Altöttinger Liebfrauenbote

Unvergesslich: Marienbaum, der älteste Wallfahrtsort am Niederrhein

Das Gnadenbild im Treppenbau

Zur kalten Jahreszeit in den frostig-stürmischen Nordwesten Deutschlands? An den Niederrhein? Warum nicht. Auch dort ist Maria zu Hause. Von ihr strahlen mütterliche Wärme und Güte aus. Sie zieht die Pilger an ihr Herz, das sie für jedes Anliegen öffnet, besonders dort, wo ihr Name mit der mächtigsten aller Pflanzen, dem Baum, verbunden ist: in der Maria Himmelfahrts-Kirche zu Marienbaum im Landkreis Wesel, wo einst die römische Limesstraße von "Colonia Trajana" (Xanten) zu dem Hilfstruppenlager "Burginatium", dem Bornschen Feld bei Altkalkar, führte. In der Nähe mündet das Flüsschen Ley bei Emmerich in den Rhein. Seit der kommunalen Neugliederung vor gut vier Jahrzehnten gehört Marienbaum mit Vynen und Obermörmter zu Xanten, der Stadt des deutschen Helden Siegfried am unteren Rhein.

Gnadenbild von Marienbaum.
Gnadenbild von Marienbaum.

Die Wallfahrt nach Marienbaum besteht seit 1430. Eines Nachts soll ein gelähmter Hirte von einem hoch gewachsenen Eichbaum geträumt haben. Treppenartig geformt war sein Stamm. Im Astwerk sah der Schafhüter eine kleine Muttergottesfigur stehen. Er vernahm eine Stimme: "Suche diesen Baum! Du findest ihn nahe dem Reichswald von Broechem. Bete dort inständig vor der Marienstatue, und du wirst geheilt werden." Das Wunder geschah – und der kranke Mann war gesund. Binnen weniger Jahre pilgerten zig Lahme und Sieche zum "Trappenboom", der vielleicht die Himmelsleiter symbolisiert. Vergeblich bemühte sich seinerzeit der eifernde Pfarrer von Vynen, die Marienfigur in seine Pfarrkirche zu bringen, doch sie befand sich jedes Mal wieder am alten Ort, wo man bald eine Kapelle für sie errichtete, die 1441 geweiht wurde – zu Ehren der Jungfrau Maria und des heiligen Evangelisten Johannes.

Eine große Verehrerin der Muttergottes "an gen Trappenboom" war Maria von Burgund, Herzog Adolf I. von Kleves Gattin. Von zahlreichen Schenkungen durch diese hohe Adelsdame an die Kapelle berichtet die Chronik, und Marias Sohn Johann I. von Kleve stiftete, wie eine Urkunde belegt, am 30. April 1449 eine immerwährend brennende silberne Lampe. Er stellte die Kapelle unter seinen Schutz.

Johan Henrich Schütte schrieb 1770, das Kloster Marienbaum sei zuerst nur eine "Capelle" gewesen, neben der ein Baum gestanden habe "mit etlichen Staffeln oder Treppen um denselben herum und oben auf dem Baum ein Marienbild ..." Das Kloster geht auf eine Gründung Marias von Burgund zurück. Es wurde als Doppelkloster mit dem Titel "Beatae Mariae ad arborem" angelegt und mit Ordensschwestern besetzt, die nach der Regel der heiligen Birgitta von Schweden lebten.

Heilmittel für Anliegen

"Setzen Sie sich einfach in eine Bank und lassen Sie den Raum und die Stille auf sich wirken" – Das weite Kirchenschiff von Marienbaum ist heller als beim Eintritt zu vermuten ist.
"Setzen Sie sich einfach in eine Bank und lassen Sie den Raum und die Stille auf sich wirken" – Das weite Kirchenschiff von Marienbaum ist heller als beim Eintritt zu vermuten ist.

Zum bedeutenden Wallfahrtsort im Herzogtum Kleve wurde, auch für die angrenzenden Niederlande, Marienbaum, vor allem auf Grund der Förderung seitens des Landesfürsten. Ein Brand, Plünderungen von Kriegshorden, Beschädigungen des Gnadenbildes, Raub kostbaren Schmucks und eines Teils des Kirchenschatzes sowie Überfälle führten zur erheblichen Schwächung und zu großer Notlage des Klosters. Die Folge: Klosterinsassen flüchteten ins nahe Kalkar. Erst 1611 kehrten sie nach Marienbaum zurück. Wohltäter machten einen nötig gewordenen Kirchenneubau möglich, der 1714 – also vor genau 300 Jahren – vollendet war. "Dieser Neubau mit der ursprünglichen Gnadenkapelle als Chor ist die heutige Pfarrkirche von Marienbaum", erzählt Karl-Heinz Hohmann, dessen eingehender historischer und kunstgeschichtlicher Beschreibung diese verkürzte Darstellung im Wesentlichen folgt.

