Altöttinger Liebfrauenbote

Pamplonas Fiesta erinnert an einen Märtyrer

"Gora San Fermin"

Es ist die Hölle. Im Rücken eine Horde wilder Kampfstiere, jeder fast 600 Kilo schwer – mit spitzen Hörnern, die den Tod bedeuten. Rechts und links versperren dicke Bretter jeden Ausweg. Es bleibt nur die Flucht nach vorn, der Sprint über rutschige Pflaster, verstopft von Menschen, die gestolpert sind. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Gegen die rasenden Bullen im Nacken, die immer dichter aufrücken. So wie jedes Jahr beim Encierro, dem Lauf der Stiere in Pamplona. Ernest Hemingway hat ihn weltweit populär gemacht und im Roman Fiesta allen Stierkämpfern ein literarisches Denkmal gesetzt. Heute ist die Stierhatz sehr umstritten – und doch ist sie noch immer das Herzstück der Sanfermines, der Feiern zu Ehren des Schutzpatrons Navarras, Spaniens baskischem Nordosten. Genau 204 Stunden dauert das Fest, Jubel und Trubel rund um die Uhr.

Eine Rakete vom Rathaus markiert den Auftakt der Fiesta.
Eine Rakete vom Rathaus markiert den Auftakt der Fiesta.
Mit roten Tüchern und Kerzen lassen die Einwohner Pamplonas den heiligen Firminus hochleben.
Mit roten Tüchern und Kerzen lassen die Einwohner Pamplonas den heiligen Firminus hochleben.

Während der Festwochen vom 6.-14. Juli ist in Pamplona kein Bett mehr frei, obwohl sich die Übernachtungspreise mehr als verdoppeln. Tausende schlafen in Autos und Campingbussen, auf Parkbänken und Wiesen. Menschen aus aller Welt, angelockt vom Mythos eines Festes, das zu den aufregendsten Europas zählt. Vom Rausch der Freuden, dem vor allem Burschen und zunehmend auch Mädchen verfallen, die ihre Mutproben in und um die Arena mit Blessuren, Brüchen und Prellungen bezahlen – manchmal auch mit dem Tod.

Eine Rakete vom Rathaus markiert den Auftakt der Fiesta. Zehntausende drängen sich dann auf der Plaza Consistorial und in den umliegenden Gassen, singen und tanzen. "Gora San Fermin" ruft das Stadtoberhaupt vom Balkon den Massen zu, ein Zauberwort, "hoch lebe Firminus". Es ist das Glaubensbekenntnis für den Stadtpatron, ein Freudenschrei, der tagelang tönt. Dazu recken die Menschen die Arme gen Himmel, schwenken ausgelassen ihre roten Halstücher. Symbol eines Festes, mit dem auch der Fremde seine Sympathien für die Sanfermines bekundet.
Mittags wird es noch lauter, dann zeigt der Schaumwein erste Wirkung. Vor allem bei den College-Studenten, die auf Hemingways Spuren jährlich zu Tausenden aus allen Ländern anrücken. Zum Leidwesen der Spanier, die für die meist alkoholisierten Möchtegern-Toreros nur Spott übrig haben. Patas, Trottel, nennen sie die jungen Leute, die mit dem Besuch in Pamplona gewöhnlich ihre Studienzeit beenden und mit dem Rennen vor den Stieren symbolisch einen Schlussstrich unter ihre Jugend ziehen wollen.

"Riau-Riau" hallt es durch die Gassen

Die "Gigantes" bahnen sich den Weg durch die Stadt – Symbole für die Herrscher der Welt.
Die "Gigantes" bahnen sich den Weg durch die Stadt – Symbole für die Herrscher der Welt.
Akrobatische Tanzformationen ziehen während der Fiesta mit Musik durch die Straßen Pamplonas.
Akrobatische Tanzformationen ziehen während der Fiesta mit Musik durch die Straßen Pamplonas.

