Altöttinger Liebfrauenbote

Ein außergewöhnliches Kleingartenprojekt ermöglicht die Inklusion Behinderter

Wenn Anderssein normal ist

Die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben (= Inklusion) steht in Deutschland spätestens seit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen 2009 ganz oben auf der politischen Agenda – und wird ebenso stark diskutiert. Wie Inklusion ohne großen Aufwand und ohne Berührungsängste gelingen kann zeigt ein Projekt des Kulturzentrums Neue Schmiede in Bielefeld.

Selbstverständliche Inklusion: Die Ehrenamtliche Gisela Schmalbeck und Martin Kuhlmann bekämpfen gemeinsam das Unkraut Giersch im Schrebergarten.
Selbstverständliche Inklusion: Die Ehrenamtliche Gisela Schmalbeck (r.) und Martin Kuhlmann (l.) bekämpfen gemeinsam das Unkraut Giersch im Schrebergarten.

Das Unkraut muss weg. Neun junge und ältere Menschen ziehen Wurzeln aus der Erde. Als nächstes werden sie ein paar Kartoffeln eingraben. "Das ist ein alter Gärtnertrick", erklärt Martin Kuhlmann. "Wenn man Kartoffeln pflanzt, stirbt die Giersch ab." Der 26-jährige Martin wurde mit dem Haberlandsyndrom geboren, eine seltene Erkrankung, die bei ihm auch epileptische Anfälle auslöst. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Hier fühl' ich mich wohl. Wir arbeiten zusammen, egal ob einer eine Behinderung hat oder nicht."

Die Gärtner hören auf den Rat von Gisela Schmalbeck. Die Rentnerin mit vierzig Jahren Kleingartenerfahrung schreckt auch vor großen Aufgaben nicht zurück: "Die Beete waren in einem desolaten Zustand. Aber hier sind tüchtige Leute wie Martin am Werk, die schaffen das."
Bevor das Graben losging haben sich alle Beteiligten auf Schilder geeinigt, deren Bedeutung jeder verstehen kann. Ein grünes Schild für: Rausreißen! Rotes Schild: Stehen lassen! Und gelbes Schild: Fragen!

Gisela Schmalbeck hatte während ihres Berufslebens nie Kontakt zu Menschen mit Einschränkungen. "Anfangs habe ich gedacht: 'Kannst Du das überhaupt?' Aber man muss das einfach mal ausprobieren. Jetzt macht es mir großen Spaß."

Das Unkraut landet auf einer Schubkarre. Ab und zu setzt Martin sich drauf und macht den Haufen platt. "Der packt richtig mit an", freut sich Gisela Schmalbeck. "Er merkt, dass er genauso gut arbeiten kann wie ich. So verliert er ein Stück weit die Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die außerhalb seiner Wohnumgebung leben."

Martin schiebt die Schubkarre zum Komposthaufen. "Das macht mir großen Spaß", sagt er. "Vor allem, weil wir hier alle zusammen für Menschen arbeiten, die im Rollstuhl sitzen. Wir werden Wege anlegen und Hochbeete bauen."

Die Initiatorin des Projekts, Birgit Wolf vom Kulturzentrum Neue Schmiede in Bielefeld, Bethel, erläutert das Ziel: Ein barrierefreier Schrebergarten, der von Menschen mit und ohne Einschränkung gemeinschaftlich bewirtschaftet wird. "Das Interesse, draußen in der Natur zu sein, soll Menschen zusammenführen. Oft leben Personen mit Beeinträchtigungen jahrzehntelang in stationären Einrichtungen und verlieren dort den Bezug zur Natur. Kleingärtenanlagen eröffnen interessante Möglichkeiten, dem entgegen zu wirken. Aber die allermeisten Vereine bieten keinen Platz für Menschen im Rollstuhl. Spätestens bei den Sanitäranlagen scheitern sie. Deswegen werden wir auf diesem Grundstück auch barrierefreie Toiletten einrichten."

