Altöttinger Liebfrauenbote
Blick auf die Leuchtenburg.
Blick auf die Leuchtenburg.

Eine Symbiose aus mittelalterlicher Prachtburg und außergewöhnlichen Porzellanwelten in Thüringen

Das "Weiße Gold" der Leuchtenburg

Eine Symbiose aus mittelalterlicher Prachtburg und außergewöhnlichen Porzellanwelten ist Thüringens neueste Top-Attraktion. 400 m hoch über dem Tal, zählt die Leuchtenburg in Seitenroda unweit von Jena zu den schönsten Höhenburgen Deutschlands. Auf der Burg wurde ein deutschlandweit herausragendes Ausstellungskonzept umgesetzt und eröffnet: die "Porzellanwelten Leuchtenburg" – das Zentrum für Thüringer Porzellan.

Der Fleischklopfer von Charlotte Liebermann liegt nicht nur einfach da; er erzählt auch eine tolle Geschichte.
Der Fleischklopfer von Charlotte Liebermann liegt nicht nur einfach da; er erzählt auch eine tolle Geschichte.

Am 2. November 1904 wird die 69jährige Charlotte Liebermann in einer dunklen Gasse von zwei finsteren Gestalten mit den Worten bedroht: "Hey Alte, rück Deine Kohle raus!". Frau Liebermann ist nach einem Nachmittag im neueröffneten Kaufhaus Tietz am Berliner Alexanderplatz, wo sie einen Fleischklopfer aus Porzellan erstanden hat, auf dem Weg zum Zug zurück nach Eisenach.

Zunächst schlägt die beherzte ehemalige Fechtmeisterin den Dieben vor, das Weite zu suchen und als dies nicht fruchtet  den großen der beiden mit dem Fleischklopfer nieder, den kleinen darüber völlig verschreckt in die Flucht. Die währt allerdings kaum 30 Schritte bis in die Arme des preußischen Schutzmanns Otto Schulze. Die beiden Ganoven verbringen die nächsten Jahre in der Gefängnisküche der Haftanstalt Neukölln; der Fleischklopfer von Charlotte Liebermann hingegen wird niemals eine Küche von innen sehen. Er erhält einen Ehrenplatz auf der Anrichte neben den Soldatenbildern ihres verstorbenen Mannes.

Was für eine schöne Geschichte! Wie andere amüsante Episoden per Knopfdruck als Video-Clip zu sehen am Originalexponat – dem Fleischklopfer mit seinem Kopf aus "weißem Gold" – eines von 350 ausgewählten und außergewöhnlichen Stücken der Leuchtenburger Porzellanwelten. Mit einem ebenso originellen wie innovativen Design- und Ausstellungskonzept rund um das weltbekannte Thüringer Porzellan.

"Königin des Saaletals"

Seit 800 Jahren thront die Leuchtenburg ...
Seit 800 Jahren thront die Leuchtenburg ...
... auf einem Hugel bei Jena
... auf einem Hugel bei Jena

Da wäre zum einen der Rahmen: Die 800 Jahre alte und fast vollständig erhaltene Leuchtenburg könnte man sich schöner kaum malen – sie wird völlig zu Recht als "Königin des Saaletals" geadelt. In ihrer Frühzeit Verwaltungssitz, später Zucht-, Armen- und Irrenhaus, ab 1920 Sitz der ersten Jugendherberge Deutschlands, hat die Prachtburg mit ihrem fantastischen Panorama-Rundblick nichts von ihrem mittelalterlichen Flair eingebüßt.

Seit 2010 wird in dem alten Gemäuer peu à peu restauriert, neugebaut, installiert und inszeniert, um dem "weißen Gold" aus Thüringen ein weithin leuchtendes Denkmal zu setzen. Mittels besagter sieben Welten nämlich, die Porzellan aus über 500 Jahren zeigen. Ganz anders als museumsüblich, gehen die Leuchtenburg-Besucher dabei auf Abenteuer- und Entdeckungsreise durch die von Ausstellungsdesignern wie Libeskind-Schüler Michael J. Brown gestalteten Erlebnisräume.

