Altöttinger Liebfrauenbote

Im Schatten des neuen WM-Stadions von Sao Paulo kämpft ein Priester für die Verlierer der Großstadt

"Weil sie mir nicht egal sind"

Mittags genehmigt sich Pater Rosalvino Morán SDB manchmal einen kleinen Schluck Cachaca, brasilianischen Zuckerrohrschnaps. "Heiliges Wasser" scherzt der Padre mit Besuchern aus Deutschland, während er sein silbergesprenkeltes Hütchen zurechtrückt. Pater Rosalvino, 75 Jahre alt, Salesianer Don Boscos, Armenpriester und Leiter des großen Sozialwerks "Obra Social Dom Bosco Itaquera" in Sao Paulo, hat eine Schwäche für ausgefallene Hüte und Mützen. Nicht, dass er sonst viel Wert auf sein Äußeres legt – tagein tagaus trägt er einen alten weißen Kittel. So kennt man ihn hier in der "Zone Lost" wie die fünf Millionen Einwohner des armen Ostens der Millionenmetropole ihre Region zynisch bezeichnen.

Salesianerpater Rosalvino mit einigen seiner Schützlingen.
Mit Leib und Seele setzt sich Salesianerpater Rosalvino für "seine Jungs" aus dem Don Bosco-Jugendzentrum ein.

So kennen ihn auch die Verantwortlichen für die Fußball-WM in der Stadt, denn Rosalvino ist ein wichtiger Gesprächspartner beim Bau des Stadions, das hier im Stadtteil Itaquera entsteht. Während sich im Land des Fußballs und des Karnevals keiner so recht auf das sportliche Großevent im Sommer 2014 freuen mag, nutzt Rosalvino die "Copa" genannte WM um das zu tun, was er schon sein ganzes Leben lang tut. Er kämpft für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen hier, besonders die der Jugendlichen. Das ist der Auftrag seiner Ordensgemeinschaft, der Salesianer Don Boscos, die sich in über 130 Ländern der Welt um Straßenkinder, Knastjugendliche und Favelakids kümmert.

Bei Rosalvino ist es mehr als das, es ist seine tiefste Überzeugung. "Was wir hier dringender bräuchten als neue Stadien und 5-Sterne-Hotels, sind bessere Schulen, Krankenhäuser und nachhaltige Investitionen in die Infrastruktur. Aber ich versuche die WM genau dafür zu nutzen. Deswegen mache ich Druck bei der Stadtverwaltung und den Fifaverantwortlichen, dass  auch was für die Menschen hier in der Umgebung passiert."

Über 1.200 Kinder und Jugendliche

Wanderley hat beim Stadionbau selbst Arbeit und Auskommen gefunden. Im Bild ist der junge Mann auf der Baustelle zu sehen.
Wanderley hat beim Stadionbau selbst Arbeit und Auskommen gefunden.

Nur einen Steinwurf entfernt ist das neue Stadion vom großen Don Bosco Jugendzentrum, das auch mit deutschen Spenden der Bonner Don Bosco Mission unterstützt wird. Über 1.200 Kinder und Jugendliche werden hier täglich in zwei Schichten betreut und machen vor allem Sport. Capoeira, Tanzen, Leichtathletik, Judo, Bodenturnen und natürlich Fußball. Unterstützt von kulturellen und künstlerischen Aktivitäten bekommen hier Kinder ab fünf Jahren eine Alternative zum oft tristen Alltag in ihren kleinen Wohnungen, wo sich nicht selten acht Personen 20 qm teilen müssen.

Das Zentrum ist auch eine Alternative zu Kriminalität, Drogen und Gewalt und Familienersatz. Das weiß auch Wanderley, der heute dank der Fußball-WM einen Job hat. Dabei mag der 18-Jährige eigentlich gar keinen Fußball. Doch seit rund vier Wochen montiert er für 440 Euro monatlich die Sitze im neuen Stadion. Der nachdenkliche Teenager saß bereits im Gefängnis, weil er mit Drogen gedealt hatte. Ein Jahr lang hat er am Don Bosco-Programm "Begleitete Freiheit" im Jugendzentrum teilgenommen.

Verständnis für Proteste

Blick auf das reiche Sao Paulo.
Blick auf das reiche Sao Paulo.

