einmal mussten die Waldmenschen sesshaft werden, obwohl ihnen die Landwirtschaft genauso fremd war wie das städtische Leben. Trotzdem ist es Alice gelungen, als erste ihres Volkes einen Universitätsabschluss zu machen.

Die Landschaft im Südwesten Ugandas ist geprägt von grünen Tälern und Hügeln. Immer wieder eröffnen sich spektakuläre Blicke auf riesige Urwaldflächen, in denen Alice ihre ersten Lebensjahre verbracht hat. "Damals lebte ich mit meinen Eltern und meinen Großeltern im Mgahinga Wald, der heute Mgahinga Nationalpark genannt wird. Wir wohnten in Höhlen. Andere Batwa hatten Häuser aus Gräsern und Blättern. Wenn jemand gestorben ist, sind wir an einen anderen Ort gezogen."

Viele Anthropologen bezeichnen Ostafrika als die Wiege der Menschheit. Die Batwa sind das älteste bis heute existierende Volk der Region. Sie haben diese Wälder schon vor Tausenden von Jahren bevölkert. Bis vor Kurzem hatten sie nahezu keinen Kontakt zur modernen Zivilisation. "Wir hatten keine Elektrizität", erinnert sich Alice. "Aber wir hatten Feuer. Meine Eltern brauchten keine Streichhölzer. Die Batwa wissen, welches Holz man aneinander reiben muss, um Feuer zu machen."

"Den Politikern sind Gorillas wichtiger als Batwa"

Batwa Kinder in der ugandischen Bergstadt Kisoro.
Batwa Kinder in der ugandischen Bergstadt Kisoro.

Ugandas wichtigste Devisenquelle ist der Tourismus. Eine Hauptattraktion sind teure Safaris zu den Berggorillas. Die Tiere können im Regenwald beobachtet werden, aus dem die Batwa im Jahr 1991 von Soldaten der ugandischen Armee vertrieben wurden. Alice meint: "Den Politikern sind die Gorillas wichtiger als die Batwa."

Heute arbeitet Alice für die Nichtregierungsorganisation UOBDU, die Vereinigte Organisation für die Entwicklung der Batwa in Uganda. Seit der Vertreibung hat sich für viele Batwa wenig verändert. Die meisten leben noch immer als heimatlose Flüchtlinge. "Unsere Kinder können nicht einmal zur Schule gehen", klagt Alice. "Manche wollen lernen, aber sie kriegen nichts zu essen. Es ist schwierig, hungrig in die Schule zu gehen."

Auch die Situation der Familie von Alice schien aussichtslos zu sein. Doch sie hatten Glück. Eine kirchliche Hilfsorganisation bot Unterstützung an. "Uns geht es nicht wirklich besser als den meisten anderen Familien, aber zumindest haben wir ein wenig Hilfe bekommen. Dadurch lernten meine Verwandten ein paar neue Dinge. Sie haben mit der Landwirtschaft begonnen. Langsam ändert sich etwas." Und Alice bekam ein Schulstipendium. "Niemand in meiner Familie kann schreiben. Im Wald gab es keine Schule. Dort hatten wir eine informelle Bildung. Die Erwachsenen haben sich zu den Kindern gesetzt und ihnen von ihrer Kultur erzählt."

Die Familie von Alice lebt in der Nähe des Dorfes Gatela, etwa zwei Autostunden von Kisoro entfernt. Die Fahrt führt vorbei an Mais- und Bananenfeldern. Kinder treiben Ziegenherden über die Schlaglöcher, Frauen tragen große Körbe voll Obst und Gemüse auf ihren Köpfen, Männer mit Fahrrädern transportieren riesige Bananenstauden.

"Perle Afrikas"

Alices Mutter vor ihrer kleinen Küche.
Alices Mutter vor ihrer kleinen Küche.

Das Dorf Gatela liegt im Dreiländereck. Die Grenze zu Ruanda ist nur wenige Kilometer entfernt. Die Hütten auf der gegenüber liegenden Seite des Tals sind schon in der Demokratischen Republik Kongo. Den letzten Kilometer muss man zu Fuß laufen. Ein Eukalyptuswäldchen steht neben einer Lichtung voller Zypressen. Bunt blühende Bougainvilleen wachsen im Schatten riesiger Zedernbäume. Die Gegend ist so fruchtbar und reich an Flora und Fauna wie nur wenige andere Gebiete des Kontinents. Hier wird deutlich, weshalb viele Touristenführer Uganda als "die Perle Afrikas" preisen. Aber die Batwa bekommen nicht viel ab von dem Reichtum.

Die Mutter von Alice und die Familien ihrer Geschwister leben in einer kleinen Hütte aus Holzwänden und mit Strohdach. Alice setzt sich neben ihre Mutter auf eine Bank in einem dunklen Raum ohne Fenster. Sie war das erste Mädchen aus dem Volk der Batwa in Uganda, das einen Sekundarschulabschluss geschafft hat und fließend Englisch spricht. So kann sie für ihre Mutter übersetzen: "Sie sagt, sie vermisse den Wald sehr. Meine Geschwister müssen für fremde Leute arbeiten, damit die ihnen was zu essen geben. Sie sagt, sie habe mich zur Schule geschickt, weil sie wollte, dass ich so werde wie die anderen Leute. Ich sollte etwas lernen, damit ich ihr helfen kann."