Frühabends bahnen sich Riesen und Großköpfe ihren Weg durch die Stadt: Gigantes und Cabezudos, die seit dem 17. Jahrhundert zum Fest gehören. Vier riesige Königspaare, welche die Herrscher der Welt und ihren Hofstaat verkörpern. Dazwischen die kleinen Pappköpfe, die Lieblinge aller Kinder. Spaßmacher, deren Schaumgummikeulen jeder zu spüren bekommt, der allzu frech den Hofstaat neckt.

Am Abend schreien sich Zehntausende rund ums Rathaus heiser. "Riau-Riau" hallt es durch die Gassen, ein neues Loblied auf den Stadtpatron. Ein Walzer, angeheizt vom städtischen Orchester, das den Ohrwurm pausenlos spielen muss. Ein "Wahnsinn", den auch Hemingways Roman-Helden zu spüren bekamen: "Man tanzte und trank unentwegt, und der Lärm nahm kein Ende... Die ganze Fiesta über hatte man das Gefühl, selbst wenn es ruhig war, dass man alles, was man sagen wollte, schreien müsse, damit die anderen es hörten. Und so war es mit allem, was man tat."

Der zweite Tag der Fiesta gehört ganz dem frommen Mann aus Pamplona: Firminus, dem Schutzherrn der Region, den Spaniens Katholiken gegen Fieber, Krämpfe und Rheuma anrufen. Über sein Leben weiß man so gut wie nichts, obwohl zahlreiche Legenden vom einen und anderen Wunder erzählen. Klar ist nicht einmal, ob er im dritten oder sechsten Jahrhundert gelebt hat. Doch in Pamplona stört das keinen. Zu Tausenden stehen sie Spalier, wenn Firminus an seinem Festtag von San Lorenzo aus auf Tour geht, der neoklassizistischen Kirche, in deren Seitenkapelle Pamplonas Schutzherr das Jahr über logiert. Ein Bildnis, das Männer in Allonge-Perücken zum Fest auf silbernem Sockel durch die Stadt tragen.

Gaben für Sanferminico

Die Statue des heiligen Firminus wird während der Fiesta durch die Straßen getragen.
Die Statue des heiligen Firminus wird während der Fiesta durch die Straßen getragen.

In San Lorenzo auch steht die kleine Statue aus der frühen Neuzeit, die Reliquie des Heiligen, die sie wegen ihrer Größe Sanferminico nennen, kleiner San Fermin. An seinem Festtag küssen Tausende die Figur, Pilger aus ganz Spanien. Einige haben Ähren mitgebracht, kleine reife Garben. Denn Firminus hält seine schützende Hand auch über die Bäcker, die das Getreide fürs tägliche Brot brauchen. Selbst die Weinhändler verehren ihn als Patron, als einen, dem sie das Geschäft des Jahres verdanken.

Während der Festwoche steht die Statue des Heiligen jeden Morgen in einer kleinen Maueröffnung gegenüber den Stallungen, wo die Stiere zu ihrem Lauf durch die Stadt starten. "A San Fermin venimos", beten die Läufer dann, "por ser nuestro patrono, nos guie en el encierro, dandonos su bendicion". "Zum Heiligen Firminus sind wir gekommen, weil er unser Schutzpatron ist, er möge uns beim Stiertreiben helfen, indem er uns seinen Segen gibt".

Seit 1591 geht das so, seit man das Fest für den heiligen Firminus vom 9. Oktober auf den 7. Juli verlegte. Damals wurde noch auf der Plaza del Castillo, dem Schlossplatz, mit den Stieren gekämpft, der bis 1842 als städtische Arena diente. Regeln für die Matadore gab es damals noch nicht. Statt dessen ein wildes Gestochere mit Opfern auf beiden Seiten. Jeder, der Lust hatte, konnte sich den Stieren stellen, die aus dem Umland in die Stadt getrieben wurden. Wütende Tiere brachen dabei immer wieder aus, brachten tödliches Unheil.

