Altöttinger Liebfrauenbote

Bildung ist für die Kinder im Flüchtlingslager der Schlüssel zur Freiheit

Lindas Welt

Zum 56. Mal werden rund um den 6. Januar 2014 bundesweit die Sternsinger unterwegs sein. "Segen bringen, Segen sein. Hoffnung für Flüchtlingskinder in Malawi und weltweit!" heißt das Leitwort der kommenden Aktion Dreikönigssingen, bei der in allen 27 deutschen Bistümern wieder Kinder und Jugendliche in den Gewändern der Heiligen Drei Könige von Tür zu Tür ziehen werden. Bei der zurückliegenden Aktion sammelten die Sternsinger zum Jahresbeginn 2013 rund 43,7 Millionen Euro. Beispielland in diesem Jahr ist das südostafrikanische Malawi, thematisch dreht sich alles um das Thema "Flüchtlingskinder".

Portraitbild der kleinen Linda.
Linda.

Nein, Linda erinnert sich nicht mehr an ihre Eltern. Die Sechsjährige aus dem Kongo schüttelt den Kopf. "Nein, nein", sagt sie und schaut auf ihre baumelnden Füße. Seit Februar 2012 lebt das kleine Mädchen in einem Flüchtlingslager in Malawi. Nein, Erinnerungen an ein Vorher hat sie keine mehr.

Lindas Eltern wurden am 1. Januar 2012 ermordet. Der Vater, einfacher Landwirt im Osten des Kongos, hatte im Wahlkampf 2011 Joseph Kabila unterstützt. Die Wahlen waren nach Angaben internationaler Beobachter von massiven Unregelmäßigkeiten geprägt. Im Dezember gab die Wahlkommission dennoch Kabilas Sieg bekannt. Vor, während und nach den Wahlen kam es zu gewaltsamen Übergriffen. Auch in Lindas konfliktgeprägter Heimatregion im Süd-Kivu, in Lindas Dorf, in Lindas Zuhause. Bewaffnete Männer brachen die Tür ein, erschossen den Vater, schlugen und vergewaltigten die schwangere Mutter. Sie starb am nächsten Tag im Krankenhaus.

Lindas große Schwester Aladine berichtet mit leiser Stimme von der todbringenden Brutalität, die sich an diesem Neujahrstag auch vor Lindas Augen abspielte und sie und ihre fünf Geschwister zu Waisen machte. Linda schaut weg, hört weg, baumelt mit den Beinen. Nein, sie erinnert sich an nichts, sagt sie, auch nicht an die Flucht, die die 17-jährige Aladine mit wenigen Worten nachzeichnet.

Aufreibende Flucht

Leben im Flüchtlingslager: Die sechsjährige Linda liebt es, mit ihren Freundinnen "Kange" zu spielen.
Leben im Flüchtlingslager: Die sechsjährige Linda liebt es, mit ihren Freundinnen "Kange" zu spielen.

Nach dem Morden verließen die Kinder das Haus ihrer Eltern, einige Tage lang versteckten sie sich in einem verlassenen Haus. Der Pastor ihrer Kirche versorgte sie notdürftig. Er warnte sie: die Mörder ihrer Eltern seien ihnen auf der Spur. Er riet ihnen, die Region zu verlassen und zahlte ihnen die Busfahrscheine.

Fast vier Wochen dauerte die Flucht über Tansania nach Malawi - stundenlange Fahrten, Warten an der Grenze, im Transitlager in Karonga, Befragungen, Formulare,  Registrierung als Flüchtlinge und schließlich die Weiterfahrt auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Dzaleka, dem einzigen Flüchtlingslager in Malawi.

Dzaleka liegt etwa 45 Kilometer von der Hauptstadt Lilongwe entfernt auf dem Land. Die Ränder des Lagers fransen in Felder aus, rötliche Furchen, wenig Grün, dahinter vereinzelt Dörfer. Knapp 17.000 Menschen leben in dem Lager, das das Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen 1994 etablierte. Unablässig fegt ein Wind über das Areal, er ist kalt und wirbelt roten Staub auf. Die Körner fressen sich in Ritzen und Falten, legen sich auf Haut und Kleidung, Wimpern und Lungen. 

