Altöttinger Liebfrauenbote

Unterwegs mit jungen Menschen in Don Bosco-Einrichtungen

"Hier fühle ich mich aufgehoben"

An rund 45 Standorten in ganz Deutschland sind die Salesianer Don Boscos und die Don Bosco Schwestern für Kinder und Jugendliche da. Ein Besuch in drei dieser Einrichtungen zeigt, unter welchen Notsituationen junge Menschen heute leiden, welche Perspektiven die beiden Orden ihnen bieten – und was die Jugendlichen selbst über ihr Leben und Lernen bei Don Bosco sagen.

Patrick und Mariano beim Malen.
Patrick (im Vordergrund) und Mariano.
Patrick und Mariano vor der "Manege" des Don Bosco Zentrums Berlin Marzahn-Hellersdorf.
Patrick (l.) und Mariano vor der "Manege" des Don Bosco Zentrums Berlin Marzahn-Hellersdorf.

In Berlin sind wir mit zwei Jugendlichen verabredet, die in der Manege gGmbH im Don Bosco Zentrum an einer Aktivierungsmaßnahme teilnehmen. Die beiden jungen Männer, Patrick, 23, und Mariano, 19, arbeiten im Malerbereich mit, bereiten sich dort auf eine Ausbildung vor. Im Gespräch erzählen sie, warum und auf welchen Wegen und Umwegen sie hier gelandet sind.

Beide hatten Stress zu Hause, aus unterschiedlichen Gründen. Beide haben eine Odyssee durch mehrere Wohnorte und unterschiedliche Betreuungseinrichtungen hinter sich. Jetzt sind sie froh, endlich ein greifbares und realistisches Ziel vor Augen zu haben: eine Ausbildung. Mariano will Maler werden, Patrick IT-Fachmann.

Und dann? "Wenn ich mit meiner Ausbildung fertig bin und ein paar Jahre gearbeitet habe, will ich nach Holland auswandern und mir dort später ein eigenes Haus kaufen", erklärt Patrick. "Ich will einfach mal das Leben führen, das ich mir immer gewünscht habe zu führen." Und Mariano meint: "Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, mache ich meinen Meister." Und privat? "Ja, vielleicht Frau, Kinder, Haus. Wees ik nich!", lacht Mariano. "Auf jeden Fall will ich dann nicht mehr auf Hartz IV sitzen."

Die beiden sind zufrieden im Don Bosco Zentrum, das ist offensichtlich. "Ich fühle mich hier wohl, weil ich verstanden und respektiert werde. Hier fühle ich mich aufgehoben", sagt Patrick. "Es ist alles wirklich nett hier, alles sehr entspannt. Ich bin sehr froh, dass ich hier gelandet bin", bestätigt Mariano.

Als der Fotograf kommt, blicken die beiden dann auch sichtlich stolz in die Kamera. Und fangen sofort an, mit dem Berliner herumzuflachsen. "Wo Dunkel ist, ist auch Licht", scherzt Mariano, als der Fotograf seine Belichtungseinstellungen kommentiert. "Bei euch geht's ja richtig philosophisch zu", meint der. Nach eineinhalb Stunden konzentrierter Arbeit mit unterschiedlichen Posen in der Werkstatt, am Fenster, im Flur und vor dem Haus ist Mariano so richtig in Fahrt. "Ich glaube, ich ändere meinen Berufswunsch", grinst der 19-Jährige. "Ich werde Model!"

Ein Zuhause für Mutter und Kind

Das Don Bosco Berufsbildungszentrum in Würzburg hat der jungen Mutter Olesja und ihrem Sohn Sandro ein Zuhause und eine berufliche Zukunft geschenkt.
Das Don Bosco Berufsbildungszentrum in Würzburg hat der jungen Mutter Olesja und ihrem Sohn Sandro ein Zuhause und eine berufliche Zukunft geschenkt.
Die Tür zum Kinderzimmer.
Die Tür zum Kinderzimmer.

Olesja ist sehr klein und zart. Aber die 22-Jährige hat Energie. Das merkt man, wenn sie durch die kleine Wohnung führt, in der sie zurzeit lebt. Und wenn sie davon erzählt, wie ihr Leben in den letzten Jahren verlaufen ist. Wir treffen Olesja im Don Bosco Berufsbildungszentrum Würzburg, wo sie seit zwei Jahren eine Ausbildung zur Dienstleistungshelferin macht. Vorher hatte sie ihren Hauptschulabschluss geschafft, mit Note 2,8, wie sie stolz betont. Und: Sie hat einen dreijährigen Sohn. "Sandro ist mein Ein und Alles", schwärmt Olesja. "Ich bin froh, dass ich ihn habe."

Dabei hatte am Anfang alles ganz anders ausgesehen. Als Olesja schwanger wurde, war sie gerade 19 Jahre alt. Sie habe zu dieser Zeit nur Jungs im Kopf gehabt, feiern, berichtet die junge Frau mit den langen, schwarzen Haaren. "Alles war mir egal." Als sie gemerkt habe, dass sie schwanger war, sei das zuerst ein Schock für sie gewesen. "Ich hatte gar nichts. Keinen Schulabschluss, keine Ausbildung", erzählt sie. Bei ihren Eltern konnte sie nicht wohnen. Mit dem Vater des Kindes war sie bereits nicht mehr zusammen. Als sie ihm von der Schwangerschaft erzählte, reagierte er aggressiv, wollte sie dazu bewegen, das Kind abzutreiben. Aber das kam für Olesja nicht infrage. Sie wusste, sie würde es auch alleine schaffen.

