Altöttinger Liebfrauenbote
Blick auf die kleine Hafenstadt Del Carmen.
Blick auf die kleine Hafenstadt Del Carmen.

Die "Misereor"-Fastenaktion 2015 nimmt die Menschen auf den Philippinen in den Blick

Überleben im Paradies

Das Boot kommt wieder einmal zu spät. Engie Doligol und ihre Freundinnen stehen ungeduldig am Anleger der kleinen Hafenstadt Del Carmen. Die jungen Frauen tragen dünne Kleidung und Flip Flops – während ihnen der Regen, der in Bindfäden vom Himmel prasselt, gegen die Beine schlägt. Zweimal in der Woche kommt das Schiff vom Festland und bringt Lebensmittel und Konsumgüter auf die kleine Insel Siargao im Osten der Philippinen. Und jedes Mal stehen Engie und die anderen jungen Frauen am Hafen und warten darauf, ob für sie und ihre Familien eine Lieferung dabei ist.

Ein Blick von einem Fischerboot: Auf der Insel Siargao gibt es den groessten zusammenhaengenden Mangrovenwald der Philippinen. Grosse Teile sind aber schon durch illegale Abholzung verloren gegangen.
Auf der Insel Siargao gibt es den groessten zusammenhaengenden Mangrovenwald der Philippinen. Grosse Teile sind aber schon durch illegale Abholzung verloren gegangen.

Endlich ist das Boot am Horizont zu sehen, pflügt sich langsam an den dichten Mangrovenwäldern vorbei in Richtung Del Carmen. Der Blick über den Hafen ist malerisch, über die ruhigen Ausläufer des Meeres, die Mangrovenwälder, über Palmen und herrlichen Stränden. Siargao könnte ein Paradies sein. Engie lächelt gequält. "Paradies?" fragt sie. "Auf so eine Idee kommt man nur, wenn man hier nicht leben muss. Wovon denn auch." Der bestellte Zucker ist heute nicht dabei, der Bootsführer zuckt bedauernd mit der Schulter, die drei Freundinnen treten enttäuscht den Heimweg an.

Wovon leben? Auf den Philippinen kämpfen die Menschen täglich um ihr Überleben. Die Hafenstadt Del Carmen steht beispielhaft für etliche philippinische Inseln und Dörfer, die stark abhängig sind von der Natur. Der Fischfang stellt eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen, der Fisch ihr Hauptnahrungsmittel dar. Die Anzahl der Tage, an denen die Fischer aufs Meer hinausfahren können, hat sich aufgrund der Häufung von Orkanen und Taifunen jedoch stark reduziert – während die Fangquoten immer weiter zurückgehen. Der Klimawandel als unumgängliche Problematik ist auch hier angekommen. Vor gut einem Jahr zog schließlich Taifun Haiyan über die Philippinen: Er hinterließ eine Spur der Verwüstung, tausende Menschen starben, Millionen verloren ihr Zuhause. Del Carmen und die vielen am Wasser lebenden Fischerfamilien waren besonders betroffen.

Das Dynamit-Fischen beenden

Engie Doligol ...
Engie Doligol ...
... und Jeremy Samaniego.
... und Jeremy Samaniego.

Auch Engies Ehemann ist Fischer, morgens um vier packt er die Netze in sein Boot und paddelt durch die Mangroven hinaus aufs Meer. Dass er mit Netzen zum Fischen fährt, ist nicht selbstverständlich. In den letzten Jahren hat sich auf den Philippinen das sogenannte Dynamit-Fischen immer stärker durchgesetzt. Ganze Schwärme werden durch die Explosionen von Dynamit unter Wasser getötet. Leichte Beute für die Fischer und oftmals das Ende ganzer Fanggründe. Zudem werden die Riffe zerstört, wichtiger Schutzraum der Fische schrumpft. "Genau da müssen wir ansetzen", erklärt die 37-jährige Jeremy Samaniego von der "Misereor"-Partnerorganisation "SIKAT". "Wir müssen den Fischern erklären, dass sie wieder auf traditionelle Weise fischen müssen. Auch wenn das aufwändiger ist, aber es lohnt sich langfristig". Genau wie Engie, hat auch Jeremy ihren Ehemann überzeugen können, dass er das Dynamit-Fischen beenden muss.

Am nächsten Morgen sitzt Engie mit vierzig engagierten Anwohnern von Del Carmen auf dem überdachten Sportplatz. Es ist Samstag, Sikat hat Freiwillige aus dem Dorf versammelt, um gemeinsam mit ihnen Mangroven-Setzlinge zu pflanzen. Traditionell wird das wertvolle Mangrovenholz zum Feuer machen benutzt. Doch wo Mangrovenwälder fehlen, sind ganze Küstenabschnitte – und somit auch der Lebensraum der Menschen – der Gewalt von Taifunen und Tsunamis schutzlos ausgesetzt.

