Altöttinger Liebfrauenbote

Serie Mariendogmen – I.: Bekenntnis, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist

Maria Gottesgebärerin

Anna Roth.
Anna Roth.

Liebe Leserinnen und Leser, unsere Autorin Anna Roth erklärt in loser Folge Hintergrund und Bedeutung der vier Marien-Dogmen Maria Theotókos / Gottesgebärerin, Maria Aeiparthenos / Immer-Jungfrau, Maria Immaculata Conceptio /Unbefleckte Empfängnis und Maria Assumpta/Aufnahme in den Himmel. Anna Roth studierte katholische Theologie in Bonn, Vallendar und Sankt Augustin. Neben ihrer Autorentätigkeit hält sie Vorträge im Fernsehen (K-TV) und verfasst Publikationen über die Gottesmutter Maria. In diesem ersten Beitrag befasst sie sich mit dem marianischen Dogma, das die Gottesmutterschaft Mariens bestätigt.

Maria mit Jesuskind auf dem Thron: Darstellung in der Kirche St. Anna in München im Lehel.
Maria mit Jesuskind auf dem Thron: Darstellung in der Kirche St. Anna in München im Lehel.

Maria Gottesgebärerin (Theotókos)

Primär handelt es sich bei diesem Dogma um ein christologisches Dogma, das im Jahre 431 auf dem Konzil von Ephesus feierlich verkündigt wurde.
Der Text lautet wie folgt: "Wenn jemand nicht bekennt, dass der Emmanuel (Christus) in Wahrheit  Gott ist und dass deswegen die heilige Jungfrau Gottesgebärerin (theotókos) ist – denn sie hat dem Fleische nach den aus Gott stammenden fleischgewordenen Logos geboren –, so sei er ausgeschlossen".

Und dieses Dogma von der "Theotókos" gründet in dem Glaubenssatz der "unio hypostatica", also der hypostatischen Union. Hier geht es darum klarzustellen, dass Maria nicht einen Menschen geboren hat, mit dem sich die Person des Logos nachträglich verbunden hätte, sondern Maria hat die Person des Logos in der aus ihr angenommenen menschlichen Natur geboren. Es geht um das Bekenntnis, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Und hierzu ist in den Anathematismen Kyrills zu lesen: "Wer nicht bekennt, dass das Wort, das aus Gott, dem Vater, ist, mit dem Fleisch der Hypostase nach geeint ist und dass Christus mit seinem eigenen Fleisch einer ist, nämlich als derselbe zugleich Gott und Mensch, der sei mit dem Anathema belegt".

So kann festgehalten werden, dass die Aufgabenstellung des Konzils von Ephesus primär der Christologischen Definition, d.h. der "Sicherung der Gottheit und Menschheit Jesu" oblag.

Und das sagt aus, dass es sich bei diesem Marianischen Dogma um ein Christologisches Dogma handelt, in dem das Marianische Dogma involviert ist.
Aus diesem Zusammenhang können wir folgern, dass die Größe und Heiligkeit der "Theotókos" in einer sehr engen Beziehung zu ihrem göttlichen Sohn, Jesus Christus, der zweiten göttlichen Person, steht.

Denn dass Maria die Gottesgebärerin genannt werden kann, geht nur unter der Voraussetzung, dass Christus definiert und erkannt ist als der "Göttliche Logos, die zweite trinitarische Person, die als solche aus Maria der Jungfrau (ex maria virgine) eine menschliche Natur annimmt. Vom ersten Moment seiner Empfängnis an ist er in hypostatischer Union sowohl wahrer Gott wie auch wahrer Mensch".

Unter dem Begriff "hypostatische Union" ist zu verstehen, "dass die Eigentümlichkeiten der göttlichen und der menschlichen Natur nur von der einen Person ausgesagt werden dürfen, während die Übertragung der Eigentümlichkeiten der einen Natur auf die andere Natur unzulässig ist".

Einigungsformel in Ephesus

Eine Reliefdarstellung in der Gnadenkapelle in Altötting zeigt Maria mit ihrem Sohn in der Krippe.
Eine Reliefdarstellung in der Gnadenkapelle in Altötting zeigt Maria mit ihrem Sohn in der Krippe.

Daraus folgt, dass z.B. nicht die Aussage getroffen werden kann, dass Christus als Gott gelitten hat. Hierzu gehört auch der Glaubenssatz, dass "die göttlichen und menschlichen Prädikate Christi ... dem einen fleischgewordenen Logos zuzuteilen (sind)".

