Altöttinger Liebfrauenbote

Zwischen Teufeln und Drachen feiert Tarragona seine Stadtpatronin

Feuerspuk am Mittelmeer

Funken fliegen übers Pflaster, auf Tarragonas Gassen tanzen Dämonen – ein Heer wütender Teufel, denen im Schein ihrer Fackeln wilde Bestien folgen. Ein Stier tobt krachend und zischend durch die Menge. Und dann sind da die Drachen, deren Flügel Feuerrädern gleichen – funkenspeiende Ungeheuer, die Angst und Schrecken verbreiten. Ohrenbetäubend sind die Salven, die eine Handvoll schwer bewaffneter Männer gleichzeitig Richtung Himmel schicken. Laut und ausgelassen feiert Tarragona Mitte September seine Stadtpatronin, die heilige Thekla.

Ein feuerspeiender Drache zieht an den vielen Besuchern vorbei.
Ein feuerspeiender Drache zieht an den vielen Besuchern vorbei.

Schon am Vorabend schiebt sich der Zug der "Teufel und Bestien" erstmals durch die Stadt. Bis spät in die Nacht sind die Ruhestörer unterwegs, verfolgt von Riesen und Zwergen, von vielen grotesken Gestalten, welche die Stadt für Stunden ins kontrollierte Chaos stürzen. Fast bis Mitternacht dauert der Spuk, dem ein Heer von Musikanten schließlich ein Ende macht. Auf Tarragonas großen Plätzen bitten Top-Orchester dann zum Tanz. Diskjockeys sorgen für Stimmung bis zum Morgengrauen und helfen den Bürgern beim Start in Theklas Festtag. Für viele beginnt er wie immer mit dem Hochamt in der alten Kathedrale, mit feierlichen Lobgesängen auf die Heilige, mit Jahrhunderte alten Chorälen, die ihr zu Ehren nur einmal jährlich erklingen.

Historische Traditionen pflegen auch die Handvoll Herren, die auf den Plätzen der Stadt die Leute zum Lachen bringen. "Dames i Vells" heißen die Komödianten. Bestes Straßentheater zeigen sie, eine alte Volkskunst, die in den letzten Jahren immer mehr Freunde gefunden hat, war doch die kulturelle Selbstdarstellung der Regionen im Spanien der Franco-Diktatur verpönt. Das neue katalanische Selbstbewusstsein spiegelt sich vor allem mittags, wenn die Feiernden auf der Placa de la Font zusammenkommen, dem alten Platz im Herzen der Stadt. Wieder sind auch die Bösewichte der Nacht samt funkenschlagender Dämonen mit von der Partie, und zwei Wappentiere, Adler und  Löwe, die Macht und Stolz der alten Handelsstadt verkörpern. Figuren, deren Auftritt eigene Tänze bestimmen.

Auch Georg, der Drachentöter, ist erschienen. Und Michael, der Erzengel mit der Seelenwaage, der die tobenden Teufel schließlich in die Knie zwingt. Reifen- und Stocktänzer bringen Leben auf die Bühne, führen langsam zum Höhepunkt des Nachmittags: zum spektakulären Bau menschlicher Türme und Pyramiden, den das Lokalfernsehen wie jedes Jahr live überträgt. Hunderttausende sind dann überall im Lande Zeuge, wenn die Castellers, wie die Turmbauer heißen, den Himmel stürmen. Es sind insgesamt vier Gesellschaften mit Hunderten von Mitgliedern, die wie immer darum eifern, hoch hinauszukommen.

Zehnstöckige Menschentürme

Prozession mit dem Reliquienschrein der hl. Thekla vor der Kathedrale in Tarragona.
Prozession mit dem Reliquienschrein der hl. Thekla vor der Kathedrale in Tarragona.

Die Kunst des Turmbaus geht zurück ins späte Mittelalter. So jedenfalls heißt es in Tarragona, wo man schon 1841 zu Ehren Theklas ein achtstöckiges "Kastell" errichtete, einen Menschenturm mit je zwei Personen im dritten bis sechsten Stock. Schon im 15. Jahrhundert habe man die damals üblichen Stocktänze mit kleinen Figuren gekrönt, die im Lauf der Zeit immer aufwändiger wurden. Inzwischen baut man in Katalonien zehnstöckige Menschentürme. Die Castellers haben eine Perfektion erreicht, die selbst Berufsartisten zum Staunen bringt.

