Altöttinger Liebfrauenbote

Vilsbiburg lockt in die versunkene Welt der Kröninger Hafnerei

"Dreifuaß" und Wallfahrtsmadonnen

Das überaus reich bestückte Vilsbiburger Heimatmuseum, unmittelbar vor dem "Oberen Tor" im ehemaligen Heilig-Geist-Spital gelegen, wurde 1958 geöffnet. Vor zehn Jahren erweiterte man es um eine Dauerausstellung über "Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land". In einer Sonderschau geht es nun um die "Kröninger Hafnerei" und den einst blühenden Handel Töpferware vom Kröning, einem Höhenzug zwischen den Städten Landshut, Dingolfing und Vilsbiburg, am Rott-Nebenflüsschen Bina. Bilder und vor allem zahlreiche Dokumente und Schaustücke lassen den Kröninger Handel vor den Augen der Besucher konkret werden. Teils seltene zeitgenössische anonyme Grafik, die Karrer, Fuhrleute und Kraxenträger bei ihrer Tätigkeit zeigt, legt beredt Zeugnis ab von der Begehrlichkeit der ebenso nützlichen wie qualitativ hochstehenden Hafnerware vom Kröning, aber auch von den Mühen und der fabrikmäßigen Organisation ihrer Verbreitung übers ganze Land und seine Grenzen hinweg.

Küchenstillleben mit junger Frau und Papagei von P. J. Horemans, 1760: Die Kröninger Hafnerware ist unübersehbar.
Küchenstillleben mit junger Frau und Papagei von P. J. Horemans, 1760: Die Kröninger Hafnerware ist unübersehbar.

Ob er Kröninger Hafnerware sammelte? Wer weiß! Gemalt hat er sie jedenfalls oft. Zum Beispiel 1760 auf seinem "Küchenstillleben mit junger Frau und Papagei". Damals stand der aus Antwerpen stammende Maler Peter Jakob Horemans schon gut dreißig Jahre in den Diensten des bayerischen Kurfürsten. Ein "Dreibeintopf" und ein hoher Henkeltopf sind auf Horemans feinem Gemälde zu sehen, dazu eine Schüssel, die "Napf" genannt wird, innen blau glasiert. So ein rundes Stück Hafnerware vom Kröning an der Bina wurde bei archäologischen Grabungen des Südtiroler Landesdenkmalamtes im Kloster der Brixner Tertiarinnen gefunden. Das lädierte, ein wenig mitgenommen wirkende Stück ähnelt der Schüssel, die Horemans malte. Sie stammt aus der Zeit, als das Horemans-Gemälde entstand, aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Bis an die Nordsee und über die Alpen

Ein schwer beladener Kraxenträger mit Kröninger Haferl.
Ein schwer beladener Kraxenträger mit Kröninger Haferl.

"Haferl" (Häfen) vom Kröning waren seinerzeit angesagt. Kraxenträger brachten sie, zu Fuß, auf Lasttieren, später auf vier Rädern quasi in alle Welt, um sie zu "verscherbeln" (dieser Ausdruck passt hier haargenau) – in Richtung Nordsee ebenso wie eine schöne Strecke über die Alpen, von der nicht weit entfernten Residenzstadt München einmal ganz abgesehen. Dort, am kurfürstlichen Hof eines Maximilian III. Joseph, war "der Kröning" in Form von Töpfen, Tellern, Platten, Krügen, Bechern und anderem nützlichen Geschirr, sogar Zierrat, Kacheln, Weihwasserkesseln, Heiligenfiguren gegenwärtig. Die feine Gesellschaft aß freilich aus Porzellan und stellte sich Nippes und Andachtsobjekte aus dem aristrokratischen "weißen Gold" in die Vitrinen. Aber selbst beim noblen Bürgertum, bei Gastwirten und Klosterbrüdern bestand ein Großteil des Koch- und Tischgeschirrs aus dem dunkelgelben, bräunlichen, rauen, gebrannten Ton, mit dem das Erdreich in den und um die Ortschaften Bödldorf, Dietelskirchen und Wippstetten – um nur drei von einigen mehr zu nennen – schon vor Jahrhunderten gesegnet war und immer noch ist.

Der letzte Kröninger Hafner

"Dreifuaß": Dieser alte Kochgeschirr-Typ wurde von der letzten Kröninger Hafnergeneration nicht mehr hergestellt.
"Dreifuaß": Dieser alte Kochgeschirr-Typ wurde von der letzten Kröninger Hafnergeneration nicht mehr hergestellt.

Am letzten Januartag 1990 wurde in Kirchberg der, wie die "Vilsbiburger Zeitung" schrieb, "letzte Kröninger Hafner" im Alter von 85 Jahren zu Grabe getragen, Georg Zettel. In seiner Jugendzeit, bis 1928, "als die Ausübung dieses Handwerks zu Ende ging", arbeitete der Austragslandwirt aus Bödldorf als "Kröninger Hafner". In der Vilsbiburger Sonderschau ist von schriftlichen Zeugnissen die Rede, welche die Hafnerei auf dem Kröning seit 1301 belegen. Und davon, dass ums Jahr 1935, also gut 600 Jahre später und vor fast genau 60 Jahren, ein gewisser Sebastian Eder aus Jesendorf als letzter Kröninger Hafner seinen Betrieb aufgab. "Veränderte Gebrauchsgewohnheiten, das Verbot der Arbeit mit Bleiglasuren, fehlender Nachwuchs und die Konkurrenz anderer Materialien" dürften wohl das einst angesehene und für das obere Niederbayern typische Handwerk der Hafnerei zum Erliegen gebracht haben. So mutmaßt Lambert Grasmann.

