Altöttinger Liebfrauenbote

Die vergessene Krise – Bericht aus der Zentralafrikanischen Republik

"Mehr als ein Mensch ertragen kann"

"Ich kann kaum glauben, dass hier in kurzer Zeit so viele schreckliche Dinge geschehen konnten. Unser Hilfseinsatz ist eine enorme Herausforderung", sagt UNICEF-Mitarbeiter Daniel Timme. Er berichtet von seinem Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik und erzählt die ganze Geschichte der Krise: Vom Ausbruch des Konflikts, von seiner Arbeit in einem der gefährlichsten Länder der Welt, und vom zehnjährigen Felicien – seine Familie wurde brutal ermordet. Heute hilft UNICEF, ihn zu betreuen.

Autor Daniel Timme mit zwei Kindern in der Zentralafrikanischen Republik.
Autor Daniel Timme mit zwei Kindern in der Zentralafrikanischen Republik.

So langsam beginne ich zu begreifen, wie abgelegen der Ort sein muss, zu dem ich unterwegs bin, und warum die Öffentlichkeit so wenig Notiz davon nimmt, was dort hinter der großen Wüste Schreckliches geschieht.

Aus Paris in Richtung Süden gestartet überquere ich das Mittelmeer nach Algerien, und bald schon wird es karger unter uns. Seit fast drei Stunden schon sehe ich nichts als Sand und Trockenheit so weit das Auge reicht. Als es wieder grüner wird, setzt das Flugzeug schon bald zum Landeanflug an. Willkommen in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik.

Noch bevor ich die Maschine verlassen kann, bieten sich mir in der Abendsonne schockierende Bilder: Neben der von schwerbewaffneten französischen Soldaten gesicherten Landebahn erstreckt sich ein Meer von provisorischen Verschlägen und Planen, aus denen tausende ausgemergelte Männer, Frauen und Kinder herausschauen.

Was war passiert, dass so viele Menschen Hals über Kopf fliehen mussten?  Welchen Horror hat zum Beispiel der zehnjährige Felicien überlebt? Und wie können wir unter diesen schwierigen Bedingungen trotzdem helfen?

Die Bilder, die sich mir am Flugplatz von Bangui bieten, lassen mich kaum glauben, dass innerhalb kürzester Zeit so viele schreckliche Dinge geschehen sind. Die Probleme begannen im März 2013, als aus dem Norden kommende mehrheitlich muslimische Seleka-Milizen in einem Staatsstreich die Gewalt in der Hauptstadt Bangui an sich rissen und Angst und Schrecken verbreiteten. Im Dezember dann eroberte die Gegenbewegung, mehrheitlich christliche Milizen, die sogenannten Anti-Balaka (Anti-Macheten), in blutigen Kämpfen die Macht zurück. Beide Gruppen verübten schreckliche Massaker an der jeweils andersgläubigen Zivilbevölkerung.

Sinnloser Religionskonflikt

Tausende Menschen leben in provisorischen Lagern von der Hand in den Mund.
Tausende Menschen leben in provisorischen Lagern von der Hand in den Mund.

Als die Gewalt dann kurz vor Weihnachten 2013 einen neuen Höhepunkt erreichte und sich hunderttausende Menschen im Lande auf die Flucht begaben, entschied sich UNICEF, die höchste Notfallstufe auszurufen. So können zusätzliche Mittel und Personal mobilisiert werden, um der notleidenden Bevölkerung sofort zu helfen.

Mehr und mehr wurde die Religionszugehörigkeit für den Kampf um die Macht im Land missbraucht, und die Bevölkerung musste es ausbaden. Christen und die muslimische Minderheit, die seit Jahrzehnten harmonisch zusammengelebt hatten, wurden plötzlich in einen blutigen Konflikt hineingezogen. Die meisten packten, was sie gerade tragen konnten, und begaben sich an sicherere Orte.

Paradoxerweise entstanden so in Bossangoa, nur einen Steinwurf voneinander entfernt, zwei provisorische Binnenflüchtlingslager: ein mehrheitlich von Christen bewohntes nahe der katholischen Bischofsresidenz und ein mehrheitlich von Muslimen besiedeltes neben dem Militärposten der Afrikanischen Union.

Aber Ende April musste das kleinere Lager aufgelöst werden. Die Gefahr für die rund 7.000 Muslime war zu groß geworden. Alle wurden in einem humanitären Konvoi zur 180 Kilometer nördlich gelegenen Grenze mit dem Tschad gebracht, wo sie in die Obhut des Flüchtlingshilfswerk UNHCR genommen wurden.

