Altöttinger Liebfrauenbote

7. Bauernwallfahrt nach Altötting – ev. Landesbischof Bedford-Strohm segnet Tiere und Kräuter

"Seid unangepasste Menschen"

Hunderte Landwirte mit ihren Familien folgten auch heuer der Einladung zur Bauernwallfahrt nach Altötting. Mit Pfr. Michael Witti aus Feichten feierten sie einen Festgottesdienst in der Basilika St. Anna. Zur anschließenden Tiersegnung vor der Gnadenkapelle durfte sich Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl dann über hohen Besuch und tatkräftige Unterstützung freuen: Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Korbinian Obermaier aus Halsbach liebt seinen Zwergbarthahn "Xaverl", den er selbst aufgezogen hat.
Korbinian Obermaier aus Halsbach liebt seinen Zwergbarthahn "Xaverl", den er selbst aufgezogen hat.

"Für Frieden, Gerechtigkeit und ein Leben in Würde für alle Menschen auf der Welt" – unter diesem Motto stand die siebte Auflage der gemeinsamen Wallfahrt von Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Bundesverband der Milcherzeuger (BDM), Interessengemeinschaft für gesunde Tiere (IggT) und "Zivilcourage - Agrogentechnikfreie Landkreise". Dass das Ziel der Wallfahrt 2015 nicht ohne globalen Zusammenhalt zu erreichen ist, machten schon die Anliegen eingangs des Gottesdienstes klar: Hunger, Krieg, Flucht sowie die ungerechte Verteilung von Ressourcen wie Land und Wasser seien die Ursache von Hunger und Not, sie verletzten die Würde von Millionen Menschen.

Einen globalen Bogen schlug auch Pfarrer Witti in seiner aufrüttelnden Predigt. Bei einem Besuch in den Südstaaten der USA vor einigen Jahren habe ihn in Atlanta besonders der Besuch in der Kirche Martin Luther Kings beeindruckt. Dieser habe den Traum einer besseren Welt gehabt, einer menschlicheren, weil wirklich geschwisterlichen Welt. Luther King habe sich beispielsweise nicht abfinden wollen mit, nicht anpassen wollen an "wirtschaftliche Verhältnisse, in denen vielen das Notwendigste vorenthalten wird, um wenigen Luxus zu ermöglichen". "Ich fordere alle Menschen guten Willens auf, nicht-angepasst zu sein, weil es sehr wohl sein könnte, dass die Rettung unserer Welt in den Händen der Nicht-Angepassten liegt", so der Bürgerrechtler weiter.

"Jesus Christus fordert mehr"

"Wasser muss Allgemeingut bleiben", forderte Pfr. Michael Witti zur Gabenbereitung.
"Wasser muss Allgemeingut bleiben", forderte Pfr. Michael Witti zur Gabenbereitung.

Diese Worte seien zwar Jahrzehnte alt, so Pfr. Witti, aber angesichts zahlloser Konflikte auf der Welt aktueller denn je. Auch Christus, "der Bruder aller Menschen", sei nicht angepasst gewesen, habe das Unrecht angeprangert, "dem wir alle, in unserer satten Selbstzufriedenheit, meist viel zu gleichgültig gegenüber stehen". Ein wenig Betroffenheit, eine kleine Gabe bei der Sonntagskollekte, "die unser Gewissen beruhigen und uns das Gefühl christlicher Großherzigkeit geben soll, das alleine reicht nicht: Jesus Christus fordert mehr – auch von dir und mir!" Wenn das Motto der Bauernwallfahrt 2015 Wirklichkeit werden solle, so Pfr. Witti, "dann müssen wir endlich der Gerechtigkeit den Weg bereiten".

Gerade auf den Bauernstand setze er dabei große Hoffnungen, denn dieser habe ein natürliches Verständnis von den Zusammenhängen und Kreisläufen des Lebens. Ganz wichtig sei auch der internationale Dialog, den viele Bauern schon lange mit Kollegen und Partnern in der ganzen Welt pflegten. Mit dem Bild vom Weizenkorn fordere Jesus uns alle auf, uns hinzugeben, unsere Kraft und unser Leben einzusetzen, (...) damit neues entstehen könne, "damit eine gute Zukunft im Sinne Jesu möglich wird".

Die Würde der Tiere

Der evangelische Landesbischof und Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl segnen die Tiere vor der Altöttinger Gnadenkapelle.
Der evangelische Landesbischof und Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm (hinten) und Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl (vorne) segnen die Tiere vor der Altöttinger Gnadenkapelle.

Nach dem Gottesdienst zogen die Teilnehmer gemeinsam mit einigen Tieren wie Hahn und Hühnern, Ochsen, Eseln und Schafen zum Kapellplatz hinauf, wo weitere Tiere in Gattern untergebracht waren. Vor der Gnadenkapelle begrüßte Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl die Pilger und reichte dann das Wort an den evangelischen Landesbischof Bedford-Strohm weiter – ein Novum in der Geschichte des Gnadenortes.

Bedford-Strohm freute sich über das schöne Bild der vielen Gläubigen, von denen manche auch einige ihrer Tiere mitgebracht hätten. Er selbst habe von Jugend an auch immer mit Katzen gelebt. Tiere seien eben nicht nur Besitz oder Nutzwert, sondern Mitgeschöpfe, die eine eigene Würde und somit auch Segen verdient hätten, bekräftigte der Bischof – und zitierte dazu Lukas 14,1-6: Als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen kam, beobachtete man ihn genau. Da stand auf einmal ein Mann vor ihm, der an Wassersucht litt. Jesus wandte sich an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer und fragte: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht? Sie schwiegen. Da berührte er den Mann, heilte ihn und ließ ihn gehen. Zu ihnen aber sagte er: Wer von euch wird seinen Sohn oder seinen Ochsen, der in den Brunnen fällt, nicht sofort herausziehen, auch am Sabbat? Darauf konnten sie ihm nichts erwidern. Schon in der Bibel komme also der eigene Wert, die eigene Würde der Tiere zum Ausdruck. Auch Martin Luther habe sie in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses explizit erwähnt: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen (...). Bedford-Strohm: "Ja, er hat auch die Tiere nicht vergessen!"

Nach dem Segen von Tier und Kräutern hielt der evangelische Ratsvorsitzende am Nachmittag auf Einladung der Wallfahrtsorganisatoren noch einen Vortrag zum Thema "Mit Gerechtigkeit den Hunger besiegen" im Kongress- und Kulturforum Alt-ötting, bevor sein Besuchsprogramm mit einem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Altötting ausklang.

Text: Wolfgang Terhörst, Fotos: Roswitha Dorfner

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