Altöttinger Liebfrauenbote
Don Boscos Geburtsort - der Colle Don Bosco und die ebenfalls nach dem Heiligen benannte Basilika in der Nähe von Turin.
Don Boscos Geburtsort - der Colle Don Bosco und die ebenfalls nach dem Heiligen benannte Basilika in der Nähe von Turin.

Eine Reise in die Vergangenheit zu den Wirkungsstätten Don Boscos

"Es ist nicht einfach Tourismus"

Am 16. August 1815 wurde im norditalienischen Piemont Johannes Bosco geboren. Eine Spurensuche in der Region 200 Jahre später zeigt, was die Menschen vor Ort über Don Bosco denken und wie es an den Orten, an denen der Priester und Erzieher gelebt und gearbeitet hat, heute aussieht. Eine Reise in die Vergangenheit, die manchmal ganz nah zu sein scheint.

Portrait des heiligen Don Bosco.
Portrait des heiligen Don Bosco.
Alte Backsteinhäuser in Castelnuovo.
Alte Backsteinhäuser in Castelnuovo.
Giorgio Musso, Bürgermeister von Castelnuovo.
Giorgio Musso, Bürgermeister von Castelnuovo.

Hügelig ist die Landschaft rund um Turin. Im Nordwesten sind bei gutem Wetter die Alpen zu sehen. Bei schlechtem Wetter erahnt man sie. In der Mischung aus Nebel und Dauerregen, die dieses Jahr in Italien als Winter gilt, ist man auf der Straße froh, die Rücklichter des Vordermannes zu erkennen. Der Weg von Turin über Chieri nach Castelnuovo führt vorbei an Weinbergen, großen Einkaufszentren und vielen roten Backsteinhäusern. Die Gegend hat kaum Steinbrüche. Marmor oder Granit gibt es hier nicht. Hier im Piemont werden Kirchen, Paläste und Häuser aus Backstein gebaut.

Inmitten dieser Hügellandschaft liegt Castelnuovo. 30 Kilometer östlich von Turin. Der berühmteste Sohn der Stadt war 300 Jahre lang Johannis Argentieri, der im 16. Jahrhundert lebte, in Lyon und Antwerpen als Arzt wirkte, in Pisa, Rom und Neapel lehrte und zuletzt in Turin heilte. Seine Schriften verbreiteten sich in ganz Europa. Aber 1815 wurde in Castelnuovo ein Junge geboren, der zum Heiligen werden sollte. Und noch berühmter als Argentieri.

Rote Backsteinhäuser stehen auch in Castelnuovo. "Die Bauernhäuser haben sich seit damals nicht verändert. Sie sehen noch genau so aus", sagt Giorgio Musso. Der 54-Jährige ist Bürgermeister von Castelnuovo. "Bis 1930 hieß der Ort Castelnuovo d'Asti, dann wurde er umbenannt in Castelnuovo Don Bosco" erklärt der Bürgermeister in seinem Amtszimmer im kleinen Rathaus des Städtchens. Ja, man sei sehr stolz auf den bekanntesten Sohn der Stadt, sagt Musso. Es sei ein Glück für die Stadt, dass Don Bosco hier geboren und aufgewachsen ist.

"Es ist nicht einfach Tourismus. Es ist mehr. Es sind Pilger, die nach Castelnuovo kommen", sagt Bürgermeister Musso. Die Menschen besuchen die Stätten, an denen Giovanni Bosco geboren wurde, seine ersten Schritte machte, das Vieh hütete, die ersten Worte Latein lernte. Becchi hieß der kleine Ort früher, der heute nur noch Colle Don Bosco genannt wird. Der kleine Berg ist die Heimat Don Boscos. Hier stand auch die Meierei Biglione. Das Landhaus und die umliegenden Felder gehörten der vornehmen Turiner Familie Biglione. Francesco Bosco, der Vater von Giovanni, hatte das Landgut gepachtet. Nach dem Tod seiner ersten Frau blieb er mit seinem Sohn Antonio allein zurück. Er heiratete Margareta Occhiena, die ihm noch zwei Söhne schenkte: Giuseppe und Giovanni. Giovanni kam hier am 16. August 1815 zur Welt.

Ein Tempel über dem Geburtshaus

Die Don Bosco Basilika von außen ...
Die Don Bosco Basilika von außen ...
... und von innen.
... und von innen.