Ohne den Schutz der Mangrovenwälder könnte es Del Carmen beim nächsten Taifun wieder erwischen

Mit Pflanzaktionen in den Mangroven versuchen die Menschen in Siargao ihre Heimat vor den Wetterextremen zu schützen.
Mit Pflanzaktionen in den Mangroven versuchen die Menschen in Siargao ihre Heimat vor den Wetterextremen zu schützen.

So fährt Sikat einmal im Monat mit Freiwilligen in die Mangrovenwälder hinaus, um bestehende Lücken in den Pflanzungen zu schließen. Mit einem Megaphon in der Hand erklärt Jeremy den Freiwilligen, wie die Setzlinge in den schlammigen Untergrund gepflanzt werden. 10.000 Stück sollen heute dazukommen. Die Fahrt geht zwanzig Minuten durch die Mangrovenwälder – dann springen alle aus den Booten, versinken bis zur Hüfte im Schlamm und beginnen in der prallen Sonne zu arbeiten.

Harte Arbeit – und das an einem Samstag – für die Menschen ist das hier eine Selbstverständlichkeit. Engie lacht. "Wir müssen doch etwas für die Umwelt tun. Der Klimawandel macht uns auch so schon genug zu schaffen. Ohne den Schutz der Mangrovenwälder könnte es Del Carmen beim nächsten Taifun wieder erwischen." Es sind vor allem Frauen wie Engie und Jeremy, die in Del Carmen etwas voranbringen wollen – und die Erfolg damit haben. Seit die Fischbestände kaum noch für die Ernährung aller Familien ausreichen, suchen viele Bewohner nach alternativen Einkommensquellen.

Becken für die Krebszucht

Frauen nehmen den Fisch aus und legen ihn zum Trocknen aus.
Frauen nehmen den Fisch aus und legen ihn zum Trocknen aus.

Misereor-Partner Sikat konnte die Bewohner beispielsweise davon überzeugen, in die Krebszucht einzusteigen. Krebsfleisch ist wertvoll – sechs Euro pro Kilo werden am Festland dafür bezahlt. Hinter einem der landestypischen Stelzenhäuser am Hafenrand wurden im Mangrovenwasser zwei große Becken für die Krebszucht abgetrennt. Hier werden sie gefüttert und gewogen, bis sie zum Verkauf geeignet sind. Die Schalentiere mit den riesigen Kneifzangen liegen zappelnd auf der Waage – ein Prachtexemplar bringt fast vier Kilo auf die Waage.

Engie Doligol führt das Kassenbuch der Zucht – wie fast überall haben die Frauen in den Sikat-Projekten die verantwortlichen Jobs übernommen. Die 39-Jährige strahlt, während sie die Beine des Krebses zusammenhält: "Durch den Krebsverkauf konnten wir in den letzten zwei Jahren die Verluste durch mangelnden Fischfang wieder ausgleichen" und Jeremy erklärt, dass die finanzielle Unterstützung durch Misereor zwar wichtig, aber bei Weitem nicht alles ist. "Wir haben von Misereor in erster Linie gelernt, uns als Organisation aufzustellen, – für die Rechte der Menschen hier zu kämpfen – das ist für uns fast noch wichtiger als das Geld."

Für die Mangroven, Strände und Küsten

Fischer bringen ihren Fang an Land auf der kleinen Insel Caub.
Fischer bringen ihren Fang an Land auf der kleinen Insel Caub.

Die Überzeugungsarbeit ist mittlerweile sogar bei der Polizei angekommen. Um die örtlichen Fischer zu schützen und das illegale Dynamit-Fischen zu unterbinden, schickt die Behörde jeden Morgen ein Patrouillenboot auf den Weg durch die Mangroven. So sitzt Polizeichef Antonio Claros schon um fünf Uhr mit drei Kollegen auf einem kleinen motorisierten Polizeiboot, in der Hand hält er ein Megaphon. "Es geht nicht nur um illegales Dynamit-Fischen", erklärt Antonio. "Wir wollen über die Herkunft der Fischer Bescheid wissen, denn hier dürfen nur registrierte Fischer aus Del Carmen arbeiten."

Die Bewohner von Del Carmen arbeiten hart für den Schutz ihres Lebensraumes, des vermeintlichen Paradieses für die Mangroven, Strände und Küsten. Doch die Zukunft der kleinen Stadt ist ungewiss: Für ein Tourismus-Projekt zur Mangrovenbesichtigung sollen viele Häuser in der Bucht weichen. Auch das von Engie Doligol und ihrem Ehemann. Doch die junge Frau will nicht aufgeben – Sikat wird sie dabei unterstützen.

