Altöttinger Liebfrauenbote

In der US-Metropole Detroit steigen immer mehr verarmte Einwohner auf Selbstversorgung um

Obst und Gemüse statt Cadillac

Farmen und Gemüsegärten hauchen der brach liegenden Industriemetropole Detroit wieder Leben ein. Wissenschaftler halten es sogar für möglich, dass die Stadt ihren Bedarf an Frischkost überwiegend selbst anbaut. Eine der ersten städtischen Farmen war die eines Kapuzinerklosters. Die Idee der Nah- bzw. Selbstversorgung – modern auch Urban Gardening genannt – wird immer populärer, in Industriestaaten genauso wie in Entwicklungsländern.

Jerry Smith, einer der fünfzehn Mönche des Kapuzinerklosters St. Joseph.
Jerry Smith, einer der fünfzehn Mönche des Kapuzinerklosters St. Joseph.
Suppenküche der Kapuziner in St. Joseph.
Suppenküche der Kapuziner in St. Joseph.

Es herrscht Hochbetrieb auf der "Earth Works Farm" der Kapuzinermönche des St. Joseph-Klosters. Studenten, Ex-Musiker, pensionierte Lehrer, Hausfrauen oder arbeitslose Nachbarn wuseln über den ehemaligen Gewerbehof. Einige tragen Spaten oder Harken, andere Säcke mit Kompost oder Kisten mit frisch geerntetem Gemüse. Die Earth Works Farm in East Side Detroit baut mithilfe freiwilliger Helfer Obst und Gemüse für die hauseigene Suppenküche an. Jeden Tag gibt die Küche zweitausend Essen für Obdachlose, sogenannte Working Poors oder Arbeitslose aus. "Vierzig Prozent der Zutaten für unsere Mahlzeiten stammen aus eigener Produktion", erklärt Jerry Smith, einer der fünfzehn Mönche des Kapuzinerklosters.

Die Suppenküche des Ordens gibt es seit über achtzig Jahren. Immer schon hatten die Mönche einen kleinen Gemüsegarten. In den letzten Jahren aber hat sich dieser zu einer regelrechten Farm ausgewachsen, mit einer Anbaufläche von über einem Hektar und vier Gewächshäusern, verteilt über drei Blocks in der Nachbarschaft. Sogar eine Bienenzucht und Imkerei betreiben die Kapuziner. Und das mitten in Detroit, "Motor City Detroit", dort wo Henry Ford einst das Fließband erfand.

Detroit galt damals als Stadt der Zukunft. Tausende Migranten aus dem ländlichen Süden der USA sowie aus Europa oder Südamerika kamen für gut bezahlte Jobs in der Autoindustrie. Die Stadtplaner bauten breite Straßen, Art Deco-Wolkenkratzer und großzügig angelegte Siedlungen für zwei Millionen Menschen. Heute leben hier keine 700.000 mehr. In einigen Vierteln ist jeder zweite ohne Job. Das Durchschnittseinkommen liegt weit unter der Armutsgrenze.

"Wir beleben die ganze Nachbarschaft"

Viele von Detroits breiten Straßen sind heute heute leer,...
...viele der leer stehenden Häuser in East Side Detroit sind ausgebrannt, die Grundstücke von Rankpflanzen und Schilf überwuchert.
Freiwillige bei der Gartenarbeit in der "Earthworks Farm" der Kapuziner, ein gemeinnütziges Gartenprojekt in Detroits Eastside.

Der lange Niedergang setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein und fand seinen Höhepunkt in der Bankrotterklärung der Stadtverwaltung 2013. Abgesehen von einigen wenigen Hauptverkehrsadern sind Detroits breite Straßen heute leer. Schwarze Eichhörnchen laufen über den löchrigen Asphalt, selten gestört von anderen Verkehrsteilnehmern.