Es geht um Inklusion. Nicht die Menschen mit Einschränkungen sollen sich in die Gesellschaft integrieren, sondern die Gesellschaft soll sich an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anpassen. Martin glaubt, dass dieser Schrebergarten ein Ort sein kann, an dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen. "Hier kann man an der frischen Luft sein, sich bewegen und mit vielen Leuten zusammenarbeiten. Es ist einfach schön, bei Regen oder Sonne was Gutes zu tun."
"Da ist nichts Gezwungenes"

Nach einigen Wochen ist die gröbste Unordnung auf dem verwilderten Grundstück beseitigt, dass Häuschen repariert und der Rasen gemäht. Zeit für ein Eröffnungsfest! Eine der ersten Gäste ist Karin Kuhlmann, Martins Mutter. "Ich möchte mir ein Bild davon machen, was hier entsteht und wie mein Sohn von den Menschen aufgenommen wird."

Martin begrüßt seine Mutter nur kurz. Er muss noch schnell ein paar Luftballons aufhängen. Karin Kuhlmann ist beeindruckt: "Man merkt sofort, dass er sich wohl fühlt. Hier sind Menschen mit und ohne Behinderungen, haben Spaß, sind geschäftig. Da ist nichts Gezwungenes. Niemand sagt: 'Du musst jetzt als behinderter Mensch in eine Gruppe gehen, weil wir möchten, dass es Inklusion gibt.' Hier kommen die Menschen einfach rein, setzen sich und reden miteinander."

Gemeinsam in der Natur

Martin Kuhlmann mit seinen Eltern beim Eröffnungsfest des Schrebergartens.
Martin Kuhlmann mit seinen Eltern beim Eröffnungsfest des Schrebergartens.

Auch Nachbarn aus der Kleingartenanlage am Steinbrink kommen dazu. "Ich habe das Willkommen-Schild gesehen. Da dachte ich mir, wir schauen mal rein," sagt Anja Kleinwinkel, eine junge Mutter von zwei Kindern. "Für uns ist das eine tolle Bereicherung. Man trifft sich und kommt ins Gespräch mit Menschen, die man sonst wahrscheinlich nicht kennenlernen würde. Den Kai zum Beispiel hätte ich ja sonst nie getroffen." Kai strahlt. Der junge Mann ist begeistert von dem Tag: "Ich freu' mich sehr, dass ich jetzt so freundliche Gartennachbarn habe. Das finde ich echt super, echt toll."

Kai setzt sich neben eine Frau und bittet um einen Kaugummi. Kurz zuvor hatte sie noch auf ihrem eigenen Rasen Sonnenblumen gepflanzt. "Für viele Leute sind Behinderte ja ein Tabu," sagt sie. "Die schauen dann weg und trauen sich nicht, mal einen Behinderten anzusprechen. Aber hier bei uns redet jeder mit jedem."

Zufrieden beobachtet Martins Mutter, wie sich die Holzbänke füllen. Auch einige Jugendliche und Kinder sind gekommen. "Ich denke, für viele junge Leute ist es etwas Neues, mit behinderten Menschen ins Gespräch zu kommen", meint Karin Kuhlmann. "Gerade Jungs sitzen ja häufig vor ihrem Computer. Da haben sie gar keine Lust, sich mit solchen Menschen zu beschäftigen. Deshalb ist es schön, dass sie hier eine solche Erfahrung machen können."

Die Sozialpädagogin Birgit Wolf stellt sich unter den Apfelbaum in der Mitte des Geländes und bittet um Aufmerksamkeit: "Schon seit Jahren versuchen wir, naturnahe Möglichkeiten des Zusammenlebens zu schaffen. Ich glaube, hier haben wir einen großen Schritt gemacht. Vor allem freue ich mich, dass so viele Nachbarn gekommen sind. Viele haben Geschenke mitgebracht, sogar eine Heckenschere. Das zeigt mir: Wir sind wirklich willkommen."

Auch Brigit Wolfs Vorgesetzte ist gekommen. Susanne Stelbrink ist die stellvertretende Leiterin der Neuen Schmiede in Bethel. "Ich finde es toll, dass sich diese Gruppe von Ehrenamtlichen und Menschen mit Beeinträchtigungen in einer normalen Kleingartenanlage einnisten kann. Das ist schon was Besonderes."

