Altöttinger Liebfrauenbote

Kardinal Walter Kasper eröffnet Wallfahrtssaison in Altötting

Mit Maria auf dem Weg

Mit einer feierlichen Pontifikal- und -Orchestermesse – Kapellchor und orchester brachten unter Leitung von Kapellmeister Max Brunner die Mariazeller Messe von Joseph Haydn zu Gehör – hat Kardinal Walter Kasper am 1. Mai in der St. Anna-Basilika die Wallfahrtssaison in Altötting offiziell eröffnet. Zahlreiche Gläubige besuchten das Pontifikalamt, bei der u.a. Diözesanbischof Stefan Oster und die beiden Wallfahrtsrektoren Prälat Günther Mandl und Kapuzinerpater Norbert Schlenker konzelebrierten. Kardinal Kasper riet den Gläubigen, sich "wie Maria mit Gott und mit der Kirche auf den Weg" zu machen. In einer feierlichen ersten Maiandacht in der Stiftspfarrkirche am Freitagabend stellte er die Gottesmutter als "Mutter der Barmherzigkeit" vor.

Kardinal Walter Walter Kasper und Bischof Stefan Oster beim Auszug aus der Basilika mit der Gnadenbildkopie.
Kardinal Walter Walter Kasper (M.) und Bischof Stefan Oster beim Auszug aus der Basilika mit der Gnadenbildkopie.

"Kommt und seht", zitierte Kardinal Kasper das diesjährige Wallfahrtsmotto und sagte: "Gerne bin auch ich diesem Ruf gefolgt und nach Altötting gekommen" – auch weil diese Worte aus dem Evangelium über die ersten Jünger (Joh 1, 35f) in Kaspers persönlichen "Berufung zum Priestertum eine große Rolle gespielt" hätten. Ähnlich wie die ersten Jünger seien auch wir heute auf der Suche – "viel mehr als wir denken", stellte der Kardinal fest. Jesus habe den Jüngern damals keine langen Vorlesungen gehalten, und auch heute hülfen "keine langen Reden". Stattdessen habe Jesus "seine Einladung 'Kommt und seht!' konkret erläutert", als er am Kreuz seinen Lieblingsjünger Johannes auf seine Mutter verwies. Kasper stellte fest: "Damit hat er gesagt: Wenn ihr wissen wollt, was Christsein heißt, dann schaut auf Maria." Die Gottesmutter sei das "Urbild der Kirche und des Christseins". Zeichen dafür sei auch die Wallfahrt: "Christen aller Zeit sind von den Marienwallfahrtsorten wie Altötting fast magnetisch vom Charme der Gottesmutter angezogen worden."

"Was Maria uns über unser Christsein zu sagen hat"

Kardinal Walter Kasper bei der Predigt in der Basilika.
Kardinal Walter Kasper bei der Predigt in der Basilika.

Auch wenn sich die Kirche "auf ihrem Weg durch die Geschichte auch schmutzig" gemacht habe – "in Maria dagegen schauen wir die Kirche und das Christsein in ihrer ganzen Reinheit und Schönheit", sagte Kardinal Kasper und führte in vier Punkten aus, "was Maria uns über unser Christsein zu sagen hat".

So sei "Maria die Frau, die auf Gott hört", und "auch heute ist Gott im Gespräch mit seiner Braut, der Kirche, und er ist – wenn wir wie Maria bereit sind zu hören – im Gespräch mit jedem Christen". Wie Maria sollten wir "Menschen sein, die auf Gott hören, sich an ihm orientieren und wie sie das Wort Gottes in unserem Herzen, in unserem Gewissen bewegen", empfahl der Kardinal.

Außerdem sei Maria eine "starke Frau, die beherzt Ja" gesagt habe und sich von Gott überraschen ließ, sagte Kardinal Kasper und stellte fest: "Der Glaube ist kein fixes System; der Glaube ist ein Weg, auf dem wir an Gottes Hand durchs Leben  gehen." Kasper riet den Gläubigen wie Maria "Zeugen, Boten und Freunde des Lebens zu sein, des ungeborenen wie des geborenen".

