Altöttinger Liebfrauenbote

120 Jahre "Altöttinger Liebfrauenbote" – 1915-1924

"... der Mensch in seinem Wahn"

120 Jahre ist der "Altöttinger Liebfrauenbote" heuer im Januar alt geworden. Damit ist die einzige marianische Wochenzeitung Deutschlands auch eine der ältesten Kirchenzeitungen im Land. Anlässlich des Jubiläumsjahres werfen wir in unregelmäßigen Abständen einen Blick zurück auf ein Jahrzehnt "Boten"-Vergangenheit – dieses Mal auf die Jahre 1915-1924.

Neujahrsgruß 1916, und...
... das Bild "Ein Blick in die Zukunft" im Dezember 1916 (siehe Text).

"Friede auf Erden!", titelte am 2. Januar 1916 der "Bote" (1. Bild links) und druckte ein Bild der "Gloria- und Friedens-Engel der hl. Nacht", auf dass sie "uns ins neue Jahr das Geleite geben". Daneben ein Gedicht an die Gottesmutter: "... O segne hoch vom Himmelsthron / das neue Jahr, durch deinen Sohn! Ave Maria!" Ganz anders das Bild "Ein Blick in die Zukunft" (2. Bild links) in der Ausgabe vom 31. Dezember 1916: Es erinnert doch schon sehr an Hollywood-Filme der Gegenwart, was sich der offenbar englische Künstler über den "Zukunftskrieg mit gepanzerten Riesenkolossen" ausgedacht hat – vielleicht sollte das Bild eine Mahnung sein, vielleicht wollte der Künstler aber einfach nur die schrecklichen Ereignisse des I. Weltkriegs (1914-18) und seiner unendlich verlustreichen "Materialschlachten" in dem neu aufblühenden Science Fiction-Genre verarbeiten. "Die Fürchterlichkeit der jetzigen Waffen genügt diesem Volke (Engländer) noch nicht", kommentierte jedenfalls empört unser Sonntagsblatt, und zeigt auf, dass man in dieser Zeit geneigt war, im Gegner immer nur das Schlechteste zu vermuten. Zeitlos immerhin die Zeilen von Friedrich Schiller aus dem Werk "Das Lied von der Glocke", die der "Bote" der Zukunftsvision hintanstellte: "Gefährlich ist's, den Leu (Löwen) zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, jedoch der Schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn."

Es tobte gerade der mörderischste Krieg, den die Welt bis dato erlebt hatte. Das eine Bild drückt den "Friedenswunsch" der Menschen aus, der Kommentar zum anderen Bild die Angst und das Misstrauen, welche gerade auch die deutsche Gesellschaft die Jahre nach dem I. Weltkrieg noch lange prägen sollten. Auch den "Boten", der freilich auch in diesen Jahren die "Sonntagslesung, Erzählungen, Berichte aus Altöttings Vergangenheit nebst Beschreibung seiner Sehenswürdigkeiten" veröffentlichte. So fasste der damals verantwortliche Redakteur H. H. Karl Vogl, Benefiziat in Holzhausen, das "Inhaltsprogramm" des Sonntagsblatts zusammen, als er in der Ausgabe vom 28. Dezember 1919 auf 25 Jahre Bestehen zurückblickte. Außerdem enthielt der "Bote" Berichte und eine "politische Wochenschau", und hierbei sah sich Pfr. Vogl zu folgender Rechtfertigung gezwungen: "Es gibt gar Manche, die da meinen, der Oettinger Bote mit seinem Gnadenbilde vornan sollte politische Erörterungen ganz meiden und nur ein rein religiöses Blatt sein", schrieb er in seinem Rückblick und mahnte: "Das wäre der Oedinger Tod für den Boten..., denn rein religiöse Blätter haben wir ohnehin genug in Altötting." Pfr. Vogl fügte hinzu: "Es ist wohl wahr: Politisch Ding, ein garstig Ding. Aber Wohl und Wehe der Kirche, des Reiches Christi auf Erden, hängt vielfach innig mit der politischen Gestaltung im Lande zusammen."

Der Friedensaufruf von Papst Benedikt XV. verpuffte

Die seltenen Bilder, die der "Bote" in jener Zeit abdruckte – hier zu Ostern 1916 – verklärten oftmals den Krieg. Die Situation für die Soldaten an der Front sah freilich ganz anders aus...

