Altöttinger Liebfrauenbote

Die Diaspora-Kirche in Dänemark befindet sich im Umbruch

Weltkirche in Klein vor großer Herausforderung

Ikonen, Heiligenbilder, Madonnen, Zimmerkreuze, Rosenkränze in allen Farben: Hinter den Frauen, die Hostienschalen und Kelch an den Altar bringen, baut sich eine lange Schlange auf. Die Frauen und Männer tragen persönliche Devotionalien feierlich nach vorn, damit sie Pater Benny Mathew segnet. 200 Menschen mögen es sein, die an dieser besonderen Gabenprozession in der St.-Anna-Kirche im Kopenhagener Stadtteil Amager teilnehmen.

Weltkirche in St. Anna, Kopenhagen-Amager ...
Weltkirche in St. Anna, Kopenhagen-Amager ...
... Mit Ikonen, Rosenkränzen und Statuen ziehen die Gläubigen zum Altar.
... Mit Ikonen, Rosenkränzen und Statuen ziehen die Gläubigen zum Altar.

Wer in ihre Gesichter blickt, kann kaum glauben, mitten in Dänemark die Sonntagsmesse zu feiern. Die ganze Weltkirche scheint sich vor Pater Benny versammelt zu haben.

Der indische Priester segnet Frauen aus Sri Lanka, Kenia und von den Philippinen, Männer aus Vietnam, Uganda und Polen. Pater Benny spricht von 50 unterschiedlichen Nationalitäten unter seinen 1.600 Pfarreimitgliedern, nur 20 Prozent seien Dänen. 1.300 Gottesdienstbesucher zählt die Gemeinde in Amager an einem Wochenende. Die sechs hl. Messen werden auf Polnisch, Englisch und Dänisch zelebriert.

Pater Jan Ophoff sitzt im Pfarrhaus in Vejle und zeigt auf einer Landkarte die Größe seiner Pfarrei in Jütland. 850 Gläubige leben auf dieser Fläche. 120 kommen am Sonntag zur hl. Messe. "Wer hier katholisch sein möchte, muss selbst aktiv werden", erklärt Pater Jan. "Die Menschen hier sind dankbar, dass sie überhaupt eine Kirche haben. Weite Strecken nehmen sie in Kauf." Um den Katholiken Gemeinschaft im Glauben zu ermöglichen, öffnet das Kirchencafé nach der Sonntagsmesse. Einmal im Monat organisiert die Pfarrei einen Tag für Kinder, die sich zwischen Erstkommunion und Firmung befinden. Mit gemeinsamem Essen, Spiel und Glaubensunterricht sollen Kinder Kirche erleben. In die Gesellschaft hinein wirkt die Pfarrei mit einem Kindergarten und einer Schule.

Das größte Bistum der Welt

Werktagsgottesdienst in St. Ansgar, der Bischofskirche des Bistums Kopenhagen.
Werktagsgottesdienst in St. Ansgar, der Bischofskirche des Bistums Kopenhagen.

Zwar gelte sein Bistum von der Fläche als das größte der Welt, überbewerten solle man diese Tatsache jedoch nicht, meint Bischof Czeslaw Kozon. "Was das Bistum so groß macht, ist Grönland. Auf der größten Insel der Welt gibt es vor allem Eis und Schnee. Nur knapp 100 katholische Christen befinden sich unter den 57.000 Bewohnern." Von ihrer Größe bildet die katholische Kirche in Dänemark eine kleine Randerscheinung im religiösen Leben des Landes. Mit rund 40.500 registrierten Katholiken machen diese gerade einmal 0,7 Prozent der Bevölkerung aus. Sie leben in einer extremen Diaspora. "Diaspora in Dänemark, das heißt, mehrfach in der Minderheit zu sein", erklärt Bischof Kozon. "Zum einen als katholischer Christ und zum anderen als Christ an sich." Mit mehr als 17 Prozent bilden die Religionslosen die zweitgrößte Gruppe.

Doch die Kirche in Dänemark steht im Umbruch. Pfarreien sollen fusionieren, so manche Kirche muss geschlossen werden. Die Gründe sind vielschichtig. Unter anderem soll dem Umstand Rechnung getragen werden, dass Katholiken vermehrt in die Großstädte ziehen und Pfarreien in ländlichen Regionen schrumpfen, während Stadtgemeinden wachsen.

Einwandererkirche

Pater Benny Mathew: Redemptoristenpater Benny Mathew zelebriert die englische Messe.
Pater Benny Mathew: Redemptoristenpater Benny Mathew zelebriert die englische Messe.
Wandlung: Während der Wandlung in Frederiksberg: Wer in Dänemark zur Kirche kommt, ist im katholischen Glauben fest verwurzelt.
Wandlung: Während der Wandlung in Frederiksberg: Wer in Dänemark zur Kirche kommt, ist im katholischen Glauben fest verwurzelt.
Junge Kirche: Messe in Frederiksberg: Die Kirche in Dänemark ist jung und kinderfreundlich.
Junge Kirche: Messe in Frederiksberg: Die Kirche in Dänemark ist jung und kinderfreundlich.

Ein weiterer Grund ist der Rückgang des pastoralen Personals. Aufgrund von Überalterung und Nachwuchsmangel mussten zahlreiche Orden ihre Patres und Schwestern aus Dänemark abziehen, andere Gemeinschaften lassen ihr Engagement auslaufen. Gleichzeitig wächst die Zahl der Katholiken. Allein in den vergangenen 50 Jahren hat sich diese Zahl verdoppelt. Hört man dem Generalvikar des Bistums Kopenhagen, Niels Engelbrecht, zu, muss man von einer deutlich höheren Zahl ausgehen. "Schaut man auf all die Einwanderer, die zurzeit offiziell in Dänemark gemeldet sind, können wir von rund 160.000 Katholiken sprechen."

Die Kirche, die einst mehrheitlich aus dänischen Konvertiten und polnischen Landarbeitern bestand, hat sich zu einer internationalen Einwandererkirche gewandelt. Weit über 50 Prozent der Katholiken sind Migranten oder entstammen einer Einwandererfamilie. Gläubige aus mehr als 70 Nationen zählen zur Kirche. Landesweit gibt es Gottesdienste in 14 Sprachen an 55 verschiedenen Orten. Dänisch als vereinende Kirchensprache kann nur langsam wieder etabliert werden.

"Die Finanzlage ist schwierig", erklärt Bischof Kozon. Die Diözese von Kopenhagen erlebt eine wirtschaftliche Krise. Trotz Personalabbau, Verkauf von Immobilien und strengem Sparkurs musste sie seit 2009 ein Defizit von drei Millionen Euro hinnehmen. Auch hier sind die Gründe vielschichtig. Zahlreiche Kirchen müssen saniert werden. Orden verlassen Dänemark und hinterlassen Pfarrkirchen und Gebäude sowie Pfarrstellen, die nun durch die Diözese finanziert werden müssen. Und: Unterstützung vom Staat erhält in Dänemark ausschließlich die lutherische Volkskirche. Die kleine katholische Kirche ist hingegen auf das angewiesen, was sie von ihren Gläubigen bekommt. Der Bischof des Diaspora-Bistums weiß: Ohne die Hilfe des Bonifatiuswerkes und des Diaspora-Kommissariats wäre die finanzielle Not erdrückend – mit allen Konsequenzen für das katholische Glaubensleben in Dänemark.

Text: Alfred Herrmann, Fotos: Alfred Herrmann (Bonifatiuswerk)