Altöttinger Liebfrauenbote

Im Deutschen Weihnachtsmuseum: 5.000 Ausstellungsstücke vom Biedermeier bis ins 20. Jahrhundert

Ein unvergleichlicher Zauber

Eine Spieldose mit dem Motiv der heiligen drei Könige aus der alten Heimat im Erzgebirge legte im Jahr 1964 den Grundstein für das Unternehmen von Käthe und Wilhelm Wohlfahrt in Herrenberg bei Stuttgart. Die Familie war nach dem II. Weltkrieg dorthin geflohen und stellte dieses Andenken nach alter Tradition zu jedem Weihnachtsfest auf; auch heute noch wird der Brauch in der Familie gepflegt. Wilhelm Wohlfahrt beschaffte sich fortan zum Verkauf im eigenen Geschäft traditionelle erzgebirgische Holzkunst. Der Firmensitz der Familie Wohlfahrt wurde 1977 in das romantische Rothenburg ob der Tauber verlegt und vor zwölf Jahren durch das beeindruckende einzigartige "Deutsche Weihnachtsmuseum" ergänzt.

Die Krippe weist den Weg ins Weihnachtsmuseum.
Die Krippe weist den Weg ins Weihnachtsmuseum.

Museumsleiterin Felicitas Höptner berichtet: "Harald Wohlfahrt, der Sohn des Firmengründers,  wollte um die Jahrtausendwende mit dem einzigartigen Museum die Geschichte des weihnachtlichen Brauchtums in Deutschland transparent machen und jeden der vielen Besucher aus aller Welt den unvergleichlichen Zauber der historischen Weihnacht erleben lassen." Es zeigte sich, wie schwer es ist, an historisches Wissen aus der Volkskunde heranzukommen, "denn der Bezug zum Alten geht vielfach verloren". Sohn Harald beschäftigte sich schon seit 1981 mit dem Gedanken, "traditionelle Weihnachten zu Zeiten unserer Vorfahren" zu dokumentieren und war bestrebt, historische Weihnachtsdekorationen zu sammeln, diese zu erforschen, für die Nachwelt zu bewahren und der Öffentlichkeit zu präsentieren. "Das ist die Basis, auf der die museale Sammlung aufbaut", betont die Museumsleiterin, der das Museum längst zu ihrem "Liebling" wurde. "Hinzu kam ein reichhaltiger Fundus des Vaters mit Exponaten, die zum 'Stammkapital' der Ausstellung gehören, ergänzt durch Kontakte zu Herstellern, Antiquitätenhändlern oder Privatsammlern".

"ze de wihen nahten"

Den 5m hohen Weihnachtsbaum schmücken 1.000 Glasornamente, er wird mit 15.000 Lichtchen beleuchtet.
Den 5m hohen Weihnachtsbaum schmücken 1.000 Glasornamente, er wird mit 15.000 Lichtchen beleuchtet.
Engel als Deckenleuchter schmückten die Weihnachtsstube.
Engel als Deckenleuchter schmückten die Weihnachtsstube.

Inmitten der Kulisse eines fränkischen Marktplatzes ist "Käthe Wohlfahrts Weihnachtsdorf" aufgebaut. Man kommt vorbei am fünf Meter hohen, mit 1.000 Glasornamenten und 15.000 LED-Lichtern versehenen Christbaum und einer ebenso hohen Pyramide, bevor eine kleine Treppe in das ganzjährig zugängliche "Deutsche Weihnachtsmuseum" führt. Rund 5.000 Exponate, darunter eine Barockkrippe aus dem 18. Jahrhundert und ein "Fliegender Lichtengel" als älteste Ausstellungsstücke, erwarten die Besucher.

Beim Gang durch das Museum beginnt ein ebenso lehrreicher wie bunter Ausflug in die Geschichte: Weihnachten als Feiertag der Geburt Christi wurde im 4. Jahrhundert auf den 25. Dezember festgelegt, ein Datum, das Kaiser Theodosius 381 auf dem Konzil zu Konstantinopel zum Dogma erhob, wobei die Wintersonnenwende von der christlichen Kirche in das Weltenlicht umgedeutet wurde, das in Christus angebrochen war.  Weihnachten ist eingebunden in den Festkreis des kirchlichen und weltlichen Brauchtums, beginnend mit dem neuen Kirchenjahr am 1. Advent und endend mit Mariä Lichtmess am 2. Februar. Die erste Weihnachtsfeier in Konstantinopel ist aus dem Jahr 397 nachweisbar. "Im 12. Jahrhundert setzte zu Weihnachten die Christkind-Verehrung ein", heißt es im Museum. Erstmals im Jahr 1170 verwendete der bayerische Spruchdichter Spervogel den Begriff "Weihnachten" als "ze de wihen nahten" (in den geweihten Nächten).

