Altöttinger Liebfrauenbote

Tag des Friedhofs auf dem Mainzer Hauptfriedhof

Eine Liebe erwacht

Der Tag des Friedhofs wird auf dem Mainzer Hauptfriedhof in besonderer Weise begangen: An Allerheiligen erzählen Mitglieder des Vereins "Geographie für Alle" Besuchern von der Entstehung der Ruhestätte. Schauspielschüler in historischen Kostümen tragen an den Gräbern die Lebensgeschichte der dort Bestatteten vor.

Oliver Wiedem am Grab des Apothkers Heinrich Gottlob Schlippe.
Oliver Wiedem am Grab des Apothkers Heinrich Gottlob Schlippe.

Fast reglos steht die Gestalt im langen Gehrock und einem weißen Schal um den Hals neben dem mächtigen Grabstein. In den verwitterten und vermoosten Granit ist der Name Heinrich Gottlob Schlippe eingemeißelt, ein bekannter Mainzer Apotheker aus dem 19. Jahrhundert. Oliver Wiedem, Absolvent der Mainzer Schauspielschule, schlüpft fast zweihundert Jahre nach dessen Tod in die Rolle Schlippes. Dreimal schon hat der 29-jährige auf dem Mainzer Hauptfriedhof illustre Persönlichkeiten verkörpert. In diesem Jahr hat er sich den Apotheker ausgesucht, "weil sein Leben eine so schöne Liebesgeschichte ist". Und die erzählt der junge Mann nun einer Gruppe von Zuhörern, die gespannt neben dem Grab stehen.

Davon unberührt pflegt am Nachbargrab eine ältere Frau die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen. Emsig hackt und harkt sie, ein neues Gesteck findet seinen Platz auf dem Grab, eine Kerze wird entzündet. Apotheker Schlippe alias Schauspieler Oliver Wiedem berichtet derweil stolz weiter aus seiner Lebens- und Liebesgeschichte. "Das Studium der Pharmazie an der Mainzer Universität hatte ich erfolgreich beendet und arbeitete als Geschäftsführer in der Mohrenapotheke."

Plötzlich sinkt die Gestalt des Schauspielers in sich zusammen

Besucher auf dem Mainzer Hauptfriedhof.
Besucher auf dem Mainzer Hauptfriedhof.

Sonnenlicht fällt durch das bunte Laub und lässt die Wege wie farbige Flickenteppiche aus Licht und Schatten erscheinen. An einem Grab betet in sich versunken ein älteres Ehepaar. Währenddessen lauscht die kleine Besuchergruppe gebannt, wie Oliver Wiedem die Lebensgeschichte des Apothekers Schlippe weiter spinnt. "In der Krämerzunft, der alle Apotheker angehörten, lernte ich die Witwe des Apothekers der Adlerapotheke Anna Elisabeth Barbara Thyri kennen und lieben. Wir wollten heiraten, aber dafür musste ich zuerst in die Bürgerschaft der Stadt Mainz aufgenommen werden und der Kurfürst die Hochzeit genehmigen. Die Prüfung der Vermögensverhältnisse und der Kompetenz stellte kein Problem dar."

Oliver Wiedem steht mit stolzgeschwellter Brust vor den Zuhörern. "Meine Qualifikation als Apotheker wurde nicht in Zweifel gezogen. Außerdem verfügte ich in dieser Zeit über 3.500 Gulden. Plötzlich sinkt die Gestalt des Schauspielers in sich zusammen. "Ein besonderes Problem aber war mein protestantischer Glaube. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es undenkbar, dass in Mainz ein Protestant in die Bürgerschaft aufgenommen würde." Die Zuhörer tuscheln und nicken verständnisvoll. Selbst die Dame am Nachbargrab lässt ihre Harke sinken, stellt den Korb mit Pflanzen ab und schaut hinüber zu dem scheinbar gebrochenen jungen Mann. Ein Moment herrscht betroffene Stille, und die Zeit scheint stehengeblieben.

Von weit her hallen der Gesang eines Chors aus dem alten Krematorium und die Stimme von Banar Fadil über das Gräberfeld. Für den  22-jährigen Iraker ist es der erste Auftritt überhaupt vor Publikum. Er steht vor dem Grabfeld 58 und mimt den Musikverleger Dr. Ludwig Strecker den Älteren. Auch Banar Fadil hat sich seine Rolle aus persönlicher Verbundenheit ausgesucht. Strecker war wie Fadil ein großer Freund der Musik. Doch während Ersterer Mozart und Beethoven bevorzugte, interessiert sich Fadil für Tanz, Hiphop und Breakdance. Auf die Lebensgeschichte von Dr. Ludwig Strecker angesprochen, sagt Banar Fadil: "Ich glaube, ich stehe hier genau am richtigen Grab."

Ein Seufzen erfüllt die Luft

Oliver Wiedem am Grab des Apothkers Heinrich Gottlob Schlippe.
Oliver Wiedem am Grab des Apothkers Heinrich Gottlob Schlippe.

Aufgescheucht durch die ungewohnte Betriebsamkeit, hüpft ein Eichhörnchen mit einem Tannenzapfen im Maul über den Weg, erstarrt aber, als es die stumme Gruppe der Zuhörer am Grab Schlippes entdeckt. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Die Stille wird von Oliver Wiedems Stimme jäh durchbrochen. Er wirft ein Ende seines weißen Schals über die Schulter und berichtet weiter vom Kampf um die Frau seines Herzens. Mit weit ausholender Geste rezitiert er: "Nach vier Monaten – im Juli 1789 – wurde uns die Heiratserlaubnis erteilt. Schon fünf Tage später haben wir in der Wallfahrtskirche Heiligkreuz geheiratet. Oh ja, wir hatten es eilig. Noch im selben Jahr kam unser erstes Kind zur Welt. Diesem sollten noch elf weitere folgen."

Die Menschen schütteln ihre Erstarrung ab. Ein Seufzen erfüllt die Luft, so als hätten alle die Luft angehalten. Eine ältere Dame schnäuzt sich gerührt. Oliver Wiedem berichtet weiter: "1807 haben meine Frau und ich in Harxheim ein stattliches Weingut gekauft. Dort verbrachten wir vor allem im Sommer gemeinsam mit unseren Kindern und unseren Freunden viele glückliche Stunden."

Der Schauspieler verstummt und wendet sich ab. Die Besucher gehen in sich gekehrt oder in angeregter Unterhaltung vertieft weiter, einer neuen Lebensgeschichte entgegen.

Ruth Bourgeois (storymacher) / Fotos: storymacher

Impressionen

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Der Tag des Friedhofs wird auf dem Mainzer Hauptfriedhof in besonderer Weise begangen: An Allerheiligen erzählen Mitglieder des Vereins "Geographie für Alle" Besuchern von der Entstehung der Ruhestätte. Schauspielschüler in historischen Kostümen tragen an den Gräbern die Lebensgeschichte der dort Bestatteten vor.