Altöttinger Liebfrauenbote
Rosi Fürmann ist froh, dass der Brauch der Totenbretter noch nicht verloren gegangen ist. Hier zeigt sie ein "Ensemble" am Straßenrand.
Rosi Fürmann ist froh, dass der Brauch der Totenbretter noch nicht verloren gegangen ist. Hier zeigt sie ein "Ensemble" am Straßenrand.

Die Tradition der Totenbretter lebt ein Ort des Rupertiwinkels noch heute

Beim Anblick ein Andenken

Hell und frisch leuchtet das Holz der Bretter auf der Anhöhe gegen den tiefblauen Himmel an, die Bank unter der Eiche, daneben das große Wegkreuz laden zum Verweilen ein. Verstorbene, die im nahegelegenen Teisendorf gelebt haben, sind darauf mit ihrem Namen verewigt. Fährt man auf den Ort mit seinen rund 1.500 Einwohnern zu, kommt man unweigerlich mitten in den Fluren an weiteren Standorten solcher Bretter vorbei. Grau, verwittert und kaum mehr lesbar stehen sie in kleinen Gruppen am Straßen- oder sichtbar an einem Feldrand, oft dabei ein Wegkreuz. Wer annimmt, an dieser Stelle habe sich ein schwerer Verkehrsunfall zugetragen, der irrt: Hier im Rupertiwinkel ist die Tradition der Totenbretter noch lebendig. Man gedenkt den Verstorbenen in besonderer Weise.

Schnitzer Josef Enzinger zeigt die Totenbretter "von heute", die er anfertigt.
Schnitzer Josef Enzinger zeigt die Totenbretter "von heute", die er anfertigt.

Leise murmelnd geht Josef Enzinger voraus in seine Tischlerwerkstatt. Er ist kein Mann der vielen Worte, darum erzählt seine Frau Heidi, was beide seit vielen Jahrzehnten mit den Totenbrettern verbindet. "Die Bretter gehören zu dieser Region dazu. Mit ihrer Herstellung wird man nicht reich, aber darum geht es ja auch nicht", sagt die blonde Frau mit dem fröhlichen Lächeln. "Es kommen immer wieder Angehörige hier aus den Ortschaften und besonders aus Teisendorf, denen wir ein Totenbrett für einen verstorbenen Angehörigen anfertigen, gerade die Jüngeren entdecken diese Tradition wieder. Mein Mann schreinert das Brett, ich bemale es dem Wunsch der Angehörigen entsprechend. Oder ich gestalte es frei."

Die Tradition der Toten- oder inzwischen auch Gedenkbretter hat sein dichtestes Verbreitungsgebiet im bayerischen Wald und im Pinzgau. Bis 1933 konnte man in Oberbayern und im "Wald" noch oft frisch bemalten Brettern begegnen. In Oberbayern findet man Totenbretter vor allem im südlichen Rupertiwinkel und im südlichen Teil des Landkreises Traunstein. Nahe der österreichischen Grenze, in einer traumhaften Bergkulisse, befindet man sich so ländlich, wie es in den Alpen nur sein kann: Das Grün der Wiesen, Kühe, dazwischen die für den Alpenraum typisch gestalteten Gehöfte. Dazwischen neu gebaute Häuser. Die Jüngeren, die sich hier niederlassen, machen sich die uralten Gebräuche der Region vertraut. Einer davon ist das Totenbrett. Zum Gedenken werden sie heute immer wieder aufgestellt. Einst dienten sie aber einem anderen Zweck.

In alter Zeit als es noch keine Särge gab, legte man die Verstorbenen in ein Leinen gehüllt auf ein Brett. Die Länge des Brettes wurde nach der Körperlänge des Verstorbenen bemessen. Die Ausgestaltung war vielseitig – Schnitzereien, Kerbschnitte, Aussägungen, Leisten und Säulen, gedrechselt wie glatt, je nachdem wie aufwendig es sein sollte und was der Geldbeutel hergab.

Viele Legenden

Autofahrer halten diese Stelle nahe Teisendorf direkt am Straßenrand oft für eine Unfallstelle. Doch auch hier wurden Bretter aufgestellt.
Autofahrer halten diese Stelle nahe Teisendorf direkt am Straßenrand oft für eine Unfallstelle. Doch auch hier wurden Bretter aufgestellt.

Bevor das Brett aus dem Haus geschafft wurde, brannte oder zeichnete man für gewöhnlich drei Kreuze auf die Seite, wo der Tote niedergelegt war. So trug man den Leichnam zum Friedhof. Das Brett wurde anschließend an der Friedhofsmauer aufgestellt oder man legte es vor Kapellen oder über einen Graben, damit viele Leute über die Bretter gehen mussten. Denn je öfter dem Verstorbenen gedacht wurde, je häufiger jemand beim Anblick des Brettes ein Gebet oder auch nur ein Kreuzzeichen machte, umso schneller gelangte der Tote in den Himmel – so der Glaube. Und der Lebende hatte auch etwas davon: Wenn man das Totenbrett achtete und ein Stoßgebet sprach, konnte es der Verstorbene in der Ewigkeit danken. Heidi Enzinger schmunzelt bei einer Legende: "Naja, man sagt, wenn ein unbeliebter Mensch gestorben war, wurde für sein Totenbrett ein Holz verwendet, das besonders lange braucht, bis es verwittert." Denn eine Erzählung besagt, der Tote gelange erst ins Himmelreich, wenn auch sein Brett verwittert ist.

