Altöttinger Liebfrauenbote

120 Jahre "Altöttinger Liebfrauenbote" – 1895-1904

Ein "beliebtes Familienblatt"

120 Jahre ist der "Altöttinger Liebfrauenbote" heuer im Januar alt geworden. Damit ist die einzige marianische Wochenzeitung Deutschlands auch eine der ältesten Kirchenzeitungen im Land. Anlässlich des Jubiläumsjahres werfen wir einmal monatlich einen Blick zurück auf ein Jahrzehnt "Boten"-Vergangenheit – zuerst auf die Jahre 1895-1904.

Titelkopf der Erstausgabe des "Boten" vom 6. januar 1895.
Titelkopf der Erstausgabe des "Boten" vom 6. januar 1895.

Als am 6. Januar 1895 die erste Ausgabe des "Altöttinger Liebfrauenboten" erschien, saß mit Leo XIII. nicht nur ein "Arbeiterpapst", sondern auch ein großer Marienverehrer auf dem Papstthron in Rom, stand Kaiser Wilhelm II. an der Spitze des Deutschen Reichs, und Prinzregent Luitpold führte die Regierungsgeschäfte in Bayern. 120 Jahre sind seither vergangen, und viel hat sich verändert – auch das Bild unserer Wochenzeitung, wenngleich die meisten Leser "ihren Boten" von damals vermutlich schnell erkennen würden. Das Profil der Sonntagszeitung ist nämlich im Wesentlichen gleich geblieben.

Ein Stich mit Gnadenbild, Kapellplatz und Neuöttinger Pfarrkirche schmückt die Titelseiten der jeweils acht Seiten umfassenden Ausgaben im Jahr 1895 und verrät unzweideutig die katholische Ausrichtung des Blatts sowie den Erscheinungsort und die enge Verbundenheit zum "Herzen Bayerns". Es folgt ein kleiner Wochenkalender mit den Namen der wichtigsten Heiligen – heute findet sich dieser auf Seite 23 in der Printausgabe – und: ein geistlicher Impuls; am ersten Erscheinungstag zum "Fest der heiligen drei Könige". Passend zu einer Meldung über eine "erhebende Feier" in der Tillygruft, brachte die Erstausgabe des "Boten" auch ein Portrait des "Feldherrn der Muttergottes" und eine kleine Geschichte der Tillykapelle im Kreuzgang der Stiftspfarrkirche. Der heilige Franz von Sales wurde als Vorbild vorgestellt, ebenso Agnes von Wittelsbach. Ein Ratgeber warnte vor der Lektüre "schlechter" Bücher und stellte einige katholische Schriften als "gute Hausfreunde" vor. Von Gebetserhörungen wurde berichtet, auch eine "Lustige Ecke" für die Freunde des Humors war schon vorhanden, und in einer "Wochenrundschau" berichtete der "Bote" damals u.a über einen neuen Pfarrer in Altötting, eine Messerstecherei in Zell, eine Viehseuche in Lenggries, und: über ein "seltenes, ja fast einzig dastehendes Ereignis" in Ostindien, wo drei Brahmanen – hinduistische Priester der höchsten Kaste – zum katholischen Glauben konvertierten. Kurzum: Die bunte Welt des katholischen Glaubens abzubilden und Glaube zu vermitteln sahen die Herausgeber – katholische Geistliche, wie der Titel verriet – auch damals schon als ihr Hauptanliegen an.

Dass der "Bote" Ende des 19. Jahrhunderts entstand, ist durchaus kein Zufall; das Sonntagsblatt aus Altötting bettete sich ein in eine vielfältige katholische Presselandschaft mit theologischen und pastoralen Zeitschriften sowie etlichen Periodika für das "Kirchenvolk", entstanden seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Erst die Nationalsozialisten und der II. Weltkrieg setzten dieser Vielfalt ein Ende. Umso bemerkenswerter, dass der "Bote" noch existiert, denn auch ihn hatten die Nazis im Visier (mehr dazu in einer Ausgabe im April). Heute ist der "Liebfrauenbote" eine der ältesten noch bestehenden Kirchenzeitungen in Deutschland.

Vielfalt der Themen: Glaube, Politik und Kurioses

Selten finden sich Abbildungen in den alten Ausgaben wie die "Maienkönigin" in der Ausgabe vom 8. Mai 1898 – heute findet sich in jeder Ausgabe des "Boten" die Abbildung einer Mariendarstellung auf Seite 24.
Selten finden sich Abbildungen in den alten Ausgaben wie die "Maienkönigin" in der Ausgabe vom 8. Mai 1898 – heute findet sich in jeder Ausgabe des "Boten" die Abbildung einer Mariendarstellung auf Seite 24.

