Altöttinger Liebfrauenbote
Der Kopf der ersten Liebfrauenboten-Ausgabe vom 6. Januar 1895 – noch mit der Neuöttinger Stadtpfarrkirche.
Der Kopf der ersten Liebfrauenboten-Ausgabe vom 6. Januar 1895 – noch mit der Neuöttinger Stadtpfarrkirche (rechts).

Von der Kaiserzeit bis ins 21. Jahrhundert Stimme christlichen Lebens

120 Jahre Liebfrauenbote

Am 6. Januar 2015, am Dreikönigstag, ist der Altöttinger Liebfrauenbote 120 Jahre alt geworden. Als der "Bote" 1895 zum ersten Mal gedruckt wurde, regierte Prinzregent Luitpold in München und Kaiser Wilhelm II. in Berlin. Reichskanzler Bismarck hatte nach fast zwanzigjährigem "Kulturkampf" die Segel streichen müssen und auch in Bayern konnten die Katholiken nach der Entlassung des kirchenfeindlichen Ministers von Lutz wieder freier atmen. In diesen Jahren der Aufbruchsstimmung unternahm der junge Geistliche Franz Xaver Konrad das Wagnis, mit dem Liebfrauenboten eine katholische Sonntagszeitung zu gründen.

Prälat Fr. X. Konrad, als Kaplan der erste Redakteur des Altöttinger Liebfrauenboten.
Prälat Fr. X. Konrad, als Kaplan der erste Redakteur des Altöttinger Liebfrauenboten.

Im Nachhinein betrachtet, muss man den Mut Franz Xaver Konrads, Kooperator (Kaplan) in Neuötting bewundern – mit nicht viel mehr ausgestattet als mit Begeisterung, hohen Geistesgaben und vor allem mit großem Gottvertrauen. Konrad wurde später Stadtpfarrer in Altötting und nach der Wiedererrichtung des Chorherrnstifts dessen erster Stiftspropst – legendär durch seine abenteuerliche Flucht mit dem Gnadenbild nach Passau im Revolutionsjahr 1919 vor den anrückenden Revolutionären, unter denen der "Bote" erstmals Bekanntschaft mit politischer Zensur machen sollte.

Das Bild der "Gnadenmutter von Altötting" schmückte auch die Titelseite des Blattes, eingerahmt von den Schriftleisten mit dem Titel: "Altöttinger Liebfrauenbote" darunter: Herausgegeben von katholischen Geistlichen. Darunter stand zu lesen: Der Altöttinger Liebfrauenbote erscheint jeden Sonntag und kostet vierteljährlich 50 Pfennige, monatlich 20 Pfennige.

Unterweisung und Unterhaltung

Pfarrer Jakob F. Bussereau.
Pfarrer Jakob F. Bussereau.

Der Kooperator und erste Redakteur des "Boten", Fr. X. Konrad, war darauf bedacht, seinen Lesern eine ausgewogene Mischung aus religiöser Unterweisung und Unterhaltung zu bieten: jede Ausgabe des Liebfrauenboten brachte einen volkstümlichen religiösen Leitartikel, einen Roman in Fortsetzungen, Erzählungen, Humor und Rätselecke, Nachrichten aus dem kirchlichen Leben sowie ausführliche Berichterstattung über das Wallfahrtsleben und über die Veranstaltungen der Altöttinger Männerkongregation.

Auf Fr. X. Konrad folgte noch im Gründungsjahr Kooperator Max Eglseder und 1897 schließlich Pfarrer Jakob F. Bussereau, Gründer der Kongregation der St. Paulus-Schwestern und Direktor der St. Paulus-Stifte im pfälzischen Herxheim und in Neuötting, als Chefredakteur des Liebfrauenboten. Nach Bussereaus Rückkehr in die pfälzische Heimat im Jahr 1905 ging der "Bote" durch Kauf in den Besitz der Marianischen Männerkongregation Altötting  (MC) über und wurde fortan am Wallfahrtsort gedruckt, in der "Druckerei von Hans Büttner" in der Neuöttinger Straße 32. Auch wenn der Besitz dieses Druckhauses noch einmal wechselte – im Jahr 1911 erwarben die Brüder Josef und Dr. Hans Geiselberger den Büttner'schen Betrieb – bei der gleichen Adresse sollte die Zeitung für lange Zeit bleiben: 88 Jahre hindurch, bis zum Jahr 1993 hatte der Liebfrauenbote hier sein Domizil.

Von den Nazis verboten

H. H. Karl Vogl.
H. H. Karl Vogl.

Mit dem Umzug nach Altötting war auch ein Wechsel in der Redaktion verbunden. Als verantwortlicher Redakteur zeichnete fortan H. H. Karl Vogl, Benefiziat in Holzhausen, Post Neuötting. Er, ein journalistisches "Naturtalent" von hohen Graden, prägte weit über die engere bayerische Heimat hinaus das Erscheinungsbild des "Altöttinger Liebfrauenboten". Nach den Wirren von Erstem Weltkrieg, Bayerischer Räterepublik, Inflation, Hitlerputsch 1923, "Schwarzem Freitag" von 1929 und den Jahren der Massenarbeitslosigkeit gehörte Karl Vogl zu den schärfsten und klarsichtigsten Kommentatoren des aufstrebenden Nationalsozialismus.