Mit der Welt "Das Fremde" beginnt diese Expedition. Ein Schattentheater versetzt die Besucher ins ferne China, das Ursprungsland des "weißen Goldes". Von dort gelangte das Porzellan auf alten Handelswegen zu Land und zu Wasser an die europäischen Königshäuser und Fürstenhöfe. Doch nicht immer kamen die Schiffe an, und so erlebt man hier auf 425 Metern über dem Meeresspiegel die fabelhafte mediale Show einer echten Schatzsuche auf dem Meeresgrund, bei der 700.000 Stücke wertvollstes Porzellan aus dem 16. Jahrhundert in einem Schiffswrack vor Indonesien entdeckt wurden.

Auch das älteste Exponat der Leuchtenburg nahm einen Umweg über die Tiefen des Ozeans. Hollywood-Star Kevin Costner, der sich seit Jahren für die Rettung von maritimem Kulturgut einsetzt, überreichte dem Leuchtenburg-Team im Juli 2014 eine Ming-Schale von 1558 aus dem Wrack einer portugiesischen Karavelle.

In einem schummrigen Alchemistenlabor

Im schummrigen Alchemistenlabor der Welt "Das Ratsel".
Im schummrigen Alchemistenlabor der Welt "Das Ratsel".

Die meisten der blendend weißen Kostbarkeiten landeten seinerzeit als exotische Raritäten in den höfischen Wunderkammern, und der Nachbau eines solchen Schatzkabinetts gehört zu den entzückendsten Ideen der Leuchtenburger: Diverse Figuren und Gemälde erwachen hier ganz plötzlich und wahrhaftig zum Leben.

Ein überdimensionales Filmplakat mit vier Männern vor mystischer Waldkulisse, darunter Porzellan-Erfinder Johann Friedrich Böttger, weist den Weg in Welt Nummer Zwei: "Das Rätsel". Sie kreist um die Versuche, Irrwege und Erfolge der Forscher, die Formel zur Herstellung des Porzellans zu finden. In einem schummrigen Alchemistenlabor kann sich jeder selbst an der richtigen Mischung probieren und im Brennofen an der korrekten Temperatur. Ein kleiner Fehler nur, und die kostbare Vase zerspringt. Wie andere misslungene Stücke landet sie im "Raum des Scheiterns" bei krummen Tellern, schiefen Kannen und beinlosen Pferden.

Zugang zum Glück

Der Skywalk ist ein 20 Meter langer Steg aus Stahl und Glas, der weit uber die Burgmauern hinaus reicht.
Der Skywalk ist ein 20 Meter langer Steg aus Stahl und Glas, der weit uber die Burgmauern hinaus reicht.

Wertvolle Porzellane der frühen Thüringer Manufakturen schmücken die dritte Welt: "Das Kostbare". Rund um eine festlich gedeckte barocke Tafel wird der Besucher Teil einer höfischen Inszenierung; er erlebt, wie das Porzellan die Esskultur veränderte und zum Status- und Machtsymbol wurde. Größte Kostbarkeit hier sind die um 1770 gefertigten "Vier Elemente" – Figurenpaare, die Feuer, Wasser, Erde und Luft darstellen. Auch die Frage, warum sich gerade der Thüringer Wald als Porzellanstandort so erfolgreich entwickeln konnte, wird beantwortet.

Eine labyrinthartige Holzkonstruktion bildet den Rahmen für die vierte Welt mit Namen "Das Alltägliche". All das nämlich, was sich hier auf den markanten pinkfarbenen Balken wiederfindet, entstand, nachdem sich das Porzellan im 19. Jahrhundert vom exklusiven Einzelstück zum bezahlbaren Massenprodukt gewandelt hatte und von Thüringer Manufakturen in großen Mengen in alle Welt verschickt wurde: Tischporzellan, Spielwaren, Souvenirs, Bügeleisen, Feuerzeuge, Isolatoren und vieles mehr.

