Altöttinger Liebfrauenbote

Eine besondere Wallfahrt nach Budslaw, das "weißrussische Tschenstochau"

120 Kilometer zu Fuß für die Taufe

"Ich bedanke mich, Gott, unser Herr, für diesen Morgen. Gib uns deinen Frieden für den heutigen Tag", so beendet die Weißrussin Olga Kusmerska (24 Jahre) ihr Gebet. Die junge Frau bekreuzigt sich und sieht frohen Mutes in die Ferne, wo aus dem Nebel langsam die Silhouette einer Kirche auftaucht – wirklich ein besonderer Tag ist gekommen: Heute wird ihr Sohn Henryk getauft! Doch hinter ihnen liegt bereits ein langer Pilgerweg.

"Papa" Bartek hält seinen Sohn Henryk im Arm, rechts daneben die Oma und Barteks Frau Olga, ganz links und ganz rechts Patin und Pate.
"Papa" Bartek hält seinen Sohn Henryk im Arm, rechts daneben die Oma und Barteks Frau Olga, ganz links und ganz rechts Patin und Pate.

Es ist tatsächlich sehr früh am Morgen. Olga steht im Hof einer privaten Pilgerherberge in Dolginowo, wo sie zusammen mit ihrem Mann und dem kleinen Henryk übernachtet hat. Die hellen Sonnenstrahlen lösen die Nebelschleier auf. Der Morgen ist still und noch taufeucht; es duftet nach frischgemähtem Gras.
Dolginowo, ein typisches weißrussisches Dorf im Minsker Gebiet, ist die letzte Station der Wallfahrt "Minsk-Budslaw". Olga pilgert zusammen mit ihrer Familie zu Fuß mit. Heute ist der letzte Tag des Weges: Bis zum nationalen Heiligtum Budslaw sind es noch 18 Kilometer.

Olgas Mann, Bartek Kusmerski (32), ist auch schon wach. Zusammen mit Olga bereitet er alles Nötige für die Taufe seines Erstgeborenen vor: Eine Kerze, ein Kreuzchen für den Täufling und ein weißes Taufkleid.

Bartek ist Pole und nach ihrer Hochzeit hat das Ehepaar in dem westlichen Nachbarland gewohnt. Olga sagt, sie hätten sich schon vor der Geburt ihres Sohnes entschieden, seine Taufe auf besondere Weise zu feiern und unvergesslich zu machen.

"Es hat uns nicht gefallen zu sehen, wie in Polen dieses Sakrament oft in einer halben Stunde in der Kirche erledigt wird. Danach gibt es dort häufig eine Feier mit teuren Geschenken und viel Alkohol. "Das ist kein schöner Rahmen für eine Taufe!", meint Olga. Um das zu vermeiden, hätten sie sich entschieden, ihren Sohn auf der Wallfahrt nach Budslaw taufen zu lassen. "Diese Wallfahrt ist übrigens schon die zweite für unseren Sohn. Die erste hat er in meinem Bauch miterlebt", lacht Olga.

Die ersten Wallfahrten ins weißrussische Budslaw sind seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Zur Ikone der Mutter Maria in Budslaw, die wegen ihrer wundertätigen Wirkung bekannt wurde, pilgerten Tausende aus dem ganzen damaligen Großfürstentum Litauen, zu dem dieser Wallfahrtsort damals gehörte.

Das erste urkundlich belegte Zeugnis stammt aus dem Jahr 1617, als der von Geburt an blinde fünfjährige Joseph Tishkewicz – später ein bekannter Karmeliter-Mönch – auf die Fürsprache Marias die Sehkraft geschenkt bekam. Allmählich hat sich der Ruf der heilbringenden Ikone verbreitet.

Wiedergeburt der Kirche begann Anfang der 90er-Jahre

Henryk auf Wallfahrt: gut beschirmt von seiner Mutter und getragen von seinem Vater.
Henryk auf Wallfahrt: gut beschirmt von seiner Mutter und getragen von seinem Vater.