In einem dritten Punkt stellte Kardinal Kasper die Gottesmutter als die Frau vor, "die mit Gott ihren Weg geht": Maria habe auf der Flucht nach Ägypten "das Flüchtlingsschicksal von Abermillionen Menschen heute" geteilt, sagte er u.a. und erklärte: "Christsein ist eine große Wallfahrt." Mit Blick auf das II. Vatikanische Konzil (1962-65) erläuterte er, dass auch die Kirche nicht stehen bleiben dürfe, wörtlich sagte er: "Mit dem Konzil hat sich die Kirche neu auf den Weg gemacht; nicht auf einen neuen Weg, aber auf eine neue Wegstrecke. Papst Franziskus will mit dem (kürzlich angekündigten) Heiligen Jahr den Weg des Konzils weiterführen. Er ist ein Papst des Aufbruchs."

Zuletzt stellte Kardinal Kasper die Gottesmutter als "heilige Frau" vor und fügte hinzu: "Zur Heiligkeit sind wir alle berufen." Konkret führte er aus: "Ein Heiliger ist ein Mensch, der nicht weiß, wie es möglich sein kann, nicht zu lieben, nicht mitzuleiden und mitzuhelfen, kein Gefühl zu haben für die Freuden und Ängste anderer".

Kardinal Kasper riet den Gläubigen "zupackende Hände und ein offenes Herz" zu haben. Maria sei "unsere Helferin in allen Nöten, Zuflucht der Sünder" und auch "Hilfe der vielen Christen, die heute – vielleicht wie kaum zuvor – verfolgt werden".

"Stunde der Barmherzigkeit"

Bürgermeister Herbert Hofauer, Bischof Stefan Oster, Erwin Schneider und Wallfahrtsrektor Prälat Güther Mandl beobachten Kardinal Kasper beim Eintrag ins Goldene Buch. In seiner Ansprache im Rathaus erklärte Kardinal Kasper u.a. zur Amtsführung von P
Bürgermeister Herbert Hofauer (v.l.), Bischof Stefan Oster, Erwin Schneider und Wallfahrtsrektor Prälat Güther Mandl beobachten Kardinal Kasper beim Eintrag ins Goldene Buch. In seiner Ansprache im Rathaus erklärte Kardinal Kasper u.a. zur Amtsführung von Papst Franziskus und dessen Vorgänger Benedikt XVI.: ihr Stil sei völlig verschieden – "aber sie haben denselben Glauben." Bischof Oster gestand, dass Kardinal Kaspers theologische Schriften für ihn prägend seien; es sei ihm eine große Freude, sein "Idol" persönlich kennengelernt zu haben.

"Maria bezeugt mit ihrem Charme den ganzen Charme der Barmherzigkeit Gottes; sie zeigt dass diese Barmherzigkeit für alle, die danach rufen, grenzenlos ist und keinen ausschließt. Sie ist die Mutter der Barmherzigkeit", stellte Kardinal Kasper in der Maiandacht am Abend fest. Die Gottesmutter zeige uns, "dass wir unseren Individualismus und unseren Egoismus, unsere Gleichgültigkeit gegenüber der Not anderer überwinden müssen, und es gibt so unbeschreiblich viel Not und Leid in der Welt", stellte der Kardinal fest und rief dazu auf "Bedürftigen entgegen zu kommen": "Nur durch gelebte und aktive Barmherzigkeit können wir in einer Welt, die sehr kalt auf ihre Rechte bedacht ist, glaubwürdige und überzeugende Christen sein."

Im Magnifikat sage Maria, "dass bei Gott nicht die Mächtigen und Reichen sondern die Demütigen und Barmherzigen das letzte Wort haben", erklärte Kasper und erteilte auch eine klare Absage an Rechthaberei innerhalb der Kirche. Mit Blick auf das "Beispiel vom Pharisäer und vom Zöllner" (Lk 18,9f) stellte Kasper fest: "Manche, die sich als sehr gute Katholiken vorkommen, müssen sich fragen, zu wem sie gehören wollen: zu dem Pharisäer oder zu dem armen Sünder und der armen Sünderin, denen Jesus vergeben hat, obwohl das die Pharisäer zur Weißglut brachte."

Kardinal Kasper betonte: "In der Kirche ist die Stunde der Barmherzigkeit angebrochen. Im kommenden Heiligen Jahr sollen wir bei Maria, der Mutter der Barmherzigkeit, in die Schule gehen und von ihr das Christsein neu lernen."

Text: Michael Glaß, Fotos: Roswitha Dorfner

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)