Seit dem traurigen Auszug der Muslime haben die Milizen ihre Präsenz reduziert, und die Sicherheitslage in und um Bossangoa entspannt sich etwas. Immer mehr Menschen wagen es nun, das mehrheitlich von Christen bewohnte Lager zu verlassen und in ihre verwüsteten Dörfer zurückzukehren.

UNICEF und Partnerorganisationen waren von Anfang an da, um den Flüchtlingen zu helfen. Es ist eine enorme Herausforderung, alle Familien in Bossangoa mit Planen, Haushaltsgegenständen, Trinkwasser, Latrinen und Waschgelegenheiten zu versorgen. Ein nahegelegener Gesundheitsposten wurde aufgerüstet und zusätzliches medizinisches Personal gesandt, um der großen Anzahl von Menschen eine grundlegende medizinische Versorgung zu bieten. Schließlich wurden provisorische Schulen eingerichtet.

Ein wenig Normalität und Geborgenheit

Schüler bekommen in der Ecole St-Paul in Bangui Lehrmaterialien, die von der Unicef zur Verfügung gestellt wurden.
Schüler bekommen in der Ecole St-Paul in Bangui Lehrmaterialien, die von der Unicef zur Verfügung gestellt wurden.

Meine Kollegin und Kinderschutzexpertin Marion erklärt mir, dass es für die psychische Gesundheit der Kinder sehr wichtig war, möglichst schnell wieder die Schule besuchen zu können. Die Kleinen bekämen alleine durch die tägliche Schulroutine ein kleines bisschen Normalität und Geborgenheit vermittelt.

Natürlich haben die Kinder auch ein Recht auf ihre Schulbildung – und das am Boden liegende Land wird gut ausgebildete Menschen mehr denn je für den Neuanfang brauchen. In diesem Schlüsselsektor müssen enorme Investitionen getätigt werden. Zur Zeit gehen sieben von zehn Kindern nicht zur Schule und zwei Drittel aller Schulen sind zerstört und geplündert worden.

Das Wichtigste ist, die Sicherheit in diesem Land, das ungefähr so groß wie Frankreich ist, wiederherzustellen. In der Zwischenzeit tun wir alles, um das Leid der Familien so gut wie möglich zu lindern. Ich werde wohl nie die Geschichte von Felicien vergessen, der mit seinen zehn Jahren mehr durchmachen musste, als eigentlich ein Mensch ertragen kann.

Ich werde in einem Flüchtlingscamp in Bossangoa von Marion, einer jungen katalanischen Kollegin begrüßt, die auf Kinderschutz in Krisenzeiten spezialisiert ist. Sie beschreibt mir Horrorszenarien: "Die Seleka-Rebellen überfielen auf ihrem Weg in den Norden Dörfer und plünderten, die Bewohner - Männer wie Frauen und Kinder – wurden vergewaltigt und ermordet."

Ihnen auf den Fersen kamen die mehrheitlich christlichen Anti-Balaka Milizen in die Region und nahmen ihrerseits Rache an der unschuldigen muslimischen Bevölkerung. Beide bewaffneten Gruppen hinterließen eine Spur der Zerstörung. Nicht einmal Schulen und Gesundheitszentren wurden verschont. Ich bin schockiert.

Brutales Ende einer Kindheit

UNICEF-Mitarbeiterin Marion (l.) ist es gelungen, das Vertrauen von Felicien (10, r.) zu gewinnen, der Furchtbares miterleben musste.
UNICEF-Mitarbeiterin Marion (l.) ist es gelungen, das Vertrauen von Felicien (10, r.) zu gewinnen, der Furchtbares miterleben musste.
In einem Militärcamp spielen Kinder mit Luftballons.
In einem Militärcamp spielen Kinder mit Luftballons.

Ich begleite Marion zu einer etwas weiter entfernten Hütte, vor der ein Junge in zerrissener Kleidung steht. Routinemäßig besucht sie den zehnjährigen Felicien, um nach dem Rechten zu schauen. Er begrüßt uns mit einem schüchternen Lächeln.

Es ist wirklich ein Wunder, dass er überhaupt noch Zeichen von Freude zeigen kann, nach all dem, was er in seinen jungen Jahren schon durchmachen musste.

