Altöttinger Liebfrauenbote

Zur Geschichte von Fastnacht und Karneval als kirchliches Brauchtum

Der Narr als Leugner Gottes

Bis in unsere Tage galt die Fastnacht als urgermanisches Fest. Inzwischen belegen wissenschaftliche Arbeiten, dass sie ihre Popularität christlichen Ideen verdankt. Der Karneval ist demnach kein vorchristliches Frühlingsfest, sondern ein aus dem Kirchenjahr entstandenes Brauchtum. Ohne die Fastenzeit, welche die Christen bis heute als Zeit der Einkehr und Buße verstehen, wäre die Fastnacht undenkbar.

Der Narr mit dem Spiegel steht für Selbstliebe und Blindheit gegenüber Gott.
Der Narr mit dem Spiegel steht für Selbstliebe und Blindheit gegenüber Gott.

Fast hinter allen närrischen Aktionen stecken mittelalterliche Ideen. Hatten die Nationalsozialisten versucht, die "Fasnacht" – die auf offizielle Anordnung damals ohne "t" zu schreiben war – vom Wortstamm "faseln" abzuleiten, was so viel heißen sollte, wie "sinnloses Zeug reden", so ist heute unumstritten, dass das Fest seinen Namen der Nacht zum Aschermittwoch verdankt: der Nacht vor der Fastenzeit. Auch der Karneval hat daher seinen Namen. Aus "carnislevamen" (= "Fleischwegnahme"), wie die Fastenzeit im Kirchenlatein einst hieß, wurde das italienische "carnevale", das der Volksmund gern mit "Fleisch Lebewohl" übersetzte.

Die ersten Narren tauchten in den Gebetbüchern der Mönche auf, die zum besseren Verständnis die Anfangsbuchstaben der Psalmen mit kleinen Figuren ausgemalt hatten. Im 12. Jahrhundert erschien dort der Narr als Illustration des 52. Psalms. "Es gibt keinen Gott", behauptet er gegenüber dem weisen König Salomon. Nackt wie Adam und Eva nach dem Sündenfall zeigten sich diese Gottesleugner, die in der Hand gewöhnlich ein rundes Brot halten, eine närrische Perversion des Bibelwortes  "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein".

Wie Kaiser ihre Reichsinsignien, Ritter ihre Rüstung und Handwerker ihre Zunftzeichen, so hatten auch die Toren ihre besondere Tracht, die sie öffentlich als Narr auswies. Dazu gehörte vor allem die Marotte, die Narrenkeule. Dieser Stab, ursprünglich ein einfacher Ast, entwickelte sich im Lauf der Jahre zu einem kunstvollen Zepter, das in der Regel zum Ebenbild seines Trägers wurde. Dahinter stand theologisches Denken. In seinem Werk vom Gottesstaat hatte der heilige Augustinus die Welt in eine göttliche und eine irdische geteilt. Den Gottesstaat, schrieb der Kirchenlehrer, prägt die Gottesliebe, die bis zur eigenen Selbstverachtung geht. Selbstliebe dagegen macht den irdischen Staat aus. So betrachtet, waren die Narrenstäbe mit dem Ebenbild ihres Trägers an der Spitze sichtbare Zeichen für die Leugnung Gottes.

Noch deutlicher wurde dies im 15. Jahrhundert durch Spiegel, die sich die Toren vor das Gesicht hielten und die die Narrenkeulen ablösten. Wer im späten Mittelalter mit einem Spiegel dargestellt wurde, so sind sich die Volkskundler heute sicher, galt als verblendet, als blind gegenüber Gott.

Bezug zur Bibel

Der "Narrenbüttel" in Markdorf trägt seine Marotte mit sich herum. Diese Narrenkeule gilt als Vorläufer des Narrenspiegels.
Der "Narrenbüttel" in Markdorf trägt seine Marotte mit sich herum. Diese Narrenkeule gilt als Vorläufer des Narrenspiegels.

Fast noch wichtiger waren die Schellen, die viele Narren bis heute an ihren Kostümen oder wie im rheinischen Karneval an der Spitze ihrer bunten Kappen tragen. Auch die Schellen haben theologische Bezüge. Sie sollen an den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus erinnern. "Selbst wenn ich in Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle", heißt es dort.

