Altöttinger Liebfrauenbote

Der Kapuziner Paul Hinder leitet das Apostolische Vikariat Südliches Arabien

Bischof im Kirchenlaboratorium

Der Kapuziner Paul Hinder (73) ist seit zehn Jahren Bischof in einer der für Christen schwierigsten Weltregionen, der arabischen Halbinsel. Er leitet das Apostolische Vikariat Südliches Arabien, das mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Oman und dem Jemen etwa 930.000 Quadratkilometer umfasst. Vom Amtssitz in Abu Dhabi (VAE) aus kümmert sich Paul Hinder um knapp eine Million Katholiken. Wie und unter welchen Bedingungen das geht, davon berichtete der gebürtige Schweizer am 9. Mai in Altötting.

Diplomatisch im Auftritt, fest in der Sache und volksnah: Bischof Dr. Paul Hinder während seines Vortrags in Altötting und...
Diplomatisch im Auftritt, fest in der Sache und volksnah: Bischof Dr. Paul Hinder während seines Vortrags in Altötting und...

Oft werde er gefragt, was er denn da unten in Arabien mache, so Paul Hinder einleitend. In der Tat: Vielen ist gar nicht bewusst, dass es relativ viele Christen im "Kernland des Islams" gibt – und noch weniger vermutet man einen Kapuziner als Bischof in Südarabien. Doch so wie etwa die Bayerischen Kapuziner seit langem in der Araukanie im südlichen Chile Missionsarbeit leisten – mit Sixtus Parzinger stellen sie den Bischof der dortigen Diözese Villarrica –, so sind Kapuziner aus Frankreich, Italien und der Schweiz seit 1888 auf der arabischen Halbinsel tätig.

Eine Tätigkeit, von der oft nur wenig nach außen dringt. Der Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann beispielsweise habe ihm in seiner Gratulation zur Bischofsernennung geschrieben: "Lieber Paul, ich weiß zwar nicht, was du da unten tust, aber ich gratuliere dir trotzdem!" Bischof Hinder nimmt es gelassen. Er habe nie Bischof werden wollen, erzählt der Schweizer Kapuziner, doch selbst Papst Franziskus habe er schon auf die Frage nach dem Grund seines Engagements in Arabien geantwortet: "Wenn ich schon Bischof sein muss, dann bin ich es lieber in Abu Dhabi als daheim in Basel."

Kirche von Migranten

...inmitten von Gläubigen in seinem Vikariat in Südarabien.
...inmitten von Gläubigen in seinem Vikariat in Südarabien.

Darin zeigt sich die ganze Verbundenheit Paul Hinders zu den Katholiken und anderen im Auftrag Roms von ihm betreuten Denominationen orientalischer Riten wie zum Beispiel Maroniten, Syro-Malabaren oder Syro-Malankaren. Nicht nur in dieser Verschiedenheit liegen einige der Schwierigkeiten begründet, die das Hirtenamt in Südarabien auszeichnen. Die größte Schwierigkeit nämlich liegt darin, wie Bischof Hinder berichtet, dass es in keinem arabischen Land Religionsfreiheit gibt – es sei auch unmöglich, dass ein Moslem Christ werde (umgekehrt natürlich schon). Doch der Kapuziner differenziert: Kultusfreiheit – also die Freiheit, den Glauben zu leben, Gottesdienste zu feiern – gebe es nämlich außer in Saudi-Arabien schon, allerdings mit starken Einschränkungen. Im öffentlichen Leben sind beispielsweise alle christlichen Symbole verpönt und oft gibt es kaum erfüllbare Auflagen etwa für katholische Schulen.

Der fehlenden Religionsfreiheit ist es daher auch geschuldet, dass fast alle Christen im Apostolischen Vikariat Südliches Arabien Ausländer sind. Sie stammen aus mehr als 90 Ländern, vor allem von den Philippinen, aus Indien, Sri Lanka, Bangladesch und Pakistan – aber auch aus Süd- und Mittelamerika oder Afrika. "Wir sind eine Kirche aus Migranten für Migranten", betont Bischof Hinder. In den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa beträgt der Ausländeranteil sage und schreibe 85 Prozent. Die Mehrheit dieser Menschen lebe in ärmlichsten Verhältnissen: "Sie wohnen in moderner Käfighaltung und bauen die Luxustürme der Einheimischen", nimmt Hinder kein Blatt vor den Mund.

Starkes Glaubensleben

Am Tag vor seinem Vortrag zelebrierte Bischof Paul Hinder eine hl. Messe in der Gnadenkapelle.
Am Tag vor seinem Vortrag zelebrierte Bischof Paul Hinder eine hl. Messe in der Gnadenkapelle.