Der Junge lebt seit ein paar Wochen in einer Gastfamilie. Nachdem das Eis zwischen uns ein wenig getaut ist, beginnt Felicien, mir etwas von seiner Geschichte zu erzählen: Felicien führte ein einfaches Leben mit seiner Familie in Bezambe, einem kleinen Dorf in 40 Kilometern Entfernung von Bossangoa.

An den Nachmittagen spielte er immer mit den Nachbarskindern am Fluss oder half seinem Vater bei der Feldarbeit. Morgens ging er gemeinsam mit seinen Geschwistern zur Dorfschule. Felicien ist immer gerne zur Schule gegangen. Als ich ihn frage, was seine Lieblingsfächer waren, antwortet er: "Lesen und Rechnen".

Das sorglose Kinderleben von Felicien endete eines späten Abends kurz vor Weihnachten. Plötzlich waren da laute Schreie und ein Hämmern an der Hauswand. Die Tür wurde eingetreten. Ein Haufen brüllender junger Männer drang mit Macheten und Gewehren in das kleine Haus ein. Einige zerrten seinen Vater und seine Mutter vor die Tür und erschossen sie beide, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Andere schlugen mit den Buschmessern auf seine Geschwister ein und zerhackten sie bei lebendigem Leibe. Felicien kroch hinter einen Schrank. Vor Angst erstarrt konnte er nicht einmal weinen.

Nachdem die Eindringlinge abgezogen waren, lief er vor die Tür. Er sah brennende Häuser und überall wimmernde, sterbende Menschen. In einiger Entfernung bemerkte er seine Nachbarn, die in die Büsche flüchteten. Ohne viel nachzudenken rannte er so schnell er konnte hinter ihnen her. Erst am nächsten Morgen traute sich die Gruppe aus ihrem Versteck. Felicien folgte ihnen nach Bossangoa, wo schon Tausende andere Schutz suchten.

Marion berichtet, dass Felicien in einer der typischen provisorischen Unterkünfte, die sich die Binnenflüchtlinge aus UNICEF-Planen bauen, gefunden wurde. Dort hauste er mit einer Gruppe junger Männer. Doch statt ihn zu beschützen und sich um ihn zu kümmern, beuteten sie ihn nur aus und schlugen ihn nach Lust und Laune. UNICEF und eine lokale Partnerorganisation holten ihn aus diesen Verhältnissen heraus und fanden für ihn eine Pflegefamilie im selben Lager. Dort besucht er jetzt täglich den so genannten kinderfreundlichen Ort, eine Spieloase mitten im Krieg, die UNICEF in jedem Camp einrichtet. Hier können die Kinder spielen, werden zu sinnvollen Freizeitaktivitäten animiert und psycho-sozial betreut.

Marion zeigt mir einige Bilder, die Felicien und andere Kinder im kinderfreundlichen Zentrum gemalt haben. Es sind schockierende, verstörende Zeichnungen von Mord und Totschlag. Und dennoch seien sie sehr wichtig für den psychischen Heilungsprozess, erklärt Marion. Denn damit die Seele ihren Frieden findet, hilft es ungemein, wenn die Kinder ihre traumatischen Erlebnisse teilen und mit geschulten Mitarbeitern besprechen.

Ich bin einer der Mitarbeiter, die wegen der Notlage in die Zentralafrikanische Republik gerufen worden sind. Ich bin in Aachen geboren, und aktuell ist mein Arbeitsplatz eigentlich bei UNICEF in Madagaskar. Doch weil ich schon bei verschiedenen Krisen im Einsatz war – unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo und nach dem Tsunami in Indonesien – hat UNICEF mich gebeten, als Verstärkung in die Zentralafrikanische Republik zu gehen.

Ich bin hier als Kommunikationsbeauftragter - das heißt, ich soll dabei helfen, diese völlig vergessene Krise bei möglichst vielen Menschen ins Bewusstsein zu rufen. Und das ist dringend notwendig, wie mir schon am ersten Tag klar wird.

Gefährliches Land – auch für die Helfer

Zerstörte Häuser in Bangui.
Zerstörte Häuser in Bangui.

Direkt nach meiner Ankunft geht es auf dem Weg von Bangui Airport in die Innenstadt von Check-Point zu Check-Point, schwere Panzerwagen der Afrikanischen Union, französische Soldaten und grimmig blickende Milizen säumen die Strecke. Im Büro angekommen dann hektisches Treiben: jeder kleinste Fleck, sogar die Abstellkammer, wird von neuen Mitarbeitern aus der ganzen Welt zum Arbeitsplatz umfunktioniert: Nothilfe-Manager, Mediziner, Fachleute für Kinderschutz und provisorische Schulen, sowie Wasser- und Hygiene-Experten.

