Altöttinger Liebfrauenbote

Mayas in Guatemala streiten für ein eigenes Entwicklungsmodell

Bunte Blüten und grauer Zement

Am Valentinstag, dem Tag der Liebenden, sind Blumen besonders begehrt. Blumen können ein Zeichen für Zuneigung sein. Doch für die Menschen in einem kleinen Dorf in Guatemala sind Blumen die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Um ihre Blumenzucht zu schützen, leisten sie Widerstand gegen den Bau einer Zementfabrik.

Ein Maya-Mädchen hält eine rote Rose in den Händen. Die Mayabevölkerung hat mit dem Anbau von Blumen einen erfolgreichen Entwicklungsprozess angestoßen. Gerade Kinder leiden unter dem Staub, seit der Bau der Zementfabrik begonnen hat.
Die Mayabevölkerung hat mit dem Anbau von Blumen einen erfolgreichen Entwicklungsprozess angestoßen. Gerade Kinder leiden unter dem Staub, seit der Bau der Zementfabrik begonnen hat.

Ein Sonntagmorgen in der katholischen Kirche des Dorfes Santo Domingo Xenacoj im Hochland von Guatemala. Fast alle Holzbänke sind besetzt von Gläubigen aus dem Mayavolk der Kakchiqel. Der junge Priester Mario Tubac stammt selber aus einer Familie, in der die Sprache der Kakchiqel gesprochen wird. "In unserem Kampf geht es nicht darum, den Fortschritt aufzuhalten. Die indigenen Völker haben nichts gegen Fortschritt. Doch wir haben unsere eigenen Entwicklungsmodelle."

Wenige Kilometer von der Kirche entfernt hat der Präsident Guatemalas, Otto Perez Molina, vor kurzem den Grundstein für den Bau einer Zementfabrik gelegt. Dieses Projekt lehnen Pater Tubac und viele seiner Gemeindemitglieder ab: "Dabei können wir auf die Gedanken der sozialen Doktrin der Kirche zurückgreifen. Außerdem zeigt uns die alte Kultur der Mayas eine andere Weise, das Leben zu verstehen."

Früher hat die katholische Kirche den traditionellen Glauben der indigenen Völker Lateinamerikas verteufelt. Das hat sich geändert, meint der Jesuit Victoriano Castillo, Direktor der Fakultät für Interkulturalität an der Landivar-Universität der Stadt Quetzaltenango: "Die Kirche hat die Kulturen der indigenen Völker Amerikas zerstört. In der Zeit der Kolonisierung wurde ihre Spiritualität als heidnisch oder teuflisch angesehen. Pater Mario hat es geschafft, dass die Leute seiner Gemeinde wieder stolz sind auf ihre Traditionen. Sie haben entdeckt, dass Gott gegenwärtig ist, in ihren religiösen, spirituellen und kulturellen Riten."

Die Renaissance ihrer Kultur hat das Selbstvertrauen der Mayas gestärkt. Heute lehnen sich viele gegen Projekte wie die Zementfabrik auf. Auch Rafaela Chacach aus dem Dorf Ocaña engagiert sich in einer Bürgerbewegung: "Für uns ist es wichtig, dass wir die Mutter Natur um Erlaubnis bitten, bevor wir einen Baum fällen. Deshalb ist die Zementfabrik ein so großes Problem für uns. Diese Leute bitten nie um Erlaubnis. Sie zerstören einfach nur."

In der Umgebung des Baugeländes graben gelbe Schaufelbagger Schneisen durch die grüne Vegetation und den fruchtbaren Boden des Urwalds. Wo noch vor kurzem Bäume standen, die nie von Menschenhand berührt worden waren, fallen jetzt heiße Sonnenstrahlen auf schattenlose Abhänge. "Wir alle sind aus Erde geschaffen," sagt Rafaela Chacach. "Trotzdem macht es diesen Firmen nichts aus, der Natur Gewalt anzutun. Sie fällen Bäume. Die Wasserquellen versiegen. Das führt zur Konfrontation mit den Menschen, die hier leben. Wir kämpfen für die Mutter Erde, für das Land, auf dem wir unsere Nahrung anbauen, unsere Blumen."

