Altöttinger Liebfrauenbote

Die Gumbertusbibel im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Goldene Bilderpracht

Farbenprächtig, goldglänzend und von überdimensionalem Format: Die um 1180/85 entstandene Gumbertusbibel aus dem gleichnamigen Stift in Ansbach gehört zu den eindrucksvollsten und bildreichsten Handschriften des Hochmittelalters. Noch bis zum 27. Juli ist die kostbare Handschrift erstmals seit 15 Jahren in einer Sonderausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen. Knapp 40 Exponate geben Einblick in die faszinierende Welt der mittelalterlichen Buchkunst.

Kuratorin Dr. Anna Pawlik und Buchrestaurator Frank Heydecke betrachten die riesige Gumbertusbibel.
Kuratorin Dr. Anna Pawlik (l.) und Buchrestaurator Frank Heydecke (r.) betrachten die riesige Gumbertusbibel.

Die Gumbertusbibel wurde vor 1195 von einer Gruppe frommer Ansbacher für das örtliche Stift St. Gumbertus angekauft. Aufgrund ihrer beachtlichen Maße von 67 x 45 cm und eines Gewichts von 40 kg zählt die Handschrift zur Gattung der sogenannten Riesenbibeln, die seit dem 11. Jahrhundert zunächst in Italien und später nördlich der Alpen produziert wurden. Bemerkenswert ist ihre überreiche künstlerische Ausstattung: Neben figürlichen Initialen zieren elf ganzseitige Malereien in Deckfarben die Handschrift. Einmalig ist die Gesamtkonzeption der Darstellungen.

Doch wo entstand die prächtige Bibel? Ein solches Monumentalwerk vermochten nur leistungsfähige und überaus gut ausgestattete Schreibstuben zu erstellen. Mehrere Schreiber und Illustratoren waren notwendig. Ein Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat die Schriftführung eingehend untersucht und zwölf verschiedene Kopisten nachgewiesen. Erstaunlich ist der trotz vieler Hände gewahrte gesamtheitliche Charakter: Die Künstler integrierten ihre Miniaturen und Initialen in die Gesamtkonzeption der Ausmalung. Ein individueller Stil ist nur vereinzelt in zeichnerischen und malerischen Details erkennbar. Die Vielfalt der Motive zeugt zudem von einer großen Auswahl vorhandener Bildvorlagen, die vermutlich durch den Tausch illuminierter Handschriften oder durch Abzeichnen bekannter Malereien in das Skriptorium gelangten.

Höhepunkt der Pandekte, der einbändigen Bibeln

Blick in die Nürnberger Ausstellung mit großformatigen Reproduktionen einzelner Bibelseiten.
Blick in die Nürnberger Ausstellung mit großformatigen Reproduktionen einzelner Bibelseiten.

Stilistisch steht die Gumbertusbibel einer Gruppe romanischer Handschriften um den farbenprächtig ausgestatteten Nekrolog des Regensburger Stifts Obermünster nahe, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Die Codices entstanden in Regensburg und im Kloster Windberg, dessen Skriptorium maßgeblich von Regensburg geprägt war. Vergleiche mit weiteren Handschriften aus dieser Werkstatt und mit in Regensburg gefertigten Bauplastiken belegen anschaulich die künstlerische Ähnlichkeit.

Bei der Gumbertusbibel handelt es sich um eine einbändige Bibel. Dieser Typus, auch Pandekt genannt (griech. pandectes: das Buch, "das alles enthält"), setzte sich in der Spätantike und im Mittelalter erst allmählich durch. Für das tägliche Gebet genügten in der Regel Abschriften einzelner Texte. Seine Blüte erlebte der Pandekt zur Zeit Karls des Großen, gefördert vor allem durch dessen Berater Alkuin von York (735-804). Ein bedeutendes Beispiel ist die "Alkuin-Bibel", eine kostbare und ebenfalls selten zu sehende Leihgabe der Staatsbibliothek Bamberg. Pandekte erfüllten eine symbolische Funktion als Zeugnis der Einheit von Gottes Wort. Ihren Höhepunkt erlebte die Tradition einbändiger Bibeln mit der Gumbertusbibel. Mit ihr geht die Epoche der großdimensionierten Pandekte dann zu Ende.

Allgemein begann sich die Vorstellung von der Welt im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert zu wandeln. Neben der Philosophie, der Theologie und den Rechtswissenschaften gewann die Naturwissenschaft an Bedeutung. Auch sie erhielt die christliche Legitimation zur Erforschung der Erde als göttliche Schöpfung. Der Kontakt mit der auf diesem Gebiet fortschrittlichen arabischen Welt verlieh der Wissenschaft neue Impulse, wofür stellvertretend das wertvolle Astrolabium des al-Sahl al-Nîsâmbûrî steht. So zeichnet die Ausstellung das eindringliche Bild einer Epoche zwischen christlicher Weltsicht und wissenschaftlichen Neuentdeckungen.

In einzigartiger Weise gibt die Sonderschau einen Einblick in die christliche Gedankenwelt des 11. und 12. Jahrhunderts. Sie entstand in enger Kooperation mit der Universitätsbibliothek Erlangen, der die Gumbertusbibel gehört, und dem Lehrstuhl für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Text: red, Fotos: Germanisches Nationalmuseum

"Die Gumbertusbibel. Goldene Bilderpracht der Romanik", Germanisches Nationalmuseum Nürnberg; Eingang: Kartäusergasse 1; Postanschrift Kornmarkt 1, 90402 Nürnberg; Kontakt: Tel. 0911 1331-0, Internet: www.gnm.de. Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-21 Uhr. Eintritt 8,- €, ermäßigt 5,-€. Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Anna Pawlik, Michele C. Ferrari (Hrsg.): Die Gumbertusbibel. Goldene Bilderpracht der Romanik, Nürnberg 2014, 216 Seiten, 20,- € (im Buchhandel 26,70 €).

Impressionen

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Gumbertus-Evangeliar, um 850/875; Prachteinband des 1. Bandes.
Gumbertus-Evangeliar, um 850/875; Prachteinband des 1. Bandes.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zur Apokalypse.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zur Apokalypse.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum 1. Buch der Makkabäer.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum 1. Buch der Makkabäer.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum Buch Genesis.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum Buch Genesis.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum Buch Hiob.
Die Gumbertusbibel, um 1180/85; Bildseite zum Buch Hiob.
Merseburger Bibel, Anfang 13. Jahrhundert; Josephsgeschichte.
Merseburger Bibel, Anfang 13. Jahrhundert; Josephsgeschichte.