Längst nicht nur "Haferl

Altöttinger Wallfahrtsbild in Ton: Zu hunderten gingen die kleinen Figuren in die guten Stuben von Bauern- und Bürgerhäusern.
Altöttinger Wallfahrtsbild in Ton: Zu hunderten gingen die kleinen Figuren in die guten Stuben von Bauern- und Bürgerhäusern.

Grasmann, einer der ganz Emsigen und Kundigen unter den niederbayerischen Museumsleuten, hat schon 1978, nach mehr als 20-jähriger Beschäftigung mit dem Thema "Kröninger Hafnerei" in Fritz Markmillers Eröffnungs-Bändchen der verdienstvollen, bei Friedrich Pustet in Regensburg erschienenen Reihe "Niederbayern – Land und Leute" die lange Geschichte des Kröning als Erzeugungs-Landschaft von Hafnerware aufgeschrieben und belegt. Wie seit kurzem wieder, glänzte er mit weiteren Veröffentlichungen zu seinem Lieblingsthema.

Immer mehr wird darin deutlich, dass es sich bei den Kröninger Produkten gar nicht ausschließlich um "Haferl" handelt, also um Gefäße verschiedener Art, Größe und Bestimmung. Auch Votivgaben wurden auf dem Kröning gefertigt, Tonfiguren, Spielzeug, Weihbrunnen, Waschlavore, Kachelöfen, selbst Altäre. In Hub, das zu eben jenem Kirchberg gehörte, wo Georg Zettel seine letzte Ruhestätte fand, machte der tüchtige, kluge, weitblickende und den besonderen Wert der Kröninger Hafnerware erkennende Kirchberger Pfarrer Bartholomäus Spirkner, der vor gut 100 Jahren über die Kröninger Hafnerei aufgrund eigener Anschauung und hoher Wertschätzung des Töpferhandwerks publizierte, einen Kapellen-Altar aus Ton ausfindig. Ein Rest dieses seltenen sakralen Inventariums mit Kaltbemalung war ins Vilsbiburger Museum gewandert.

Nachttöpfe, Guglhupfformen und vieles mehr

Schön und praktisch: Kleinzeug vom Kröning war beliebt – vom IHS-Stempel (für Oblaten?) bis zur Backform in Fischgestalt.
Schön und praktisch: Kleinzeug vom Kröning war beliebt – vom IHS-Stempel (für Oblaten?) bis zur Backform in Fischgestalt.
Ofenkachel in grün mit Abbildung der hl. Katharina.
Ofenkachel in grün mit Abbildung der hl. Katharina.

Wer sich Zeit lässt und alle Räume durchmisst, entdeckt in den Glasvitrinen neben oder hinter diversen Votiv-Wachswaren, Bildern, Klosterarbeiten, Wohnungseinrichtungs- oder Haushaltsgegenständen eine kleine, etwa 15 Zentimeter hohe Altöttinger Madonna. Zu Hunderten dürften diese Wallfahrtsgnadenbilder in glasiertem Ton den Kröning verlassen haben, um in den Stuben der Altötting-Wallfahrer als Andenken platziert zu werden.

Etwa 1.000 altehrwürdige Exemplare aus Kröninger Hafnerwerkstätten – von Kleinodien wie Buttermodeln, "Bettlhaferln" (erkennbar am Tragehenkel) Nachttöpfen, Wollknäuelbehältern, Tintenzeug, Spardosen und Guglhupfformen bis zu mächtigen Essigkrügen und Wassergranden – birgt das Vilsbiburger Heimatmuseum unterm Dach. Es besitzt die umfangreichste Sammlung von Kröninger Hafnerware. Ausgewählte Raritäten aus dem Depot stellte Lambert Grasmann bereits im 8. Band der "Vilsbiburger Museumsschriften" ins Licht der Öffentlichkeit. Der Folgeband mit dem sprechenden Titel "Zwischen Milchweidling und Stichbogen" war dem 70-Jährigen 2007 als Festschrift gewidmet, vier Jahre vor der Verleihung des Kulturpreises der Stadt Vilsbiburg im Jahr 2011. Der Grund für die Auszeichnung: Grasmanns unbestreitbar große Verdienste um die – nicht nur, aber vorwiegend – bayerische Keramikforschung.

Text und Fotos: Hans Gärtner

Blick auf das Heimatmuseum in Vilsbiburg.
Links neben dem "Oberen Tor" (grün) am Stadtplatz schließt das ehemalige Heilig-Geist-Spital an, in dem heute das Vilsbiburger Heimatmuseum seinen Platz gefunden hat.

Die von einem Katalog begleitete Sonderschau über die Hafnerei vom Kröning ist bis 15. März geöffnet, sonntags von 10 bis 12, mittwochs von 14 bis 16 und jeweils am ersten Monats-Wochenende von 14 bis 16 Uhr. Kontakt: Heimatmuseum Vilsbiburg, Stadtplatz 39-40, 84137 Vilsbiburg, Tel. 08741 3821. Nach Vereinbarung (Tel. 08741 7828) führt Museumsleiter Lambert Grasmann persönlich durch die Ausstellung.