Tatsächlich waren die (meist) acht Seiten der "Boten"-Ausgaben in den Jahren 1895-1924 zu einem großen Teil der Politik gewidmet. Das lag auch daran, dass die Sonntagszeitung aus Altötting zu jener Zeit oft die einzige Quelle war, aus der die Menschen – insbesondere auf dem bayerischen Land – Informationen über das politische Weltgeschehen schöpften. Nicht wenige Soldaten ließen sich den "Boten" während des I. Weltkriegs sogar an die Front schicken. Die vielen politischen Berichte in jenen Jahren sind gerade auch der turbulenten Kriegs- und Nachkriegszeit geschuldet. Auch heute noch hat der "Bote" eine "politische" Seite: im "Zeitgeschehen" auf Seite 11. Politisches gibt es zum Teil auch in den Berichten der Rubrik "Kirche und Welt" zu lesen – heute, da Stellungnahmen der Kirche angesichts der Informationsflut in den Massenmedien unterzugehen drohen, macht dies auch nach wie vor Sinn. Doch Pfr. Vogl hatte es damals bereits angedeutet: Politik kann "garstig" sein, insbesondere dann, wenn ein Redakteur – weit entfernt vom Geschehen und geprägt durch das eigene Umfeld – allzu sehr durch die eigene Brille blickt.

Im Rückblick auf die Ausgaben der Jahre 1915-1924 muten manche Erörterungen dann doch recht abenteuerlich an. Da scheint es beim Überfliegen der recht ausführlichen Meldungen und Berichte "Vom Kriege" der Ausgaben im Jahr 1916, dass "wir Deutschen" die Schlacht bei Verdun locker noch gewinnen könnten. Die tatsächliche Bilanz: Endlose "Materialschlachten" mit modernem Kriegsgerät ohne nennenswerte Gebietsgewinne und je über 300.000 Tote auf deutscher und französischer Seite. Auf beiden Seiten riefen damals Pfarrer wie auch Pastoren zum Krieg auf und der Friedensaufruf von Papst Benedikt XV. vom 28. Juli 1915 (siehe "Bote" Nr. 8) verpuffte bald auch im Altöttinger "Boten": Unsere Zeitung druckte ihn zwar am 15. August ab – in extragroßen Lettern. Lokal kündigte der "Bote" in derselben Ausgabe eine "Kriegs-Bittprozession" mit dem Passauer Bischof in Altötting an und berichtete von einem Trauergottesdienst für den 300. gefallenen MC-Sodalen im Kongregationssaal. Doch schon eine Woche später hieß es ausweichend zum Aufruf des Papstes: "Wir stehen ja auf dem gleichen Standpunkt wie der Papst", aber: "Unsere Feinde wollen nichts vom Frieden hören...".

Bis zuletzt sah der "Bote" die Deutschen in der Opferrolle. Noch Ende Oktober 1918 mahnte der "Bote" der feindlichen Übermacht standzuhalten und gab mit Blick auf den jüdischen Freiheitskämpfer Judas Makkabäus die "Kampfparole an der Westfront" aus: "Ja, lieber männlich sterben für unsere Brüder und keinen Flecken unserer Ehre anhängen!" Der Krieg war da für Deutschland schon längst verloren, und mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 war das Ende des I. Weltkriegs dann auch offiziell besiegelt. Der "Bote" wähnte Deutschland "von den Feinden nicht besiegt, aber von den Freunden verlassen" und schwieg erst mal für eine Weile zu dem Thema.

Früh gegen Hitler

Die verheerenden wirtschaftlichen Folgen und der Nachkriegsjahre lassen sich auch am Altöttinger Liebfrauenboten ablesen. Im Zuge der Inflation 1923 kostete das Wochenblatt kurz vor der Währungsreform im Dezember 10 Mrd. Mark.

