Altöttinger Liebfrauenbote

Im Mai feiert Cordoba

Tanzen unter dem Kreuz

Mit den Händen machen die Männer ihren Frauen Beine, bringen sie klatschend auf Touren. Unter blumengeschmückten Kreuzen drehen sich Hunderte im Flamenco-Takt. Trockenen Montilla gibt es, einen Sherry-ähnlichen Weißwein, kaltes Bier und frischen Schinken. Man lacht und scherzt, genießt die ersten warmen Tage im Freien. Wie immer Anfang Mai feiert Cordoba das Fest der Kreuzauffindung. "Cruces de Mayo" nennen es die Einheimischen.

Geschmücktes Kreuz in der Stadtmitte.
Geschmücktes Kreuz in der Stadtmitte.

Die Buben in der engen Altstadtgasse schwitzen. Ein kleines Blumenkreuz schleppen sie seit Stunden auf den Schultern mit sich, auf einem kleinen Thron aus Pappe und Stoff. Von Tür zu Tür führt ihre Tour, von einem zum anderen Haus. Wie bei uns zu Dreikönig, Fastnacht, Ostern oder Halloween sind die Kinder Cordobas Anfang Mai zum Geldsammeln unterwegs. Ihr Heischegang erinnert an die Kreuzauffindung. An Kaiserin Helena, die auf einer Pilgerreise nach Jerusalem das wahre Kreuz Christi entdeckt haben will.

Mehr als ein halbes hundert Kreuze haben die Bürger Cordobas zum Fest errichtet. In Alt- und Neustadt, auf großen und kleinen Plätzen, das schönste wie immer am Ende der Fußgängerzone. Ecken weiter ragen Zitronen und Apfelsinen in den Himmel, auch sie zu einem Kreuz gefügt. Fast jede Pfarrgemeinde hat ihr eigenes Kreuz aufgestellt. Zeichen andalusischer Volksfrömmigkeit, die in der alten Kalifenstadt ihr eigenes Gesicht hat.

Die späte Maisonne rückt die Tore der Mezquita ins rechte Licht, verleiht mehr als tausend Jahren Geschichte Glanz. In der Kathedrale haben Islam und Christentum eine Einheit gefunden. Lange Zeit beteten Christen und Muslime hier gemeinsam, war die Mezquita ein Tempel religiöser Toleranz. Gegenüber, am anderen Ufer des Guadalquivir, erzählt eine Ausstellung im alten Festungsturm von diesen Zeiten. Von Juden, Mauren und Christen, die der Stadt ihren Stempel aufdrückten.

Im alten Judenviertel schlägt noch immer Cordobas Herz. In den kleinen Gassen mit den schmucken Innenhöfen, die Anfang Mai für ein paar Tage ihre Pforten öffnen. Tausende von Blumentöpfen an den weißen Wänden sind dann mit Rosen, Lilien, Veilchen und Nelken bestückt, vor allem aber mit leuchtend roten Geranien. Dazu duften Myrte und Jasmin. Beim Wettstreit um den schönsten Patio verwandeln sich die Hinterhöfe in ein Blütenmeer. Seit 1981 loben Stadtverwaltung und Sponsoren Jahr für Jahr Preise für ihre Gestaltung aus. Der aufwendigste Blumenschmuck wird ebenso bewertet wie die schönste abendliche Illumination.

Lebensfreude eines Volkes

Tanz unter dem Maikreuz.
Tanz unter dem Maikreuz.

Cordoba ist bis heute eine überschaubare Metropole geblieben. Mit kleinen Läden und Boutiquen, mit Bars und Restaurants. Mit Denkmälern auch, die an die Großen der Stadt erinnern. An Moses Maimonides zum Beispiel, den jüdischen Arzt und Theologen. "Die Bestimmung einer gottgefälligen Gesellschaft", hatte er seinen Landsleuten Ende des 12. Jahrhunderts ins Stammbuch geschrieben, "ist das Wachsen des Menschen, nicht des Wohlstandes".

