Altöttinger Liebfrauenbote

Weltmissionssonntag: In Pakistan leben Millionen Menschen wie Sklaven – besonders die Frauen werden unterdrückt

1.000 Steine täglich

Mit ihren riesigen Feldern und den rußig schwarzen Schornsteinen sind sie schon von weitem unverkennbar: Pakistans Ziegeleien. Kaum wegzudenken aus dem Land, in dem nahezu alles mit Ziegeln gebaut wird. Doch der Produktionszweig basiert auf einem menschenverachtenden System. Gefangen in einer Schuldknechtschaft sind die Arbeiter den Ziegeleibesitzern über Generationen hinweg verpflichtet.

Seit ihrem sechsten Lebensjahr formt Nazia tagaus tagein für einen Hungerlohn Lehmziegel um Lehmziegel.
Seit ihrem sechsten Lebensjahr formt Nazia tagaus tagein für einen Hungerlohn Lehmziegel um Lehmziegel.

"Warum arbeitest Du hier?"

"Ich muss die Schulden meines Schwiegervaters abarbeiten."

"Welche Schulden?"

"Die er auf sich genommen hat, als er sein Haus reparieren musste."

"Und wo ist dein Schwiegervater?"

"Er ist schon lange tot."

Während Nazia Allah Raka erzählt, formt sie in Sekundenschnelle feuchten Lehm zu einem Klumpen, klopft ihn in eine rechteckige Form und stürzt die geformte Masse neben die anderen Lehmziegel, die in langen Reihen in der Sonne trocknen. Seit sechs Uhr morgens kniet die 20-Jährige auf dem sandigen Boden der Ziegelei, circa eine Autostunde von der Millionenstadt Lahore entfernt, und formt Ziegel. Gleich ist es 14 Uhr und so heiß, dass die Arbeit unerträglich wird.

Als Nazia Allah Raka vor fünf Jahren verheiratet wurde, wusste sie nicht, wie sich ihr Leben verändern würde. 80.000 Rupien, rund 600 Euro, hat sich ihr Schwiegervater bei dem Ziegeleibesitzer einst geliehen, bei dem Nazia und ihr Mann nun Tag ein, Tag aus Ziegel formen – solange bis die Schulden getilgt sind. Wie lange wird das dauern? "Ein Leben lang und viele weitere", sagt Nazia.

"Die Schulden zurückzuzahlen ist für diese armen Leute unmöglich", sagt die pakistanische Frauenrechtlerin Sabina Rifat. "Die Menschen, die hier arbeiten, haben nichts. Sie leihen sich Geld für Reparaturen, Arztbesuche oder wenn Hochzeiten und Beerdigungen anstehen. Oft ist schon ein zweiter oder dritter Kredit nötig, bevor der erste überhaupt zurückgezahlt werden konnte."

Nach 1.000 geformten Ziegeln gibt es Lohn. 450 Rupien. Gut drei Euro. Dabei spielt keine Rolle, wie viele Hände die 1.000 Ziegel ge­formt haben, der Lohn bleibt der gleiche. Damit es schneller geht nimmt Nazia manchmal ihre dreijährige Tochter mit. Sie kann zwar noch keine Ziegel formen, aber sie kann helfen, den sandigen Boden mit Wasser zu einer brauchbaren Masse zu verkneten. Gemeinsam mit ihrem Mann schaffen sie so manchmal bis zu 2.000 Stück an einem Tag.

Ab und zu behält der Besitzer der Ziegelei einen kleinen Teil des Lohnes als Rückzahlung ein. Eine Methode mit System, sagt Sabina Rifat. Es mache vielleicht den Anschein, als ob die Arbeiter ihre Schulden nach und nach verringern, aber das Gegenteil sei der Fall. Gerade mal 100 Rupien werden hin und wieder vom Lohn abgezogen, viel zu wenig, um den Schuldenberg jemals abbauen zu können – vor allem wenn weitere Kredite mit horrenden Zinsen vergeben werden.

Moderne Form der Sklaverei

Der Qualm aus den Brennöfen macht die Arbeiter krank.
Der Qualm aus den Brennöfen macht die Arbeiter krank.

