Altöttinger Liebfrauenbote

Kirchweihfest: Predigt von Kapuzinerpater Norbert Schlenker am 11. Oktober

Die Kirche als Baustelle

Blick auf die Basilika.
Blick auf die Basilika.

"Wir feiern heute das Kirchweihfest unserer Basilika St. Anna, am kommenden Montag (13. Oktober) sind es 102 Jahre, dass diese Kirche, der größte Kirchenbau des 20. Jahrhunderts, geweiht wurde. Wir feiern das Kirchweihfest in diesem Jahre unter einem besonderen Vorzeichen: Es ist der letzte Gottesdienst hier an diesem provisorischem Altar, der nach der Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils hier aufgestellt wurde und lange Jahre seinen Dienst tat. Morgen früh (12. Oktober) wird unser Diözesanbischof Stefan Oster den neuen Ambo segnen und den neuen Altar weihen. Beide sind jetzt noch verhüllt. Und wir feiern damit den vorläufigen Abschluss der zweijährigen Generalsanierung unserer Basilika. Einiges wird noch folgen: im November werden neue Windfänge eingebaut und zwischen Dreikönig und der Fastenzeit wird unsere Basilika nochmals einige Wochen geschlossen sein für die Reinigung und Neuintonierung der großen Marienorgel und für die Generalreinigung nach der zweijährigen Bauzeit. Unsere Kirche ist noch ein Stück Baustelle. Aber auch auf einer Baustelle kann man Eucharistie feiern.

Die sonntägliche Eucharistiefeier ist Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens – so hat es das II. Vatikanische Konzil formuliert und dass Christen sich am ersten Tag der Woche, am Herrentag, zur Eucharistie versammeln, das ist urchristliche Tradition.

Die ursprüngliche christliche Tradition neu entdecken

Lichterprozession am Vorabend der Altarweihe.
Lichterprozession am Vorabend der Altarweihe.

Wenn wir das Wort 'Tradition' in den Mund nehmen, dann müssen wir immer genau darauf achten, was wir damit meinen. Es gibt viele Traditionen, die nach und nach entstanden sind – und diese sind nicht immer Fort- und Weiterentwicklung der ursprünglichen Tradition, sie sind oft auch Fehlentwicklungen, die eher vom Evangelium und vom christlichen Glauben ablenken.

Die ursprüngliche christliche Tradition neu zu entdecken wird Aufgabe der Christen in heutiger Zeit sein und das kann auch heißen, von manchem, was das Urchristliche verdeckt, Abschied zu nehmen, auch wenn es uns noch so lieb und manchmal auch sehr bequem ist.

Ein Theologe unserer Tage hat es einmal so gesagt: Tradition heißt nicht, Asche zu behüten, sondern das Feuer am Brennen zu halten. Ja, das Feuer des Glaubens brennt auch heute noch. Jesus selbst hat gesagt: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu bringen und wie sehr wünschte ich, dass es brenne.

Gelebtes Christsein ist so immer in Bewegung und Gottes Heiliger Geist, der uns immer wieder an all das erinnert, was Jesus gesagt und getan hat, ist der Garant für diese Bewegung – ist er doch an Pfingsten, am Geburtstag der Kirche, im Zeichen des Feuers auf die Jünger und die betende Gemeinde herab gekommen.

Versammlung der Gerufenen

Reliquienprozession.
Reliquienprozession.

Wenn wir heute Kirchweihe feiern, dann geht es nicht nur und vor allem nicht in erster Linie um die Kirche als Bauwerk, es geht vor allem um uns. Wenn wir von der Kirche sprechen, dann ist es wie beim Teekesselspiel: mit dem gleichen Wort meinen wir mehreres.

Wahrscheinlich fällt vielen, wenn sie 'Kirche' hören, die Kirche als Bauwerk ein, das Gotteshaus. Andere denken an Papst und Bischöfe und an die, die in der Kirche ein Amt haben. Und leider habe ich den Verdacht, dass den wenigsten das einfällt, was Kirche ursprünglich bezeichnet hat: Kirche, ecclesia, ist Selbstbezeichnung der Christen und zwar der Christen insgesamt – und wenn wir ecclesia ganz wörtlich übersetzen, dann heißt das: die Versammlung der Gerufenen, die Gemeinschaft derer, die sich von Gott gerufen wissen.

Das II. Vatikanische Konzil bezeichnet Kirche als 'Volk Gottes auf dem Weg' und ein weiteres Bild, das vielleicht eher noch den Älteren unter uns vertraut ist: Kirche als 'mystischer Leib Christi'. Das verweist darauf, wie sehr dieses Volk Gottes mit dem Herrn verbunden ist, mit Christus, der durch seinen Tod und seine Auferstehung und die Sendung des Geistes das neue Gottesvolk erschaffen hat, das mit ihm in innigster Weise verbunden ist, wie die vielen Glieder des Leibes miteinander verbunden sind und er, Christus, dabei das Haupt ist.