Vielleicht sind Cordobas Maifeste deshalb auch keine großen Feiern. Sie ähneln eher Stammtischen, gemütlichen Familientreffen unterm Kreuz, das hier nicht nur Symbol des Leidens Christi ist, sondern vor allem Zeichen des nahenden Sommers. Bei den Cruces de Mayo zeigt sich die Lebensfreude eines Volkes, dem das Sein wichtiger als der Schein ist. Während man bei der Feria im benachbarten Sevilla in teure Festgarderobe schlüpft, tanzt man auf Cordobas Plätzen im Straßenanzug. Der Stimmung tut das keinen Abbruch.

Mit roten oder weißen Nelken sind die Kreuze Cordobas gewöhnlich geschmückt, gelegentlich auch mit Papierblumen, blühenden Zweigen und bunten Tüchern. Volkskundler erinnern sie deshalb stark an Maibäume, wie sie in griechischer und römischer Zeit im Rahmen von Frühlingsfesten aufgestellt wurden. Weil aber die Kirche dem Volk seine Traditionen nicht nehmen wollte, folgert die Wissenschaft, hätte sie die heidnischen Maibäume zu christlichen Kreuzen gemacht, die Verehrung antiker Frühlingsgöttinnen durch das Gedenken an die Gottesmutter ersetzt. Aus den Frühlingswochen wurde der Marienmonat Mai.

Schon im Jahr 961 wurde das Fest der Kreuzauffindung in einem Kalender Cordobas erwähnt. Es sollte an den Fund des wahren Kreuzes Christi erinnern, das die greise Kaiserin Helena entdeckt haben wollte. Historisch ist das umstritten, doch die Geschichte wurde um das Jahr 400 mit immer neuen Details ausgeschmückt, was wesentlich zur Verbreitung der Kreuzfeste beitrug. Vor allem in Andalusien, wo sich das Christentum erst spät gegen den Islam behaupten konnte.

Heute stehen vor den Maikreuzen Cordobas meist auch kleine "tablaos", hölzerne Podeste für die Tänzer. Bis spät in die Nacht stampfen die Cor-dobesen dort im Flamenco-Takt ihre Sevillanas, stecken die Köpfe in den Nacken und recken die Hände zum Himmel. Was Touristen in Sevilla, Granada oder Malaga als folkloristische Show in Hotels und Bars geboten wird, ist hier gelebter Alltag. Ein Stück andalusischer Lebensfreude, von der man sich gerne anstecken lässt.

Text und Fotos: Günter Schenk

Informationen

Anreise: Mit dem Flugzeug über Madrid und Barcelona. Cordoba ist im Stundentakt mit dem superschnellen AVE-Zug an Sevilla und Madrid angebunden.

Unterkunft: Viele, auch preiswerte Hotels und Pensionen finden sich rund um die Mezquita. Außerhalb empfiehlt sich der Parador La Arruzafa mit schönem Garten und Blick auf die Stadt.

Mai-Feste: Oft schon Ende April werden die Maikreuze aufgestellt, unter denen sich die Cordobesen Abend für Abend versammeln. Höhepunkt der Cruces de Mayo ist der 3. Mai samt Vorabend. An das Fest der Maikreuze schließen sich die Fiestas de Patios an. Dann ziehen die Bürger fast vierzehn Tage ihre Runden durch die Hinterhöfe, die gewöhnlich ab 19 Uhr öffentlich zugänglich sind (Samstags und Sonntags schon ab 12 Uhr). Beim Verkehrsamt gibt es einen kostenlosen Führer (Concurso Popular de Patios Cordobeses), der den Weg zu den schönsten Innenhöfen weist. In der letzten Maiwoche lädt Cordoba zur traditionellen Feria, die auf einem riesigen Festgelände am Stadtrand stattfindet, eine Art andalusisches Oktoberfest mit Festzelten und Jahrmarkt.

Auskünfte: Oficina de Turismo de la Junta Andalucia, Calle Torrijos 10 (gegenüber der Mezquita). Tel. Spanien 957-471235, Fax 957-491778