Altöttinger Liebfrauenbote

Reportage aus Kambodscha anlässlich des Welttags gegen Kinderarbeit

Kinder ohne Kindheit

Statt zur Schule zu gehen oder zu spielen, streunen über 3.000 Kinder durch die kambodschanische Hauptstadt, um den Müll nach Verwertbarem zu durchsuchen. Von der Gesellschaft verachtet, fehlt ihnen jede Zukunftsperspektive. CSARO, eine Partnerorganisation von Misereor, unterstützt die Müllkinder von Phnom Penh und ihre Familien.

Müllkinder arbeiten mit ihren Eltern auf der Müllkippe in Phnom Penh.
Müllkinder arbeiten mit ihren Eltern auf der Müllkippe in Phnom Penh.

Es dämmert am Himmel über dem Olympic Market. Nach vielen Stunden des geschäftigen Treibens kehrt auf dem sonst so regen Markt im Herzen von Phnom Penh ein wenig Ruhe ein. Die meisten Stände sind abgeräumt, es wimmelt vor Unrat, über die mit Pfützen übersäten unbefestigten Gassen huschen die ersten Ratten. Genau jetzt und genau hier beginnt für Loy Kim die tägliche Arbeit. Gemeinsam mit Dutzenden seiner Freunde und Altersgenossen durchwühlt der schmächtige Sechzehnjährige den Abfall nach fauligem Obst, Glasflaschen und Plastik, um sich und seiner Familie mit dem Verkauf das Überleben zu sichern. Plötzlich taucht ein Scheinwerfer die Riege der "Waste Picker" in gleißendes Licht. Doch Loy Kim und die anderen Müllkinder bleiben entspannt, denn der Anblick ist ihnen vertraut: Der "Schulbus" ist gekommen.

Abendschule im Müll

Der "Schulbus" ist gekommen. Waste Piker folgen aufmerksam dem "Unterricht".
Der "Schulbus" ist gekommen. Waste Piker folgen aufmerksam dem "Unterricht".

Das klapprige Gefährt gehört CSARO, einer 1997 gegründeten Vereinigung zur Unterstützung der Müllkinder. Sauberes Wasser in Flaschen bringt der Bus, warmes Essen, aber auch geistige Nahrung. Sogar eine Lehrerin hat er im Gepäck. Sok Mean heißt sie und sie sorgt dafür, dass die Müllkinder erfahren, wie sie sich bei ihrer Arbeit mit Handschuhen vor Schnittwunden schützen können, mit Gesichtsmasken vor dem Gestank. Heute Abend stehen die Gefahren von Altbatterien auf dem Lehrplan. Anschließend hören die Kinder eine Kurzgeschichte. Dabei rückt Loy Kim ins Rampenlicht, denn er ist in dieser Runde der einzige, der lesen kann, und mit stockender Stimme, aber sichtbar stolz trägt er den Text aus dem Bilderbuch, das wenig später die Runde macht, vor. Begierig saugen die Kinder alles auf, was sie während ihrer 45-minütigen Abendschule erfahren. "Auch den Umgang mit einer Waage  lernen die Kinder bei uns", erklärt Sok Mean,  "damit sie beim Abliefern ihres Sammelguts nicht vom Zwischenhändler übers Ohr gehauen werden."

Zu diesem führt der Weg, sobald die Eltern am späten Abend ihre Kinder auf dem Olympic Market mit dem Handwagen oder einer Schubkarre abholen kommen. Dreizehn Kilometer lang ist Loy Kims Heimweg zu Fuß in sein Dorf Tang Minh Chai, doch heute fällt ihm das Gehen leichter, denn es war ein guter Tag. Plastikflaschen und allerlei Metall hat er aus dem Müll zusammengeklaubt, 10.000 Riel müsste ihm das einbringen, umgerechnet knapp zwei Euro. Was er mit dem Geld macht? Artig sagt der Junge: "Ich gebe es meiner Mama, die weiß es am besten." Unterwegs äußert er doch noch einen Wunsch: Gute Kleider möchte er haben, doch fürs erste wird für das bald anstehende kambodschanische Neujahrsfest gespart.