Im Konzil von Ephesus im Jahre 431 wurde also der "Theotókos-Titel" sanktioniert. Und so lautet die genaue Einigungsformel im Jahre 433 mit den Antiochenern:
"Demnach ist der Herr Jesus Christus vollkommener Gott und vollkommener Mensch (mit Leib und vernunftbegabter Seele), vor den Zeiten der Gottheit nach aus dem Vater und am Ende der Tage der Menschheit nach aus der Jungfrau Maria geboren".

Daraus folgt, dass der Jesus Christus, der wie zuvor erwähnt wahrer Gott und wahrer Mensch ist, stringenterweise auch wesensgleich dem Vater der Gottheit nach und wesensgleich uns der Menschheit nach ist. Es handelt sich also um eine unvermischte Einigung der Gottheit und Menschheit Christi.

Es geht also bei dem Konzil von Ephesus um zwei wesentliche Dinge, nämlich dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, und das folglich Maria Gottesgebärerin genannt werden kann. Das heißt, die Anerkennung der Gottessohnschaft Jesu ist die Basis für die Dogmatisierung Marias als "Theotókos".

Und im sonntäglichen Credo bekennt die ganze versammelte Gemeinde, dass Er (Jesus) Fleisch angenommen hat durch den Heiligen Geist, aus der Jungfrau Maria und Mensch geworden ist. Das heißt auch, dass Jesus einer von uns geworden ist, in allem uns gleich, außer der Sünde.

Arienne von Speyr bringt uns dieses wunderbare Geschehen, dieses Wirken Gottes an Maria in einzigartiger Weise nahe, indem sie vermerkt: "Und Er (Gott) formt nicht nur ihre Natur mit ihren natürlichen Eigenschaften, um sie zu veredeln, sondern Er benutzt sie - wie ein Gefäß, um in sie hinein seine ganze Übernatur zu gießen und sich aus ihr eine Mutter zu formen".

Diese Texte machen deutlich, dass die Menschwerdung Jesu Christi aus Maria die innerweltlichen Gesetzmäßigkeiten von Zeugung und Geburt total übersteigt.

Maria, die Jungfrau, hat in Freiheit ihr "fiat" gegeben. In völliger personaler Freiheit hat sie sich als Magd des Herrn ganz bewusst in seinen Dienst gestellt. Gott zwingt nicht, denn er ist die Freiheit, er ist die Liebe und Liebe kann nicht zwingen.

Und sofort nach dem "Ja" Marias zum Willen Gottes kam der Heilige Geist über sie und gab ihr die zur Aufnahme der Gottheit des Wortes gehörige Kraft. Und es überschattete die Jungfrau die persönliche Weisheit und Macht Gottes des Höchsten, der Sohn Gottes, der dem Vater wesensgleich ist, wie ein göttlicher Same und bildete sich aus ihrem heiligen und reinsten Blute – Fleisch – belebt von einer vernünftigen und denkenden Seele, nicht samenhaft, sondern schöpferisch durch den heiligen Geist.

Die Gottesmutter Maria stillt ihr Kind Jesus, rechts der Knabe Johannes – Darstellung in der Kirche  St. Wolfgang bei Dorfen.
Die Gottesmutter Maria stillt ihr Kind Jesus, rechts der Knabe Johannes – Darstellung in der Kirche St. Wolfgang bei Dorfen.

Maria die Mutter Gottes

Wenn Maria die Gottesgebärerin ist, ist sie auch die Gottesmutter. Schon bereits vor der Geburt ihres göttlichen Sohnes wird sie von Elisabeth bejubelt als "die Mutter meines Herrn (Lk 1,43). Auch in den Evangelien wird Maria "die Mutter Jesu" genannt (Joh 2,1; 19,25).

Karl Rahner bemerkt dazu: "Maria ist die jungfräuliche Mutter Jesu Christi. Diese Beziehung darf nicht zu bloß leiblichem Zusammenhang verengt verstanden werden. Im freien – ihr von Gottes Gnade geschenktem – Jawort ihres Glaubens hat sie für uns den Sohn Gottes empfangen und ihm aus ihrem Schoß jenes irdische Dasein geschenkt, durch das Er Glied des neuen Menschengeschlechtes und so sein Erlöser sein konnte (Mt 1,18-23, Lk 1,26-38)".