In der Sowjetzeit dann waren Glaube und Kirche in Weißrussland verboten. Manche Christen trafen sich im Untergrund. Viele Priester wurden verfolgt. Für ihre Glaubenspraxis gingen diese Menschen große Risiken für Leib und Leben ein. Die Wiedergeburt der Kirche begann Anfang der 90er-Jahre. Viele Christen besannen sich auf den Schutz der Gottesmutter von Budslaw und ließen die Wallfahrtstradition und die Verehrung der Ikone wieder aufleben. Heute gilt die Maria von Budslaw als Beschützerin des ganzen Landes: Die Kirche in diesem Dorf wird als nationales Heiligtum anerkannt. Untersuchungen gemäß beträgt die Anzahl der Katholiken in Weißrussland etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung, was knapp einer Million Menschen entspricht.

Es ist acht Uhr. Die Kirche in Dolginowo ist voll mit Pilgern. Kniend oder sitzend sammeln sie sich und warten auf den Beginn des Gottesdienstes. Junge und alte Männer und Frauen – vielgesichtig ist die Schlange vor den Beichtstühlen: Hier entscheidet jeder für sich ob er bleibt: Einige wollen auf jeden Fall in Budslaw das Sakrament der Versöhnung empfangen; andere beichten vor dem Eintritt ins Heiligtum.

In der ersten Bank sitzen Olga und Bartek, der seinen sieben Monate alten Henryk auf dem Schoß hat. Sie sind aufgeregt: Klappt alles? Sie machen sich viele Gedanken um die Taufe. Auch Henryks Oma aus der weißrussischen Stadt Baranowitschi und seine Taufpaten sind extra zum Fest gekommen.

Jährlich kommen zum Fest der Mutter Maria bis zu zwölftausend Gäste und weitere rund dreitausend Fußpilger

Das Ziel der Pilger: die Basilika von Budslaw in Weißrussland.
Das Ziel der Pilger: die Basilika von Budslaw in Weißrussland.

Henryk lächelt breit: Gerade hat er aus der Hemdtasche seines Papas ein Stück trockenen Lebkuchen stibitzt. Mama Olga runzelt die Stirn. In seinem weißen Taufkleidchen sieht Henryk heute besonders feierlich aus. Dieses Hemd – mit den Applikationen der weißrussischen Volkstracht – hat ihm seine Taufpatin mit besonders viel Mühe genäht.

Der Gottesdienst fängt an. Die Gemeinde singt ein Lied aus Taizé, was für Olga und Bartek eine schöne Erinnerung ist: Im französischen Taizé beim internationalen Treffen der Jugend haben sie sich nämlich kennengelernt. Das war vor vier Jahren.

"Welchen Namen habt ihr für euren Sohn ausgewählt?", fragt der Priester. "Henryk-Franciszek", ist die Antwort. "Pa-pa", sagt kauend das Baby und verblüfft die erweiterte Taufgemeinde: Henryks Familie und die große Pilgerschar in der Wallfahrtskirche.

Das Dorf Budslaw ist heutzutage dank der jährlichen Wallfahrten in ganz Weißrussland bekannt. Während des Festes wird dieser Ort wegen der vielen Pilger auch "weißrussisches Tschenstochau" genannt. Jährlich kommen hier zum Fest der Mutter Maria bis zu zwölftausend Gäste und weitere rund dreitausend Fußpilger.

Die Wallfahrt aus Minsk nach Budslaw führt 120 Kilometer durch das Land. Damit diese Strecke zu Fuß gelingt, teilen die Pilger den Weg in fünf Tagesetappen. Die meisten Pilger kommen aus dem nördlichen Vitebsk – knapp 200 Kilometer in acht Tagen.

Mit dem Fahrrad ist die Strecke erheblich kürzer und leichter zu meistern. In den letzten Jahren haben diese Wallfahrten deswegen einen besonderen Boom erlebt. Daran hatte auch Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz Anteil, der auf seinem Drahtesel an bestimmten Start- und Zielstrecken teilnimmt.

Rucksack, Creme und Liederbuch

Pilger kurz vorm Ziel.
Pilger kurz vorm Ziel.