Im Rückblick zum 25-jährigen Bestehen der Sonntagszeitung erklärte sich Redakteur Pfr. Vogl mit folgenden Worten: "Vielfach wurde es mir besonders nach dem militärischen Zusammenbruch verübelt, dass ich im Boten das Volk solange in der Hoffnung auf einen erträglichen Ausgang hinhielt (...) Auch die Feinde waren ja am Ende ihrer Kraft und wäre das Heer, wie Hindenburg sich äußerte, nicht von hinten erdolcht worden, so hätten wir einen ganz annehmbaren Frieden ... erlangt." Leider nein: Den "Dolchstoß" entlarvten die Historiker als Legende, sie sprechen stattdessen von der "Revolution von oben": Obwohl die Lage längst aussichtslos war, ließ General Erich Ludendorff die letzte Chance auf einen verträglichen Frieden auf Basis der 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson bewusst außer Acht. Stattdessen überließ er den ungeliebten politischen Parteien die undankbare Aufgabe, den Waffenstillstand auszuhandeln. Es war eine aussichtslose Aufgabe, denn weil Ludendorff so lange gewartet hatte, hatte die deutsche Seite gar keine Trümpfe mehr in der Hand und der Versailler Vertrag glich schließlich einer bedingungslosen Kapitulation – mit verheerenden wirtschaftlichen und politischen Folgen. Die Dolchstoßlegende wurde letztendlich zur tödlichen Waffe der Nationalsozialisten gegen die erste deutsche Republik.

Das wiederum hatte auch der "Bote" nicht gewollt, zuallerletzt dessen Redakteur Pfr. Vogl. Dieser war nicht völlig blind "auf dem rechten Auge". Als Adolf Hitler am 9. November 1923 mit seinen nationalsozialistischen Kolonnen von München nach Berlin marschieren wollte, um die demokratische Regierung zu stürzen – der Putsch wurde übrigens noch in München durch Polizeieinheiten vor der Feldherrnhalle gestoppt – warnte der "Bote" in der Ausgabe vom 25. November: "Die plötzlich losgehende infame Pfaffen- und Katholikenhetze hat die Leute um Hitler herum entlarvt...", und weiter: "Seit Jahr und Tag haben sie es verstanden ihren Kirchenhaß vorsichtig in nationale Phrasen einzuwickeln..." Nach wie vor kämpfte Pfr. Vogl für eine "vaterländische Bewegung", die völkische und atheistische Bewegung unter Hitler war ihm aber von Anfang an zuwider. Leider übersah er jedoch auch potenzielle Freunde. In der Politik verteidigte die SPD gemeinsam mit der christlichen Zentrumspartei und der liberalen DDP in der sog. "Weimarer Koalition" die Republik gegen Angriffe rechts- und linksradikaler Parteien – ohne Erfolg (mehr dazu im nächsten Rückblick). Der "Bote" wurde nicht warm mit der Republik, er trauerte der Monarchie nach, und er warnte u.a. in der Ausgabe vom 26. Januar 1919, dass ein Katholik kein Sozialdemokrat sein könne. Der atheistischen Grundidee des Sozialismus zum Trotz blieben jedoch auch viele Sozialdemokraten der katholischen Kirche treu.

Das Gnadenbild auf der Flucht

Prälat Konrad berichtete im Mai 1919 von der Gnadenbildflucht...

Immerhin: Als der erste, am 11. Februar 1919 von der Nationalversammlung gewählte Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) Papst Benedikt XV. seine Wahl mitteilte, berichtete der "Bote", dass der Hl. Vater den Brief "sehr wohlwollend" aufgenommen habe; dass Ebert die Beziehungen zum Apostolischen Stuhl verbessern wolle, war der Sonntagszeitung ebenfalls ein paar Zeilen wert. Auch als der frisch ernannte und erste Berliner Apostolische Nuntius, ein gewisser Eugenio Pacelli, mit Ebert zusammentraf, berichtete der "Bote" (11. Juli 1920). Zuvor war Pacelli, der spätere Papst Pius XII., Nuntius in München, und besuchte als solcher übrigens auch den Gnadenort Altötting: Am Festtag der hl. Elisabeth habe er im "Anbetungs-Kirchlein des St. Kreszentien-Missionsklosters einen feierlichen Gottesdienst" abgehalten, berichtete unsere Sonntagszeitung am 23. November 1919.