Susanne Stelbrink kümmert sich um die Freizeitgestaltung von Menschen mit Einschränkungen. "Die Aktivitäten sollten möglichst häufig so gestaltet sein, dass sich Menschen begegnen. Deshalb gefällt mir dieser Kleingarten so gut. Die Gartenfreunde hier wenden sich nicht ab. Sie wenden sich uns zu. Das find' ich grandios."

Diese Hoffnung hat auch Christoph Kuhlmann, Martins Vater. Er freut sich, dass sein Sohn jetzt Schrebergärtner ist. "So stelle ich mir Inklusion vor, ein ungezwungenes Miteinander. Vielleicht sehen gleich noch ein paar mehr Kleingärtner, dass es hier Kaffee und Kuchen gibt. Dann kommen die auch noch rein. So machen sie Erfahrungen im Umgang mit behinderten Menschen. Besser geht's doch gar nicht."

Während seine Eltern Kaffee trinken, ist Martin noch immer beschäftigt. Er räumt Geschirr ab, erklärt interessierten Gästen die Pläne für die Gartenanlage und schneidet Kuchenstücke. "Hier fühl' ich mich in meinem Element," sagt er und lacht. "Man hört ja immer, Kleingärtner seien spießig. Aber jetzt weiß ich: Das stimmt gar nicht!"

Text und Fotos: Andreas Boueke

"Wir müssen uns darauf einlassen" – Pastor Bernward Wolf über Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion

Pastor Bernward Wolf.
Pastor Bernward Wolf.

Pastor Bernward Wolf ist Sozialpädagoge und Seelsorger. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel setzt er sich dafür ein, dass Kranke und Gesunde, behindert oder nicht, zusammen leben, lernen und arbeiten können. Im Interview spricht er über die Ansprüche an die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und die Hürden in der Realität.

Vor acht Jahren haben die Vereinten Nationen die Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Wieso wird in Deutschland noch immer so kontrovers über den Begriff Inklusion debattiert?
Pastor Bernward Wolf: Der Begriff benennt ein politisches Programm. Alle Menschen sollen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten am Leben der Gesellschaft beteiligen können. In Deutschland haben wir da noch einiges an Entwicklungsbedarf, in den Köpfen und Herzen der Menschen, in den Rahmenbedingungen und was die Finanzen angeht. Die Ansprüche sind hoch, aber die Umsetzung im Alltag ist häufig sehr mühsam.

Weshalb war es so lange üblich, dass Menschen aus der Gesellschaft herausgeholt und in großen Einrichtungen betreut oder verwahrt wurden?
Früher haben viele Menschen in Heimen gelebt, die das eigentlich gar nicht brauchten. Mit zwei oder drei Wochenstunden ambulanter Betreuung können viele ihr Leben gut selbständig gestalten. Aber diese Erfahrung haben wir erst in den letzten zwanzig Jahren gemacht. Vorher war das Heim der einzige Ort. Inzwischen erleben viele Menschen das Wohnen mit ambulanter Hilfe als Gewinn.

Sind mögliche Einsparungen ein Grund dafür, dass Inklusion so populär geworden ist?
Natürlich gibt es den finanziellen Aspekt. Die Politiker müssen ja verantwortlich mit dem Geld umgehen, das sie über Steuern erheben. Aber wenn wir von unserem Selbstverständnis als Gesellschaft und insbesondere als Christen dem einzelnen Menschen die Möglichkeit geben wollen, sich zu entfalten, dann kann das Finanzargument nicht das entscheidende sein. Es geht um die Verantwortung der Gesellschaft. Im Moment wird die Inklusionsdebatte leider häufig mit dem Finanzargument verknüpft. Manche glauben tatsächlich, Inklusion sei billiger. Doch wenn Inklusion erreicht werden soll, dann ist das zumindest für eine lange Übergangszeit erheblich teurer. Neue Gebäude müssen gebaut, Lehrerinnen und Lehrer müssen ausgebildet, Arbeitsplätze müssen geschaffen, dezentrale Freizeitangebote müssen entwickelt und medizinische Versorgung muss sichergestellt werden.

