Altöttinger Liebfrauenbote

Über offene Kirchentüren und volle Herzen

Geduldige Offenheit Gottes

Wohl keine Kirche in der Stadt Frankfurt hat ihre Türen so lange geöffnet wie die Liebfrauenkirche. Weil Kapuziner am Ort wohnen, übernehmen sie den Dienst, sie morgens um 6 Uhr zu öffnen und abends um 22 Uhr zu schließen. Gut, dass sich auch noch weitere Helfer finden, die in Vertretungsfällen mitsorgen. Denn die offene Halle Gottes mit ihrem vielbesuchten Vorhof steht für die beständige Bereitschaft Gottes, den Suchenden zu empfangen, den Trauernden zu trösten, dem Schuldigen das Abladen anzubieten und dem Fröhlichen ein Fenster für seine Freude zum Himmel zu sein.

Die Tür ist offen: Eingang zum Kloster.
Die Tür ist offen: Eingang zum Kloster.

Eigentümlich, wie diese Offenheit respektiert wird. Es ist ein Wunder, dass es kaum Vandalismus gibt an der Kirche, und in der Kirche schon einmal gar nicht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Deshalb warnen die Kapuziner auch davor, Bettlern etwas zu geben; meistens haben sie im Sinn, den Ort zu sehen, aus dem die Geldbörse hervorgezogen wird. Auch gibt es immer wieder Versuche, aus den Opferstöcken Geld zu fischen. Und vor dem Gebet die Handtasche zu sichern müssen wir auch raten. Trotzdem: Gemessen an den vielen Stunden, in denen Kirche und Hof offen stehen, fallen kleine Zwischenfälle nicht ins Gewicht.

Die Offenheit Gottes für den Menschen: Dafür steht die Kirche in der Stadt. Das Zelt Gottes unter den Menschen. Ein heiliger Boden, der dem armen und zerknirschten Asyl gewährt: Hier darf er aufatmen und einen Moment über, ein Kind Gottes zu sein, ein Menschenkind unter Menschenkindern, ohne Rücksicht auf Hautfarbe, Geldbeutel oder Lebensgeschichte.

Liebe erfordert Offenheit.
Offenheit all deiner Sinne.
Offenheit für Freud und Leid,
für Schönes und Unschönes.
Für alles.
Nur im Zustand der Offenheit
hat die Liebe eine Chance.
Irina Rauthmann (*1958)

Die Lyrikerin Irina Rauthmann (s.o.) spricht einen wichtigen Punkt an: Offenheit wahrnehmen gehört zur Lebenskunst, ja, zur Liebeskunst. Die offene Tür der Kirche in der Stadt steht für die Einladung Gottes, ihn und seine Liebe zu finden. Sie steht aber auch für die offene Tür des Herzens, durch die wir immer neu einkehren müssen in unser innerstes Heiligtum, dorthin, wo alles, was wir sind, von der Seele zu dem verbunden wird, was unsere Person ausmacht.

Es ist die Tür des Guten Hirten

Der Vorhof von Liebfrauen.
Der Vorhof von Liebfrauen.

Keiner hat sich sein Leben ausgesucht. Jeder kennt Steine und Stolperfallen. Wir haben Gründe, uns zu schämen für das eine oder andere. Wir würden manches gern ungeschehen machen, was uns widerfuhr.

Nicht jeder vermag da hineinzutreten in dieses Innerste, in das, was das eigene Leben wirklich ausmacht. Jeder Gottesdienst versteht sich als gemeinschaftliche Übungszeit: Jeder kennt das Ach und Krach, mit dem wir uns täglich neu annehmen müssen. Jede Einkehr in eine Kirche kann zur Hinkehrzeit werden, zur Zeit der Hinkehr zu jener Offenheit, mit der unser Herz uns begrüßt mit allem, was es belastet. Und in all dem wie es lieben und geliebt werden will.

Die geöffnete Tür des Franziskustreffs für die materiell und oft auch seelisch armen Mitmenschen gehört mit zu der täglichen Offenheit von Liebfrauen. Durch welche Tür wer auch wo eintritt: Es ist die Tür des Guten Hirten, der geheimnisvoll von sich selber sagt, er sei nicht nur Hirte der führt, sondern auch Tür: Sein Wesen sei, den Menschen Zugang zu schaffen. Zugang zu sich selber. Und Zugang zum Vater im Himmel.

Wehrlose Offenheit

In Kloster und Kirche Liebfrauen, Frankfurt, gibt es viele Türen, die stets offenstehen.
In Kloster und Kirche Liebfrauen, Frankfurt, gibt es viele Türen, die stets offenstehen.

Die Tür, die für alle Menschen offensteht: Geduldig ist die Liebfrauenkirche für die Passanten geöffnet, geduldig erwartet der Franziskustreff seine Frühstücksgäste, geduldig sitzt der Priester im Beichtstuhl und empfängt gern alle, die durch diese Tür einen Neuanfang mit Gott und Kirche wagen wollen. Und mit sich selber.

Die wehrlose Offenheit mitten in der Stadt steht für den Guten Hirten, dessen Gutsein auf den Widerstand der Mitmenschen stieß. Doch darin ließ er nicht locker. Geduldig den Menschen zugewandt, der eigenen Sendung bewusst bleiben, in Gott den einzigen Halt suchen: Ein christliches Lebensprogramm. Es orientiert sich an der gewagten Offenheit Gottes, der Religion nicht mehr an Kultur, Tradition und Blutsverwandtschaft bindet, sondern an jene, die bereit sind, dem neuen Geist des Neuen Menschen Jesus Christus zu trauen.

Text und Fotos: P. Paulus Terwitte OFMCap