Wie immer bilden Hunderte von Leibern das möglichst breite und dicht gedrängte Fundament. Männer, Frauen und Jugendliche, die mit ihren Körpern alle Stürzenden auffangen können. Kräftige Burschen im ersten bis dritten Stockwerk geben den Türmen Halt, deren Spitze kleine Kinder krönen – Fünf- und Sechsjährige gewöhnlich, die in zehn bis fünfzehn Metern Höhe auf den Schultern Älterer balancieren. Kraft und Konzentration verlangt der Turm- und Pyramidenbau, führt doch der kleinste Patzer zu großen Problemen. Spektakulär sind die Stürze, die man in Tarragona registriert wie Crashs im Formel-Eins-Zirkus.

Die Castellers sind ein verschworener Haufen Gleichgesinnter. Auf der Rambla Nova, der geschäftigen Schlagader Tarragonas, hat die Stadt ihnen ein Denkmal gesetzt. Dort reckt sich ein Menschenturm zum Himmel. Nur gemeinsam, verrät die Masse bronzener Leiber, können die Castellers ihr Ziel erreichen, es muss einer dem anderen vertrauen. Kein Wunder, dass der Turmbau längst zum Inbegriff katalanischer Identität geworden ist, zum Stolz einer Region, die sich schon immer gewichtiger fand als das restliche Spanien.

Lange Tradition

Armreliquie der heiligen Thekla.
Armreliquie der heiligen Thekla.

In der Antike war die Stadt eine der größten am Mittelmeer, ihr Hafen über Jahrhunderte bedeutender als der im benachbarten Barcelona. Überall erinnern noch heute Ruinen an die Zeit der Römer, die in Tarragona ihren wichtigsten spanischen Stützpunkt hatten. So gut wie keine Spuren dagegen haben die Mauren hinterlassen, die vom Jahr 712 bis anno 1120 herrschten. Nur zum Fest der Stadtpatronin wird dieses Kapitel Geschichte lebendig, wenn tapfere Ritter die Fremden aus dem Morgenland symbolisch niedermetzeln. "Cavallets" heißt der kostümierte Trupp auf den Papp-Pferdchen, der schon 1383 im Rahmen religiöser Prozessionen erstmals urkundlich Erwähnung fand. Aus jener Zeit stammt auch die Cuca Fera, ein gutmütiges Fabeltier, das im Volksglauben die Heilige bewacht. Liebling der Kinder ist es heute, neben dem man besonders gern fürs Familienalbum posiert. 1387 betrat der Teufel Tarragonas Festbühne, 1424 der erste Riese. Dazu kamen Adam und Eva, die zwölf Apostel und andere Figuren, die während der Fronleichnamsprozession zur Illustration biblischer Geschichte dienten.

Um das Jahr 1500 gründete sich in Tarragona erstmals eine Bruderschaft, die sich die Verehrung der heiligen Thekla auf die Fahne geschrieben hatte. Ihr zu Ehren wurden Lieder und Choräle geschrieben, Theater und Tanz gepflegt. Dabei wusste man kaum etwas über die Frau, der Tarragonas Kathedrale geweiht ist. Denn ihr Leben ist vor allem Legende. Schülerin des Apostels Paulus sei sie gewesen, der sie im heute türkischen Konya zum Christentum bekehrt habe. Eine standfeste Frau, die nach richterlichen Urteilen gleich zweimal ihr Ende vor Augen hatte. Einmal retteten sie Regen und Hagel vor dem Flammentod auf dem Scheiterhaufen. Ein andermal flüchtete sie sich vor wilden Bestien in eine Wassergrube. Schließlich folgte sie Paulus nach Myra, von wo sie nach dessen Tod in ihre Heimat zurückkehrte. Friedlich gestorben sei sie dort, heißt es in ihrer Lebensbeschreibung, die um das Jahr 180 entstand. Eine Geschichte, die schon Kirchenmänner wie Tertullian oder Hieronymus kannten, deren Wahrheitsgehalt sie allerdings bezweifelten. Ihre Skepsis aber konnte den Thekla-Kult nicht stoppen, der im frühen 6. Jahrhundert im heutigen Irak erstmals blühte und über Ägypten, Libyen, Zypern, Italien und Spanien schließlich auch den Weg ins Rheinland und nach Bayern fand.

Rund 350 Veranstaltungen

Feuertänzer.
Feuertänzer.