Und der "Bote" ist, was seine Themen anbelangt, bunt geblieben. Die Vielfalt der Themen hat ihren Grund durchaus in der katholischen Ausrichtung der Zeitung – "das Ganze betreffend, die ganze Erde umfassend" lässt sich das Wort "katholisch" in seiner ursprünglichen Bedeutung übersetzen. Die Vielfalt hatte jedoch auch einen ganz praktischen Grund: "Die Probenummer hat überall in den bayerischen Gauen und selbst über die blau-weißen Grenzpfähle hinaus guten Anklang gefunden", berichtete der "Bote" 1895 in seiner Erstausgabe und kündigte an, die Zeitung zu einem "beliebten Familienblatte zu machen". Gerade auf dem bayerischen Land war der "Bote" damals nicht selten die einzige Informationsquelle für die Leute.

Und so kommt es, dass Meldungen aus Altötting in den "Wochenrundschauen" der Ausgaben der ersten zehn Jahre ihren natürlichen Platz neben regionalen Nachrichten und solcher aus aller Welt hatten. Meistens waren es kurze Ankündigungen der nächsten Wallfahrtszüge oder wo und wann die nächsten Firmungen stattfinden; insbesondere wenn der Diözesanbischof höchstpersönlich kam, wurde darauf verwiesen. Häufig zu finden waren Hinweise auf die kommenden Viehmärkte oder etwa über die Preisentwicklung am Viktualienmarkt in München. Doch auch politische, aufsehenerregende und kuriose Nachrichten fanden in den "Wochenrundschauen" ihren Platz.

Zum Beispiel berichtete der "Bote" in seiner Ausgabe vom 28. April 1895 von einem Erdbeben in Österreich, vom Friedensvertrag zwischen Japan und China, von einer "Versammlung Ungläubiger" in Frankreich, die den Glauben verspotteten, von der Neugründung eines Raiffeisenvereins in Burgkirchen, von einem Mord in Aidenbach, und von einer ziemlich leichtgläubigen Bäuerin in Deggendorf: Diese hatte wohl, weil ihr weisgemacht wurde, dass am Karfreitag der Weltuntergang bevorstehe, noch schnell ihr Schwein geschlachtet, verkauft und teils verarbeitet, um "gut vorbereitet zu sein", und um wenigstens ihre letzten Tage noch ein wenig mit einem "G'selchten" (Rauchfleisch) zu genießen.

Krankengruß und Gebetserhörung

Der "Krankengruß" war viele Jahre eine feste Rubrik des "Boten".
Der "Krankengruß" war viele Jahre eine feste Rubrik des "Boten".

Bei der Wochenrundschau vom 8. Mai 1898 drehte sich alles um den spanisch-amerikanischen Krieg. Hatte der "Bote" noch in der Woche zuvor vor einem "Freimaurerkrieg" gewarnt und sich klar auf die Seite des katholischen Spaniens gestellt, berichtete er nun, wie Papst Leo XIII. als "Friedensfürst" zu vermitteln versuchte – vergeblich: der Krieg endete mit der Besetzung Kubas, Puerto Ricos, Guams und der Philippinen durch die USA und für Spanien mit dem Verlust seiner letzten bedeutsamen Kolonien. "Erfreulicher" war da schon die Meldung von der Erhebung der Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen zur "Päpstlichen Basilika" und auch die Geburt von Vierlingen in Foggia in Apulien, die die klangvollen Namen Dante, Petrarca, Tasso und Ariosto erhalten haben sollen.  Auch ein Aufruf zur Beteiligung an den Reichstagswahlen am 16. Juni fand sich in der Ausgabe 1898; der "Bote" wünschte "jeder Partei den Erfolg, welchen sie verdient" und dass der "Kampf ehrlich und sachlich geführt werden möge". Außerdem berichtete der "Bote" u.a. von einer Primiz in Trier, von einer Brotpreiserhöhung in Memmingen und von einer Rauferei in einem Bierkeller in Amberg.

Ein großes Unglück in einer Chemiefabrik in Griesheim am Main, das 26 Tote und 94 Verletzte gefordert hatte, war Thema der Wochenrundschauen am 5. und 12. Mai 1901. Ein tragisches Unglück, das jedoch auch seine "Helden der Feuerstunde" hervorbrachte. Ein Betriebsleiter berichtete im "Boten" von einem Kaplan, der trotz der großen Gefahren zur Fabrik eilte, um den Schwerverletzten die letzten Sakramente zu spenden. Der Kaplan überlebte.

Eine feste Rubrik war in den ersten Jahren auch die "Krankenstube"; aufmunternde Zeilen wurden hier verfasst, wie etwa in der Ausgabe vom 5. Mai 1895: "Mein lieber Christ! Der schöne Maimonat ist da, und du bist krank! ... Aber verzag nicht! ... Schau, Sie (Maria) ist ja auch das 'Heil der Kranken'." Trost mag dann auch die "Gebets-Erhörung" gefunden haben, ebenfalls eine feste Rubrik. In derselben Ausgabe wurde von einem beliebten Ortspfarrer berichtet, der, vom Arzt bereits aufgegeben, wieder genas und noch 16 weitere Jahre lebte. Der damals behandelnde Arzt wurde mit den Worten zitiert: "... es haben seine Pfarrkinder ihn gesund gebetet...".