Einen Rucksack, darin Regenschirm, die Sonnencreme, ein Liederbuch und bequeme Schuhe: schon ist der Pilger fertig ausgerüstet und es kann losgehen. "Liebe Pilgerinnen und Pilger, die Sonne ist noch nicht zu ihrer vollen Kraft gekommen. Deswegen gehen wir die nächste Stunde ohne Pause," so die motivierende Stimme des Leiters der Wallfahrt, Pfarrer Antoni Klimantowicz, über das Megaphon.

Die Pilger haben gar nichts dagegen. Alle sind an diesen Morgen noch frisch und singen das nächste Lied aus dem Pilgerheft: "Mama-ma-ma, ma-mma Maria ma!", schallen die Vokale – frei nach der schwedischen Popgruppe "ABBA" – übers Feld. Die fröhliche Stimmung nimmt alle mit: Budslaw wird schon nachmittags erreicht! Die Pilger winken den Zaungästen und singen weiter.

Auch Olga, Bartek und Henryk-Franciszek sind da. Olga hat den Kinderwagen dabei – sie schiebt ihren kleinen Sohn das längste Stück des Pilgerwegs – wenn nicht Papa Bartek den Kleinen auf die Schulter nimmt. Die Familie hat viel dabei. Im Rucksack gibt es außer Schirm, Regenjacke und Proviant eine Menge Gläschen mit Säften und Obst für Henryk.

"Einige Leute entlang der Wallfahrtstrecke haben uns gefragt, wohin wir mit dem Baby unterwegs wären. Es sei doch noch so klein", erinnert sich Olga. "Wir sind aber nicht dieser Meinung: Wir gehen als Familie alle zusammen nach Budslaw. Wir wollen uns bei Maria für unser Baby bedanken und für unsere Familie beten", ergänzt Bartek. Mit seiner Frau versucht Bartek hauptsächlich Weißrussisch zu sprechen, denn dies ist das Land, in dem sie leben. Das ist bemerkenswert: Olga beherrscht seine Muttersprache Polnisch nämlich selber fließend, weil sie den slawischen Nachbarwortschatz in Kasachstan sogar schon in der Schule unterrichtet hat. Vielleicht ist es doch nicht so ungewöhnlich, sondern einfach Barteks Liebe für seinen weißrussischen Schatz.

Keine Hotels, aber ein großes Zeltlager für die Pilger

Einzug der Pilger.
Einzug der Pilger.

Allmählich beginnen die Wallfahrer mit der letzten Etappe. Unter freiem Himmel beten sie – wie an den letzten Tagen so oft – das Morgenlob und eine Litanei. Mit Gottes Segen geht es dem Heiligtum in Budslaw entgegen.

Ohne die jährliche Wallfahrt wäre das Dorf ein eher stiller Ort. Hier gibt es nämlich überhaupt keinen Tourismus und auch keine Hotels. Allein für die Wallfahrt im Juli muss deswegen ein großes Zeltlager aufgebaut werden. Dort schlafen die meisten der 3.000 Fußpilger. Die wollen versorgt sein: Dutzende Verkäufer mit Speisen und Getränken, Kleidung und vor allem mannigfaltigen Devotionalien, etwa Ikonen, Rosenkränzen, Kerzen, geistlichen Büchern, Kettenanhängern mit Marien- und Schutzengelmedaillons, nicht zu vergessen Heiliges Wasser an diversen Zapf- und Verkaufstellen, machen die Straßen auf geistliche Weise lebendig.

Grellbunte Luftballons und weißglitzernde Zuckerwatte-Bäusche beherrschen am Zielort der frommen Wallfahrt einen Großteil des Bildes im völlig überfüllten Dörfchen Budslaw. Während der feinherbe Duft von Honig aus dem Zelt einiger orthodoxer Festhändler die Sinne betört, vermögen herzhafte Wurstbrötchen, aber auch süße Bliny-Küchlein den ersten Pilgerhunger zu stillen. Dazu Kaffee, besonders der neuerdings von den Kapuzinern offerierte Cappuccino, belebt die Lebensgeister.