Am lebendigsten ist die Verehrung Theklas noch immer in Tarragona, wo man den Arm der Heiligen in einem goldenen Reliquiar aufbewahrt. Am Abend des 23. September geht er auf Tour, wenn es nicht regnet. Meistens aber ist der Wettergott gnädig. Dann verlässt das Goldstück, wenn es dunkelt, die Kathedrale und das Hauptportal wird mit seinen gotischen Figuren zur Kulisse entfesselter Lebensgeister. Wieder speien Ochs und Drachen Funken, mischen sich krachende Salven mit Flötentönen, bauen die Castellers noch einmal ihre Türme zu Ehren der Heiligen. Dazwischen wuseln Teufel und  Riesen, weiße und dunkelhäutige Giganten, die an die Geschichte Tarragonas erinnern, an katholische Nobilitäten und muslimische Herrscher, an Moros und Christianos.

Mitte des 19. Jahrhunderts bereicherten sie erstmals die Prozession, die sich aus einem bescheidenen Umgang zum prunkvollen Festzug entwickelt hatte. Päpstliche Ablässe hatten zu Theklas Feier schon in früher Neuzeit Tausende von Pilgern angelockt, so dass man ihren Festtag mit der Zeit auf eine ganze Woche ausdehnte. Heute sind es rund 350 verschiedene Veranstaltungen, die in Theklas Namen über rund zehn Septembertage verteilt werden: Ausstellungen und Konzerte, Feuerwerk und Fußballspiel, Kino und Komödie. Kulinarisches mischt sich mit Kulturellem, Theater mit Tanz.

Nach Jahren der Stagnation während der Franco-Diktatur erlebte das Fest in den letzten  Jahrzehnten eine erstaunliche Renaissance. Sie brachte Tarragona nicht nur  Figuren wie Löwe, Adler oder Drachen zurück, sondern auch eine Reihe von Tanz- und Musikgruppen, die alte Traditionen belebten oder sich von mittelalterlichen Figuralprozessionen zu neuem Mummenschanz inspirieren ließen. Zu Ideen wie sie schon die Baumeister des Kreuzganges hatten, die in eines ihrer Kapitelle eine "Prozession der Ratten" meißelten – ausgelassene Nager, die eine Katze zu Grabe tragen, ein bildhauerisches Meisterstückchen.

Dämonen in Schranken verwiesen

"Aufmarsch der Christen".
"Aufmarsch der Christen".

Inzwischen haben die tobenden Teufel die Placa de la Font erreicht, jenen Platz, wo einst der römische Zirkus stand. Heute umrahmen ihn Restaurants und Cafés, wo man bei leckeren Tapas und einem Gläschen Rotwein dem chaotischen Treiben gelassen zuschauen kann. Eine gute Stunde später ist auch Theklas Reliquiar da, dann steht der Mummenschanz vor seinem Aus. Symbolisch sterben die Teufel und verstummt das Böse. Wieder einmal hat die Heilige aller Angst und Schrecken ein Ende bereitet, die Dämonen in ihre Schranken verwiesen.

Schon einen Tag später aber sind sie wieder an Deck. Zur Apotheose des Festes, die am Abend des 24. September ihren Höhepunkt erreicht, wenn Hunderte von Dämonen mit ihren Bestien aus ganz Katalonien durch die Stadt spuken. Erwartet werden sie von vielen Hundert Jugendlichen, die sich einen Spaß daraus machen, zwischen den feuerspeienden Ungeheuern und funkenschlagenden Teufeln herumzuhüpfen. Für den Akt archaischer Ausgelassenheit gelten übrigens eigene Sicherheitsregeln. So sind funkenfeste Kopfbedeckungen ebenso Pflicht wie festes Schuhwerk, das Glut und Asche standhält.

Kostümierte Trommler treiben die feiertrunkene Schar noch einmal durch die Stadt. Nicht die Kathedrale ist jetzt Zentrum des Festes, sondern die Rambla Nova, die breite Allee vom Busbahnhof zum Mittelmeer. Wieder explodieren Tausende von Feuerwerkskörpern und es zischt und krach im Minutentakt, der Schein bengalischer Fackeln erhellt monströse Ungeheuer. Viele aber haben jetzt dafür kein Auge mehr, sie tanzen lieber ihre Sardanas, katalanische Reigen, bei denen jeder mitmachen kann. In der Franco-Diktatur waren sie Zeichen des Widerstandswillens und zeitweise gar verboten. Jetzt aber ist das alles vergessen und es zählt nur der Augenblick...

Text und Fotos: Günter Schenk

Infos: Die Feiern zu Ehren der heiligen Thekla ("Fiestas de Santa Tecla") finden Mitte September statt. Eigentlicher Festtag mit großer Prozession ist der 23. September. Aber auch am Tag davor und danach gibt es zahlreiche Veranstaltungen und Programme. Für die Anreise empfiehlt sich der benachbarte Flughafen Reus, der von Chartergesellschaften angeflogen wird. Infos im Internet gibt es unter www.spain.info.de.