Auch das Lukasevangelium am Fastnachtssonntag verwies auf mittelalterliche Narrenideen. Es erzählt von Jesus, der seine Apostel um sich scharte, um ihnen mitzuteilen, dass er nach Jerusalem ginge. Im damaligen Verständnis der Fastnacht, die das Fest als Abstieg zur Hölle, die Fastenzeit aber als Aufstieg zum himmlischen Jerusalem deutete, war die Bibellesung am Fastnachtssonntag also eine Ermunterung zur Umkehr. Ein Aufruf, den Weg der Sünde zu verlassen und auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.

Als Narren, weiß der Freiburger Volkskundler Professor Dr. Werner Mezger, "galten spätestens seit dem 15. Jahrhundert alle, die aufgrund abweichender Verhaltensformen – bedingt durch geistige Defekte, körperliche Anomalien, insbesondere aber auch durch Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Glauben – dem herrschenden Normensystem nicht entsprachen."

Neben den Schalksnarren, die als Hofnarren zu Namen und Ehren kamen, gab es die sogenannten natürlichen Narren: geistig und körperlich beeinträchtigte Menschen, um die sich im Mittelalter weder Arzt noch Psychiater kümmerten. Stocknarren wurden sie auch genannt. Erinnerung an die Zeiten, in denen sie im "Stock" gehalten wurden, in engen Verschlägen. Stock- und Schalksnarren waren Störenfriede, Sünder im mittelalterlichen Verständnis, wo Krankheit als Strafe Gottes empfunden wurde.

Die Kinder der Narrenmutter

Die Schellen vieler Narren – wie hier in Wilfingen – erinnern an den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus.
Die Schellen vieler Narren – wie hier in Wilfingen – erinnern an den ersten Korintherbrief des Apostels Paulus.

Während den gottesfürchtigen Menschen die christliche Nächstenliebe auszeichnete, die Hingabe für andere, galt der Narr als triebhafter Lüstling. Zahllose Kupferstiche und Holzschnitte, von Lucas von Leyden bis Israel van Meckenem, stellten ihn als Gefangenen seiner eigenen Lust dar, als Verführer oder Verführten. Weil theologisch das Böse durch den Sündenfall der ersten Menschen in die Welt gelangte, war es logisch, Adams Frau Eva, von der die Erbsünde ausgegangen war, zur Urmutter aller Narren zu machen.

Sieben Kinder hat diese Narrenmutter zumeist, die auf zahllosen Stichen und Gemälden des 15. und 16. Jahrhunderts auftaucht. Es sind die sieben Todsünden, die in den Narrenkindern Gestalt gewinnen. In der Schweizer Stadt Zug ist die Narrenmutter mit ihren sieben Kindern übrigens noch heute zur Fastnacht unterwegs. Theologische Grundmuster finden sich auch im Schweizer Klosterdorf Einsiedeln.

Dort werfen die Narren zu Fastnacht große Mengen Brot achtlos unter die Leute. Mit heidnischem Fruchtbarkeitszauber aber, wie die Einheimischen ihren Brauch gern erklären, hat das nichts zu tun, eher mit der Verkehrung christlicher Kulthandlungen. Denn was sich an Fastnacht in den Gassen in Einsiedeln abspielt, ist das Gegenstück zur Austeilung der heiligen Kommunion in der Klosterkirche, der bildhafte Ausdruck der Gottesleugnung durch den Narren.

Kinder als "Narrensamen"

Der "Hänseler" ist eine alte Narrenfigur der alemannischen Fastnacht in Markdorf.
Der "Hänseler" ist eine alte Narrenfigur der alemannischen Fastnacht in Markdorf.

Nicht zu übersehen sind die christlichen Bezüge auch bei einem anderen Brauch, dem Pflugziehen, der in zahlreichen Orten zwischen Donau und Bodensee zuhause ist. Ackerleute ziehen dort zur Fastnacht mit Pflug und Egge durch die Straßen, begleitet von bäuerlichen Gestalten, die Samen auswerfen. Auch diese Aktionen haben nichts mit germanischem Fruchtbarkeitszauber zu tun. Sie erinnern vielmehr an das Matthäus-Evangelium, wo vom guten Samen die Rede ist und vom Unkraut. Daneben beziehen sie sich auf ein Pauluswort im ersten Korintherbrief: "Du Narr, was du säest, wird nicht lebendig, wenn es nicht zuvor starb." Das heißt: die Konsequenz der Narrheit ist der Tod. Wer das ewige Leben sucht, muss die Narrheit überwinden. Dies war und ist die zentrale Botschaft des Pflugziehens, das früher besonders weit verbreitet war. "Narrensamen" heißen übrigens noch heute die Kinder, die in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht mitmachen.

Text und Fotos: Wolfgang Wirt (storymacher)