Kurz vor Säkularisierung und Klosteraufhebung 1801 wurde das Gnadenbild nach Rees in Obhut gegeben, erst 1804 kehrte es über Umwege an den Ursprungsort zurück. Ab 1815 entwickelte sich Marienbaum erneut zum viel besuchten Wallfahrtsort. Den Birgittinnen war es nicht gegeben, es dabei zu einem blühenden Devotionalienhandel – wie an vergleichbaren Pilgerstätten – kommen zu lassen. Auch der gewiss einträgliche Herbergs- und Gaststättenbetrieb war nicht ihre Sache – so war Marienbaum die an Wallfahrtsorten ähnlichen Ranges übliche wirtschaftliche Bedeutung versagt.

Pfarrer Wolfgang Derix freut sich über Wallfahrer-Besuch: "Schön, dass Sie in diese Kirche gekommen sind. Stille tut gut. Sie ist Voraussetzung, um Gottes Nähe zu spüren", sagt er. Seine Kirche steht jedem offen, "so wie Jesus ohne Vorbedingung offen war für die Menschen, die zu ihm kamen ... Was Sie jetzt tun sollen? Gar nichts! Setzen Sie sich einfach in eine Bank – vielleicht vor dem Gnadenbild vorne links – und lassen Sie den Raum und die Stille auf sich wirken. Es kann passieren, dass manche Gefühle und Gedanken Sie jetzt überschwemmen: Dank, Freude, Sorgen, Klagen, Unwohlsein ... Alles dürfen Sie hier Gott zu Füßen legen. Fast 600 Jahre haben dies schon unzählige Menschen vor Ihnen getan ..." Der Pfarrer weist auf weit verbreitete, heutzutage selten gewordene und von Sammlern gesuchte Gebetszettel des 17. Jahrhunderts hin, die Maria, die Mutter des Herrn, "Medicina omnium" nannten, ein Heilmittel für alle Menschen und jegliche Anliegen. Das Rezept sei: Vertrauen auf Gott haben. Und den Gläubigen wird, auch schriftlich, erteilt, was sie hier zunächst gar nicht vermuten: Ein irischer Reisesegen.

Irischer Reisesegen

Beeindruckend: das spätgotische Hochaltarbild. Die sitzende Gottesmutter im dunkelblauen Mantel hält das Jesuskind einem der anbetenden heiligen drei Könige entgegen.
Beeindruckend: das spätgotische Hochaltarbild.

Gott sei vor Dir,
um Dir den Weg zu zeigen,
Gott sei neben Dir,
um Dich zu schützen.
Gott sei hinter Dir,
um Dich zu bewahren
vor der Heimtücke
böser Menschen.
Gott sei unter Dir,
um Dich aufzufangen,
wenn Du fällst
und Dich aus der
Schlinge zu ziehen,
Gott sei in Dir,
um Dich zu trösten,
wenn Du traurig bist.
Gott sei um Dich herum,
um Dich zu verteidigen,
wenn andere über
Dich herfallen.
Gott sei über Dir,
um Dich zu segnen.

Das Gnadenbild der Marienbaumer Gottesmutter – es ist das Zentrum des nördlichen Seitenaltars, eine kleine Standfigur aus Sandstein. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. Auf dem linken Arm trägt Maria ihr Kind, dem sie sich zuwendet. Die Nische ist lichtdurchflutet und schimmert golden. Die Mutter des Herrn ist jedoch in der Kirche von Marienbaum mehrfach in Bildern zugegen. Das eindrucksvollste ist das auf dem Altargemälde von Bartholomäus Bruyn d. Ä., entstanden um 1515. Die sitzende Gottesmutter im dunkelblauen Mantel hält das Jesuskind einem der anbetenden heiligen drei Könige entgegen.

"Komplettwallfahrt" mit Fähnchen

Die mächtige Marienbaumer Wallfahrtskirche hat einen gut 50 Meter hohen Westturm.
Die mächtige Marienbaumer Wallfahrtskirche hat einen gut 50 Meter hohen Westturm.