Text: Ralph Weihermann (Misereor), Fotos: Schwarzbach (Misereor)

Misereor-Fastenaktion 2015

Das Leitwort der diesjährigen Fastenaktion von Misereor lautet "Neu denken! Veränderung wagen." Nicht nur die Bewohner von Del Carmen, sondern auch die Menschen in Deutschland müssen umdenken – denn der Klimawandel findet statt. Die Fischerfamilien der Philippinen stehen beispielhaft für all die Menschen, deren Lebensgrundlage durch die Folgen des Klimawandels bedroht ist. Besonders den Ärmsten fehlen die Mittel, sich gegen Klimawandelfolgen wie Überschwemmungen und Taifunen zu schützen: beispielsweise indem sie Verbesserungen an ihren Häusern vornehmen, um diese zu sichern. Misereor unterstützt die Menschen durch die Partnerorganisationen wie Sikat dabei, ihr Leben am Meer weiterführen zu können und ihre Existenzgrundlage zu schützen. Misereor ruft mit der Fastenaktion zu einem Kurswechsel auf: als Teil der Schöpfung Gottes tragen wir Verantwortung, dass alle Menschen weltweit in Würde leben können. Die Fischerfamilie sind ein großes Beispiel, mit welchem Mut und Zuversicht sie sich den Herausforderungen stellen, dabei neue Wege gehen und dennoch ihre Tradition und Identität bewahren.

Text: red

Misereor-Fastenkalender 2015

Titel des Fastenkalenders.
Titel des Fastenkalenders.

Was ist mir wichtig? Worüber staune ich? Wo lasse ich mich vom Leben anderer berühren? Der Misereor-Fastenkalender soll dazu anregen, das eigene Leben neu zu entdecken, den Blick für die "Eine Welt" zu weiten und österliche Veränderung zu wagen. Texte, Gebete und Impulse zu sieben Themen laden jeden Tag neu zum Innehalten ein. Geschichten geben Einblick in die Lebensrealitäten von Fischerfamilien auf den Philippinen. Als besonderes Extra gibt es zwei Postkarten zum Verschicken, Träumen und Mut machen. Kinder finden jede Woche eine spannende Geschichte.

Der Fastenkalender ist in vielen Pfarrgemeinden erhältlich und kann zum Preis von 2,25 Euro (zzgl. Versand) bestellt werden bei der MVG, Postfach 10 15 45, 52015 Aachen unter der Best.-Nr. 1 106 13-M13 oder im Internet unter www.misereor-medien.de.

Das "Misereor"-Hungertuch 2015

Das Misereor-Hungertuch 2015 "Gott und Gold – Wie viel ist genug?" von Dao Zi.
Das Misereor-Hungertuch 2015 "Gott und Gold – Wie viel ist genug?" von Dao Zi.

Die Idee des Hungertuchs entstammt einem alten kirchlichen Brauch. Misereor hat diese alte Tradition 1976 neu belebt und damit weltweite Resonanz erzielt. Seitdem wird alle zwei Jahre ein neues Hungertuch von Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, Asien und Lateinamerika geschaffen. Mit dem diesjährigen 20. Hungertuch beschreitet Misereor jedoch Neuland: Es ist das erste halbabstrakte Bild, gemalt von einem chinesischen Künstler.

"Ich möchte mit meiner Kunst den Kern der christlichen Botschaft sichtbar machen", sagt Dao Zi, der das neue Misereor-Hungertuch auf Reispapier gestaltet und sich dabei von den Versen der Bergpredigt hat inspirieren lassen: "Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz." Das neue Hungertuch fordert uns auf zu entscheiden: Dienst du Gott oder dem Gold?

Jeder Mensch möchte sich so entfalten, wie es ihm möglich ist und ihm aufgrund seiner Menschenwürde zusteht. Wie sollen wir leben, damit alle "gut leben" können? Wie viel ist genug für mich? Wie viel ist genug für die Fischer auf den Philippinen? Damit das Leben der Armen im Süden (und Norden) eine Zukunft hat, sind wir eingeladen, nachzudenken über unseren Lebensstil und Lebenshaltungen, in denen Lebensqualität nicht mit Konsum verwechselt wird. Das 20. Misereor-Hungertuch beeindruckt durch Reduktion auf wenige Formen und Farben - und ermöglicht so einen meditativen Zugang.

Text: red, Foto: Misereor

Weitere Informationen zum Hungertuch unter www.hungertuch.de.