Vor rund 500 Jahren wurde Weihnachten zum großen Fest in den Frauenklöstern, wobei man "stellvertretend für das lebende Jesuskind" eine holzgeschnitzte Puppe zum "Kindleinwiegen" verwendete. Erst Jahrhunderte später entwickelte sich Weihnachten zum volkstümlichen Familienfest.

Erste Weihnachtsbäume

Vogelbaumbehang aus den Jahren 1920-1950.
Vogelbaumbehang aus den Jahren 1920-1950.
Blick in Urgroßmutters Weihnachtsstube.
Blick in Urgroßmutters Weihnachtsstube.

Ausführlich erfährt der Museumsbesucher Einzelheiten über das Brauchtum um den Weihnachtsbaum. "Nach neuesten Forschungsergebnissen gilt als ältestes bekanntes, schriftlich erhaltenes Zeugnis über einen dekorierten Weihnachtsbaum im bürgerlichen Bereich ein Schriftstück aus dem Jahr 1521 im elsässischen Schlettstadt", wie Felicitas Höptner erkundete. Geschmückte Bäume standen im 16. Jahrhundert vor allem in Zunft- und Gesellschaftsstuben. Sie waren mit Äpfeln, Nüssen, Oblaten, Backwerk, Käse oder Würstchen behängt und durften nach dem Fest von Kindern geplündert werden. Neben Tannen verwendete man auch Stechpalmen, Buchsbaum und Obsthölzer zum Schmücken.

In den bürgerlichen Kreisen der Städte und in aristokratischen Schichten verbreitete sich der geschmückte Christbaum nach 1600. Liselotte von der Pfalz berichtete in einem Brief davon. 1816 stand der erste Baum am Wiener Hof. 1830 erstrahlte der erste Baum am Berliner Hof und in der Münchner Residenz bei König Ludwig I.

"Seit der Zeit um 1870 entwickelte sich allmählich eine Industrie, die sich auf die Herstellung von Weihnachtsbaumschmuck in Fabriken und Heimarbeit spezialisiert hatte. Man fertigte ihn aus Glas, Pappe, Papier, Watte, Zinn, Wachs, Holz, Tragant oder Marzipan, denn "der Baum muss glänzen, glitzern, funkeln, blenden, dass einem die Augen übergehen", wie es eine Zeitschrift damals formulierte.

Die Entwicklung des Christbaumschmuckes von den Anfängen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wird in der Dauerausstellung erklärt und kann in dem stimmungsvollen Ambiente an unzähligen Exponaten nachvollzogen werden. Äpfel, Backwaren, Zuckerzeug und bunte Papierblüten hingen an den ersten "Paradiesbäumen". "Essbarer Baumbehang als sogenannte Model-Gebäcke aus einem Teig, der im fränkischen Raum Eierzucker genannt wurde und in Schwaben und Bayern als Springerle bekannt ist, schmückten neben süßen Figuren der Zuckerbäcker den Weihnachtsbaum. Bastelten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Familien selbst Christbaumschmuck aus Papier und Pappmaché, fertigten später Heimarbeiter in Sachsen und Thüringen Wattefiguren, aber zunehmend auch farbige Kugeln aus Glas. "In der Glasbläserstadt Lauscha kann man noch heute dem traditionellen Handwerk der Glasschmuckhersteller begegnen", heißt es. Die frühen Kugeln wurden mit Fischsilber oder Blei ausgegossen und so verspiegelt. Dickwandige Kugeln wurden in Glashütten geblasen, mit Korken verschlossen und Messingaufhängern versehen. "Man bezeichnet sie als "Biedermeierkugeln", die natürlich im Museum nicht fehlen dürfen.

Klausenbaum und Gabenbringer

Der Klausenbaum war Vorreiter des Adventskranzes
Der Klassenraum, bzw. Paradeiser war Vorreiter des Adventskranzes.

Waren die ersten Christbäume noch unbeleuchtet, begannen Adelige und Bürger im 19. Jahrhundert ihren Baum mit teuren Bienenwachskerzen oder Talglichtern zu bestücken. Ein Problem war zunächst die Befestigung der Beleuchtung. Man erfährt, dass dazu Wachsstöcke, und Nadeln verwendet wurden, bis 1867 die ersten patentierten Kerzenhalter in den Handel kamen. "Erst mit der Erfindung von Stearin und Paraffin wurde auch in einfachen Familien der Weihnachtsbaum zum Lichterbaum", wird beim Museumsrundgang veranschaulicht.