In einem der Reliquienkästen über den beiden seitlich stehenden hölzernen Beichtstühlen im Kirchenschiff steht eine kleine Madonna aus Holz aus dem 16. Jahrhundert, die aus dem Maasgebiet stammt. Auf in Kupfer gestochenen Andachtsbildchen um und vor 1700 ist die Marienbaumer Wallfahrtsmutter als "Refugium Peccatorum" (Zuflucht der Sünder) zu sehen, ein Entwurf von Wenzel Hollar. Verlässt man die Kirche, begegnet man draußen auf dem Vorplatz noch einmal der Marienbaumer Madonna auf einer Steinsäule. Man blickt von ihr aus auf den 54 Meter hohen Westturm, der mit seiner Spitze in den Himmel ragt. Dabei mag man erkennen, dass er im neugotischen Stil errichtet ist. Birgitta von Schweden grüßt den Pilger übrigens als Skulptur bereits über dem Seiteneingang.

Engagierte Christen Marienbaums haben sich für eine sogenannte "Komplettwallfahrt" stark gemacht: "Ganz konkret heißt das: Wir möchten gerne allen, die zu unserer Gnadenstätte pilgern die gesamte Wallfahrt erleichtern, damit sie ihre Seele in die Sonne halten können." Dazu gehören Angebote wie Pilgerpredigt, Wortgottesdienst, Pilgerbegegnungen, Kreuzweg – er führt durch den ehemaligen Kloster-Park, dem heutigen Friedhof (mit reichlich Parkmöglichkeit) und Kirchführungen, die auch von der Geschichte des Birgitten-Doppelklosters Kunde geben. Speziell für Fußpilger gibt es einen Trampelpfad von einer knappen Stunde durch die Felder vom Kloster Mörmter (zwischen Xanten und Marienbaum gelegen) nach Marienbaum. Pilgermessen werden auf Anfrage gehalten. Es gibt ein eigenes, preisgünstiges Wallfahrtsheim für Gruppen bis zu 120 Personen (Anmeldung über die Telefonnummer 02804/370, Internet: stmariaehimmelfahrt-marienbaum@bistum-muenster.de).

Marienbaum-Besucher sollten weitere lohnende Ziele ins Auge fassen: den Xantener Dom, das dortige Stiftsmuseum, den Xantener Archäologischen Park, den Nibelungenhort Xanten, das LVR-Römermuseum, aber auch die kunsthistorischen Kostbarkeiten in Kalkar-St. Nicolai mit der romanischen Dorfkirche Hanselaer St. Antonius.

Die im Rheinland üblichen, in Süddeutschland wohl nur wenigen bekannten Wallfahrtsfähnchen als Andenken an eine Pilgerschaft sind – neben Kirchenführer, Andachtsbildern, Gebetszetteln, Flyern und Karten – in Marienbaum heute noch zu haben. Am Ausgang stecken sie mit ihren runden Holzstäbchen und der bunt bedruckten Papierfahne in einem Einweckglas – zum Mitnehmen. Das Gnadenbild ist links von Bildern vom Kreuzweg und der Wallfahrtskirche, rechts von einer Darstellung der Legende umgeben. Daheim weiß der Marienbaum-Wallfahrer nicht so recht, was er mit dem Mitbringsel anfangen soll. Am besten heftet er es als Besonderheit in den Herrgottswinkel oder gar an eine alte Hausmadonna, die einst ein Zepter in der gekrümmten Hand hielt. Kommen Gäste und sehen das Wallfahrtsfähnchen, werden sie neugierig und fragen nach dem Woher – eine gute Gelegenheit, von Marienbaum zu erzählen.

Text und Fotos: Hans Gärtner

Impressionen

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Über dem Seiteneingang: eine Steinplastik der hl. Birgitta von Schweden.
Über dem Seiteneingang: eine Steinplastik der hl. Birgitta von Schweden.
Eine Jesuskindfigur als Klosterarbeit im Zentrum eines der rechteckigen Reliquienkästen.
Eine Jesuskindfigur als Klosterarbeit im Zentrum eines der rechteckigen Reliquienkästen.
Die Hausmadonna des Autors hält künftig das Marienbaumer Andenken: ein Wallfahrtsfähnchen.
Die Hausmadonna des Autors hält künftig das Marienbaumer Andenken: ein Wallfahrtsfähnchen.