Altöttinger Liebfrauenbote

Die Wallfahrtskirche Maria Kirchental birgt Österreichs reichsten Schatz an Votivtafeln

"Durch vorbitt Unser Lieben Frau"

Im Oberen Pinzgau liegt einer der schönsten Orte der Alpenregion. Auf nahezu 900 Metern Seehöhe liegt er, 240 Meter überm Saalachtal. Allein die Schönheit des Heiligtums rechtfertigt schon eine Pilgerfahrt zum Pinzgauer Dom, wie die Wallfahrtskirche von Maria Kirchental nicht ohne Pathos heißt. Darüber hinaus hat die Kirche eine lange Pilgertradition und sie birgt Österreichs reichsten Schatz an Votivtafeln.

Die Wallfahrtskirche von Maria Kirchental.
Die Wallfahrtskirche von Maria Kirchental.
Die von Jacob Döckl gestiftete Silberkugel hängt mitten in seiner Votivtafel von 1805.
Die von Jacob Döckl gestiftete Silberkugel hängt mitten in seiner Votivtafel von 1805.

Vor gut 200 Jahren war's, als sich der "Königlich Baierische Feld Jeger" Jacob Döckl "zu Unser Lieben Frau in Kirchendall" wandte. "In grester Lebensgefahr" befand er sich, als ihn am Pass Lueg "Tyroler Schizen" in arge Bedrängnis gebracht hatten. "Durch vorbitt Maria von Kirchendall ist er glicklich von ihnen kommen." So steht's in gut lesbarer, mit dem Pinsel gemalter Schrift auf einer kleinen Holztafel, die Döckl der wundertätigen Gottesmutter in den Loferer Steinbergen stiftete. Das "Verlöbnis" mit einer Votivtafel als äußeres Zeichen des Dankes für erfahrene Hilfe "von oben" ist in Maria Kirchental hunderte Male gegeben worden. Doch die Zusatz-Spende des Votanten ist selten. Der Bayer Döckl legte noch eins drauf: eine "Silberne Kugel". Der Votivtafelschreiber platzierte sie inmitten der Schriftzeilen. Ist die Kugel hohl oder vollrund? Wer hat sie gefertigt? Wie viel hat der unversehrt dem Kugelregen der "Tyroler Schizen" Entkommene wohl für das kostbare Exemplar berappen müssen? Wir machen uns da unsere Gedanken.

Wir – das sind die Pilger, die ins Obere Pinzgau reisen. Gewiss sind da nicht nur Hilfesuchende und Dankschuldige unter denen, die allein oder in Gruppen der in der Sonne leuchtenden Kirche mit ihrer hellen Renaissance-Fassade zustreben. Manche kommen aus bloßer Neugier. Sie hörten von einem "optischen Highlight" der Salzburger Alpen. Andere kommen wegen der exzeptionellen sakralen Rarität.

Die "Kirchenbauern" rund um die Pfarrkirche St. Martin bewirtschafteten einst im Hochtal Wald und Weidegründe. An die Stelle der von ihnen errichteten hölzernen Kapelle kam 1688 eine gemauerte Kirche. Die Pfarre St. Martin hatte eine gotische Statue, eine sitzende Maria mit Kind, übrig. Die erbaten sich die frommen "Kirchenbauern" für ihre hoch gelegene Holzknechtskapelle. Der von der zauberhaften Gegend begeisterte Fürsterzbischof Johann Ernst Graf Thun aus Salzburg setzte Maria und Jesuskind eine goldene Krone auf, kam mehrmals an den "begnadeten" Ort, der schon vor ihm viele Pilger angezogen hatte und hörte sich eine Wundergeschichte an: Drei Kornähren wuchsen aus der schneebedeckten Wiese gegen den Talschluss hin, worauf es für den Grafen klar war: hierher und nicht an die alte Stelle muss eine neue, um vieles größere Kirche! Kein junger Bursch, kein gestandenes Mannsbild unter den Wallfahrern durfte damals ins "Kirchenthal" hoch steigen ohne Baumaterial mitzutragen. Das Kirchenvolk sollte auch Eigenleistung erbringen. Sie wertete die Summe des Salzburger Baugeldes in besonderer Weise auf. Pinzgauer Gemeinden gewährten zudem Kredit. "Z'amm'helfen" machte den Bau der neuen Barockkirche möglich, der sich ab 1694 etliche Jahre hinzog.

Lange Tradition

Das Gnadenbild von Maria Kirchental.
Das Gnadenbild von Maria Kirchental.
Fast auf jeder der rd. 1.500 Votivtafeln ist die Kirchentaler Gnadenmutter mit dem Kind zu sehen.
Fast auf jeder der rd. 1.500 Votivtafeln ist die Kirchentaler Gnadenmutter mit dem Kind zu sehen.

Warum aber ist das älteste Votivbild auf das Jahr 1690 datiert? Weil schon lange Zeit vor Errichtung und Inbetriebnahme der neuen Wallfahrtskirche Maria Kirchental ein frequentiertes Pilgerziel war. Der gräfliche Fürsterzbischof hatte den Neubau versprochen. Seinem Einsatz, dem Engagement des k. und k. Hofingenieurs Johann Bernhard Fischer von Erlach als Architekt und der Tatkraft des aus St. Martin gebürtigen Maurermeisters Stephan Millinger ist das "Wunder Kirchental" zu danken. Es ist, neben Maria Plain, bis zur Stunde  das begehrteste Pilgerziel der Katholiken im Salzburger Land.