Für die Franziskanerbrüder, die sich natürlich über die Wallfahrtsinvasion zu Ehren der Gottesmutter freuen, bahnt sich im Juli der Ausnahmezustand an. In ihrer stillen Enklave flehen von einem auf den anderen Tag – eigentlich nur für wenige Stunden – Tausende um Schutz und Stärkung durch die Gottesmutter. Alle, die am Gnadenbild der Ikone Mariens, "Unserer Lieben Frau von Weißrussland", vorbei ziehen, sind nämlich, samt Segen, am Sonntag um kurz nach zwei Uhr nachmittags wieder gen Heimat verschwunden. Die etwa ein Dutzend Minoriten aber, sie bleiben und sie pflegen jeden Tag aufs Neue das Gebet und die Verehrung der Schutzfrau des ganzen Landes. Während sie das Heiligtum mit der Ikone ehrfurchtsvoll umsorgen, Kirche und Kloster in gutem Zustand erhalten, genießen sie ein ganzes Jahr lang die heilige Ruhe ihrer abgeschiedenen Einsiedelei – bis, "Halleluja", die Pilger wieder kommen.

"Berg der Versöhnung"

Stolz erleben Olga und Bartek die Taufe ihres Sohnes Henryk unterwegs in Dolginowo.
Stolz erleben Olga und Bartek die Taufe ihres Sohnes Henryk unterwegs in Dolginowo.

Dieser Tag der Pilger ist in Budslaw ein großes Ereignis. Ordensschwestern schmücken den Altar festlich. Die Pfarrangehörigen helfen auch mit. Der Kustos des Marienheiligtums empfängt die Wallfahrergruppen und besprengt sie mit Weihwasser. Wegen der vielen Menschen wird die nationale Wallfahrt von den kirchlichen und staatlichen Repräsentanten begleitet. Die weißrussischen Bischöfe, aber auch Mitglieder von Bischofskonferenzen aus Polen, Litauen und Russland – manchmal auch aus entfernteren Ländern – nehmen daran teil, ebenso Polizei, Ambulanz und Medienvertreter. Sie alle warten auf die Pilger.

Und wenn aus der Ferne die ersten Klänge der Wallfahrer zu hören sind, freuen sich die Menschen von Budslaw und richten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die bald Eintreffenden. Sie kommen immer näher – welche Gruppe führt die Wallfahrt in diesem Jahr an: die Minsker, die Christen aus Vilejka, die aus Narocz oder diejenigen aus Baranowitschi?

Gleich ist es zwei Uhr am Samstagnachmittag. Die Pilger haben den "Berg der Versöhnung" erreicht. Das ist ein letzter Halt vor dem Heiligtum, wo die Menschen einander um Verzeihung bitten. Dieser Brauch ist bei allen Sternwallfahrten bekannt, die nach Budslaw führen.

"Ich bitte dich um Verzeihung", so sprechen sich untereinander häufig gar nicht bekannte Pilger an. "Der Berg der Versöhnung" ist auch ein Ort, wo die Wallfahrer einen Stein mitnehmen. Der Stein ist das Symbol für eine Sünde. Mit diesen Steinen – mit ihrer Schuld – treffen die Pilger in Budslaw ein. Sie freuen sich. Sie lächeln und lachen, sie singen und tanzen sogar: Sie sind angekommen! Gott sei Dank – den beschwerlichen Weg von 120 Kilometern haben sie geschafft. Um ihre Demut zu bezeugen, knien die Pilger beim Eintritt in das Marienheiligtum nieder und legen sich dann mit dem Gesicht nach unten auf den Boden. Ein eindrucksvoller Moment.

"Wir sind hier und wir sind glücklich", erzählen Olga und Bartek, der Vater: "Für die Taufe bei dieser Wallfahrt haben wir ein Erinnerungsbuch vorbereitet, in das die Zeugen und Paten ihre Wünsche geschrieben haben: Wir hoffen, dass Henryk, wenn er es später liest, zu schätzen weiß, welches wichtige Ereignis seines Lebens am 5. Juli auf der Wallfahrt nach Budslaw sich im Dorf Dolginowo ereignet hat." "Und vielleicht, wird er sogar jedes Jahr mit den Pilgern nach Budslaw gehen und dabei den Tag seiner Taufe feiern", fügt Olga hinzu.

Text und Fotos: Illia Lapato (Renovabis)