Altöttinger Liebfrauenbote

Ein neuer Marienpilgerweg verbindet Kroatien, Slowenien und Österreich und endet im steirischen Mariazell

Schritt für Schritt zur Gnadenmutter

Rund um die Kleinstadt Senjur fließt ein Licht wie Honig über Rebhänge, Maisäcker und Streuobstwiesen, und von fast jeder Anhöhe grüßt eine Kirche. Durch diesen Paradiesgarten verläuft ein neuer Marienpilgerweg. Er verbindet Kroatien, Slowenien und Österreich und endet im steirischen Mariazell.

Pilger in der Gegend um Sentjur in Slowenien marschieren auf dem Marienpilgerweg der Gnadenmutter in Mariazell entgegen.
Pilger in der Gegend um Sentjur in Slowenien marschieren auf dem Marienpilgerweg der Gnadenmutter in Mariazell entgegen.

Liebe Pilger und Pilgerinnen, ich möchte euch jetzt, am Anfang des Kalvarienbergs, den Psalm 23 auf den Weg geben. 'Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.' Wir meditieren über diese Sätze und sagen uns am Ende des Weges, wie es uns ergangen ist." So wie hier am Kreuzweg von Zagorje im Nordosten Sloweniens stellt Pilgerführerin Lidjia Vindis den Mitgliedern ihrer Gruppe immer mal wieder kleine Aufgaben. Mal sollen sie 15 Minuten lang schweigen, mal die Rucksäcke tauschen, dann wieder gezielt mit jemandem reden, der sie eigentlich nicht interessiert. Menschen öffnen sich beim Pilgern - und das will sie unterstützen.

Bei Senjur hat Geograph Uros Vidovic die Trasse für den Weg festgelegt. Er sagt: "Zweierlei ist für Slowenen und Kroaten überlebenswichtig: Das Brot und die Mutter." Da ist es nur folgerichtig, dass eine verzeihende, schützende Mutter wie die hl. Maria zur Identifikationsfigur für eine ganze Region wurde.

Ein Netz alter Pilgerwege überzieht Südosteuropa. Welch eine Chance, erkannte die EU, eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit alter, neuer und künftiger Partner in Gang zu bringen: Wollten Slowenen, Kroaten, Ungarn und Österreicher Geld, sollten sie sich zusammenraufen. Derzeit entwickeln Österreich und Slowenien zusammen gleich vier Wege: Den Maria-, den Hemma-, den Jakobs- und den Martinsweg. Von 2007 bis 2011 hatten Kroaten und Slowenen gemeinsam ihren Marienpilgerweg geschaffen: 409 Kilometer in Slowenien, 393 in Kroatien.

Die kroatische Regierung freilich betrachtet den Weg weniger als spirituellen Erlebnisraum denn als touristische Chance – auch für Sehenswürdigkeiten nicht direkt am Weg. So sollen Wanderer etwa das Museum der Brüder Ipavec in Šentjur aufsuchen, die sich einen Namen als Ärzte und Komponisten gemacht haben. Sie können bei einer Weinprobe herausfinden, ob denn nun Slowenen, Österreicher oder Deutsche die traurigsten Lieder haben. Und sie möchten sich bitteschön im kleinen Freilichtmuseum "Kozianska domacija" umsehen, wie die Dreschmaschine früher per Hand betätigt wurde. Wer unter dem Strohdach übernachtet, kann sich zudem der Apitherapie unterziehen, die der slowenische Arzt Philipp Terc Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte: Im Bienenhaus, dessen Fassade in alter Manier bemalt ist, bettet man sich auf eine Plattform über den Bienenkästen. Der Geruch der Bienenstöcke, das beruhigende Summen und das Verkosten von Honig soll sich wohltuend auf Erkrankungen der Atemwege und das allgemeine Wohlbefinden auswirken.

Dann wartet die Steiermark

Auf dem Teufelstein in der Steiermark.
Auf dem Teufelstein in der Steiermark.

Doch dann wartet die Steiermark. Im Schatten des Hochschwabmassivs verläuft der Weg zwischen weit geschwungenen Wiesenteppichen in Türkis, schwarzgrünen Waldstreifen und schon gelben Ahornbäumen. Sattgoldene Sonnenstrahlen fallen in die Fichtenschonungen und bringen die Welt zum Leuchten.