Erzählungen und Ratgeber

Ein Stich macht in der Ausgabe vom 5. Mai 1901 auf den Bericht über das Hauptfest der Marianischen Männerkongregation aufmerksam.
Ein Stich macht in der Ausgabe vom 5. Mai 1901 auf den Bericht über das Hauptfest der Marianischen Männerkongregation aufmerksam.

Aufrufe zum Gebet und auch zur Wallfahrt finden sich immer wieder in den "Boten"-Ausgaben der ersten zehn Jahre, allgemein viele Ratschläge zum praktischen Glaubensleben ebenso wie die Vermittlung von Glaubensinhalten. Vorrangig fand letztere in den Predigten und geistlichen Impulsen gleich auf der ersten Seite statt. Die Glaubensvermittlung war jedoch auch Ziel des unterhaltenden Teils der Zeitung, der großen Raum einnahm. Oft wurden Gedichte abgedruckt, meist aber waren es Erzählungen und Fortsetzungsgeschichten, die den Lesern Anregungen für ihr tägliches Leben geben sollten. So schilderte etwa die Erzählung "Unter Mariens Schutze" in mehreren Ausgaben 1895 die Hilfe der Gottesmutter in Zeiten des Krieges, namentlich des deutsch-französischen Kriegs 1871, dem dritten der "deutschen Einigungskriege", den die meisten der damaligen Leser noch am eigenen Leib erfahren hatten. Anno 1901 etwa wurde über mehrere Ausgaben eine "Pilgerfahrt nach Rom" beschrieben.

Sachlicher, aber nicht weniger unterhaltsam waren dann z.B. längere Berichte/Reportagen etwa über "Heiligtümer in Rom" sowie Ratgeber über die "Schule des Rosenkranzes" oder "Wallfahrtsregeln" (alle 1895): "Begib dich auf die Reise mit großem Vertrauen auf die Fürbitte Mariens", heißt es da etwa im Ratgeber für Pilger, und: "Sobald Du des Gadenortes Altötting ansichtig wirst, falle auf die Kniee, grüße Maria mit dem Salve Regina, der lauretanischen Litanei oder dem Rosenkranz." Unter der Rubrik "Soziales" fand sich im April 1895 auch ein Ratgeber für Dienstmädchen, der typisch ist für jene Zeit. Unter dem Begriff "Landflucht" subsumieren Geschichtsbücher die Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte. Der "Bote" erläuterte hierzu, dass sich in der Stadt zwar mehr Geld verdienen lasse, das Leben dort aber auch um einiges teurer sei. Außerdem warnte er insbesondere die jungen Frauen vor den Gefahren der "neuen Freiheit" in der Stadt, und listete katholische Mädchenheime in 34 Städten auf, wo junge Frauen Aufnahme finden könnten, "bis sie eine gesicherte Stellung bekommen". Zwei Ausgaben später informierte der "Bote" in einem längeren Bericht über die verschiedenen katholischen Sozialverbände, die um die Jahrhundertwende ganz konkrete Antworten auf die "soziale Frage" suchten.

Und Altötting? – War und ist in erster Linie der Bezugspunkt der Leser, die zum größten Teil aus Bayern, aber auch darüber hinaus stamm(t)en. Meistens waren und sind es Pilger, die einen engen Bezug zum Gnadenort Unserer Lieben Frau hatten/haben. Wallfahrten nach Altötting wurden in "Boten"-Ausgaben der ersten Jahre lediglich angekündigt, bzw. dokumentiert. Längere Berichte sind über besondere Festtage und Ereignisse zu finden, etwa in der Ausgabe vom 5. Mai 1901 über ein Fest der Marianischen Männerkongregation am "Schutzfeste des hl. Josef" mit Gottesdiensten und einer feierlichen Prozession; auch über die Neuaufnahme von über 130 jungen Männern an jenem Tag steht im Bericht.

Ansonsten liest man vor allem auch über die Heiligtümer am Gnadenort, etwa in einem längeren Artikel über mehrere Ausgaben 1895, der die "Geschichte der Gnadenkapelle von Altötting" nachzeichnet. In der Ausgabe vom 28. April 1895 heißt es hierzu: "Älter als die älteste, längst zerfallene Burg in Bayern und Deutschland steht die Kapelle auf freiem Platze zu Altötting. Entsetzliche Stürme und Unwetter sind darüber hingezogen im Laufe der Zeiten, haben gewaltig daran gerüttelt und doch steht sie noch so fest, als ob sie erst vor wenigen Jahrzehnten gebaut worden wäre." – Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Text: Michael Glaß, Fotos: red