Altöttinger Liebfrauenbote

Uralte Neujahrs-Wunschblätter und das Christkind

"Ein guot selig ior"

Noch vor den Weihnachtstagen ist in stillen Stunden ein seit langem im Familienbesitz befindliches, mit Sorgfalt gehegtes Buch auf den Tisch gekommen, das vor ein paar Jahren gerade noch einem Wasser- und Sturmschaden entkam und auch deshalb besondere Hochschätzung genießt: "Neujahrswünsche des XV. Jahrhunderts". Paul Heitz gab es im Geburtsjahr der Schwiegereltern, 1899, in seiner eigenen Edition in Straßburg heraus.

Neujahrswunschblatt, ca. 1470, mittelrheinisch.
Neujahrswunschblatt, ca. 1470, mittelrheinisch.

An 43 Abbildungen in Originalgröße, "wovon 14 auf Papier des XV. Jahrhunderts und 10 farbig" sind, kann man sich nicht satt sehen. Die Vertiefung in die schönen Darstellungen gehört seit langem zum vorweihnachtlichen Ritual. Jedes Jahr wird, seit das Buch im eigenen Hause ist, mit einigen Betrachtungen beschlossen – geht es doch um den uralten Brauch, sich an Neujahr und fürs Neujahr viel Gutes zu wünschen.

"Hauptperson" dieses Buchs ist das Christuskind. Bald schreitet es im wehenden Mantel siegessicher aus einer stilisierten Rose in einer geradezu tänzerisch anmutenden Bewegungsgeste heraus, im Hintergrund das Kreuzesholz und von einem mehrmals gewundenen Schriftband begleitet, das den Wunsch präsentiert: "Ein guot selig ior" (siehe Titelseite). Bald ist es, mit seiner Mutter und einem Posaune blasenden Engel in einer Art Nussschale als Segelschiff auf hoher See, als Steuermann zu erkennen, der die große Rahe richtet und mit der Linken auf ein Spruchband weist: "Zuch uff den segel wir sint am land / und bringen gut ior manger Hand".

"Gut ior", "guot ior", "Ein guot seligs ior" oder "fil god iar" – dieser leicht abgewandelte Wunsch fehlt selten auf einem der Blätter. Das Blatt, welches das Jesuskind auf einem Brokatkissen, mit Maibaum, Vogel und rotem Perlenschmuck auf blühender Wiese sitzend zeigt (im Bild links), hält sich mit Hinweisen auf reiche Gaben, die das neue Jahr bringen soll, nicht zurück: Ein Häschen-Paar weist auf den Wunsch der Fruchtbarkeit hin, Vögel stehen für Reinheit und Freiheit; und Behältnisse (eine Spanschachtel voller Süßigkeiten und ein Karton mit Wunschzetteln) - dazu die Weltkugel mit der Siegesfahne des Auferstandenen – umgeben den neugeborenen Garanten für ein gedeihliches Werden.

Text und Fotos: Hans Gärtner

Weitere Bilder

(Zum Vergrößern auf ein Bild klicken)

"Ich haiss ihs" (Ich heiße ihs) – Neujahrswunschblatt, 1460 – 71, vermutlich Ulm.
"Ich haiss ihs" (Ich heiße ihs) – Neujahrswunschblatt, 1460 – 71, vermutlich Ulm.
"ein gut ior" (ein gutes Jahr) – Neujahrswunschbildchen, ca. 1470, Elsass.
"ein gut ior" (ein gutes Jahr) – Neujahrswunschbildchen, ca. 1470, Elsass.
"Sic tibi sit foelix …" (So werde glücklich …) – Neujahrswunschblatt, 16. Jahrhundert.
"Sic tibi sit foelix …" (So werde glücklich …) – Neujahrswunschblatt, 16. Jahrhundert.