Schmutziges Geschäft

Loy Kims Familie wohnt auf gerade sieben Quadratmetern. Loy Kims Mutter klebt Armbänder und Halsketten aus Papierresten zusammen.
Loy Kims Familie wohnt auf gerade sieben Quadratmetern. Loy Kims (r.) Mutter klebt Armbänder und Halsketten aus Papierresten zusammen.

Neben Loy Kims Familie leben noch über dreihundert andere im Dorf von dem schmutzigen, stinkenden Geschäft mit dem Müll. Zu neunt wohnen der Junge und die Seinen unter einem Dach, gedrängt auf gerade sieben Quadratmeter, dicht an dicht schlafen sie auf einem primitiv zusammengenagelten Podest, das tagsüber als Wohn, Koch- und Arbeitsfläche dient. Neun Münder müssen Tag für Tag gesättigt werden, und so muss jeder, der kann, seinen Beitrag leisten.

Schon früh am nächsten Morgen geht Loy Kim zur Schule, sein Vater zur Arbeit. Dieser ist bei einer privaten Recyclingfirma beschäftigt, verdient dort umgerechnet knapp fünfzig Euro im Monat, vorausgesetzt, der Achtundvierzigjährige wird nicht krank, und krank wird man beim ständigen Umgang mit hautreizenden und gefährlichen Substanzen leicht. Beide Eltern unterstützen Loy Kim so gut sie können; auf ihm ruhen all ihre Hoffnungen, denn der Junge geht bereits in die fünfte Klasse.

Loy Kims Mutter Soung Pha, die erst vor kurzem wieder entbunden hat und deswegen nicht mehr als „Wastepicker“ arbeiten kann, baut dabei auf eine neue Erwerbsquelle: Die 47-Jährige hockt im Schneidersitz unter dem aus Plastikplanen, Müllsäcken und Holzlatten zusammen geschusterten Vordach und klebt Armbänder und  Halsketten aus Papierresten zusammen. Gelernt hat sie ihr neues Handwerk auf einem zweimonatigen Lehrgang, den die Hilfsorganisation CSARO angeboten hat.

Umschulung

Die Mutter von Son Sarim schneidet Plastiktüten zu Streifen und häkelt daraus Umhängetaschen, die als Behälter für Wasserflaschen dienen.
Die Mutter von Son Sarim schneidet Plastiktüten zu Streifen und häkelt daraus Umhängetaschen, die als Behälter für Wasserflaschen dienen.

Inzwischen haben auch Loy Kims Nachbarn durch eine solche "Umschulung" neue Hoffnung gewonnen. Deren Sohn, Son Sarim, ist Loy Kims Freund, Arbeitskollege und Klassenkamerad. Soeben ist der spindeldürre Junge zu Besuch gekommen, um mit Loy Kim zur Schule zu gehen. Das Amulett, das er um den Hals trägt, hat er vor ein paar Tagen im Müll gefunden. Lehrer will der fünf Jahre jünger wirkende Achtzehnjährige später einmal werden, und deshalb überrascht es nicht, als er sagt, dass er sich von allen Gaben, die der CSARO-Bus mitbringt, am meisten über "neues Wissen" freut. Auch seine Mutter sammelt Müll, um sich und den ihren den Lebensunterhalt zu sichern. So schäbig ihre Behausung auch anmutet, sie frisst doch 80.000 Riel im Monat für die Miete, etwa fünfzehn Euro, und auch sauberes Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen müssen sie hier vom Vermieter kaufen.

"CSARO hat mein Leben verändert", berichtet die Frau, während sie nach der schmutzigen Arbeit des Tages Plastiktüten zu Streifen schneidet und daraus Umhängetaschen häkelt, die als Behälter für Wasserflaschen dienen. "Vorher hatte ich keinerlei Fertigkeiten, nun kann ich durch meiner eigenen Hände Arbeit neben dem Müllsammeln noch etwas dazuverdienen", sagt sie. Dabei huscht ein leises Lächeln über ihr Gesicht, doch ihr Sohn Son Sarim wirkt traurig, wie er so neben ihr steht. Wie sie überleben können, haben die Müllkinder von Phnom Penh gelernt. Lachen aber haben sie in ihrer verlorenen Kindheit nicht gelernt.