In Scharen kommt man 2014 freilich nicht mehr ins Kirchental, das über eine Mautstraße von St. Martin aus zu erreichen ist. Die Blütezeit der Wallfahrt lag hier, wie anderswo auch, zwischen 1750 und 1800. In zwei Bänden sind die Mirakel von Maria Kirchental aufgezeichnet. Sie umfassen die Jahre 1690 bis 1729 (Teil 1) und 1730 bis 1750 (Teil 2). Ein drittes Bändchen zog Wesentliches aus diesen beiden Ausgaben zusammen, raffte vieles und komprimierte die "führnehmsten Wunderthaten der Gnadenfrau in dem Kirchenthale" bis ins Jahr 1778. Aus diesem Büchlein (es ist im Besitz des Schreibers dieser Zeilen) geht hervor, dass – von Aising bis Wurmannsquick – 102 Pilger aus dem nahe gelegenen Bayern Wunderbares durch die Kirchentaler Gottesmutter erfahren durften. Am häufigsten war der Wallfahrerzustrom aus Berchtesgaden, Inzell, Reichenhall, Teisendorf und Traunstein.

Was viele kunsthistorisch und volkskundlich Interessierte nach Maria Kirchental zieht, ist die große Votivtafel-Sammlung. Sie legt Zeugnis ab von Gebetserhörungen, die Gläubige über Jahrzehnte hinweg erfahren durften. An die 1500 bunt bemalte, teils beschriftete, teils nur oder hauptsächlich illustrierte "Taferl" wurden gezählt. Dass sie von Anfang der 2000er-Jahre an ein gutes Jahrzehnt lang restauriert werden konnten – und damit fachgerecht konserviert sind, um der Nachwelt erhalten zu bleiben –, ist nicht zuletzt der Münchner Edith-Haberland-Wagner-Stiftung zuzuschreiben. Sie hat sich große Verdienste um die Bewahrung eines einzigartigen sakralen Kulturguts der Alpenregion erworben, das sie als "größten Bestand historischer Votivbilder in Österreich" bezeichnet.

Originelle Präsentation

Bis zur Decke reichen die Votivtafeln hinter dem Choraltar.
Bis zur Decke reichen die Votivtafeln hinter dem Choraltar.
Restaurierte Votivbilder neben nicht restaurierten.
Restaurierte Votivbilder neben nicht restaurierten.

Die Präsentation der Kirchentaler "Taferl" ist originell. Ein beträchtlicher Teil reicht vom Boden bis dicht unter die Kirchendecke hinter dem offenen, lang nach oben gestreckten Choraltar. Man kann um ihn herumgehen. Nicht alle Votivtafeln sind ohne weiteres "lesbar". Dazu hängen die meisten zu weit weg. Die "Geschichten" sind, wie die des Jacob Döckl, in der Regel ziemlich prekär. Wie auch im Mirakelbuch ist von mancherlei seltsamen Geschehnissen unterschiedlicher Menschen die Rede, etwa von einer "WeibsPersohn, welche behafft mit einem verzauberten Zuestand", von der Inzeller Schuhmachertochter Maria Mayerin, die unter fünf beladene Schlitten geraten oder vom "9-jährigen Söhnlein" des Franz Hiernsperger aus Berchtesgaden, "welches im ganzen Angesichte mit wildem Fleische überwachsen" war. Die Kranken wurden, auf die Fürbitte der Mutter des Herrn – Maria vom Kirchental sei Dank! – gesund.

Vom Kirchen-Museum mit erlesenen Exponaten aus der Wallfahrtsgeschichte führt eine Wendeltreppe zur Fortsetzung der Votivtafel-Schau. Einigen dicht an dicht gedrängten Stücken steht der Besucher unmittelbar gegenüber. Er erfährt in Wort und Bild von weiteren, oft unwahrscheinlich anmutenden Heilungen. Dem verweilenden Betrachter dürfte nicht entgehen, dass manche Votivtafel im nicht restaurierten Zustand belassen wurde. Ein solches "rohes Taferl" ist mit Absicht in seiner alten, wurmstichigen, blassen Ursprünglichkeit verblieben. Einerseits belegt das die Echtheit der Votivbilder, andererseits aber erhöht es den Respekt vor der erfolgreichen Arbeit der Restauratoren.

Die meisten Kirchentaler Votivtafeln schmückt das Gnadenbild, die königlich ausstaffierte Gottesmutter mit dem gekrönten Jesuskind. Kein anonymer Votivbildmaler hielt sich in jedem Detail an das "echte" Vorbild, das im Zentrum des Hochaltars angebracht ist, und sofort den Blick des Besuchers an- und nach oben zieht. Es ist jene Statue aus der alten gotischen Pfarrkirche von St. Martin: Sitzend hält Maria im blauen Mantel das Jesuskind auf den Knien. Auf dessen linker Hand hat ein Distelfink Platz genommen. Der rechte Zeigefinger weist auf ihn. Damit zeigt sich uns Jesus als Freund der Armen und Leidtragenden, all derer also, die in Maria Kirchental aus ihren Nöten erlöst werden wollen.

Text: Hans Gärtner, Fotos: Hans Gärtner 7, Roswitha Dorfner 2

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Im mächtigen Choraltar der Wallfahrtskirche steht das Mariengnadenbild.
Im mächtigen Choraltar der Wallfahrtskirche steht das Mariengnadenbild.
Religiöse Volkskunst (die Pestheiligen Sebastian und Rochus) im Wallfahrtsmuseum.
Religiöse Volkskunst (die Pestheiligen Sebastian und Rochus) im Wallfahrtsmuseum.
Über dem Eingang der Kirche Maria Kirchental ist diese Sonnenuhr zu sehen.
Über dem Eingang der Kirche Maria Kirchental ist diese Sonnenuhr zu sehen.