"Unsere Farm produziert nicht nur frische Lebensmittel, wir beleben die ganze Nachbarschaft", sagt Kapuziner Jerry Smith. Das ist bitter nötig in einem Quartier, in dem die Straßenbeleuchtung nicht mehr funktioniert, keine Schulen und Arztpraxen mehr geöffnet sind und Polizei sowie Feuerwehr erst Stunden später erscheinen, nachdem sie gerufen wurden. Viele der leer stehenden Häuser in East Side Detroit sind ausgebrannt, die Grundstücke von Rankpflanzen und Schilf überwuchert, wie auch die zahllosen Gewerbebrachen. Kojoten, Rehe und Waschbären sind keine Seltenheit in dem Stadtgebiet voller ungeplanter Biotope.

Der Niedergang eröffnet aber nicht nur Freiräume für die Natur: Künstler, Musiker, Studenten oder junge Unternehmer finden in Detroit ihren Abenteuerspielplatz. Sie kaufen Häuser und Grundstücke für wenige hundert Dollar, mieten preiswerte Büros oder ziehen einfach so ein. Das öffnet Räume für Experimente, weit über die individuelle Lebensgestaltung hinaus. Wo lässt sich besser ausprobieren, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte?

In dem Zukunftslabor von heute spielen Gemüsegärten und Farmen eine zentrale Rolle. Warum aus der Stadt nicht wieder Land machen? Oder zumindest aus Teilen von ihr? Gärten und Farmen sind in der ehemaligen Motor City häufiger zu sehen als funktionierende Autosalons, Motels, Shopping Malls oder Tankstellen. Auf fast zweitausend wird ihre Zahl geschätzt.

Der Weg zur Eigenversorgung kann steinig sein

Greg Willerer, Gründer von "Brother Nature Produce" auf dem samstäglichen Markt auf dem Eastern Market.
Greg Willerer, Gründer von "Brother Nature Produce" auf dem samstäglichen Markt auf dem Eastern Market.

Nach einer Studie der Michigan State University könnte Detroit mit Stadtfarmen, Nachbarschaftsgärten und Gewächshäusern dreiviertel seines Gemüses und vierzig Prozent seines Obstes selbst produzieren. Die Forscher machten mithilfe von Luftaufnahmen und städtischen Grundstücksdaten über 44.000 freie Parzellen mit einer Fläche von fast zweitausend Hektar aus.

Doch der Weg zur Eigenversorgung kann steinig sein. "Wir haben riesige Mengen Kompost gebraucht, um die Böden fruchtbar zu machen", erklärt Greg Willerer. Der ehemalige Lehrer ist einer von rund neunzig so genannten Marketgardenern in Detroit. Das sind Stadtfarmer, die nicht nur für den persönlichen Bedarf oder den einer sozialen Organisation, sondern für den Markt produzieren. Aber selbst ein so erfolgreicher wie Greg Willerer, der als "Brother Nature" stadtbekannt ist, muss im Winter zusätzlich Geld mit Schneeräumen verdienen. Aber es geht Willerer und den vielen anderen um mehr, als den Lebensunterhalt: "Wir müssen uns von der industriellen Nahrungsmittelproduktion befreien, von dem staatlich geförderten Anbau von Monokulturen und dem ungesunden Essen." Greg Willerer stellt seinen Kompost selbst her, unter anderem mit Dung aus dem Detroiter Zoo. Chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmittel lehnt er ab. Regelmäßig muss er zudem die Schadstoffbelastung der Böden überprüfen lassen, die sich in den Wohnquartieren Detroits aber in Grenzen hält. "Unser Gemüse hat Bioqualität, eine Zertifizierung allerdings ist für uns zu aufwändig."

Gesunde Ernährung und Alphabetisierung

Urban Garden "Brother Nature Produce": Freiwillige bei der Gartenarbeit.
Urban Garden "Brother Nature Produce": Freiwillige bei der Gartenarbeit.

