Altöttinger Liebfrauenbote

Die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele

Maria Assumpta

Anna Roth.
Anna Roth.

Liebe Leserinnen und Leser, in unserer Serie stellt Ihnen die katholische Theologin und Mariologin Anna Roth exklusiv den theologischen Hintergrund der vier Marien-Dogmen vor: Maria Theotókos / Gottesgebärerin, Maria Aeiparthenos / Immer-Jungfrau, Maria Immaculata Conceptio /Unbefleckte Empfängnis und Maria Assumpta/Aufnahme in den Himmel.

Entschlafung Mariens und ihre leibliche Aufnahme in den Himmel durch Jesus selbst. Darstellung in der Krypta der Dormitio-Abtei, Jerusalem.
Entschlafung Mariens und ihre leibliche Aufnahme in den Himmel durch Jesus selbst. Darstellung in der Krypta der Dormitio-Abtei, Jerusalem.

Unter dem Pontifikat Pius XII. wurde am 1. November 1950 das Dogma "Maria Assumpta"  wie folgt verkündet: "...Zur Ehre des Allmächtigen Gottes, welcher der Jungfrau Maria sein besonderes Wohlwollen schenkte, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Zeiten und Siegers über Sünde und Tod, zur Vermehrung der Herrlichkeit seiner erhabenen Mutter und zur Freude und Begeisterung der ganzen Kirche, kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer (eigenen), verkünden, erklären und definieren Wir deshalb...: Es ist von Gott geoffenbarte Glaubenslehre, dass die Unbefleckte Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde."

Hintergrund

Darstellung "Maria Himmelfahrt" im Gebäude der Kapelladministration Altötting.
Darstellung "Maria Himmelfahrt" im Gebäude der Kapelladministration Altötting.

Bei diesem Assumpta-Dogma geht es vor allem darum, der Gottesmutter Maria die höchste Ehre zu erweisen. Es fällt auf, dass das Assumpta-Dogma, also das Dogma von der Aufnahme Marias in den Himmel mit Leib und Seele, nur definiert werden konnte auf der Basis des vorausgehenden Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Marias, d.h. von der Immaculata conceptio. Denn bei diesem Dogma wurde über Maria ausgesagt, dass sie nicht nur die Vorher-Erlöste sondern bereits die Voll-Erlöste ist.

Über diese Thematik werden wir später, wenn wir das Dogma der Immaculata conceptio betrachten, noch ausführlich berichten. Im Gegensatz zu der gesamten übrigen Menschheit kann von Maria gesagt werden, dass sie die Voll-Erlöste ist. Diese Aussage ist begründet durch ihre absolute Reinheit infolge ihrer Sündenlosigkeit.

Und diese Sündenlosigkeit Marias begann schon bei ihrer Empfängnis im Mutterschoß ihrer heiligen Mutter Anna. Maria war somit immer ohne Sünde.

Und auf dieser Grundlage der Vorher-Erlösung und Voll-Erlösung Marias konnte Pius XII. im Jahre 1950 das Assumpta-Dogma definieren und verkünden.

Begründung

Darstellung "Maria Himmelfahrt" in der Klosterkirche in Au am Inn.
Darstellung "Maria Himmelfahrt" in der Klosterkirche in Au am Inn.

Die alte Kirche der ersten vier Jahrhunderte war erst einmal in Unkenntnis, was die Vollendung des irdischen Lebens Marias betraf. Aber die Väter haben in Maria die neue Eva gesehen. Maria ist dem neuen Adam, Jesus Christus, zwar untergeordnet, aber sie ist ihm auf das engste verbunden. Und diese sehr enge Verbundenheit mit ihrem göttlichen Sohn Jesus Christus zeigt sich besonders darin, dass Maria gemeinsam mit Jesus Christus für das Heil der gesamten Menschheit kämpft.

Und dem neuen Adam, der sich in Jesus Christus, dem Sohn Gottes manifestiert, wird der absolute Sieg über die Sünde und den Tod vorausgesagt. Die Verherrlichung der reinsten Jungfrau Maria zeigt sich in ihrer himmlischen Aufnahme mit Leib und Seele.

So wird Maria die "höchste Krone ihrer Vorrechte" zuteil, indem sie "von der Verwesung des Grabes unversehrt bewahrt wurde" (Scheffczyk). Und so wurde Maria – wie auch ihr göttlicher Sohn – nach dem völligen Sieg über den Tod – mit Leib und Seele zur erhabenen Herrlichkeit des Himmels emporgehoben.