Es hat etwas Berührendes, auf den alten Pfaden unterwegs zu sein. Über diese Hänge stapften schon vor Hunderten von Jahren die Vorgänger in der Morgensonne, beteten Rosenkränze und wälzten ihre Nöte im Kopf: "Da will sich kein Kind einstellen. Da prügelt der Mann und versäuft den Hof. Da hat die Tanne dem Bruder das Rückgrat zerschlagen. Und jetzt hat der Staat den Bub als Soldat geholt." Die Jungen aber bändelten vielleicht ein wenig miteinander an, mancher hatte die Flasche Slivovitz im Bündel, denn ganz sicher war es auch ein Fest, für ein paar Tage der täglichen Fron entkommen zu sein.

Am Ende der Wanderung ist den Pilgern danach, ihre Reise mit etwas Erhabenem und Erhebendem zu krönen: Dem Einmarsch in Mariazell. Gleich zwischen den ersten Häusern liegt der Fels, den die hl. Maria gesprengt haben soll, als der Mönch Magnus im Jahr 1157 mit einer Lindenholzstatue von ihr vom Stift Lambrecht dahergewandert kam, um die heidnischen Bergvölker zu zivilisieren. Um diese Statue baute er anschließend eine Kapelle: Maria war "in der Zelle".

Silberne Wolken, silberne Engel

Andenkenverkauf an der Basilika in Mariazell.
Andenkenverkauf an der Basilika in Mariazell.

Mitten in dem übersichtlichen 1.500-Einwohner-Städtchen erblickt man sie zum ersten Mal, die Basilika mit ihrem gotischen Turm aus dem 14. Jahrhundert und den beiden barocken aus dem 17. Jahrhundert. Dort strömen sie hinein, die Wallfahrer, die fast alle mit dem Bus gekommen sind: Lodenjacken und Windblusen, kantige Köpfe und gefurchte Gesichter. Vorn am Hauptaltar hat der Gottesdienst begonnen, der wahre Anziehungspunkt aber ist der Gnadenaltar in der Mitte des Kirchenschiffs. Silberne Wolken, silberne Engel, silberne Säulen und silberne Bischöfe schimmern im Kerzenlicht, und über allem thront der Doppeladler: Das prunkvolle Ensemble war ein Geschenk der Kaiserin Maria-Theresia. Tief in dem Taumel aus Silber steht sehr klein in einem Brokatgewand die Marienstatue des Mönches Magnus. "Magna Mater Austriae, Magna Domina Hungarorum, Alma Mater Gentium Slavorum" nannte man sie, Hüterin der k.u.k.-Monarchie – und heute eines ihrer letzten Symbole. Fast jeder Habsburger Herrscher hat hier mindestens ein christliches Sakrament erhalten, und es wundert wenig, dass die Totenmesse für den letzten von ihnen, Otto von Habsburg, 2011 noch einmal zu einem großen Aufmarsch von Tiroler Schützen, ungarischen Monarchisten und Nostalgikern aus Südtirol geriet.

In den Gängen zur Schatzkammer sind Votivtafeln aus mehreren Jahrhunderten aufgehängt – ein bedrückender Querschnitt der Unfälle, Zufälle und Glücksfälle, die die Menschen in und auf die Knie zwangen. Pferde gehen durch, Überschwemmungen reißen Häuser mit, Schwindsüchtige gesunden, ein Blitz verfehlt Kinder.

Draußen aber, im Schatten der Kirche, leben die Geschäftsleute recht gut von der Pracht und der Herrlichkeit drinnen. Die Gaststätten sind mittags brechend voll, in der Apotheke können Besucher zwischen "Apotheker's Wurzelklauber" und "Mariazeller Dachsfett" wählen, und bei Lebkuchen Pirker drängen sie sich um die "Bschoad Binkerl", den Lebkuchen im Sacktuch: Einen Beweis braucht man schließlich, falls einer zweifelt, dass man es tatsächlich "auf Zell" geschafft hat.

Text: Franz Lerchenmüller (Storymacher), Fotos: storymacher 8, Mariazell 1

Impressionen

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

Freilichtmuseum "Kozjanska domacija" in Slowenien – Blick vom Museum ins Tal.
Freilichtmuseum "Kozjanska domacija" in Slowenien – Blick vom Museum ins Tal.
Pilgerführerin Lidija Vindis am Kreuzweg von Zagorje.
Pilgerführerin Lidija Vindis am Kreuzweg von Zagorje.
Votivbild in Mariazell.
Votivbild in Mariazell.
Bojan Gucek in seinem Freilichtmuseum  "Kozjanska domacija" in Slowenien beim Mahlen des Korns.
Bojan Gucek in seinem Freilichtmuseum "Kozjanska domacija" in Slowenien beim Mahlen des Korns.
Eine Kapelle vor Zagorje.
Eine Kapelle vor Zagorje.
Ziel der Wallfahrt: Das Gnadenbild in Mariazell.
Ziel der Wallfahrt: Das Gnadenbild in Mariazell.