Altöttinger Liebfrauenbote

Papst Franziskus kritisiert beim 2. Welttreffen der Volksbewegungen in Bolivien das Wirtschaftssystem scharf

Verstoß "gegen den Plan Jesu"

Ein ungerechtes Wirtschaftssystem, Armut, Umweltzerstörung – beim II. Welttreffen der Volksbewegungen (ein erstes Treffen sozialer Basisorganisationen fand im Oktober im Vatikan statt) in Boliviens größter und wohlhabendster Stadt Santa Cruz della Sierra hat Papst Franziskus eine Ansprache gehalten, die auch politisch noch für viel Wirbel sorgen dürfte.

"Dieses System verstößt gegen den Plan Jesu", sagte Franziskus in Bezug auf ein Wirtschaftssystem, das sich vorrangig um die Maximierung des Profits dreht. Der Papst formulierte auch eine klare Vergebungsbitte für die Sünden und Verbrechen von Christen "gegen die Urbevölkerungen während der sogenannten Eroberung Amerikas". Vor allem aber trat er auf als ein "echter Mann des Volkes" – ganz im Gegensatz zu Boliviens linkem Präsidenten Evo Morales.

Schon am Beginn der Bolivien-Reise von Papst Franziskus stand eine Provokation: Bei dessen Ankunft in La Paz überreichte ihm Morales ein Kruzifix, das auf einer Holzskulptur von Hammer und Sichel montiert ist. Zwar hatte dies offenbar auch der 1980 in La Paz gefolterte und erschossene, und auch von Papst Franziskus gewürdigte Jesuitenpater Luis Espinal besonders geschätzt – Morales aber dürfte sich vor allem an dem Symbol der ehemaligen UdSSR erfreut haben.

Bei seiner eigenen Rede beim Welttreffen der Volksbewegungen – ein aggressiver Rundumschlag gegen den Kapitalismus – prangte auf Morales' Blazer ein Porträt von Ernesto Che Guevara. Mit viel gutem Willen mag mancher sich vielleicht ein bisschen an Peppone erinnert haben, wie er Don Camillo eins auswischen will. Nicht wenige aber fanden Morales' Geschenk und seinen Auftritt einfach nur geschmacklos und propagandistisch. Und Papst Franziskus – hielt von all den politischen Spielereien unbeeindruckt eine nachdenkliche und ehrliche Ansprache. Warum spielen? Dafür ist die Sache zu ernst. Warum provozieren lassen? Che Guevara ist längst tot, ebenso der real existierende Sozialismus in der Sowjetunion, dem unter den weltweit Mächtigen wahrscheinlich nur Wladimir Putin ernsthaft nachtrauert.

"Diese Wirtschaft tötet"

Papst Franziskus hat – im Gegensatz zu Morales – keine Revolution im Sinn. Er sprach von "Wandlungsprozessen" oder auch von dem "erlösenden Wandel". Auch davon, dass ein Wandel der Strukturen alleine nichts nützt, solange er nicht mit "einer aufrichtigen Umkehr des Verhaltens und des Herzens einhergeht". Ebenso wenig geht es ihm um Ideologie, "denn was man liebt, sind nicht die Konzepte und die Ideen; man liebt die Menschen ... Gesichter und Namen, die das Herz erfüllen", wie es Franziskus formulierte. Konkret geht es dem Papst um die Unterstützung von Menschen, die einander nahe sind und die füreinander einstehen.

Sowieso behielt Franziskus stets den Blick auf das Fundament eines jeden Wandlungsprozesses: Den Glauben an Gott. "Die Bibel erinnert uns daran, dass Gott die Klage seines Volkes hört, und auch ich möchte erneut meine Stimme mit der Ihren vereinen: Grund und Boden, Wohnung und Arbeit für alle unsere Brüder und Schwestern! Das habe ich gesagt, und ich wiederhole es: Es sind unantastbare Rechte. Es lohnt sich, es lohnt sich, für sie zu kämpfen." Und: "Halten wir immer die Jungfrau Maria in unserem Herzen, ein einfaches Mädchen aus einem kleinen, abgelegenen Dorf am Rande eines großen Kaiserreiches, eine obdachlose Mutter, die es verstand, eine Grotte für die Tiere in das Haus Jesu zu verwandeln – mit ein paar Windeln und einem Überschwang an zärtlicher Liebe. Maria ist ein Zeichen der Hoffnung für die Bevölkerungsgruppen, die "Geburtswehen" erleiden, bis die Gerechtigkeit zum Durchbruch kommt."

Erneut kritisierte Papst Franziskus die Wirtschaft scharf: "Die Menschen und die Natur dürfen nicht im Dienst des Geldes stehen. Wir sagen Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der sozialen Ungerechtigkeit, wo das Geld regiert, anstatt zu dienen. Diese Wirtschaft tötet. Diese Wirtschaft schließt aus. Diese Wirtschaft zerstört die Mutter Erde."

"Seien Sie gewiss, dass wir früher oder später die Früchte sehen werden"

Dabei kritisierte er auch ganz konkrete Projekte wie etwa das geplante Freihandelsabkommen: "Der neue Kolonialismus nimmt verschiedene Gestalten an. Manchmal ist es die anonyme Macht des Götzen Geld: Körperschaften, Kreditvermittler, einige sogenannte 'Freihandelsabkommen' und die Auferlegung von 'Sparmaßnahmen', die immer den Gürtel der Arbeiter und der Armen enger schnallen." Auch wenn Franziskus das Thema nicht explizit ansprach: Dass Schuldenprobleme mit aufgezwungenen Sparmaßnahmen allein nicht zu lösen sind, zeigt eindrücklich die Griechenlandkrise.