Ein besonderes Kapitel umfasst "Weihnachten im Erzgebirge". Schon als einst Silber und Zinn abgebaut wurden und den Bergmannsfamilien ein sicheres Einkommen garantierten, kannte man als Nebenbeschäftigung das Schnitzen, Drechseln und Klöppeln nach Feierabend. Mit dem Preisverfall der Metalle und dem Niedergang des Bergbaues drohte vielen Bergleuten die Armut, so dass der Umgang mit Holz und Textilien zur Erwerbsquelle wurde und vor allem weihnachtliche Schnitzereien den Grundstein zur bald überaus beliebten erzgebirgischen Volkskunst legten. Pyramiden, Deckenleuchter, Schwibbögen, Leuchtermänner und Leuchterengel gehörten zur Gestaltung des Weihnachtsfestes. Alle sind Lichtträger, "die der Sehnsucht des unter Tage arbeitenden Bergmanns nach Licht entspringen".

In Süddeutschland war der Klausenbaum oder "Paradeisel" verbreitet. Schon Ende des 15. Jahrhunderts ist er als Vorläufer des Weihnachtsbaumes nachweisbar. Im Aufbau besteht er aus Äpfeln und ineinander gesteckten Stäben, wodurch der pyramidenförmige Anblick entsteht. Die Äpfel wurden mit Buchsbaumzweigen besteckt und mit vergoldeten Nüssen verziert. Inmitten dieses Gerüsts stand die Klausenfigur des Hl. Nikolaus, verziert mit einer Oblate des Heiligen, davor eine Kerze. Auch den oberen Apfel bekrönte häufig eine Kerze.

Unter den "Top 100"

Aus Modeln und Gebäckformen entstand einst süßer Baumschmuck.
Aus Modeln und Gebäckformen entstand einst süßer Baumschmuck.
Der Firmenwagen steht für die nächste Fahrt bereit.
Der Firmenwagen steht für die nächste Fahrt bereit.

Früher war der 6. Dezember, der Nikolaustag, der Hauptbescherungstag für die Kinder. In Begleitung des Heiligen erschien Knecht Ruprecht als richtiger Kinderschreck, der mit seiner Rute unartige Kinder bestrafte. "An seine Stelle trat als Gabenbringer der "Heilige Christ", aus dem sich sowohl vor allem in Süddeutschland das Christkind entwickelte.

Unmöglich können alle Exponate des Deutschen Weihnachtsmuseum auch nur erwähnt werden. Aus den Zeiten unserer Vorfahren werden bei jeden Besucher Erinnerungen wach. Darunter befinden sich wieder modern gewordene "Oblaten" oder Lackbildchen aus Luxuspapier auf Lebkuchenklausen zum Nikolaustag, die Allgäuer Heimatkundler für das Bäckerhandwerk "zum Leben erweckten", einst gebräuchliche Papierkrippen als Bastelbögen oder Bilderbögen aus Augsburg aus der Zeit um 1750 sowie die von Sagen und Legenden umsponnenen Nürnberger Rauschgoldengel, die schon ihren 300. Geburtstag feiern konnten.

"Rund um das Thema Weihnachten gibt es viele Bereiche, die hier museal aufbereitet gezeigt werden und die es sich anzusehen lohnt", lädt die Museumsgestalterin zur Besichtigung vieler fast vergessener Schätze ein: Glasseide aus Lauscha, die man früher als "Feenhaar" über die Weihnachtsbaumzweige dekorierte, Vogelbäume mit geblasenen oder frei geformten Glasvögeln, Christbaumständer, Weihnachtspostkarten oder Christbäumchen aus Federn und Papier. Mit großer Liebe zusammengetragen, vermitteln die Objekte ein weihnachtliches  Spiegelbild aus der Kultur längst vergangener Zeiten, das niemanden unberührt lässt.

Kürzlich schaffte es das Deutsche Weihnachtsmuseum sogar, unter die "Top 100" von Deutschlands außergewöhnlichsten Museen aufgenommen zu werden. Aus etwa 8.000 Museen in der Bundesrepublik kam dieses Museum nach umfangreichen Recherchen durch Panamedia in eine Vorauswahlliste von 250 Museen, erhielt nach der Endauswertung die Mitgliedschaft zugesprochen und darf nun das "Top-100-Label" tragen.

Text: Karl-Heinz Wiedner, Fotos: Mechthild Wiedner

Nähere Einzelheiten im Internet unter: www.wohlfahrt.com