Auf gleich mehrere neue Superlative können sich Besucher seit März dieses Jahres freuen, als mit dem "Prolog", dem "Archiv der Wünsche" und dem "Skywalk der Wünsche" die Welten fünf, sechs und sieben eröffnet wurden – ein Paukenschlag-Finale sozusagen, mit dem die im doppelten Sinn fantastische Porzellanzeitreise der Leuchtenburg komplettiert wurde. Was die Welt nun erstmals sehen kann, ist zum Beispiel eine Porzellanvase von fast acht Metern Höhe, deren Dimension und Konstruktion alles übertrifft, was jemals aus dem filigranen Stoff erschaffbar erschien. Oder der Skywalk – ein 20 Meter langer Steg aus Stahl und Glas, der weit über die mittelalterlichen Burgmauern hinaus reicht. Damit eröffnet er nicht nur fantastische Panoramablicke über das Saaletal, sondern schafft zugleich im wahrsten Wortsinn Zugang zum Glück. Das – so viel sei verraten – mit Scherben zu tun hat.

Text: Ekkehart Eichler (storymacher) / Fotos: storymacher 6, Porzellanwelten Leuchtenburg 18

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Mit der Welt "Das Fremde" startet die Expedition durch das Porzellan-Universum.
Mit der Welt "Das Fremde" startet die Expedition durch das Porzellan-Universum.
Draußen oder im Besucherzentrum – die Aussicht ist uberall grandios.
Draußen oder im Besucherzentrum – die Aussicht ist uberall grandios.
Diese Masseninstallation hat mit den Porzellanschätzen auf dem Meeresgrund zu tun.
Diese Masseninstallation hat mit den Porzellanschätzen auf dem Meeresgrund zu tun.
Ausstellungswelten.
Ausstellungswelten.
Dieser prachtvolle Desserttisch zeigt Porzellan in seinen edelsten Erscheinungsformen.
Dieser prachtvolle Desserttisch zeigt Porzellan in seinen edelsten Erscheinungsformen.
Porzellan als Teil einer hofischen Inszenierung.
Porzellan als Teil einer hofischen Inszenierung.
Porzellan als Status- und Machtsymbol.
Porzellan als Status- und Machtsymbol.
Die Welt "Das Alltagliche".
Die Welt "Das Alltagliche".
Dieses Welt zeigt wie Porzellan zum Massenartikel wurde.
Dieses Welt zeigt wie Porzellan zum Massenartikel wurde.
Geschichte: aufgrund des Waldvorkommens wurde Thuringen zum Porzellanland.
Geschichte: aufgrund des Waldvorkommens wurde Thuringen zum Porzellanland.
Am Brennofen entscheidet sich, ob ein kostbares Exponat entsteht oder Ausschuss.
Am Brennofen entscheidet sich, ob ein kostbares Exponat entsteht oder Ausschuss.
Blick auf den Skywalk.
Blick auf den Skywalk.
Blick auf die Architektur des Neubaus.
Blick auf die Architektur des Neubaus.
Intro der Porzellanwelten "Der Prolog".
Intro der Porzellanwelten "Der Prolog".
Ungewohnliche Installationen mit Porzellanschatzen auf dem Meeresgrund.
Ungewohnliche Installationen mit Porzellanschatzen auf dem Meeresgrund.
Die weltgroßte Porzellanvase: mit 8 Metern Hohe ein technisches Kunstwerk.
Die weltgroßte Porzellanvase: mit 8 Metern Hohe ein technisches Kunstwerk.
Kostbarkeiten wie dieser Nautiluspokal gehörten zu den Paradestücken der höfischen Kunstkammern.
Kostbarkeiten wie dieser Nautiluspokal gehörten zu den Paradestücken der höfischen Kunstkammern.
Dieses kleine nackte Wesen namens Kewpie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Amerikanerin Rose O'Neill entworfen, von Thüringer Manufakturen massenhaft produziert und bis heute erfolgreich in alle Welt verkauft.
Dieses kleine nackte Wesen namens Kewpie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von der Amerikanerin Rose O'Neill entworfen, von Thüringer Manufakturen massenhaft produziert und bis heute erfolgreich in alle Welt verkauft.