Ich bekomme ein ausführliches Sicherheits-Briefing, erhalte ein Funkgerät und eine Erkennungsmarke mit Namen und Blutgruppe - ein mulmiges Gefühl begleitet meinen Abend und meine erste Nacht.

Am frühen nächsten Morgen geht es dann mit einem kleinen UN-Flugzeug nach Bossangoa, ein Ort im Nord-Westen des Landes. Von dort geht es per Auto weiter. Wir verlassen das Zentrum und fahren über den Fluss, einige Kilometer aus der Stadt hinaus. Auf den Geländewagen unseres Konvois wehen große Flaggen, die unsere Neutralität in diesem Konflikt signalisieren sollen. Vorsicht ist geboten.

Übergriffe auf humanitäres Personal gibt es immer wieder: Zum Beispiel wurde Ende April ein abgelegenes Krankenhaus der Kollegen von "Ärzte ohne Grenzen" von Milizen überfallen, 22 Besucher und Mitarbeiter erschossen. Doch damit nicht genug. Ein Kollege des UN Flüchtlingskommissariats UNHCR wurde in Bangui entführt und geköpft. Drei Mitarbeiter unserer Partnerorganisation sind ermordet worden.

Auch unsere UNICEF-Autos werden gelegentlich angegriffen. Noch lange nicht können wir uns frei bewegen und alle notleidenden Menschen erreichen. So viel Gewalt macht fassungslos.

Text: Daniel Timme (UNICEF), Fotos: UNICEF

"Der Friede ist noch weit": Der Prior des Karmelitenklosters in der Hauptstadt Bangui über die Krise der Zentralafrikanischen Republik

Pater Federico Trinchero OCD mit einem neugeborenen Flüchtlingsbaby.
Pater Federico Trinchero OCD mit einem neugeborenen Flüchtlingsbaby.

Eine rasche Lösung für den Konflikt in der Zentralafrikanischen Republik fordert Pater Federico Trinchero. Im Gespräch mit dem internationalen katholischen Hilfswerk "Kirche in Not" (KiN) sagte er, das Volk in der Zentralafrikanischen Republik erwarte eine politische Lösung. Diese werde aber nur zu einem positiven Ergebnis führen, wenn keine Kompromisse mit denen eingegangen würden, die "Gewalt anwenden oder den Geist der Rache verbreiten". Das Volk sei "wirklich müde und entmutigt" und glaube keinen Versprechungen mehr, erklärte der italienische Ordensmann. Die ausländischen Truppen seien nicht in der Lage, effizient zu helfen und kämen oft zu spät.

Bei einem Angriff auf die katholische Kirche "Unserer Lieben Frau von Fatima" in der Hauptstadt Bangui waren erst am 28. Mai wieder mindestens 18 Menschen getötet worden, das Schicksal von mehr als 40 verschleppten Geiseln ist weiterhin ungewiss. Das zeige, dass der Friede noch "weit entfernt" sei, bedauerte Trinchero. Die betroffene Kirche befinde sich nur wenige Kilometer von seinem Karmelitenkloster entfernt. Zwar sei die Lage rund um das Kloster zurzeit relativ ruhig, der Übergriff habe aber erneut zu einem Anwachsen der Flüchtlingszahlen geführt.

Auf dem Klostergelände befindet sich eines der größten Flüchtlingslager der zentralafrikanischen Hauptstadt mit mehr als 7.000 Menschen. "Wir hoffen, dass die Flüchtlinge bald nach Hause zurückkehren können, aber wir sehen kein Ende", erklärte Trinchero. Zeitweise hielten sich auf dem Gelände des Klosters 15.000 Flüchtlinge auf. "Ich fürchte, dass der Versöhnungsprozess Jahre in Anspruch nehmen wird. Der Bruch im Land ist sehr tief. Ich hoffe aber, dass es möglich sein wird, die Lebenskräfte der Jugend zu mobilisieren, damit sie die Zukunft ihres Landes in die Hand nimmt", sagte Trinchero. "Die Kirche schaut nicht untätig zu, sondern setzt ihre Mission fort. Das könnte jedoch manchen stören, der den Frieden nicht liebt."

Text: red, Foto: KiN

"Kirche in Not" unterstützt die katholische Kirche in der Zentralafrikanischen Republik bei ihrer Friedensarbeit und bittet dafür um Spenden. Näheres online unter www.spendenhut.de.