Erfolgreiche Blumenproduktion

Bürger protestieren, ein Demosntrationszug zieht durch die Stadt. Auf die Unruhen in der Umgebung der geplanten Zementfabrik hat die guatemaltekische Regierung mit der Einrichtung einer Militärbasis reagiert. Das hat weitere Proteste der Bevölkerung au
Auf die Unruhen in der Umgebung der geplanten Zementfabrik hat die guatemaltekische Regierung mit der Einrichtung einer Militärbasis reagiert. Das hat weitere Proteste der Bevölkerung ausgelöst.

Ausgelöst wurde der Konflikt durch den Beginn des Baus der größten Zementfabrik Mittelamerikas. Ab 2017 soll sie jährlich 2,4 Millionen Tonnen Zement produzieren. Die Anwohner der Umgebung fürchten, dass dadurch die Umwelt, die Luft, das Wasser und ihre Äcker verschmutzt werden. Zu ähnlichen Konflikten kommt es in vielen Teilen Lateinamerikas: Während transnationale Konzerne und einheimische Eliten das westliche Konzept der Entwicklung durch Industrialisierung propagieren, tritt die indigene Bevölkerung zunehmend selbstbewusst auf. Die Menschen fordern einen unabhängigen Entwicklungsprozess durch nachhaltiges Wirtschaften, der die Umwelt nicht zerstört. Dabei werden sie von Teilen der katholischen Kirche unterstützt, die sich auch selbst für die spirituellen Ausdrucksformen ihrer indigenen Gemeindemitglieder geöffnet hat.

In der Umgebung des Pfarrbezirks von Pater Tubac ist es in den letzten Jahrzehnten mehreren Mayadörfern gelungen einen erfolgreichen, eigenständigen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen. Durch den Anbau von Blumen in Treibhäusern können es sich viele Familien heute leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken und in die Gesundheitsvorsorge und Infrastruktur zu investieren. Das ist notwendig, weil die guatemaltekische Regierung sich nur wenig um die Belange der Mayabevölkerung kümmert, obwohl die Kindersterblichkeit und die Analphabetenrate hoch sind. Die Blumenproduktion hat neue Zukunftshoffnung geweckt, doch durch den Bau der Zementfabrik ist diese nachhaltige Entwicklung gefährdet.

Eine der mächtigsten Familien Guatemalas will mit der Zementproduktion Profit machen. Ihre Pläne werden von der Regierung unterstützt. Die reagiert mit Repression und Verfolgung auf den Protest der Bevölkerung.
In Guatemala-Stadt, keine zwei Stunden Autofahrt von der Baustelle der Zementfabrik entfernt, liegt das Bürogebäude von CEMENTOS PROGRESO, eines der ältesten Industrieunternehmen Lateinamerikas. Auf der Visitenkarte des leitenden Angestellten Eric Zepeta steht: "Direktor für nachhaltige Entwicklung". Er erläutert die Pläne seines Arbeitgebers: "Es geht uns um Wiederaufforstung. Dann kommt auch das Wasser zurück. Wir haben nie wirklich verstanden, warum die Leute so viel Angst haben. Wir haben die Zukunft das Landes im Blick und die Entwicklung der Nation. Wenn wir es gut machen, dann ist das nachhaltig. Wir respektieren die Kultur von allen, denn wir alle sind Guatemalteken."

Pater Tubac ist skeptisch. Er bezweifelt, dass sich die Leute der Firma wirklich für den Umweltschutz und die Lebensbedingungen der Menschen interessieren. Der junge Priester steht auf der Seite der indigenen Bevölkerung, die Widerstand leistet. Dabei würde er sich etwas mehr Unterstützung von der Kirchenführung wünschen: "Oft gibt es keine offizielle Haltung der Kirche. Da fehlt es dem Klerus und der Bischofskonferenz noch an Bewusstsein für die soziale Realität. Es geht um den Kampf gegen ein ökonomisches System, in dem die Regierung immer auf der Seite der ökonomisch Starken steht und nie auf der Seite der Bevölkerungsmehrheit."

Text und Fotos: Andreas Boueke