Text: Peter Beyer (storymacher), Fotos: storymacher

Müllkinder arbeiten mit ihren Eltern auf der Müllkippe in Phnom Penh.
Müllkinder arbeiten mit ihren Eltern auf der Müllkippe in Phnom Penh.

Internationaler Tag gegen Kinderarbeit: Mehr als 200 Millionen Kinder zwischen fünf und 14 Jahren werden weltweit als "Kinderarbeiter" ausgebeutet, Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen. Angesichts dieser dramatischen Zahlen machen am 12. Juni, dem Welttag gegen Kinderarbeit das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) und andere Organisationen auf die Situation der Kinder aufmerksam, die weltweit für Arbeit missbraucht werden. Der Kampf für die Rechte der Kinder ist ein zentrales Anliegen für die deutsche und auch die internationale Ent­wicklungs­politik. Die Bundesrepublik unterstützt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) im Kampf gegen Kinder­arbeit. Sie engagiert sich für die weltweite Ratifizierung der ILO-Konvention zur Verhinderung von Kinderarbeit.

Text: red, Foto: storymacher

Schulunterricht tief in der Nacht beim Olympic Market. Kleine Wunden werden versorgt und sauberes Trinkwasser wird verteilt.
Schulunterricht tief in der Nacht beim Olympic Market. Kleine Wunden werden versorgt und sauberes Trinkwasser wird verteilt.

Jahrzehntelange Bürgerkriege, der Vietnam-Krieg und die darauf folgende Schreckensherrschaft der Roten Khmer haben Leid und Elend über Kambodscha gebracht. Heute ist das Land eines der ärmsten der Welt. Zugleich siecht das Bildungssystem dahin, es fehlt an ausgebildeten Lehrern und Lehrmaterial, und dabei ist mehr als die Hälfte der Einwohner unter 21 Jahre alt. Zu den am meisten benachteiligten Bevölkerungsgruppen gehören die städtischen Armen und unter diesen besonders Müllsammler wie Loy Kim. Die kambodschanische Hilfsorganisation CSARO, ein Partner des bischöflichen Hilfswerks MISEREOR, versorgt mit ihrem Bus derzeit 14 Gruppen von jeweils 20 Kindern, abgestimmt auf die jeweilige Arbeitszeit. Zudem bringt CSARO die einzelnen Gruppen zusammen und wirkt so den zwischen den Revieren üblichen Feindseligkeiten entgegen. Eltern der betroffenen Kinder bietet CSARO eine zweimonatige Ausbildung in handwerklichen bzw. kunsthandwerklichen Arbeiten, um ihnen einen Ausstieg aus ihrer schmutzigen und extrem gesundheitsgefährlichen Arbeit zu ermöglichen. Insgesamt 20.000 Menschen hat CSARO seit seiner Gründung 1997 bereits geholfen. Den Leiter der Organisation, Heng Yon Kora, treibt eine ganz persönliche Motivation an: Nachdem unter dem Terrorregime der Roten Khmer seine beiden Eltern ermordet wurden und drei seiner Geschwister verhungerten, gelang ihm das Überleben in den Nachkriegswirren nur dadurch, indem er sich selbst ein halbes Jahr lang als Müllsammler durchschlug.

Text: Peter Beyer (storymacher), Foto: storymacher

Impressionen

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Brot und sauberes Trinkwasser werden an die Kinder verteilt.
Brot und sauberes Trinkwasser werden an die Kinder verteilt.
Waste Piker folgen aufmerksam dem "Unterricht".
Waste Piker folgen aufmerksam dem "Unterricht".
Waste Piker auf dem dreizehn Kilometer langen Weg in die Innenstadt.
Waste Piker auf dem dreizehn Kilometer langen Weg in die Innenstadt.