Längst nicht alle Batwa-Eltern erlauben, dass ihre Kinder zur Schule gehen, aber Alice wollte lernen und ihre Eltern waren einverstanden. "Meine Mutter ist froh, dass ich zur Schule gegangen bin. So kann ich ihr heute Nahrung beschaffen, wenn sie nicht genug zu essen hat. Wenn sie Seife, Kerzen oder solche Dinge braucht, kriegt sie die von mir. Sie wünscht sich, dass auch ihre Enkel die Schule abschließen. Dann können sie eine Anstellung bekommen und so leben wie die Menschen in der Stadt."

"Musik ist uns wichtig, weil sie fröhlich macht"

Als nächstes besucht Alice ihre Tanten auf dem nächsten Hügel. Die Frauen haben sich viel zu erzählen. Plötzlich beginnt eine, rhythmisch zu klatschen. Die anderen stimmen ein. "Wir singen und tanzen, weil wir uns daran erinnern, wie das Leben im Wald war", sagt Alice und schwingt ihre Hüften im Takt der Musik. Die Tanten bewegen sich erst langsam, dann immer schneller. Sie strecken die Arme weit auseinander, stampfen mit den Füßen im Staub, hopsen, lachen und schnipsen mit den Fingern. "Dieses Lied haben sie früher gesungen, wenn sie zusammen im Wald saßen und glücklich waren. Musik ist uns wichtig, weil sie fröhlich macht. Ich fühle mich frei, wenn ich tanze."

Zwei Kilometer entfernt liegt die Grundschule, die Alice als Kind besucht hat. Neben den Klassenräumen stehen noch mehrere andere Gebäude, die Schlafsäle für Jungen und Mädchen, in denen früher auch Alice geschlafen hat. In Uganda ist es üblich, dass Schülerinnen und Schüler schon zu Grundschulzeiten über Nacht in der Schule bleiben, oft monatelang, ähnlich wie in einem Internat. "Viele Kinder wohnen in der Schule, weil sie zu Hause nichts zu essen bekommen. Kinder, die einen Sponsor haben, bleiben immer in der Schule. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich von den anderen Kindern und vielen Lehrern diskriminiert wurde. Sie waren Bahutu und mochten uns Batwa nicht. Es war eine schwere Zeit. Ich hatte nichts anzuziehen und musste die schäbige Jacke meines Vaters tragen. Die anderen haben gesagt: 'Neben der wollen wir nicht sitzen.' Manchmal haben sie mich geschlagen. Deshalb habe ich oft geweint und bin nach Hause gelaufen. Aber meine Eltern haben gesagt: 'Gehe zurück, auch wenn die anderen Kinder gemein zu dir sind. Setze dich in die Klasse und lern' so gut du kannst. Lese deine Bücher, so kannst du alles erreichen.' Mit dieser Ermutigung konnte ich weitermachen."

"Wir waren auf Augenhöhe"

Viele Batwa leben heute als Tagelöhner auf den Grundstücken wohlhabender Landbesitzer.
Viele Batwa leben heute als Tagelöhner auf den Grundstücken wohlhabender Landbesitzer.

Nach ihrem Schulabschluss schaffte Alice es sogar bis zur Universität. "Ich wollte den Leuten, die mich diskriminiert haben, beweisen, dass wir Batwa so sein können wie sie, dass auch wir etwas erreichen können. Die anderen sprachen immer von der Hauptstadt Kampala. Dorthin wollte ich auch. Als ich die Chance für ein Universitätsstipendium bekam, dachte ich mir, eine Hochschulbildung gibt mir die Möglichkeit, eines Tages meinem Volk zu helfen."

Diese Hoffnung hat sich erfüllt. "An der Universität in Kampala wusste niemand, dass ich aus dem Volk der Batwa stamme. Ich habe sogar Vorträge gehalten. Ich habe mich einfach hingestellt und habe gesprochen. Und ich war Klassensprecherin. Wir waren auf Augenhöhe."

Nach ihrer Zeit an der Universität hätte Alice in Kampala bleiben und in einer großen Firma ein gutes Gehalt verdienen können. Aber sie entschied sich, nach Kisoro zurückzukehren. Mit ihrem Diplom in Entwicklungsstudien will sie dazu beitragen, den Lebensstandard ihres Volkes zu verbessern: "Eines Tages wird es auch Batwa geben, die sich in der Politik engagieren. Dann wird sich die Regierung mehr um uns kümmern."

Der Besuch in ihrer alten Schule stimmt Alice optimistisch: "Ich sehe all diese Batwa-Kinder. Eines Tages werden sie ihre Ausbildung beenden und eine Anstellung bekommen. Dann machen sie was aus ihrem Leben. Das gefällt mir."

Text und Fotos: Andreas Boueke