Selbstverständlich berichtete der "Bote" auch aus dem Gnadenort, von Pilgern, die kamen und um Frieden baten. Von "Gebetserhörungen" ist zu lesen. Die politische Lage nach 1918 sorgte auch im ruhigen Altötting für Unruhe. Zeugnis davon liefert die "Gnadenbildflucht" im April 1919: Der Altöttinger Stadtpfarrer Prälat Franz Xaver Konrad brachte es nach Passau. Er witterte "eine unmittelbare Gefahr" aufgrund heranrückender Spartakisten. In einer Serie über mehrere Ausgaben 1919 schrieb der Prälat – nach der Gründung 1895 war Konrad übrigens der erste "Boten"-Redakteur – über die Gründe der Gnadenbildflucht und blickte auch auf jene während des Dreißigjährigen Krieges 1632 zurück. Nur dass die Gefahr 1919, im Nachhinein betrachtet, so groß gar nicht war – nur kurz war die Phase der Räterepublik in Bayern, auch die Revolutionäre wurden vertrieben, bevor sie Altötting erreichen konnten. Der Altöttinger Kapuzinerpater Cyprian Fröhlich beschwerte sich später, dass ein solcher Schritt von so weit reichender Bedeutung "aus einer durch die nachfolgenden Ereignisse in nichts gerechtfertigten, übertrieben erscheinenden Ängstlichkeit" nicht geschehen hätte dürfen. Die Ereignisse offenbaren die Angst jener Tage, die durchaus ihre Berechtigung hatte: überall im Land hatte es Plünderungen und Tote gegeben – verantwortet von beiden Seiten.

Eine besondere Heiratsanzeige

Die Heiratsanzeigen des Staatsbeamten Joseph Ratzinger am 7. März 1920 und...
... am 11. Juli 1920.

Einer Plünderung wäre beinahe auch ein ganz besonderer Altöttinger "Schatz", das Goldene Rössl, zum Opfer gefallen. Am 16. Oktober 1921 berichtete der "Bote" von einem Einbruch in die Altöttinger Schatzkammer. Zwei nicht ganz 30-jährige Banditen aus Berlin witterten offenbar das "schnelle Geld", verschafften sich gewaltsam Zugang zur Schatzkammer. Die beiden Einbrecher wurden auf frischer Tat ertappt, einer der beiden musste die Tat bei einem folgenden Schusswechsel sogar mit dem Leben bezahlen. Auch das Rössl kam nicht "ungeschoren" davon: die Einbrecher beschädigten es schwer. Doch das kostbare Schaustück "überlebte" die Tat, und ist heute noch in der "Neuen Schatzkammer – Haus Papst Benedikt XVI." zu bewundern.

Apropos Benedikt XVI.: wie sehr der heute emeritierte Papst mit dem Gnadenort Altötting verbunden ist, erzählt eine ganz andere Anekdote: Viele Heiratsanzeigen finden sich auch in den Ausgaben in dieser Zeit. Sie waren damals oft die einzige Möglichkeit, einen Partner zu finden. Im "Boten" versuchte es am 7. März und am 11. Juli 1920 der Staatsbeamte Joseph Ratzinger – und fand über die Annonce Maria Rieger. Die beiden heirateten und bekamen eine Tochter und zwei Söhne. Aus dem jüngsten Kind, Sohn Joseph, wurde am 19. April 2005 Papst Benedikt XVI.

Auch heute erhält Vater Benedikt die wöchentlichen "Boten"-Ausgaben: mit Sonntagslesung und Impuls, Erzählungen und Roman, Berichten aus Altötting und von der Wallfahrt sowie mit vielen Reportagen und Berichten aus der bunten Welt der katholischen Kirche – und immer wieder auch mit Berichten und Kommentaren zur Politik. Friede ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Kriegsschauplätze der Welt erinnern daran, wie auch der Blick in die Vergangenheit, und ebenso Schillers Zeilen in seinem "Lied von der Glocke", in dem der berühmte Dichter nicht nur das Handwerk vom Glockenguss, sondern das Leben ganz allgemein beschreibt. Der "Bote" jedenfalls will versuchen, sich an dem Lied immer wieder zu orientieren: "So lehre sie, daß nichts bestehet, daß alles Irdische verhallt ... Freude dieser Stadt bedeute, Friede sey ihr erst Geläute."

Text: Michael Glaß, Repros: red