Der Verkauf von Drogen ist finanziell gesehen in Brasilien ein sicherer Job. Das Land hat heute weltweit nach den USA die meisten Konsumenten von Crack, auch Kokain ist auf dem Vormarsch. Wanderley hat nun erst einmal Arbeit bis nach der Weltmeisterschaft – denn dann wird das Stadion wieder verkleinert und die Sitze müssen wieder runter.

Auf der Stadionbaustelle grüßen den Pater fast alle Bauarbeiter. Spätestens seit im November 2013 ein Kran in das Stadion krachte und es zwei Tote gab, ist er hier bekannt. Der Salesianer wurde zur Beruhigung der Arbeiter gerufen, hielt eine Totenmesse und sprach neuen Mut zu.

Im ganzen Land sind im Juni 2013 Menschen auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Die größten Demonstrationen seit Ende der Militärdiktatur entzündeten sich anfangs an Preissteigerungen im öffentlichen Nahverkehr und weiteten sich dann zu Protesten gegen allgemeine soziale Missstände und Korruption aus. "Ich habe viel Verständnis für die Forderungen der jungen Leute, die sich an den Protesten gegen die WM besonders im letzten Jahr beteiligt haben," sagt Rosalvino Morán – doch inzwischen sei zu viel Gewalt dabei, als dass er sie weiter gut heißen könnte.

Gewalt und Drogen als ständige Begleiter

Zukunft statt Drogen: Anderson träumt von einer Karriere als Fußballer.
Zukunft statt Drogen: Anderson träumt von einer Karriere als Fußballer.

Mit Gewalt kennt sich der Padre aus. Als Don Bosco das Jugendzentrum vor 18 Jahren von der Stadt übernahm, hielt ihm einer der jugendlichen Besucher am ersten Tag eine Knarre an den Kopf. Wir machen hier die Regeln, sollte das signalisieren. Pater Rosalvino blieb unbeeindruckt und fragte, ob er nicht ein klein wenig mitbestimmen dürfe und eroberte so Schritt für Schritt das Terrain. Heute gilt: Keine Drogen, keine Gewalt, Respekt und Liebe zu den jungen Menschen – Grundsätze der weltweiten Don Bosco Pädagogik, die besonders die zahlreichen Mitarbeiter prägen und leben.

Das hätten inzwischen auch die Drogendealer erkannt, die Itaquera fest im Griff haben. Heute komme es vor, dass sie ihn aufsuchen, den Padre mit den schrägen Mützen und ihn um Rat fragen. Oft gehe es um deren eigene Kinder, die nicht so enden sollen wie die Väter, um Probleme in der Erziehung, Sorgen, manchmal auch die Beichte.

Tiefe Furchen im Gesicht

Salesianerpater Rosalvino.
Salesianerpater Rosalvino.

Rosalvino zeigt auf die tiefen Furchen die sein Gesicht durchziehen, Spuren des Konfliktes um die Macht im Viertel. "Uns wirst du nicht ändern, aber wir respektieren dich und was du für unsere Familien und die Menschen hier im Viertel tust", hätten die lokalen Drogendealer zu ihm gesagt. Auf den Straßen am Jugendzentrum und der Berufsschule gäbe es deswegen keine festen Dealerposten mehr. Andere Erfolge des gebürtigen Spaniers sind sichtbarer, wie die U-Bahn-Station, die Don Bosco heißt. Und die Straße, die im Zuge der WM gebaut wurde und nun endlich das Viertel mit dem Rest der Stadt verbindet.

Fast 30 Jahre hat er für diese Straße gekämpft, solange ist Pater Rosalvino schon in Itaquera. Barfuß sei er anfangs angekommen, "mit der Armut hab ich mich ausgekannt, ich war als Kind ja selber schrecklich arm. Neu war für mich die Gewalt, die hier herrschte." Selbst ein Halbwaise, war Rosalvino Morán Ende der 1940er-Jahre als Kind eines spanischen Schäfers mit acht Geschwistern nach Brasilien gekommen. Der Vater floh vor dem Franco-Regime, der Falange und der Armut in den Bergen von Leon. Als Kaffeebauern fristete die Familie ein sklavenähnliches Dasein in der neuen Heimat, der Vater hatte keine Ahnung vom Kaffeeanbau und rund um die Hacienda gab es nichts – keine Schule, kein Krankenhaus, keine Kirche. Tagein tagaus schuftete die Familie und kümmerte sich um 12.000 Kaffeepflanzen.