Die Männer, Frauen und Kinder, die auf den Ziegeleien arbeiten, sind gefangen in einer Schuldknechtschaft, die sich von Generation zu Generation vererbt. Es gehe den Kreditgebern nicht darum, ihr Geld zurückzubekommen, sondern darum, sich billige Arbeitskräfte zu halten, sagt Sabina Rifat. "Was wir hier sehen, ist die moderne Form der Sklaverei." So kann ein Ziegeleibesitzer, hat er zum Beispiel zu wenig Arbeiter, einem anderen einfach welche abkaufen indem er die jeweiligen Schuldscheine einlöst.

Dazu kommen die harten Arbeitsbedingungen. Im Sommer wird es bis zu 52 Grad heiß, im Winter liegen die Temperaturen beim Gefrierpunkt. Nur wenn es regnet, fällt die Arbeit aus, weil die Ziegel dann nicht in ihrer Form bleiben würden. Fast alle klagen über Rückenschmerzen. Viele haben Hepatitis C, weil sie das Wasser aus dem verschmutzten Brunnen trinken. Und dann sind da noch der feine Sand und der kaum auszuhaltende beißende Rauch von den Brennöfen, die Stück für Stück die Lunge zerstören. "Wer als Kind anfängt hier zu arbeiten, wird meistens nicht älter als 30", sagt Sabina Rifat.

Nazia Allah Ditta Masin, war sechs Jahre alt, als sie zum ersten Mal ihre Hände in den feuchten Sand steckte, um daraus Ziegelmasse zu kneten. Wer das Zuhause von Nazias Familie besucht, braucht nicht lange, um zu sehen, was es bedeutet, arm zu sein. Ein übelriechendes, von Mücken übersätes Rinnsal bahnt sich vor der Holztür, die zum Hof der Familie führt, seinen Weg. Zwei kleine Zimmer, ein paar Betten, eine Kochstelle, viel mehr gibt es nicht. Der Platz reicht für die vierzehnköpfige Familie kaum aus. Ein paar schlafen unter freiem Himmel. Alle arbeiten in der Ziegelei.

Auf dem Weg zur Arbeit schaut Nazia manchmal anderen Kindern auf ihrem Schulweg hinterher. Ihre Schwester Ruth hat sie ein paar Mal dabei beo-bachtet, die Sehnsucht in ihren Augen gesehen und mit der kleinen Schwester mitgefühlt. 150.000 Rupien stehen auf dem Schuldschein der Familie, rund 1.100 Euro. Keiner rechnet damit, die Summe je zurückzahlen zu können.

Trotzdem ist Nazia ein lebensfroher Mensch. Sie träumt davon, irgendwann in einem großen Haus zu wohnen. Und sie liebt die seltenen Tage, an denen es Zuhause nach getaner Arbeit Reis mit duftendem Curry gibt. Und auch als Nazia schon eine junge Frau ist, fiebert sie jedem Weihnachtsfest entgegen wie ein kleines Kind. Manchmal, wenn die Eltern es geschafft haben, ein bisschen Geld zur Seite zu legen, gibt es sogar ein neues Kleid für sie.

Hilfe läuft oft ins Leere

Kinder von Ziegeleiarbeiterinnen auf einem Feld der Patoki Brick Kiln bei Lahore.
Kinder von Ziegeleiarbeiterinnen auf einem Feld der Patoki Brick Kiln bei Lahore.

Irgendwann fällt Nazia die Arbeit immer schwerer. Sie ist oft müde und hat ständig Bauchschmerzen. Im April dieses Jahres ist Nazia zwanzig Jahre alt. Sie sitzt auf einem Bett in ihrem Hof. Ihre Arme und Beine sind mager, ihr Bauch aufgebläht. Seit vier Tagen hat sie solche Schmerzen, dass sie nicht mehr liegen kann. Einmal haben die Eltern sie zum Arzt gebracht. Das war vor etwa einem Jahr, als die Schmerzen immer schlimmer wurden. Die Diagnose: Leberkrebs. Für eine Behandlung reichte das Geld nicht aus. Aus Verzweiflung kaufte die Mutter Medizin von irgendeinem Fremden. Sie zeigt eine durchsichtige Dose ohne Etikett. Kleine weiße Tabletten sind darin. Sie wisse nicht, ob sie helfen, aber es sei das einzige was sie habe. In diesen Tagen geht Nazias Mutter nicht mit zur Ziegelei, sie bleibt bei ihrer kranken Tochter, fächert ihr die Fliegen vom Gesicht und betet für sie. Ihre restlichen Kinder gehen nun alleine zur Arbeit. Auch der Vater ist schwer krank, auch er hat Krebs. Den Arbeitgeber kümmert das alles nicht.