Nicht Starrheit und Festgefahrenheit, sondern Bewegung

Kapuziner vor der Basilika.
Kapuziner vor der Basilika.

Ein weiteres Bild von Kirche hat Petrus gezeichnet in dem Text, den wir in der Lesung gehört haben "Jesus Christus, der lebendige Stein"). Petrus hat da formuliert: Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. – Ein großes Wort an uns schwache Menschen gesprochen!

Und wo Menschen sind, da ist immer Bewegung. Das ist im Volk Gottes nicht anders und so gibt es durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte hindurch den Begriff der 'ecclesia semper reformanda' , d.h., es war den Christen von Anfang an bewusst, dass Kirche sich immer verändern und erneuern muss, um ihrem Anspruch gerecht zu bleiben, oder anders gesagt: Kirche ist immer Baustelle. Deshalb hat sich in der Kirche, im Volk Gottes immer wieder manches verändert – und das ist gut so. Nicht Starrheit und Festgefahrenheit darf die Kirche bestimmen, sondern immer das Leben und Leben heißt Bewegung.

Dafür steht die befreiende Botschaft des Evangeliums, das auch in heutiger Zeit immer wieder neu Impulse in die Kirche als Ganze und in die einzelnen Kirchengemeinden geben will. Die Betonung der Wichtigkeit des Evangeliums, des Wortes Gottes, ist ebenfalls ein Vermächtnis des II. Vatikanischen Konzils. Während durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch an erster Stelle Moral gepredigt und ein Kirchenbild vermittelt wurde, das sehr stark von Struktur und Recht geprägt war, jetzt ist wieder neu der Sinn entstanden für die befreiende Kraft des Evangeliums, die einer scheinbar toten und winterlichen Kirche wieder neues Leben und Wachstum bringt. "Evangelii Gaudium", die Freude des Evangeliums, hat unser Papst Franziskus sein letztes Lehrschreiben überschrieben, das in vielen Aussagen überrascht und ganz wertvolle Impulse aus der Botschaft des Evangeliums uns präsentiert.

Gottes Dienst an uns

Gottesdienst zur Altarweihe der Basilika.
Gottesdienst zur Altarweihe der Basilika.

Und interessanterweise kommt diese Bewegung und Entwicklung, die das Evangelium vor Moral und Recht betont, aus dem Volk, von der Basis her. Wenn etwa in den jungen Kirchen der so genannten Entwicklungsländer Menschen neue Zugangswege zum Evangelium entdecken und das Auswirkung zeigt auf das tägliche Leben im Miteinander und Füreinander. Ich denke hier z.B. an das 'Bibel teilen', das inzwischen auch in vielen Gemeinden und Gruppen unserer deutschen Kirche einen festen Platz hat.

Gottes Geist wirkt überall – und da geht es nicht um Neues um des Neuen willen, sondern um die Rückkehr zu den eigentlichen Quellen. Ecclesia semper reformanda: Kirche ist in Bewegung, Kirche ist wie eine Baustelle.

Wenn wir auf die Quellen unseres Glauben schauen, darf ich noch etwas anmerken, was auch mit der Kirche zu tun hat: Unser Gottesdienst ist keine Kultfeier. Gottes-Dienst ist nicht in erster Linie unser Dienst vor Gott, es ist Gottes Dienst an uns! Er spricht uns an in seinem Wort, er lädt uns ein zu seinem Mahl – und wie oft meinen wir, es ist unsere Leistung, unser Verdienst, was da geschieht.

Weg des Evangeliums neu gehen

Gottesdienst zur Altarweihe in der Basilika.
Gottesdienst zur Altarweihe in der Basilika.

Am Jakobsbrunnen hat Jesus die samaritische Frau aufgeklärt – im Evangelium haben wir das gehört – nicht der Ort ist wichtig und auch nicht die Umstände, wo und wie Gott angebetet wird: das muss nicht der Berg sein, das muss auch nicht Jerusalem sein – im Geist und in der Wahrheit gilt es, zu Gott zu beten. Ein neueres Kirchenlied drückt es ähnlich aus, wenn es da heißt: er braucht kein Haus aus Steinen, kein Tempel schließt ihn ein, wenn wir einander lieben, dann werden wir Tempel sein!

Dass Gemeinde sich um den Herrn versammelt und um den Altar und miteinander in Beziehung steht, das steht Kirche nicht nur gut an, das ist unser Auftrag und unsere Verpflichtung!

Und noch ein letztes: dass Kirche wirklich in Bewegung bleibt, ist es immer auch notwendig, dass Gemeindemitglieder sich in die Kirche einbringen und mitwirken und mitgestalten. Das macht im letzten die Lebendigkeit einer Kirchengemeinde aus. Wir alle haben kraft Taufe und Firmung den Auftrag, die Gemeinde des Herrn aufzubauen und lebendig zu gestalten. Lassen wir uns daher heute am Kirchweihfest unserer Basilika neu senden, als geschwisterliche Gemeinde den Weg des Evangeliums neu zu gehen!"

Fotos: Roswitha Dorfner