Trotz all der Kritik: Im Gegensatz zu Morales trat Papst Franziskus nicht aggressiv auf, auch nicht pessimistisch; den Vertretern der sozialen Basisorganisationen erklärte er: "Sie, die Unbedeutendsten, die Ausgebeuteten, die Armen und Ausgeschlossenen, können viel und tun viel. Ich wage Ihnen zu sagen, dass die Zukunft der Menschheit großenteils in Ihren Händen liegt, in Ihren Fähigkeiten, sich zusammenzuschließen und kreative Alternativen zu fördern, im täglichen Streben nach den 'drei T' (trabajo, techo, tierra – Arbeit, Wohnung, Grund und Boden) und auch in Ihrer Beteiligung als Protagonisten an den großen Wandlungsprozessen auf nationaler, regionaler und weltweiter Ebene. Lassen Sie sich nicht einschüchtern!" Und: "Seien Sie gewiss, dass wir früher oder später die Früchte sehen werden."

"Weder der Papst, noch die Kirche besitzen das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit"

Ein weiterer Gegensatz zu Morales: Zwar sprach Papst Franziskus ausdrücklich von notwendigen Veränderungen, jedoch ebenso ausdrücklich bekannte er, dass er kein Patentrezept für eine bessere Zukunft besitze.

Papst Franziskus im Wortlaut: "Sagen wir es unerschrocken: Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos (Landarbeiter) ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht... Und ebenso wenig erträgt es die Erde, 'unsere Schwester, Mutter Erde', wie der heilige Franziskus sagte".

Und weiter: "Weder der Papst, noch die Kirche besitzen das Monopol für die Interpretation der sozialen Wirklichkeit, und sie haben auch keine Lösungsvorschläge für die gegenwärtigen Probleme. Ich wage zu behaupten, dass es gar kein Rezept gibt. Die Geschichte wird von den aufeinander folgenden Generationen aufgebaut im Rahmen von Völkern, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind und die Werte achten, die Gott ihnen ins Herz gelegt hat."

Keine Ideologie, aber drei wesentliche Aufgaben

Keine Ideologie, kein Patentrezept, aber drei wesentliche Aufgaben legte Papst Franziskus den Menschen ans Herz:

Erstens: "Die erste Aufgabe ist, die Wirtschaft in den Dienst der Völker zu stellen ... Diese Wirtschaft ist nicht nur wünschenswert und notwendig, sondern auch möglich. Sie ist weder Utopie, noch Fantasie. Sie ist eine äußerst realistische Perspektive ... Wenn Staat und soziale Organisationen gemeinsam die Aufgabe der 'drei T' (s.o.) übernehmen, kommen die Grundsätze von Solidarität und Subsidiarität zum Tragen und ermöglichen, das Gemeinwohl in einer vollkommenen und partizipativen Demokratie aufzubauen."

Zweitens: "Die zweite Aufgabe ist, unsere Völker auf dem Weg des Friedens und der Gerechtigkeit zu vereinen ... Die Völker der Welt wollen ihr Schicksal selbst bestimmen. Sie wollen in Frieden ihren Weg zur Gerechtigkeit gehen. Sie wollen weder Bevormundung noch Einmischung, wo der Stärkere den Schwächeren unterordnet. Sie wollen, dass ihre Kultur, ihre Sprache, ihre gesellschaftlichen Prozesse und ihre religiösen Traditionen respektiert werden ... Der neue wie der alte Kolonialismus, der die armen Länder zu bloßen Rohstofflieferanten und Zulieferern kostengünstiger Arbeit herabwürdigt, ... ist soziale Ungerechtigkeit, und die erzeugt eine Gewalt, die weder mit polizeilichen, noch mit militärischen oder geheimdienstlichen Mitteln aufgehalten werden kann ... Selig, die für den Frieden arbeiten."

Drittens: "Die dritte, vielleicht wichtigste Aufgabe, die wir übernehmen müssen, ist die Verteidigung der Mutter Erde. Unser aller gemeinsames Haus wird ungestraft ausgeplündert, verwüstet und misshandelt. Die Feigheit bei ihrer Verteidigung ist eine schwere Sünde ... Ich bitte Sie im Namen Gottes, die Mutter Erde zu verteidigen."

"Die Zukunft der Menschheit liegt in den Händen der Völker"

Das sind erstens ein klares päpstliches Bekenntnis zu Demokratie und Mitbestimmung, zweitens ein Aufschrei gegen das Recht des Stärkeren und ein klares Bekenntnis zur Vielfalt sowie drittens ein klares Bekenntnis zum Umweltschutz. – Papst Franziskus, der "Papst der Armen", hat sehr deutliche Worte gesprochen, die noch einmal kurz das wiedergaben, was er bereits zuvor u.a. in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" oder jüngst in seiner Enyklika "Laudato si" formulierte.

Die Welt braucht Veränderung und am Anfang von Jesu Plan stehen weder spielsüchtige Kasino-Kapitalisten noch verspielte Politiker mit Che Guevara-Aufnäher, sondern der einfache Mensch. Mit Franziskus' Worten: "Die Zukunft der Menschheit liegt nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten. Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess 'begießen'."

Text: Michael Glaß

Anmerkung: Die Zitate basieren auf einer Übersetzung der Papst-Ansprache von Radio Vatican.