Viele Legenden rankten sich um die Brettl, wie sie auch  umgangssprachlich bezeichnet wurden; die Orte, an denen man sie aufstellte, waren den Menschen nicht geheuer. Totenbrettplätze galten als "Stätten der Todesschatten". Zusammen mit vielfältigen Sagen und Erzählungen von Geistererscheinungen sorgten sie für eine lebendige Scheu vor diesen Plätzen, besonders in der Dunkelheit. Wie mit allen Dingen, die in irgendeiner Beziehung zum Sterben, zu den Seelen und Leibern Verstorbener stehen, verbanden sich auch mit den Totenbrettern abergläubische Vorstellungen und Praktiken, die einen beachtlichen Platz im volkstümlichen Leben einnahmen.

Persönliche Note

Rosi Fürmann und ihr Mann Hans kümmern sich unter anderem um die Veröffentlichungen die im Todesfalle auf die Angehörigen zukommen.
Rosi Fürmann und ihr Mann Hans kümmern sich unter anderem um die Veröffentlichungen die im Todesfalle auf die Angehörigen zukommen.

Heidi und Josef Enzinger gefällt aber der Brauch, ist er doch ein Zeichen von liebevollem Gedenken an den Verstorbenen. In Teisendorf sind die Enzingers nicht die Einzigen, deren Arbeit sich hin und wieder mit dem Tod befasst; Rosi Fürmann und ihr Ehemann Hans haben ein Büro – eigentlich als freie Autoren und Fotografen. Doch wenn in Teisendorf gestorben wird, sind sie da. "Teisendorf ist ein besonderes Dorf, weil dort alles noch selbst geregelt wird, jeder kennt jeden, jeder weiß, was er bei einem Todesfall zu tun hat und die Rädchen greifen ineinander. Wir alle unterstützen die Angehörigen in allen Fragen rund um die Bestattung. Denn bei uns gibt es keinen Bestatter", sagt die Frau mit Brille und grauem Haar.

Bei einem Todesfall gestalten die Fürmanns unter anderem die Todesanzeige für die Tageszeitung und ein Sterbebild, das in der Gemeinde und im Verwandten- und Bekanntenkreis ausgeteilt wird. Sterbebilder sind – wenn man das so sagen darf – das Steckenpferd des Paares; wann immer die zwei die Möglichkeit haben und in der Natur unterwegs sind, machen sie sich Gedanken über mögliche Motive – die Gedenkbretter kommen dabei auch immer mal wieder vor. Auf Wunsch der Hinterbliebenen gestaltet Rosi Fürmann die Bilder auch mit einer persönlichen Note; da steht dann die vom tödlich Verunglückten selbst gefertigte Holzlaterne auf einem Steg am See, denn diese Laternen waren seine Arbeit – eine Anspielung, ein persönlicher Bezug zum Verstorbenen. "Wir befassen uns fast täglich mit dem Thema Tod und Sterben. Aber in Teisendorf gibt es ein großartiges Netzwerk, von der Gemeinde bis zum Schreiner, vom Gärtner bis zur Friedhofsreferentin. Und so pflegen wir gemeinsam einen behutsamen und individuellen Umgang mit dem Tod. Darauf sind wir stolz."

Und wenn Tischler Josef Enzinger wieder einmal eine Anfrage für ein Totenbrett bekommt, wird er es gemeinsam mit seiner Frau gerne gestalten – im Gedenken mit individueller Note.

Text und Fotos: Judith Bornemann

Impressionen

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Auf einer Anhöhe nahe dem oberbayerischen Teisendorf steht ein Ständerwerk mit diversen neuen Totenbrettern , auf denen Verstorbenen des Ortes gedacht wird.
Auf einer Anhöhe nahe dem oberbayerischen Teisendorf steht ein Ständerwerk mit diversen neuen Totenbrettern , auf denen Verstorbenen des Ortes gedacht wird.
Blumen sind und waren typische Motive auf Totenbrettern.
Blumen sind und waren typische Motive auf Totenbrettern.
Einen ganz besonderen Ausdruck bekommen die Totenbretter je länger sie verwittern und – wie diese – schon einige Jahrzehnte in der Flur stehen.
Einen ganz besonderen Ausdruck bekommen die Totenbretter je länger sie verwittern und – wie diese – schon einige Jahrzehnte in der Flur stehen.