Auf eigenen Wunsch wurde sie in die Mutter-Kind-Wohngruppe der Caritas Don Bosco gGmbH aufgenommen und dort mit ihrem Kleinen rund um die Uhr betreut. Das Baby wickeln, baden, stillen, außerdem einkaufen, kochen, putzen, bei allen Tätigkeiten, Fragen und Problemen in ihrem neuen Leben als Mutter bekam Olesja genau die Hilfe, die sie gerade brauchte. Ein Netzwerk an angestellten und externen Pädagoginnen, Hebammen, Physiotherapeuten und weiteren Fachkräften sorgte dafür, dass es Olesja und Sandro gut ging. Als der Kleine neun Monate alt war, kam er in die hauseigene Kinderkrippe, und Olesja konnte sich neben dem Alltag mit Kind um ihre Ausbildung kümmern.

Heute lebt sie zusammen mit einer anderen jungen Mutter in einer Zweizimmerwohnung auf dem Gelände des Berufsbildungswerks in der Würzburger Innenstadt. Sandro besucht einen Pfarrkindergarten, und Olesja arbeitet in ihrem dritten Lehrjahr in der Küche eines Montessori-Kindergartens. In einem Jahr will sie ihren Abschluss in der Tasche haben, eine Stelle finden und sich eine eigene Wohnung suchen. Und vielleicht, schmunzelt sie, findet sich ja noch irgendwann der Mann fürs Leben. "Egal, was wird, ich komme schon zurecht", erklärt Olesja selbstbewusst. "Ich bin glücklich mit meinem Leben, so, wie es ist."

Am Rand der Gesellschaft

Auf den ersten Blick sieht das Haus aus wie ein ganz normales Schul-oder Heimgebäude. Die grauen Wände des Innenhofs sind mit bunten Graffitis bemalt. Und wer das moderne, zweistöckige Haus betritt, wird von einem hübsch dekorierten, in warmes Licht getauchten Pfortenbereich empfangen. Doch eins ist anders: Die Haustür und viele der Zimmertüren sind abgeschlossen. Wer hinein-oder hinauswill, muss läuten oder sich an einen Betreuer wenden. Denn die Murialdo-Wohngruppe im Jugendhilfezentrum Don Bosco im hessischen Sinntal-Sannerz ist eine sogenannte geschlossene Einrichtung. In der Gruppe werden Kinder untergebracht, für die offene Jugendhilfemaßnahmen nicht geeignet sind oder die sich jeder pädagogischen und erzieherischen Maßnahme im offenen Bereich entziehen.

Als das hessische Sozialministerium im Jahr 2005 auf die Salesianer Don Boscos zugekommen sei, um zu fragen, ob sich der Orden vorstellen könne, eine geschlossene Gruppe aufzumachen, berichtet Einrichtungsleiter Pater Christian Vahlhaus, habe man im Orden lange diskutiert. "Wir haben uns schließlich dafür entschieden", so Pater Vahlhaus, "weil es hier um die Kinder geht, die ganz am Rand stehen, um die sich keiner mehr kümmern will. Gerade für diese Kinder wollten wir da sein." Pater Vahlhaus spricht deshalb auch statt von einem geschlossenen lieber von einem geschützten Bereich, der den Kindern in der Gruppe geboten wird. Einrichtungspsychologe Till Mertens bestätigt das: "Die Kinder, die hier leben, brauchen diesen Schutzraum. Er gibt ihnen Halt und Stabilität", erklärt er. "Neunzig Prozent der Jugendlichen sind gerne hier."

"Es geht hier um die Kinder, die ganz am Rand stehen und um die sich keiner mehr kümmern will"

Einer von ihnen ist Uwe. Der 14-Jährige, der in einer Pflegefamilie aufgewachsen ist, hat, wie er sagt, "schon viel Mist gebaut". Uwe hat gezündelt, geschlagen und Polizisten beleidigt, wurde mehrfach angezeigt. Irgendwann hat das Jugendamt entschieden, dass er in Sannerz am besten aufgehoben sein würde.

Offenbar zu Recht. Die klaren Regeln helfen ihm, sagt der Junge mit dem kindlichen Gesicht und dem treuen Blick. Auch die unterschiedlichen Systeme wie der sogenannte Stufenplan oder die gelben und roten Karten, mit denen das Verhalten der Kinder bewertet und eingestuft wird und dann entsprechende Vergünstigungen oder Verbote nach sich zieht, täten ihm gut. "Da merkt man, wie sein Verhalten in den letzten Wochen war", sagt Uwe, "was richtig war und was man vielleicht noch ändern sollte."

Wenn es weiter gut läuft, kann Uwe bald tageweise in der zum Jugendhilfezentrum gehörenden Förderwerkstatt mitarbeiten. Und vielleicht sogar in einigen Monaten in die offene Anschlusswohngruppe umziehen. Bei Jugendlichen, die weniger gut mit den Regeln zurechtkommen, auch mal ein Fenster einschlagen oder sogar einen Betreuer angreifen, setzen Mertens und die Erzieher ganz auf das Gespräch und die Einsicht der normalerweise 10- bis 13-jährigen Gruppenbewohner. "Wenn so etwas passiert, arbeiten wir das pädagogisch auf", erklärt Psychologe Mertens. "Wir reden mit dem Jugendlichen detailliert über die Situation und suchen gemeinsam nach einer Lösung." Was die Zukunft der Kinder angeht, ist Mertens realistisch. "Wir können hier nicht in zwei Jahren aufarbeiten, was vorher zehn Jahre lang falsch gelaufen ist", sagt er. Aber bei Murialdo bekommen die Kinder ein Grundgerüst. Und die Chance, doch noch in ein Leben innerhalb der Gesellschaft zurückzufinden.

Text: Christina Tangerding, Simone Utler, Fotos: Salesianer Don Boscos