Dafür ist der Weg zu den Verbrauchern kurz. Zum Eastern Market im Stadtzentrum, einem der größten Bauernmärkte in den USA, braucht Willerer nur wenige Minuten in seinem verbeulten Pickup. Dort gibt es eine gut besuchte Abteilung mit Obst und Gemüse "Grown in Detroit". Zudem beliefert er einige Restaurants in der Stadt, die vorzugsweise mit lokalen Produkten kochen.

Auch die gemeinnützige Organisation "Central Detroit Christian" (CDC) produziert Lebensmittel inmitten der ehemaligen Motor City, um sie zu verkaufen. Dadurch finanziert sie einen Teil ihrer sozialen Programme, bei denen es unter anderem um gesunde Ernährung und Alphabetisierung geht. Neben Gärten und Gewächshäusern betreibt CDC einen Obst- und Gemüseladen und seit neuestem eine Fischzucht in einem ehemaligen Liquor Store.

Die "Community Gardens" der Organisation aber sind zum Teil gescheitert. "Die Leute haben sich zwar Gemüse geholt, die Gärten aber nicht wie geplant gepflegt", erklärt Anthony Hatinger von CDC. Die Dekaden des Niedergangs und der Abhängigkeit von Sozialleistungen hätten viele in der Nachbarschaft jegliche Initiative und Selbstverantwortung genommen. Die ältere Generation der Afroamerikaner sei zudem nach Detroit gegangen, um dem Leben im ländlichen Süden zu entkommen, mit schlecht bezahlter Feldarbeit, Rassentrennung und den immer noch lebendigen Erinnerungen an die Sklaverei. "Sie verbinden mit der Arbeit auf dem Feld nichts Gutes."

Gärtnern auf einem ehemaligen Parkplatz für GM-Mitarbeiter

Cadillac Urban Gardens: auf einem ehemaligen Parkplatz von General Motors entstand dieser Garten.
Cadillac Urban Gardens: auf einem ehemaligen Parkplatz von General Motors entstand dieser Garten.

Anders läuft es im "Cadillac Garden", im Südwesten der Stadt, am Rande einer hispanischen Nachbarschaft. Der Cadillac Garden befindet sich auf einem ehemaligen Parkplatz für GM-Mitarbeiter, eingezäunt von hohem Maschendraht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Lagerhallen, hinter denen eine Wüste aus Industriebrachen beginnt. An die Rückseite des Cadillac Garden grenzen Grundstücke mit verkommenen Holzhäusern an. Ein Kampfhund bellt in seinem Zwinger. In großen Boxen, einst für den Transport von Autoteilen gebaut, wachsen im Cadillac Garden Bohnen, Chilis, Rosenkohl oder Tomaten. "Wir sind etwa vierzig Nachbarn, die den Garten pflegen; das Gelände und die Boxen hat uns ein Autozulieferer zur Verfügung gestellt, der noch nicht pleite gegangen ist", sagt Rosa Gutierrez und stopft ein Bündel Spinatblätter in ihren Jutesack. Viele ihrer Mitgärtner sind wie sie ältere Hispanics, die mit einer Rente von wenigen hundert Dollar auskommen müssen. Kostenlose Lebensmittel, noch dazu frisch geerntet, bereichern ihren Speiseplan und entlasten die Haushaltskasse. "Und die gemeinsame Arbeit macht uns Spaß."

Rettet also ausgerechnet urbanes Gärtnern die einstige Motor City? Seit neuestem investieren Anleger aus Europa und Asien in die preiswerten Immobilien in Detroit. Auch prüfen große Agrarunternehmen, ob sie Land in der Stadt nutzen wollen. Zumindest in Quartieren nahe Downtown sind die Grundstückspreise schon wieder gestiegen. Das besorgt viele der Stadtfarmen. Findet das Experiment "Gemüse statt Cadillac" also ein Ende, bevor es der gefallenen Industriemetropole auf die Beine helfen konnte? Das wäre schade. Nicht nur für Detroit.

Text: Klaus Sieg, Fotos: Martin Egbert