Das Haus steht nicht mehr. 1957 wurde es abgerissen. An der Stelle des Geburtshauses erhebt sich heute der "Tempio", eine große doppelstöckige Basilika. Auch der Tempio ist zu großen Teilen aus dem roten Backstein gebaut. Das Portal mit den zwei Türmen und die Kuppel sind mit weißem Naturstein verkleidet. Hier oben auf dem Colle verschwindet der Tempio heute fast in dem Nebel, der die Kirche wie Watte umgibt. Der Kontrast zwischen Außen und Innen könnte kaum größer sein. Warm ist der Innenraum des Tempio, der Don Bosco Kirche. Ganz in honigfarbenen Holztönen ist das Kirchenschiff gehalten. Trotz der immensen Größe wirkt dieser Kirchenbau, als wolle er seine Besucher beschützen – wie ein Schiff, wie eine Arche.

Don Egidio Deiana ist der "Rettore", der Rektor der Don Bosco Basilika und aller Einrichtungen auf dem Colle Don Bosco. Lächelnd sitzt Don Egidio in einem kleinen bescheiden eingerichteten Büro neben dem Pilgerladen. Das Zimmer ist nur wenig größer als ein Beichtstuhl. Ein kleiner Schreibtisch steht hier, wie man ihn aus deutschen Amtsstuben der 1970er-Jahre kennt. Zwei einfache Sessel aus der gleichen Zeit stehen davor. "Im Sommer ist hier viel Bewegung. Überall sind Gruppen von Jugendlichen unterwegs. Es gibt Wochen, in denen wir den Tagesablauf organisieren, in denen wir ein Programm vorbereitet haben", berichtet Don Egidio von den Tagen ohne Dauerregen und Nebel auf dem Colle. "Es kommen tausende Jugendliche. Die meisten kommen aus dem Piemont, der Lombardei, aus der Emilia Romagna, aus den Gegenden, die nicht weit entfernt sind", sagt Don Egidio, der selbst von Sardinien stammt. Aber auch aus vielen anderen Ländern Europas, aus Indien und Afrika kommen Jugendliche hierher, um die Orte kennenzulernen, an denen Giovanni Bosco aufwuchs.

"Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte werden sie zu deinen Freunden"

Das Elternhaus Don Boscos.
Das Elternhaus Don Boscos.

Wenige hundert Meter entfernt vom Tempio steht noch das Elternhaus Giovanni Boscos, in dem er nach dem frühen Tod seines Vaters in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Hier können die Pilger und Besucher das "Traumzimmer" sehen, in dem Giovanni im Alter von neun Jahren den Traum hatte, der ihn durch sein ganzes Leben begleitete.

"Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte werden sie zu deinen Freunden", sagte in dem Traum ein vornehmer Herr über die fluchenden Jungen, die Giovanni Bosco in seinem Traum mit Faustschlägen zum Schweigen bringen wollte. Eine leuchtende Dame zeigte ihm, dass er wilde Tiere zu sanften Lämmern machen werde. "Wenn es so weit ist, wirst du alles verstehen", sagte sie dem Jungen im Traum. Das Haus ist heute ein kleines Museum.

In diesem Jahr, zum 200. Geburtstag Don Boscos, werden auf dem Colle hunderttausende Pilger erwartet. Wie viele genau kommen werden? "Ich kann es nicht sagen", antwortet Don Egidio auf die Frage nach den erwarteten Pilgerzahlen. Höhepunkt der Pilgerreise ist hier die Unterkirche des Tempio. Hier an der Stelle, an der einst das Geburtshaus von Giovanni Bosco stand, wird heute von den Pilgern eine Reliquie des Heiligen verehrt.

"Wir freuen uns, dass wir das Jubiläum feiern dürfen"

Domenica Buonasera vor ihrem Laden in Chieri.
Domenica Buonasera vor ihrem Laden in Chieri.

Auf die Pilger hofft man auch in Chieri. In der Stadt mit rund 36.000 Einwohnern ging Giovanni Bosco zur Schule und besuchte ab 1835 das Priesterseminar. Hier gründete er den "Bund der Fröhlichen". In der "Salumeria Mussetto", der Metzgerei gleich neben dem Dom, hängt ein Plakat, das auf das "Bicentenario", auf den 200. Geburtstag von Don Bosco hinweist.