Doch nach der "Machtergreifung" 1933 präsentierten die Nationalsozialisten Vogl für seinen unerschrockenen Einsatz die Rechnung: Als eine der ersten deutschen Zeitungen wurde der den neuen Machthabern missliebige Altöttinger Liebfrauenbote schon wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme verboten, zunächst für zwei Wochen, und anschließend Ausgabe für Ausgabe zensiert. "Botenpfarrer" Karl Vogl legte die Redaktion trotz der Bitten des Verlages nieder, denn er konnte seines Lebens nicht mehr sicher sein. Er verbrachte sein weiteres Leben zurückgezogen als Seelsorger und starb 1941.

"Wiedergeburt" im September 1948

Heinrich Becker.
Heinrich Becker.

Durch die Praxis der Lizenzvergabe seitens der amerikanischen Besatzungsmacht zögerte sich die Wiedergeburt des Altöttinger Liebfrauenboten nach dem Krieg bis zum September 1948 hinaus. Mit einem herzlichen "Grüß Euch Gott" und der Lizenznummer US-E 137 meldete sich der "Bote" 1948 mit seiner Nummer 1 bei seinen Lesern zurück. Die Verlegerschaft lag bei Dr. Hans Geiselberger, der einen neuen Chefredakteur gewonnen hatte: Heinrich Becker. An seiner Seite stand als geistlicher Beirat der unvergessene Präses der Marianischen Männerkongregation, Kapuzinerpater Willehald Schlarnhaufer.

Im Herbst 1974 folgte auf Heinrich Becker sein Sohn Peter Becker als Chefredakteur des Liebfrauenboten, Pater Kosmas Wührer wurde nach dem Tod von P. Willehald Schlarnhaufer im Jahre 1979 mit dem Amt des Präses der Altöttinger Männerkongregation, der Herausgeberschaft des Liebfrauenboten und der Aufgabe des geistlichen Beirats betraut. Die Geschäftsführung hatte Bernhard Neumeier als Nachfolger von Dr. Oskar Bender übernommen, Verlagsleiter war Peter Friedrich.

Konkurrenzdruck und Säkularisierung

Peter Becker.
Peter Becker.

Der Wiederaufbau des Boten seit den 50er-Jahren hatte sich gut entwickelt, doch die neuen Zeiten forderten zunehmend auch ihren Tribut. Vor dem Krieg hatte der "Bote" Konkurrenzdruck kaum gekannt, nun bekam auch er, der sich seit je und bis heute wirtschaftlich selbst zu tragen hat, ihn zu spüren. Dazu gesellten sich schon seit den frühen 60er-Jahren nachhaltige Säkularisierungsentwicklungen in Gesellschaft und Kirche, die auch am "Boten" nicht vorübergingen.

Auch der technische Fortschritt brachte manche Veränderung: Dem althergebrachten Bleisatz nach Gutenbergscher Manier folgte 1986 die Umstellung auf Fotosatz. 1993 schließlich musste sich der Botenverlag technischen Zwängen folgend, von dem Druckhaus trennen, in dem er von 1905 an technisch hergestellt worden war. Seit April 1993 wird der Bote nun im eigenen Hause auf Computer digital bis zur Druckreife hergestellt und dann im Druckzentrum der Passauer Neuen Presse in Passau-Sperrwies auf einer modernen Offset-Rotationsmaschine gedruckt.

Hinein ins Zeitalter der Neuen Medien

Wolfgang Terhörst.
Wolfgang Terhörst.

Nach der Ära Becker übernahm im Februar 2007 Wolfgang Terhörst die Chefredaktion des Liebfrauenboten. Kraftvoll unterstützt durch die MC-Präses und "Botenpfarrer" Pater Marinus Parzinger (bis Februar 2009) und Pater Georg Greimel sowie im Team mit Verlagsleiterin und Geschäftsführerin Barbara Kieswimmer, Redakteur Michael Glaß und Redaktionsassistentin Roswitha Dorfner nahm er die Herausforderung an, das ehrwürdige Sonntagsblatt in das Zeitalter der Neuen Medien hinein- und an eine jüngere Leserschaft heranzuführen. Dazu gehörten unter anderem ein frisches, modernes Layout – durchgehend vierfarbig –, lebendige Themen aus der gesamten Weltkirche – ohne den Fokus auf Wallfahrt, Brauchtum und Glaubensleben zu verlieren –, sowie ein eigener Internet-Auftritt.

Ermutigt durch die Zustimmung ihrer treuen Leserschaft sehen Redaktion und Verlag des Liebfrauenboten 120 Jahre nach der Gründung hoffentlich noch vielen weiteren Jahren im Auftrag der christlichen Frohbotschaft entgegen.

Text: red, Fotos: Archiv

Liebe Leserinnen und Leser, im Laufe unseres Jubiläumsjahres 2015 möchten wir Ihnen immer wieder einmal Einblicke in die wechselhafte Geschichte Ihres Altöttinger Liebfrauenboten ermöglichen - seien Sie gespannt!