Zwischenstation mit langer Wartezeit

Lindas älteste Schwester Aladine – im Bild mit Linda – hat seit dem Tod der Eltern die Mutterrolle in der Familie übernommen.
Lindas älteste Schwester Aladine hat seit dem Tod der Eltern die Mutterrolle in der Familie übernommen.

Aladine wäscht jeden Tag die Kleidung ihrer Geschwister in einer Plastikschüssel und achtet darauf, dass alle sich abends ordentlich waschen. Sauber sollen sie sein, morgens gepflegt in die Schule gehen. "Nichts ist wichtiger als die Schule", sagt sie. Die Kinder sollen so viel wie möglich lernen, das ist der einzige Weg in eine andere Zukunft – dort, wo ein neues, ein richtiges Leben möglich ist. In Malawi ist das nicht der Fall. Das Land ist bitterarm und verfolgt daher eine restriktive Flüchtlingspolitik: keine Bewegungsfreiheit und Arbeitserlaubnis außerhalb des Camps, keine Aussicht auf Integration. Malawi bleibt eine Zwischenstation, Dzaleka eine Transitzone. Doch die Wartezeiten sind lang, aufreibend, jahrelang.

Zurück in die Herkunftsregion können nur wenige, zu gefährlich ist es noch, vor allem im Kongo – und oft ist alles zerstört, was die Region zur Heimat machte, die Angehörigen sind tot oder vertrieben. Weniger als 300 Menschen kehren jährlich aus Dzaleka in ihr Land zurück. Und nur etwa 300 Flüchtlinge pro Jahr können in einen sicheren Drittstaat ausreisen. Bewerben kann man sich dafür nicht, die UN überprüft die Flüchtlingsdossiers nach Kriterien wie Fluchtgründe, die Lebensgefährdung im Ursprungsland, die soziale, familiäre und gesundheitliche Situation und das Bildungsniveau. Das Aufnahmeland behält sich vor, die Kandidaten an- oder abzulehnen.

Bildung – Schlüssel zur Freiheit

Beim Rechnen, Schreiben und Lernen von Fremdsprachen in der Schule gibt sich Linda viel Mühe. Das Bild zeigt Linda an der Tafel mit einer Mitschülerin und ihrer Lehrerin.
Beim Rechnen, Schreiben und Lernen von Fremdsprachen in der Schule gibt sich Linda viel Mühe.

"Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit", sagt Schwester Michelle Carter vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst, der in Dzaleka für das Schulwesen verantwortlich ist und dabei mit Spendengeldern unterstützt wird, die die Sternsinger in Deutschland gesammelt haben. "Wenn die jungen Leute gut ausgebildet sind und Sprachen beherrschen, dann erhalten sie eventuell eine Chance, später in Australien, Kanada oder den USA leben und arbeiten zu können."

In der Grundschule findet der Unterricht zweisprachig statt, auf Chichewa - eine der Landessprachen Malawis – und auf Englisch. Mehr als 3.000 Schüler besuchen die Grundschule, die Klassen umfassen bis zu 80 Kinder – eine Herausforderung für die Lehrer, aber auch für Kinder, die eine besondere Aufmerksamkeit bräuchten. Wie Wilson, der eine Schreibschwäche hat. Oder Mariamu, die sich so schlecht konzentrieren kann, weil sie noch zu viele grauenhafte Bilder mordender Soldaten im Kopf hat. Und dennoch: "Mehr als zwei Drittel unserer Schüler schließen die acht Grundschuljahre erfolgreich ab. Das sind fantastische Ergebnisse", sagt der Schuldirektor Jospehat Yona Kanuta stolz.