Gefährliches Spiel

Noch ist die Stierhatz aus der Fiesta nicht wegzudenken.
Noch ist die Stierhatz aus der Fiesta nicht wegzudenken.
Kinder beim Umzug.
Kinder beim Umzug.
Nach dem Stierkampf dreht Pamplona noch einmal auf...
Nach dem Stierkampf dreht Pamplona noch einmal auf...
Feuerwerk bei der Fiesta.
Feuerwerk bei der Fiesta.

Heute ist das Risiko für die Mozos, die vielen Tausend Läufer in den Straßen vor den Stieren, besser zu kalkulieren. Wer beim Encierro antritt, haben findige Köpfe ausgerechnet, sollte die Hundert-Meter-Strecke in mindestens vierzehn Sekunden schaffen. Denn länger als zweieinhalb Minuten brauchen die Bullen gewöhnlich nicht für ihren Weg von den Stallungen an der Cuesta de Santo Domingo bis zur Arena. Vor allem auf dem letzten Abschnitt zwischen der Estafeta, der alten Einkaufsstraße, und der Plaza de Toro drehen die massigen Vierbeiner noch einmal richtig auf. Spätestens dann müssen auch die Mozos richtig Gas geben – und zusehen, den Stieren möglichst ohne Blessuren zu entkommen.

Meist geht das gut, doch 14 Läufer mussten das Encierro seit 1924 mit dem Tod bezahlen. Blutergüsse und Prellungen werden gar nicht mehr registriert, stolpern doch Jahr für Jahr mehr Läufer über ihre eigenen Füße, verlieren im Festrausch die Kontrolle. Vor allem die Fremden spüren das, die nur ein Drittel aller Läufer stellen, aber zwei Drittel aller Verletzten. Letztes Jahr brachte man so erstmals Touristen aus Korea und Sibirien ins Spital.

Jeden Abend ist Stierkampf in Pamplona, geben sich Spaniens populärste Toreros in der Arena ein Stelldichein. Knapp 20.000 Zuschauer drängen sich dann auf den Rängen, schauen zu, wie die Matadore die morgens durch die Stadt gejagten Kolosse töten. Tierschützern dreht sich der Magen um, andere trösten sich damit, das Spektakel diene einem guten Zweck. Denn Pamplonas Arena betreibt die Casa de la Misericordia, das Haus der Barmherzigkeit. Eine soziale Einrichtung, die mit den Gewinnen aus den Festwochen ein Altenheim finanziert.

Nach dem Stierkampf dreht Pamplona noch einmal auf, heizen Freiluftkonzerte die Stimmung weiter an. Viele der Feiernden sind in sogenannten Penas organisiert. In Festgemeinschaften, die mit Pfeifen, Trommeln und Trompeten von einer Kneipe zur anderen ziehen. Sogar deutsche Penas gibt es, in denen Bankdirektoren ebenso mitmachen wie junge Heißsporne, die sonst auf Bundesligaplätzen toben. Je später der Abend, je übermütiger gibt sich die Festgemeinde. Viele spritzen mit Sekt um sich, andere streuen Mehl über die Häupter ihrer Mitfeiernden. Harte Arbeit ist das Fest für die Müllwerker, die im Lauf der Woche mehr als 1.300 Tonnen Dreck wegschaffen müssen.

Erst ab 15. Juli hat der Heilige seine Ruhe wieder. Zuvor aber lassen sie ihn Punkt Mitternacht auf der Plaza del Castillo mit Kerzen noch ein letztes Mal hochleben. "Pobre de mi," singen sie, "Pobre de mi, que se han acabado las fiestas de San Fermin". "Ich Unglücklicher, die Sanfermines sind zu Ende". Ein Klagelied, das manchem die Tränen in die Augen treibt.

Text: Günter Schenk, Fotos: Tourismusbüro Pamplona