So kann festgehalten werden, dass Maria, die Gottesmutter, alle Aufgaben, die eine Mutter für ihr Kind liebevoll und selbstverständlich ausführt, auch Maria für ihren göttlichen Sohn Jesus mit der größten mütterlichen Sorgfalt und Hingabe ausgeführt hat. Sie hat ihn nicht nur gestillt, sondern ihn erzogen, mit ihm gespielt, ihm alles erklärt, ihm ihre ganze mütterliche Liebe zuteilwerden lassen. Und da Maria sündenlos, d.h., eine Frau, eine Mutter war, die ununterbrochen ganz in der Liebe Gottes lebte, ganz von dieser göttlichen Liebe erfüllt und durchdrungen war, hatte ihr Muttersein natürlich eine ganz andere, eine höchste Qualität. Keine natürliche Mutter wird je diese höchste Stufe der mütterlichen Qualität auch nur annähernd erreichen können. Begründet ist dies durch die Sündhaftigkeit des Menschen an sich, von der die Gottmutter Maria als einziges Geschöpf frei war.

In allen unseren persönlichen Nöten und Sorgen können wir uns ihr anvertrauen und sie um Hilfe bitten... Unser Nild zeigt das Gnadenbild in der Altöttinger Gnadenkapelle, Ziel vieler Pilger.
In allen unseren persönlichen Nöten und Sorgen können wir uns ihr anvertrauen und sie um Hilfe bitten... Unser Nild zeigt das Gnadenbild in der Altöttinger Gnadenkapelle, Ziel vieler Pilger.

Maria – unsere Mutter

Jetzt blicken wir zum Kreuz, dorthin wo die Mutterbeauftragung geschah.
Bei Johannes lesen wir: "Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, sein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich" (Joh, 19, 26f).

Hier handelt es sich exakt um die Mutterbeauftragung Marias durch ihren geliebten Sohn Jesus Christus. Und diese Mutterbeauftragung gilt von da und bleibt aktuell. Und sie gilt für alle Menschen. Die Betonung liegt auf alle. Denn Maria ist nicht nur die Mutter der Christenheit, wie es manchmal betont wird. Nein – Maria ist die Mutter aller, d.h. aller Menschen weltweit, unabhängig davon, was diese glauben, unabhängig davon, ob sie glauben, unabhängig davon, welcher Kultur sie angehören.

So gilt ihre mütterliche Sorge und ihre Liebe uns allen, die wir noch auf der Pilgerschaft sind. Wir alle sind ihre Kinder. Und diese Mutterschaft Marias hält durch die Erdenzeit hindurch bis zur ewigen Vollendung aller Auserwählten an. Denn Maria hat Jesus Christus, den Heilsbringer geboren und ist so naturhaft mit ihm aber auch mit uns Menschen verbunden. Und diese große heilbringende Aufgabe hat Maria nicht abgelegt. Durch ihre mütterliche Fürsprache bei ihrem göttlichen Sohn will sie auch uns das ewige Heil erwirken.

Und so kann Maria ganz bewusst im Magnifikat betonen: "Denn der Mächtige hat Großes an mir getan." Denn zunächst geht alle Macht allein von ihm, also von Gott aus. Aber Er – der Mächtige – nimmt in seinen Machtstrahl seine Mutter Maria mit hinein, und macht sie zu unserer Mittlerin, Fürsprecherin und Helferin. In allen unseren persönlichen Nöten und Sorgen können wir uns ihr anvertrauen und sie um Hilfe bitten. An ihrer mütterlichen Hand gelangen wir sicher zum Ziel – zu ihrem göttlichen Sohn Jesus Christus.

Text: Anna Roth, Fotos: Roswitha Dorfner 4, privat 1

Dogma

Ein Dogma ist innerhalb der kirchlichen Lehre alles das, "was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche in feierlichem Entscheid oder durch gewöhnliche und allgemeine Lehrverkündigung als von Gott geoffenbart zu glauben vorgelegt wird" (I. Vaticanum, 1870). In diesem Zusammenhang erläutern kirchliche Dokumente und das Kirchenrecht, dass ein solches Dogma mit "göttlichem und katholischem Glauben" anzunehmen ist und dass seine Leugnung eine Häresie ist.

Für den formellen Begriff des Dogmas sind also zwei Momente entscheidend: a) die Zugehörigkeit einer bestimmten Lehre zur Offenbarung Gottes im Gegensatz zu frommen Meinungen und Privatoffenbarungen, und b) die ausdrückliche und definitive Vorlage dieser Lehre als einer von Gott geoffenbarten Wahrheit durch die Kirche, d.h. in diesem Fall: durch die ordentliche, universale Lehrverkündigung oder durch das außerordentliche Lehramt, d.h. durch eine Definition durch ein Konzil zusammen mit dem Papst oder durch den Papst als Spitze des Bischofskollegiums.

Ein Dogma ist nicht ein Satz abstrakter Wahrheit, sondern "Heilswahrheit", Wahrheit um des Heils der Menschen willen.

Quelle: Neues Theologisches Wörterbuch, Verlag Herder 2008