Linda, die seit März die erste Klasse besucht, versteht schon etwas Englisch und Chichewa. "Ich gehe sehr gern in die Schule", sagt sie. "Sie arbeitet gut", sagt Aladine stolz. Aladine selbst hat darauf verzichtet, die fortführende Schule abzuschließen. "Im Kongo habe ich die Schule geliebt", sagt sie. Doch nun hat sie die Verantwortung für ihre Geschwister übernommen, kümmert sich um den Haushalt und um die Erziehung.

Mangel an Lebensmitteln

Nach der Schule kümmert sich Linda um den kleinen Garten.
Nach der Schule kümmert sich Linda um den kleinen Garten.

Linda und ihre Geschwister leben derzeit im Haus des 30-jährigen Guillain, der als Berater für den Jesuiten-Flüchtlingsdienst arbeitet und traumatisierte Flüchtlinge betreut. "Die Geschwister kamen aus der gleichen Region wie ich, sie waren elternlos, ich hatte Platz", sagt Guillain, der selbst Furchtbares erlebte. In Dzaleka sind die meisten Häuser aus Lehm, von den Menschen selbst errichtet. Zu manchen Häuschen gibt es ein kleines Grundstück, das als Garten genutzt werden kann.

Linda liebt es, wenn die großen Geschwister den Tisch in den Garten stellen und einige Nachbarskinder mitessen. "Draußen zu essen, bedeutet: alle sind willkommen", erklärt Guillain. "Doch das Essen ist leider eines der größten Probleme." Die vom World-Food-Programme (WFP) monatlich verteilten Lebensmittel reichen nicht aus. Es fehlt an vitamin- und proteinhaltiger Nahrung. Deswegen haben viele Kinder im Lager hart aufgeblähte Bäuche, Hautprobleme und sind zu klein für ihr Alter. Die medizinische Versorgung im Lager ist schlecht. Viele Kinder haben Wurmkrankheiten, auch Malaria und Lungenkrankheiten sind verbreitet. Linda und ihre Geschwister sind vergleichsweise gut in Form, aber auch sie leiden oft an Hunger. "Die Kinder reden selten vom Kongo. Doch wenn sie Hunger haben, dann sprechen sie von früher, und dass sie damals immer genug zu essen hatten", erzählt Guillain.

Immerhin herrscht kein Mangel an Trinkwasser. Es gibt mehrere Brunnen im Lager, das Wasser ist sauber. Es ist Aufgabe von Dieme, Lindas Bruder, täglich Wasser zu holen. Er macht es gern, er ist ein fröhliches und starkes Kind – und ein stolzer Fußballspieler.

Schwester als Mutterersatz

Die Sternsinger sammeln heuer für Flüchtlingskinder – Zu viert ziehen Ferdinand, Friedrich, Theresa und David gekleidet als Könige aus dem Morgenland durch Johannstadt, einen Stadtteil von Dresden.
Die Sternsinger sammeln heuer für Flüchtlingskinder – Zu viert ziehen Ferdinand, Friedrich, Theresa und David gekleidet als Könige aus dem Morgenland durch Johannstadt, einen Stadtteil von Dresden.

Auch Linda bewegt sich gern und spielt mit ihren Freundinnen ein Hüpf- und Klatschspiel. Ebenso gern schaut sie Aladine zu, die gelegentlich als Friseurin für die Nachbarschaft arbeitet. Im Gegensatz zu vielen Kindern im Lager hat Linda keine kurz geschorenen Haare, sondern eine hübsche Frisur, dafür sorgt Aladine. Und sie sorgt auch dafür, dass Linda die hässlichen oder gefährlichen Seiten des Lagers nicht zu Gesicht bekommt.

Linda liebt ihre große Schwester wie ein Kind seine Mutter. Von ihrer richtigen Mutter bleiben ihr nur das Gesicht auf dem Hochzeitsfoto und die gelegentlichen Erzählungen der älteren Geschwister. "Nein", sagt sie und baumelt mit den Beinen. "Ich weiß nicht mehr, was vorher war."

Text: Verena Hanf, Fotos: Kindermissionswerk "Die Sternsinger"