Fest für reiche Ausländer

Kinder spielen Fußball: Viele Kinder des Don Bosco-Jugendzentrums – im Schatten des neuen WM-Stadions von Sao Paulo gelegen – träumen von einer Fußballer-Karriere.
Viele Kinder des Don Bosco-Jugendzentrums – im Schatten des neuen WM-Stadions von Sao Paulo gelegen – träumen von einer Fußballer-Karriere.

Rosalvino sorgte für das tägliche Mittagessen auf dem Feld und erlebte eine neue Welt voller Gefahren, wilder Tiere und emotionaler Verwahrlosung. In Campinas, 100 km westlich von Sao Paulo, kam er durch Zufall in ein Don Bosco-Internat und war angetan von den freundlichen Patres. Dass er selbst Priester geworden sei, sei beinahe Ironie – er habe als Kind und Jugendlicher viel Unsinn angestellt und sei schon immer ein aufmüpfiger Geist gewesen. Ein Sturkopf sei er, sagt Marli Jaussara Pires, eine ehrenamtliche Helferin der ersten Stunde. Die Ärztin gewährte dem "verrückten Priester", der sich in ihr Viertel wagte, anfangs Unterkunft.

"Alles was der Staat nicht geschafft hat, hat er geschafft," sagt sie resolut und schimpft, dass er sich überanstrenge und nie schone, besonders nicht für "seine" Kinder. "Ich bin selber ohne Mutter aufgewachsen und weiß, wie sehr einem die Liebe von Eltern fehlen kann, gerade wenn man jung ist. Wenn keiner für dich kämpft, das ist das schlimmste", so Rosalvino. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, für sie alle mitzukämpfen und ihnen zu helfen, dass ihre Träume wahr werden.
Während die Sonne über dem fast fertigen WM-Stadion von Sao Paulo langsam untergeht, ziehen auf dem Don Bosco-Trainingsplatz einige Fußballer ihre letzten Runden. Einer von ihnen, einer von den 1.200 Teenagern, wird am Eröffnungsspieltag der WM an der Hand eines Spielers ins wenige Meter entfernte Stadion einlaufen und für kurze Zeit berühmt sein. Für den Rest sei die WM nicht mehr, als ein Fest für reiche Ausländer.

Aber die Menschen werden trotzdem feiern: "Bei all den leeren Versprechungen hier, der hohen Korruption hätte es in anderen Ländern schon längst Mord und Totschlag gegeben", bilanziert Pater Rosalvino, "doch man kann den Sport genießen, ohne die Augen vor den Problemen zu verschließen. Und am Ende läuft es doch sowieso wie immer. Wir werden Weltmeister und wenn die Party vorbei ist, gehen wir zurück an die Arbeit!"

Text: Ulla Fricke, Fotos: Don Bosco Mission

Hintergrund

Bodenturnen im Jugendzentrum in Sao Paulo.
cc

Anlässlich der Fußball WM hat das Hilfswerk Don Bosco Mission Unterrichtsmaterialien für Klasse 3-6 und 7-10 für Lehrerinnen und Lehrer zum Thema Gewalt und Gewaltprävention am Beispiel Brasiliens entwickelt. Die Materialien stehen auf der Webseite www.don-bosco-macht-schule.de zum Download bereit.

Die Obra Social Dom Bosco Itaquera ist heute eine der größten Jugendhilfe und Sozialeinrichtungen in Sao Paulo. Im Berufsbildungszentrum, in Waisenhäusern, Abendschulen und in den verschiedenen Jugendzentren und der Pfarrei nutzen täglich über 6.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Angebote (nähere Informationen, auch zu Spendenmöglichkeiten im Internet unter www.donboscomission.de).

Pater Rosalvino Morán Vinayo ist Salesianer Don Boscos und Ehrenbürger der Stadt Sao Paulo. Seine Ordensgemeinschaft, die Salesianer, sind der zweitgrößte Männerorden der katholischen Kirche. Sie wirken in über 130 Ländern und kümmern sich weltweit um über 15 Millionen Kinder und Jugendliche, auch in Deutschland. Markenzeichen von Don Bosco ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Rande der Gesellschaft, charakteristisch sind die vielen Jugendzentren, Schulen und besonders Berufsschulen in denen Grundlagen für eine bessere Zukunft geschaffen werden. Der neu ernannte Bischof von Passau, P. Stefan Oster, ist ebenfalls Salesianer Don Boscos.