Pakistans Regierung hat eine Beschwerdehotline für die Ziegeleiarbeiter eingerichtet. Beratung rund um Arbeitsrechte und Mindestlohn soll man hier bekommen. Doch die meisten Betroffenen haben nicht einmal ein Telefon. Es gibt Organisationen und eine Ziegelbrennergewerkschaft, die für bessere Bedingungen kämpfen. Doch die Realität zeigt noch immer ein anderes Bild. Im ganzen Land sieht man am Straßenrand die rußig schwarzen Schornsteine der großen Brennereien in den Himmel ragen. Schätzungen zufolge gibt es rund 16.000 Ziegeleien in Pakistan, in denen etwa vier Millionen Menschen in Schuldknechtschaft arbeiten. Darunter etwa eine Million, die schon als Kinder mit anpacken.

Nazias Zustand wird von Tag zu Tag schlechter. Sabina Rifat versucht zu helfen. Sie besucht die Familie nun oft, gibt der Mutter Geld, damit sie echte Schmerztabletten kaufen kann. Die Mutter aber bringt Nazia damit zum Arzt. Eine Entscheidung, die Hoffnung macht. Der Arzt macht etliche Tests. Sie müsse zur Behandlung dringend ins Krebskrankenhaus nach Lahore, dann aber schließe er eine Genesung nicht aus. Nun schöpft auch Sabina Rifat neue Hoffnung und fängt an Geld für Nazias Krankenhausaufenthalt zu sammeln. Die E-Mail, in der Sabina Rifat verschiedene Stellen um Hilfe bittet, geht am 18. April raus. Zwei Tage später ist Ostern. Für die wenigen Christen in Pakistan ein riesiges Fest. Für Nazia ist es der letzte Tag. Sie stirbt am Ostermorgen.

Text: Steffi Seyferth (missio), Fotos:  Fritz Stark (missio)

Sonntag der Weltmission

Am 26. Oktober feiert missio unter dem Leitwort "Euer Kummer wird sich in Freude verwandeln" (Joh 16,20) den Sonntag der Weltmission, die größte Solidaritätsaktion der Katholischen Kirche mit einer Kollekte in allen Diözesen der Welt. In diesem Jahr steht Pakistan als Beispielland im Mittelpunkt. Missio wird dabei insbesondere die Situation der Christen in den Blick nehmen, die als Minderheit in dem islamischen Land in vieler Hinsicht einen schweren Stand haben. Weit verbreitete Armut, Mangel an öffentlicher Sicherheit und eine hohe Analphabetenrate kennzeichnen das Land. Viele Menschen haben keinerlei Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen. Besonders Frauen und Mädchen sind wirtschaftlich, sozial und politisch stark benachteiligt.

Näheres unter www.weltmissionssonntag.de.

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Ziegeleiarbeiterinnen formen Lehmziegel auf einem Feld der Patoki Brick Kiln bei Lahore.
Ziegeleiarbeiterinnen formen Lehmziegel auf einem Feld der Patoki Brick Kiln bei Lahore.
Ziegeleiarbeiterinnen auf einem Feld der Patoki Brick Kiln.
Ziegeleiarbeiterinnen auf einem Feld der Patoki Brick Kiln.
Ziegelbrennen in der Patoki Brick Kiln.
Ziegelbrennen in der Patoki Brick Kiln.
Millionen Menschen in Pakistan leben wie Leibeigene in ärmlichsten Verhältnissen ohne jede Perspektive: Haus der Ziegeleiarbeiterinnen in Shekhem Patoki Village bei Lahore.
Millionen Menschen in Pakistan leben wie Leibeigene in ärmlichsten Verhältnissen ohne jede Perspektive: Haus der Ziegeleiarbeiterinnen in Shekhem Patoki Village bei Lahore.
Messe in der Kathedrale Cathedral of the Sacred Heart of Jesus in Lahore.
Messe in der Kathedrale Cathedral of the Sacred Heart of Jesus in Lahore.
Sicherheitsvorkehrungen am Eingang zur katholischen Schule Sacred Heart Convent Highshool in Faisalabad. Die Schule ist ein Soft Target der Terroristen.
Sicherheitsvorkehrungen am Eingang zur katholischen Schule Sacred Heart Convent Highshool in Faisalabad. Die Schule ist ein Soft Target der Terroristen.