Damit ist es klar, dass Maria, die Vor- und Erst-Erlöste, bereits von Anfang an auch ihre Voll-Erlösung, d.h. das Mysterium ihrer Assumptio in sich trug.

Entwicklung

Darstellungen "Maria Himmelfahrt" im Altöttinger Kongregationssaal...
Darstellungen "Maria Himmelfahrt" im Altöttinger Kongregationssaal...
... und in Burgkirchen am Wald.
... und in Burgkirchen am Wald.

Im Neuen Testament gibt es selbst keinen direkten Hinweis auf das Privileg Maria Assumpta. Aber die Gläubigen haben sich schon in sehr früher Zeit mit der Thematik des Hinscheidens der Gottesmutter beschäftigt.

In der byzantinischen Liturgie wurde schon im 6. Jh. das Fest der "Entschlafung der Gottesmutter" gefeiert. Und schon bald folgten Predigten über die "Assumptio".
Am Ende des 11. Jh. erscheint ein kleines Werk "über die Himmelfahrt der seligen Jungfrau Maria". Hier wird besonders betont, dass Maria bei Christus ist, und zwar ganzheitlich, mit Leib und Seele.

Das 13. Jh. schafft dann die Gewissheit. Denn die großen Theologen der Hochscholastik sind allesamt der Meinung, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden ist. Der heilige Bonaventura bekennt in einer Predigt, dass zu der vollkommenen Seligkeit der Jungfrau Maria die Wiedervereinigung der Seele mit dem Leib gehört.

Maria wurde also nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen – sie ist mit Leib und Seele bei Gott. Sie ist also nicht nur mit ihrer "Geistseele" bei Gott sondern auch mit ihrem Leib, allerdings mit einem verklärten Leib.

Was aber bedeutet die Formulierung "nach Vollendung ihres Erdenlebens"? Hier geht es darum, dass eine Antwort auf die Frage nach dem Tode Marias offenbleiben soll, d.h., beide Möglichkeiten sollen offen bleiben: entweder wurde Maria auferweckt vom Tode und dann verklärt oder ihr irdisches Leben endete ohne eigentlichen Tod. Dann aber musste sie nicht auferweckt werden vor ihrer Verklärung, also vor ihrer Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel.

Man geht aber konsequenterweise davon aus, dass, wenn ihr göttlicher Sohn Jesus Christus vom Tod auferweckt werden musste, dies auch bei Maria angenommen werden kann.

Beim Dogma "Maria Assumpta" geht es um die beiden Vorzüge Mariens: Die Vor-Erlösung und die Voll-Erlösung sprießen aus einer Wurzel. Diese Wurzel entsprießt von der göttlichen Vorsehung von Ewigkeit her, und zwar über die Unbefleckte Jungfrau zur Inkarnation und von der Gottesmutterschaft zur Immer-Jungfrau – und weiter: von der Mutter Maria – die bis unter das Kreuz ihren "Fiat-Weg" gegangen ist – bis hin zu der mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommene und mit allen Ehren gekrönten Königin des Himmels und der Erde.

Mit diesem Assumpta-Dogma leuchtet die Nähe Marias zu ihrem göttlichen Sohn auf, d.h. es leuchtet die Christozentrik Mariens auf.

Vollendung

Das Dogma Maria Assumpta musste nicht nachträglich hinzugefügt werden, sondern  in ihm vollendet sich, was bereits durch das Vorausgegangene bekräftigt worden war. Die Tradition weiß um die hohen Gnadenvorzüge Marias: die Gottesmutterschaft, die immerwährende Jungfräulichkeit und die Sündenlosigkeit. Und weil Maria seit Beginn ihres Daseins ohne Sünde war, wäre es inkonsequent, wenn sie an ihrem Lebensende durch die Übergabe an die Herrschaft des Todes in Verweslichkeit ihren Tribut an die Sünde, von der sie immer frei war, hätte zahlen müssen.

In Maria als der Vorher-Erlösten und der Voll-Erlösten scheint in herrlicher und einzigartiger Weise die Erlösungsgnade auf. Sie ist das Urbild aller Erlösten. So kann von Maria ausgesagt werden, dass sie als die Erst-Erlöste und Voll-Erlöste die einzige aus der Geschichte herausgelöste Ausnahme ist.

Text: Anna Roth, Fotos: Roswitha Dorfner 4, Wolfgang Terhörst 1, privat 1