Domenica Buonasera steht hinter der Theke in dem Laden, der vor lauter Spezialitäten fast zu platzen scheint. "Ja, wir freuen uns, dass wir das Jubiläum feiern dürfen", sagt Signora Buonasera. Stoffbeutel für fünf Euro werden hier im Laden verkauft. Auf der Tasche wird die "Don Bosco Road" beworben, eine Reiseroute, die den Spuren des Heiligen folgt.

Ganz anders als das beschaulich ländliche Castelnuovo und Chieri ist die Großstadt Turin. Die Orte, an denen Don Bosco wirkte, befinden sich im Stadtteil Valdocco, der wiederum zum Stadtbezirk Aurora gehört. Lebendig ist es hier, wie wohl sonst nur an wenigen Orten in Europa. Einwanderer aus Südostasien, Afrika und dem Orient leben und arbeiten hier. Alle sind in Bewegung. Jeder ist mit irgendetwas beschäftigt, handelt, telefoniert, schimpft, putzt. Stimmen sprechen und rufen in unzählig vielen Sprachen. Gleich in der Nähe, an der Porta Palazzo, ist jeden Tag Markttag.

"Es geht immer noch um Migration"

Stolz zeigt Don Rafael die Pinardi-Kapelle, in der Don Bosco 1848 mit seinem Oratorium erstmals die hl. Messe gelesen hat.
Stolz zeigt Don Rafael die Pinardi-Kapelle, in der Don Bosco 1848 mit seinem Oratorium erstmals die hl. Messe gelesen hat.
Blick in die Pinardi-Kapelle im Turiner Stadtteil Valdocco.
Blick in die Pinardi-Kapelle im Turiner Stadtteil Valdocco.

Die Verkaufsstände erstrecken sich auf einer Fläche fast siebenmal so groß wie die Grundfläche des Kölner Domes. Damit ist der Markt der größte tägliche Markt Europas. Sortiert nach Warengruppen bieten die Händler Obst, Gemüse, Käse und Wurst, Frischfleisch, Fisch, Bekleidung. An hunderten Verkaufsständen wetteifern die Händler um die Gunst der Kunden. Sportschuhe aus Asien für 20 Euro, das Kilo frische Sardinen für zwei Euro, Apfelsinen für einen Euro das Kilo.

Die Händler und viele ihrer Kunden leben hier im Stadtbezirk Aurora. Die Häuser sind nicht prächtig, die Verhältnisse beengt. Abgewohnt sind die meisten der sechsstöckigen Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert. Aus den Wohnungen kommen morgens nicht nur Familien. Aus mancher Tür einer kleinen Wohnung kommen zehn oder noch mehr junge Männer. "Hier kommen die Einwanderer das erste Mal an", sagt Don Rafael Gasol. Der Salesianer aus Barcelona ist selbst erst vor Kurzem in Valdocco angekommen. Der spanische Akzent ist nicht zu überhören. Seit Juli leitet er zusammen mit zwei Mitbrüdern die salesianischen Stätten in Turin. "Die Situation heute ist ganz ähnlich der Situation, wie Don Bosco sie damals hier erlebt hat. Es geht noch immer um Migration", so Don Rafael. Damals seien die Menschen vom Lande in die Stadt gekommen. Die Armut trieb sie in die Stadt auf der Suche nach Arbeit. Heute sind es Menschen aus aller Welt, die hier auf der Suche nach einem besseren Leben sind.

"Don Bosco? Wer soll das gewesen sein? Ein Priester? Nein, nie gehört", sagt einer der Händler, der offensichtlich aus Nordafrika stammt. "Ja, das Christentum hat es hier nicht leicht", bestätigt Don Rafael. Viele der Flüchtlinge, die nach Turin kommen, seien Muslime. Aber es seien auch Christen aus dem Orient und Südosteuropa dabei. Nicht alle seien legal in Europa. Aber das interessiere hier im Stadtbezirk Aurora niemanden. Die Migrantenseelsorge befand sich bis vor Kurzem gleich neben dem Mutterhaus der Salesianer. In der Maria-Hilf-Basilika, dem Herzen von Valdocco, feiern die katholischen Ukrainer jeden Sonntag die hl. Messe.