Dennoch ist der Kapuzinerbischof stets um Ausgleich mit den Herrschenden bemüht – um möglichst viel für seine "Schäfchen" zu erreichen. Diese nämlich sind zahlreichen Problemen ausgesetzt. Beispielsweise gebe es keine unbegrenzten Aufenthaltsbewilligungen, erläutert Hinder. Sie seien meist auf ein Jahr begrenzt ("auch für den Bischof") und damit ein perfektes Mittel zur Kontrolle der Einwanderer. Denn diese verhielten sich möglichst regelkonform, um auch im nächsten Jahr weiter im Land leben und arbeiten zu können.

So leistet die Kirche vielfältige Unterstützung wie etwa Rechtsberatung oder psychologische Hilfe (Hinder berichtet von einer erschreckend hohen Suizidrate unter den Migranten). Weil es keine organisierte Caritas wie etwa in Deutschland gebe, leisteten Pfarreigruppen karitative Hilfe. Überhaupt ist das Engagement der Laien in seinem Vikariat – allen Schwierigkeiten zum Trotz – offenbar außerordentlich groß.

Bischof Hinder ist sichtlich stolz auf die Glaubensstärke und Einsatzbereitschaft der Christen vor Ort, ob nun im kirchlichen Dienst, in der Katechese oder in der Caritas. "Anders ginge es auch gar nicht", gibt der Kapuziner unumwunden zu und verweist etwa auf seinen bescheidenen Bischofsstab mit gerade einmal vier hauptamtlichen Mitarbeitern im "Ordinariat". Eine Kirchensteuer gibt es natürlich ebenfalls nicht, die Kirche lebt von den Spenden der Gläubigen.

Sehnsucht nach Frieden

Bischof Paul Hinder mit seinen "Brüdern" P. Norbert Schlenker, stellvertretender Wallfahrtsrektor in Altötting und Guardian im St. Magdalenakloster, und P. Marinus Parzinger, Provinzial der Deutschen Kapuzinerprovinz.
Bischof Paul Hinder (M.) mit seinen "Brüdern" P. Norbert Schlenker (l.), stellvertretender Wallfahrtsrektor in Altötting und Guardian im St. Magdalenakloster, und P. Marinus Parzinger (r.), Provinzial der Deutschen Kapuzinerprovinz.

Immer wieder sind es beeindruckende Zahlen, von denen Bischof Hinder berichtet. Sie kommen daher, dass die Religionsausübung eben nur an wenigen ausgewählten Orten erlaubt ist. Die St. Mary's Church in Dubai (VAE) etwa bildet mit bis zu 400.000 Gläubigen und um die 80.000 Gottesdienstbesuchern in der Woche die wahrscheinlich größte Pfarrei der Welt. In diesem Jahr habe man in St. Mary's 780 Firmlinge verzeichnet. Der Kapuziner weiter: "Wir haben in Abu Dhabi (seinem Amtssitz) jede Woche 4.000 Kinder im Religionsunterricht, in Dubai 7.000 – dafür ist ein Heer von Katecheten in knapper Freizeit meist ehrenamtlich im Einsatz".

Das Glaubensleben kann ohne ein starkes Subsidiaritätsprinzip zugunsten der Pfarreien und der Laienpastoral nicht aufrechterhalten werden. Dass dabei nicht immer alles ganz glatt läuft, kommentiert Bischof Hinder so: "Ich habe lieber erstmal Wildwuchs, den ich dann zurechtschneide, als umgekehrt" – dabei kann er sich einen kleinen Seitenhieb auf das doch oft träge Laienengagement in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz, wo alles durchreglementiert sei, nicht verkneifen.

Der Kapuziner fühlt sich mit seinem Vikariat wie in einem Kirchenlaboratorium – zahlreiche christliche Migranten, vielfach traumatisiert in muslimischen Ländern, die selbst im Umbruch sind (aktuell herrscht Bürgerkrieg im Jemen): "Es braut sich ein Mix zusammen, von dem wir noch nicht wissen, was daraus wird". Es sei eine Transformation mit offenem Ausgang – die Hinder trotz allem nicht pessimistisch sieht: "Aber es ist eine große Herausforderung!" Mut machen ihm dabei vor allem seine Gläubigen selbst: "Ich staune immer wieder über die große Frömmigkeit und den tiefen Glauben der Menschen." Auch sei er als Bischof immer mit großem Respekt von den Muslimen behandelt worden – diese hätten "eine genau so große Sehnsucht nach Frieden wie wir."

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: Wolfgang Terhörst 1, red 1, Roswitha Dorfner 2