Können wir uns das leisten?
Gerade in Deutschland haben wir auf Grund des Reichtums und der Entwicklung unserer Gesellschaft außerordentliche Möglichkeiten, von denen auch Menschen mit Einschränkungen profitieren sollten. Dafür gibt es bei uns andere Herausforderungen als in ärmeren Ländern. Wir leben in einer sehr leistungsorientierten, auf Funktionalität zugespitzten Gesellschaft. Da fällt es manchen schwer, den Beitrag eines Menschen mit Behinderung mit seinen Möglichkeiten, seinem Tempo ernst zu nehmen und wert zu schätzen. Wir wünschen uns alle sehr, dass es mehr inklusive Arbeitsplätze gibt, auch in normalen Wirtschaftsbetrieben.

Sind Menschen mit Einschränkungen ein Störfaktor?
Ein Problem unserer Gesellschaft ist der Umgang mit dem, was uns fremd ist. Behinderungen sind vielen Menschen fremd. Wenn jemand einen epileptischen Anfall bekommt, dann ist das erstmal fremd, löst auch Ängste aus. "Was mach' ich, wenn der umfällt?" Oder: "Wie gehe ich mit ihm um, wenn ich ihn nicht verstehe oder wenn er sich seltsam verhält?" Das sind Lernprozesse. Dafür müssen wir Zeit geben, aber wir müssen uns auch darauf einlassen.

Gibt es unter den Betroffenen nicht auch viele, die sich in eine neue Lebenssituation gedrängt fühlen, die ihnen Angst macht?
Zur Inklusion gehört es, die Wahlfreiheit des Einzelnen ernst zu nehmen. Es gibt Menschen, die ganz ausdrücklich sagen: "Ich möchte gern in einem geschützten Bereich leben. Da kann ich mich freier bewegen. Ich will nicht die Person sein, die an einem Ort, wo Behinderung völlig fremd ist, Türen aufstößt." Das muss respektiert werden. Doch manchmal werden politische Programme so massiv umgesetzt, dass sie einzelnen Personen nicht mehr gerecht werden. Es gibt aber auch viele positive Beispiele. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Menschen enorm an Lebensqualität gewinnen, wenn sie den Schritt wagen: raus aus einer Einrichtung, hinein in einen Stadtteil, in eine eigene Wohnung. Manche brauchen auch einen kleinen Schubs, also die Ermutigung und Unterstützung, etwas zu riskieren. Dann merken viele, dass sie ganz neue Fähigkeiten entwickeln. Aber wenn es nicht klappt, müssen sie zurück in die Einrichtung kommen können.

Eine Gruppe, der diese Veränderungen besondere Sorge bereiten, sind die Eltern.
Als Eltern oder als Geschwister – ich bin selber Bruder einer behinderten Frau – kennen wir die Grenzen. Uns ist deutlich, dass dieser Mensch nicht in dem Maße frei leben kann, wie ich das in meinem Leben realisieren kann. Die meisten können nicht irgendwann nach der Pubertät sagen: "So jetzt geht der auch seinen Weg." Den Angehörigen kann man nur wünschen, dass sie ein möglichst starkes Vertrauen aufbringen: Auch ihr Sohn, ihre Tochter wird mit ihrer Behinderung ihren eigenen Weg gehen. Man braucht nicht die Sorge zu haben, dass sie ins Bodenlose fallen. Dafür gibt es in unserem Land viel Unterstützung. Es geht um das Vertrauen, dass er oder sie den eigenen Weg finden wird, in der Nachbarschaft, in einer Wohngemeinschaft, vielleicht auch für sich alleine. Ich kenne viele Eltern, die sagen: "Ja, mein Sohn hat seinen Ort gefunden. Gut, dass wir das unterstützt haben."

Interview und Foto: Andreas Boueke