Mutterkirche der Salesianer

Die Maria-Hilf-Basilika ist die Mutterkirche der Salesianer.
Die Maria-Hilf-Basilika ist die Mutterkirche der Salesianer.

Die Maria-Hilf-Basilika ist die Mutterkirche der Salesianer. "Von hier wurden 1875 die ersten Missionare ausgesendet. Don Bosco selbst hat die Kirche in nur vier Jahren bauen lassen. Unglaublich, oder?" Don Rafael zeigt gerne das Juwel der Salesianer. Don Boscos Leichnam liegt hier in einem Sarkophag aus Kristallglas. Pilger legen hinter dem Altar ihre Hand im Gebet auf die Glasscheibe, die sie vom heiligen Don Bosco trennt. Die sterblichen Überreste der hl. Maria Mazzarello, der Mitbegründerin und ersten Generaloberin der Don Bosco Schwestern, sind hier ebenso in einem eigenen Altar aufbewahrt wie die Überreste des hl. Dominikus Savio, dem 15-jährigen Schüler Don Boscos, der lieber tot sein wollte als zu sündigen.

"Die Kirche baute Don Bosco, als die Pinardi-Kapelle und die Kirche vom hl. Franz von Sales zu klein geworden waren", sagt Don Rafael und führt durch die Sakristei hinaus zu den Gotteshäusern, die nur etwa 20 Meter entfernt sind. In der Pinardi-Kapelle feierte Don Bosco mit seinen Jungen, seinem "Oratorium", erstmals 1846 am Ostersonntag die hl. Messe. Ein Holzdach über einem ausgehobenen Erdloch mit Bretterboden, sehr viel mehr war die Kapelle damals nicht. Heute ist sie das Kleinod der Salesianer. Don Rafael ist die Freude anzusehen, dass er die Kapelle Besuchern zeigen darf. Gleich nebenan befindet sich die Kirche des hl. Franz von Sales, die Don Bosco baute, als die Pinardi-Kapelle nach nur sechs Jahren zu klein geworden war.

Kinder und Jugendliche stehen bis heute im Mittelpunkt

Schreibfeder Don Boscos.
Schreibfeder Don Boscos.
Don Boscos Zimmer und Sterbebett in den Camrette in Turin-Valdocco.
Don Boscos Zimmer und Sterbebett in den Camrette in Turin-Valdocco.

Kinder und Jugendliche stehen bis heute im Mittelpunkt in Valdocco. Gleich neben der Basilika und der Pinardi-Kapelle befinden sich eine Berufsschule und die Mittelschule der Salesianer. An der Berufsschule finden Kurse für Elektriker, Grafiker, Schreiner und Landwirte statt. Matteo und Luca gehen die Woche über hier zur Mittelschule. "Hier auf dem Platz spielen wir Basketball", sagt der elfjährige Matteo und zeigt auf den Schulhof, der an den Platz grenzt, auf dem schon zu Don Boscos Zeiten die Jungen spielten. Nur wenige Meter entfernt im zweiten Stock des angrenzenden Gebäudes befinden sich die "Camerette", die Zimmer Don Boscos. Hier waren die Verwaltung und die Bibliothek, hier ist noch heute das Arbeitszimmer Don Boscos zu sehen und der Schreibtisch, an dem er religiöse Schriften verfasste und Briefe schrieb. In den Räumen die heute ausschließlich als Museum dienen, sind zahlreiche Objekte aus dem Leben Don Boscos zu sehen. Seine Schreibfeder, Kelche, eine Kanzel, liturgische Gewänder und ein Schrankaltar sind nur ein Teil der Ausstellungsstücke.

Auch das Zimmer, in dem Don Bosco am 31. Januar 1888 starb, ist hier zu sehen. Bei Don Rafael klingelt unterdessen das Telefon, das er die ganze Zeit dabeihat. "Entschuldigen Sie, ich bin gerade nicht im Büro. Könnten Sie später noch einmal anrufen", sagt Don Rafael. "Es rufen pausenlos Leute aus der ganzen Welt an, um hier Zimmer zu reservieren", sagt er. Wie viele es im Jubiläumsjahr werden? "Viele. Sehr viele", sagt Don Rafael.

Text: Markus Kremser, Fotos: Salesianer Don Boscos